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 Betreff des Beitrags: Die Leiden der jungen Alienor
BeitragVerfasst: 1.04.05, 21:49 
Einsiedler
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Teil 1

Der Wind pfeift ein grausames Lied, das wie ein Schlachtgesang zwischen den kahlen Bäumen widerhallt. Es gleicht einer wilden Rotte, die ihre Schlachtrosse erbarmungslos über das Land treibt, und jeder Donner scheint wie das Klirren von tausend Schwertklingen.

Es ist dunkel, eine unerbittlich kalte Nacht, die ihre eisigen Gesandten auf Wanderschaft geschickt hat. Es mag womöglich keine gute Nacht sein, um auf eine Reise zu gehen, aber für eine Flucht ist sie wohl umso geeigneter.

Ein Pferd galoppiert schnaubend über den schmalen Weg, das Stampfen seiner Hufe auf dem nassen Waldweg wird vom eisigen Wind vollkommen verschluckt, übrig bleibt einzig und allein die atemberaubende Geschwindigkeit des fahlen Rosses. Auf dessen Rücken hängt zusammengekauert und sich an den breiten Hals klammernd eine kleine, schmächtige Gestalt, dessen Umhang wild und ungestüm mit dem Wind zu tanzen scheint.

Alienor hat zitternd vor Kälte und Furcht ihre Finger in die Mähne Faranths verschlungen und ist bemüht, sich am Rücken des Pferdes zu halten. Manchmal tastet sie mit klammen Fingern zu ihrem Gürtel hinab, an dem lose eine scharfe Schwertklinge, geschützt durch einen Überzug aus Leder, im harschen Wind baumelt. Es würde nur der letzte Ausweg sein, wenn sie nichts mehr hat und nichts mehr weiß, was noch zu tun bleibt. Wenn ihr nichts mehr übrig bleibt, als die Klinge mit einem gezielten Ruck in ihr Herz zu stoßen.

Dabei hatte der Zyklus doch so vollkommen begonnen…

Sie trällerte leise ein Lied vor sich hin, während sie das Siebenblatt goss. Jetzt, am Vitama-Beginn, begann Alienor wieder aufzuleben, denn sie schien die frisch aufblühenden Pflanzen beinahe schon fühlen zu können. Langsam schlich sich schon der altbekannte Vitama-Duft in ihre Nase und erfüllte sie wieder mit Leben und Freude und Glück.

Mit einem Lächeln auf den Lippen richtete sie sich auf und blickte zum Fenster hinab, das leicht geöffnet war. Das Lachen eines kleinen Kindes drang zu ihr empor, während der raue Wind vom Meer den Geruch des Salzes und der Ferne mit sich brachte. Ihre Wohnung lag beinahe am Hafen, manchmal nachts hörte sie nicht bloß das Rauschen des Meeres, sondern auch nicht allzu selten das betrunkene Gegröle der Männer oder das Klirren der Schwertklingen vom Ring, in dem sich Krieger und solche, die es werden wollten, heiße Duelle lieferten. Aber es würde nicht mehr lange dauern, denn irgendwann würden sie ihr eigenes kleines Haus mit Garten haben, in dem ihr Kind herumtollen würde können. Ihr Lächeln wurde zärtlicher, als sie mit einer Hand über ihren Bauch fuhr.

In diesem Moment wurde energisch an die Türe gepocht. Es klang aufgebracht und ungeduldig. „Aufmachen im Namen des Königs!“ Alienor erschrak. Der Glaskrug glitt aus ihrer Hand und zerschellte am Boden. Erneut ein wildes Hämmern an der Türe. „Einen Augenblick“, sagte sie mit zitternder Stimme und stieg über die Scherben zur Tür. Davor standen zwei Männer vom Lehensbanner in ihrer Uniform, mit grimmigem Blick. Der jüngere von ihnen hielt ein Schwert erhoben. „Wie kann ich Euch helfen?“ Alienors Herz schlug heftig, während ihre Hände zitterten. Hoffentlich war Llyn nichts zugestoßen!

„Ihr kennt Llyn Jeune?“ Der ältere der beiden Soldaten hielt sich nicht lang mit Höflichkeitsfloskeln auf. Seine dunklen Augen schienen sie zu durchbohren, und mit jedem Moment wurde ihr banger ums Herz.

„Er… wir sind verlobt“, stammelte sie, die Hände eiskalt vor Furcht.

„Er hat eine Rebellion gegen den König aufgehetzt und einen Angriff auf die Schwarzorken vereitelt. Sagt uns schleunigst, wo er sich befindet!“ Die rechte Hand des älteren Soldaten glitt langsam zu seinem Schwert hinab. Es war eine drohende Gebärde, die sie nicht über seine Absicht im Unklaren lassen wollte.

Alienor fühlte einen Schwindel, der von ihr Besitz ergriff. Sie stützte sich gegen den Türrahmen und atmete hastig nach Luft. Ihr Llyn, ihr edler, aufrichtiger Llyn, Rekrut des Lehensbanners, der Vater ihres ungeborenen Kindes – ein Verräter?

„Rekrut!“ Der ältere Soldat wandte sich dem jüngeren zu. „Fessle sie und bring sie nach unten!“


[To be continued... ach ja, und: Jede Ähnlichkeit zu lebenden oder bereits verstorbenen Personen ist keinesfalls rein zufällig und natürlich beabsichtigt. ;]


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 Betreff des Beitrags: Teil 2
BeitragVerfasst: 2.04.05, 02:01 
Einsiedler
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Unsanft wird Alienor auf einmal aus ihren Gedanken gerissen. Faranth hat unvermittelt vom Galopp zum Stand pariert, und sie fühlt seinen mächtigen Körper unter sich erbeben. Angst scheint ihn zu durchströmen, und im selben Moment wird auch sie selbst davon erfüllt. Sie hebt den Kopf an, den sie noch immer in seiner Mähne vergraben hat, wischt sich mit dem Handrücken über die tränennassen Augen und starrt in die Dunkelheit.

Dort, mitten im Dunkel der Nacht, leuchtet ihr ein grünlich scheinendes Augenpaar entgegen. Leises Rascheln im Gebüsch. Das Krabbeln von Beinen am feuchten Waldboden. Die Augen kommen immer näher, und Alienor stockt der Atem. Sie stellt sich acht haarige lange Beine vor, einen massigen Körper, kleine, spitze Zähne. Indessen brennen sich die grünen Augen immer weiter in ihren Kopf.

Ihr Pferd beginnt noch heftiger zu zittern, und ehe sie es vermag, ihn zu beruhigen, scheut er jäh. Mitten im Fall schlingen sich Alienors Arme um ihren Bauch, eine Mutter, die versucht, ihr Ungeborenes zu schützen. Durch den Aufprall am Boden wird ihr unerwartet schwarz vor Augen, und sie verliert für einige Augenblicke das Bewusstsein.

Nach einigen Momenten des Schreckens hebt Alienor langsam wieder den Kopf an, atemlos vor Angst, und blinzelt in die Dunkelheit. Die grünen Augen starren direkt in ihre, der heiße Atem des Tieres bläst über ihre Wange. Bebend tastet sie nach ihrem Schwert, doch sie greift ins Leere. In diesem Moment schließt sie die Augen, und ein lauter Schrei, erfüllt von tiefster Todesfurcht, hallt durch den Wald.



Niemals zuvor fühlte sich Alienor so hilflos wie jetzt in jenem Augenblick, als sie vom jungen Soldaten die Treppe hinunter gestoßen wurde. „Bitte, so sagt mir doch, geht es Llyn gut?“ wisperte sie. Ihr Mund war trocken, und je heftiger sie schluckte, umso panischer wurde sie.

„Ruhe!“ dröhnte von oben die Stimmen des anderen herab. „Die Fragen stellen wir!“

Unten drängte man Alienor auf einen Stuhl, und grob packte der Soldat ihre Hände und schnürte ein dickes Seil um ihre Handgelenke. Ein scharfer Schmerz durchzuckte sie, doch eher würde sie ihre Lippen blutig beißen, als dass ein Schrei ihrem Mund entschlüpfte.

Der ältere Soldat stellte sich bedrohend vor sie und starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Nun sagt mir, wo sich Euer Verlobter befindet!“

Alienor zuckte verzagt mit den Schultern. „Ich weiß es doch nicht… ich… er muss doch seinen Dienst als Rekrut leisten.“ Ihre Stimme war ein Flüstern und klang furchtvoller, als es ihr lieb war.

Beide Soldaten lachten knapp auf, doch lag nichts Fröhliches in diesem Gelächter. „Wenn wir ihn erwischen, dann wird er seinen Dienst allenfalls im Pranger ableisten.“ Die dunklen Augen des Älteren bohrten sich in ihre. „Nun antwortet, sonst werden wir Euch im Pranger gefügig machen!“


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 Betreff des Beitrags: Teil 3
BeitragVerfasst: 3.04.05, 13:26 
Einsiedler
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... Stille. Alienor öffnet langsam ihre Augen, ihr ganzer Körper erbebend von ihrem Schrei. Sie spürt den Atem des Tieres nicht mehr in ihrem Gesicht, es scheint, als wäre seine ganze Anwesenheit mit einem Schlag ausgelöscht. In die Dunkelheit hat sich überraschend ein unruhig flackerndes Licht einer Laterne gemischt, und Alienor wendet ihren Blick dem Licht entgegen.

Vor ihr steht eine Gestalt, durch das helle Licht, das von ihr ausgeht, schwer erkennbar. "Wie ist Euer Befinden?" Die Gestalt plaziert die Laterne auf den Boden, sodass Alienor nun ihr Gegenüber erkennen kann. Eine junge zierliche Frau, beinahe noch ein Mädchen, in einem Notravenkilt gekleidet, mit einem Umhang über ihren schmalen Schultern, einer Kapuze, die halb das Gesicht verdeckt, und einem mächtigen Langschwert in ihrer Hand, das zur Hälfte von einer klebrigen Flüssigkeit bedeckt scheint. Dem Blut der Spinne.

Alienor atmet heftig und blickt um sich. Vor ihren Füssen liegt die Spinne ausgestreckt am Waldboden, ihr Körper aufgeschlitzt, eine dunkel scheinende Flüssigkeit, die aus der tödlichen Wunde tröpfelt, färbt den Boden. "Ihr... ihr habt mich gerettet..." Ihr Blick wendet sich wieder der Frau zu, die ungerührt das blutige Schwert an ihrem Gürtel befestigt. Sie senkt den Blick zu Alienor und lächelt knapp. "Möglich." Sie entfernt sich einige Schritte aus dem Lichtkegel der Laterne und taucht in die Dunkelheit. Als sie zurückkehrt, führt sie Faranth mit einem Strick um seinen Hals mit sich. Das Pferd ist schweißgebadet, scheint aber unverletzt.

"Hier, Euer Pferd!" Alienor rappelt sich vom Boden auf, ihre Hände zittern noch immer. "Habt vielen Dank", murmelt sie, die Fremde offen musternd. Die Frau winkt ab und reicht Alienor den Strick. "Es ist gefährlich in dieser Region, Ihr solltet nicht allein hier im Dunkelzyklus reiten." Über Alienors Lippen gleitet ein bitteres Lächeln. "Man hat kaum eine andere Wahl, wenn man sich auf der Flucht befindet." Die Fremde nickt, diesmal mit einem überraschend warmherzigen Lächeln. "Steigt auf und folgt mir!"

...

Alienor fuhr erschrocken zusammen. "Im Pranger?" wiederholte sie mit zitternden Lippen. "Ich habe doch nichts Unrechtes getan." Der ältere Soldat lachte rauh und schenkte ihr einen unfreundlichen Blick. "Wenn Ihr einen Rebell versteckt, macht Ihr Euch ebenso schuldig."

"Aber ich weiß doch nicht, wo er sich im Moment befindet!" Ihre Stimme wurde lauter, jedoch ebenso umso verzweifelter.

Der junge Soldat verknotete indessen den Strick um ihre Handgelenke, und Alienor fühlte, wie die Blutzufuhr in ihren Handgelenken langsam zu stocken begann. "Nicht zu fest, bitte", flehte sie leise, doch er schien sie zu ignorieren.

Der Ältere marschierte vor ihren Augen auf und ab, ihr ständig seinen grimmigen Blick zugewandt. "Wann habt Ihr ihn zum letzten Mal gesehen?"

"Vor zwei Zyklen", murmelte sie traurig. Wieso hatte sie damals nichts bemerkt, ein Mensch wie Llyn konnte sich doch nicht so sehr in dieser kurzen Zeit ändern. Oder doch? Sie spürte das unheilvolle Nahen einer Ohnmacht. Ihre Hände fühlten sich langsam taub an, vor ihren Augen blitzten wild schwarze Punkte. Sätze und Gedanken gerieten in ihrem Kopf in ein fürchterliches Chaos.

Der Soldat öffnete den Mund zur nächsten Frage, als jäh die Türe aufgerissen wurde. Alle Blicke wandten sich dem Eintretenden zu. "Rodas!" Alienor schrie leise erleichtert auf, als sie den jungen, stattlichen Mann erkannte, der selbstsicher und wie ein Held in schimmernder Rüstung im Licht, das zur Türe hereinschien, stand.

"Soldaten!" brüllte der ältere Soldat zur Tür. Ein junger Rekrut erschien hinter Rodas im Türrahmen und riß ein Schwert in die Luft, dem Mann vor sich entgegen.


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 Betreff des Beitrags: Teil 4
BeitragVerfasst: 4.04.05, 00:05 
Einsiedler
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...

Der Weg führt sie durch eine Gegend, die Alienor noch nie zuvor gesehen hat. Manchmal fühlt sie, wie Faranth unter ihr über eine Wurzel oder einen Baumstumpf stolpert, das Licht der Fremden genügt kaum, um den Weg auszuleuchten. Sie selbst marschiert mit sicheren Schritten etwas voraus, den Strick, der Faranth führt, fest in der Hand.

"Wohin geht der Weg?" erhebt Alienor vorsichtig die Stimme. Der Widerhall im dunklen Wald erschreckt sie beinahe. "Das werdet Ihr schon noch sehen, wenn wir dort sind", antwortet die Fremde ausweichend und bleibt abrupt stehen. Sie hält die Laterne in die Höhe, und das Licht fällt auf Alienor, die ihre Augen zukneifen muß. "Ihr könnt mich Dalaa nennen." Alienor nickt in die Dunkelheit vor sich. "Mein Name ist Alienor..." Mehr als ihren ersten Namen vermag sie nicht zu nennen, denn seit einiger Zeit hat sie aufgegeben, jemanden blind zu vertrauen.

Dann erhebt die Fremde namens Dalaa die Laterne in die Richtung, die vor ihnen liegt. Im flackernden Dämmerlicht der Laterne erkennt Alienor eine kleine Holzhütte, schäbig und verwittert, aber dennoch trotzig wie eine uneinnehmbare Festung. Vielleicht hat etwas der Eigenart der Fremden auf diese Behausung abgefärbt, denkt Alienor bei sich. "Eure Unterkunft?" fragt sie dann und gleitet schmerzerfüllt vom Sturz vorhin vom Rücken des Pferdes.

Die Fremde zuckt gleichgültig mit den Schultern. "Hier draußen wird nicht oft nachgefragt, in wessen Eigentum etwas steht", antwortet sie mit einem merkwürdigen Lächeln. Sie schlingt mit einer raschen Bewegung den Strick um einen Holzpflock und deutet zur schief im Rahmen hängenden Tür. "Tretet ruhig ein, ich versorge nur rasch Euer Pferd."

Alienor nickt und steigt vorsichtig über die morschen Holzstufen zur Tür. Als sie die Türe mit einem Knirschen öffnet, entfährt ihrem Mund ein entsetzter Schrei.

...

Der junge Rekrut hinter Rodas schien ebenso verängstigt zu wirken wie Alienor, nur vermutlich aus einem anderen Grund. Was ihn betraf, so hatte er eine Anweisung seines Vorgesetzten sträflichst mißachtet, und dies würde sich gewiß nicht gut auf seine zukünftige Karriere im Lehensbanner auswirken. Also hieß es folglich gewissenhaft vorzugehen. Er schwang sein Schwert an die Kehle des Mannes vor sich und drängte ihn nach vor in den Raum.

Der ältere Soldat verdrehte tief seufzend die Augen. "Unfähig, alle unfähig um mich herum", murmelte er vor sich hin. "Rekrut, wieso hast du meinen Anweisungen nicht Folge geleistet? Niemand darf herein!" bellte er dann den Soldaten an, der nur hilflos mit den Schultern zuckte.

"Was geht hier vor sich?" Rodas´ Stimme klang trotz dem Schwert an seinem Hals fest. Er schenkte Alienor ein tröstendes Lächeln, ehe er das Schwert des Soldaten mit einer knappen Handbewegung wegdrückte und es klirrend zu Boden schickte.

"Nun ist es genug!" Der ältere Soldat tat einen raschen Schritt nach vor und setzte dem Eindringling sein Schwert an die Brust. "Eine Bewegung, und ich schicke Euch in Morsans Hallen!"

Rodas nickte und band vorsichtig, unter den wachsamen Augen des Soldaten, sein Schwert vom Gürtel und legte es langsam auf den Boden. "Ich bin bloß hier, um Alienor zu besuchen", sagte er schließlich mit ruhiger Stimme.

"Jetzt ist keine Besuchszeit!" schnappte der Soldat und trat gegen das Schwert, sodaß es unter einen der Tische glitt und dort zum Liegen kam. "Diese Dame hier beherbergt einen Flüchtigen, und solltet auch Ihr etwas davon wissen, landet Ihr ebenso im Pranger."

"Er kennt Llyn doch nicht", erklang Alienors Stimme erstickt von hinten. Sie hatte sich ihre Lippen blutig gebissen, um nicht das Bewußtsein zu verlieren, aber langsam spürte sie den Nebel der Ohnmacht, der sich über sie senkte. "Die Fesseln..." wandte sie sich schwach an den jungen Soldaten, der noch immer neben ihr stand, erntete jedoch nur einen verständnislosen Blick. Dann glitt sie ohnmächtig vom Sessel zu Boden.


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 Betreff des Beitrags: Teil 5
BeitragVerfasst: 5.04.05, 12:06 
Einsiedler
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...

Im Dämmerlicht der Hütte blickt Alienor in ein Gesicht nie geahnter Abscheu und Häßlichkeit. Dort, wo man üblicherweise eine Nase erwartet, klafft eine halb verbröckelte Ruine, eines der Augen so ausgebrannt, daß nichts mehr übrig geblieben ist anstelle einer dünnen Hautfalte an jedem Ort, der zuvor das Lid dargestellt hat, und der Mund schief verzerrt zu einer Grimasse, die Mundwinkel halb lächelnd, halb bewegungslos herabhängend.

Alienor klappt sich die Hände auf den Mund und blickt regungslos auf die Mißgestalt vor ihren Augen. Hinter ihr erscheint im Türrahmen die Fremde namens Dalaa, die Laterne hoch erhoben und den Raum noch heller ausleuchtend als es Alienor lieb ist. Die häßliche Gestalt hebt ob des Lichts abwehrend die Arme vor ihr Gesicht und humpelt in einen barmherzigeren Schatten zurück.

"Thorus", hört sie die fremde Frau hinter sich sagen, mit einer unerwartet weichen, beinahe um Verzeihung bittenden Stimme. Dalaa pustet das Licht der Laterne aus und senkt dadurch den Raum in ein gnädiges düsteres Licht. Alienors Atem geht heftig, ihr Herz klopft laut in ihrer Brust. Tausend Fragen schießen ihr durch den Kopf, doch als sie den Mund öffnet, um nur eine davon zu stellen, will ihr kein Wort über die Lippen kommen. Sie befeuchtet ihre trockenen Lippen und murmelt heiser ein "Verzeiht!".

Die Fremde deutet ihr, sich zu setzen, und verschwindet in den Schatten, wo zuvor der Mißgestaltete Schutz gesucht hat. Alienor zögert einen Moment, läßt sich dann doch auf einen Holzstuhl nieder. Als sie ihre Hände auf den Tisch legt, bemerkt sie, daß sie noch immer zittern.

Dalaa taucht mit dem Mißgestalteten an der Hand aus dem Schatten auf, ihr Gesicht trotz ihres jungen Alters tief von Falten des Schmerzes und schlimmer Ereignisse zerfurcht. "Das ist Thorus", deutet sie auf den Mann neben sich, der weiterhin Alienors Blick meidet. "Mein Gemahl."

...

Tief aus einem dicken Nebel der gnädigen Vergessenheit hörte Alienor Stimmen, die zu ihr drangen. Eine davon kam ihr bekannt vor, und sie lächelte unbewußt. "Llyn..." flüsterte sie zärtlich und zwang sich, die Augen zu öffnen. Über ihr kniete jedoch nicht ihr Verlobter, sondern Rodas. Neben ihm zwei Soldaten des Lehensbanners. In diesem Augenblick wurde sich Alienor wieder der Ereignisse gewahr, die zuvor über sie hereingebrochen waren. Ihr Lächeln wurde zu einer verzweifelten Grimasse.

"Alienor, wie fühlst du dich?" hörte sie von weit her die Stimme Rodas´, der ihr besorgt über die Wangen strich. Sie blickte an sich herab und stellte fest, daß die Fesseln gelöst worden waren. Ihre Handgelenke schmerzten, ebenso wie ihr Kopf vom Aufprall auf den Boden, aber ihre Sorge galt einzig und allein Llyn. Sie deutete fragend auf die beiden Soldaten.

"Ich habe ihnen alles erklärt", antwortete Rodas mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme.

Der ältere Soldat bedachte Alienor eines strengen Blickes. "Es mag sein, daß Ihr tatsächlich nicht wißt, wo sich der Verräter Jeune befindet..." Er unterbrach sich kurz, um seinen darauf folgenden Worten noch größeren Nachdruck zu verleihen. "Aber seid gewiß, daß wir Euch beobachten werden. Euch und Euren Freund hier. - Rekrut!" Er deutete dem jungen Soldat, ihm zu folgen, und gemeinsam stapften sie energischen Schrittes zur Tür, die sie mit einem betont lauten Geräusch hinter sich zufallen ließen.

Alienor richtete sich langsam auf, die Hände tasteten ihren Bauch ab. Hoffentlich war ihrem Kind beim Sturz kein Leid geschehen, dachte sie ängstlich. Dann sah sie Rodas an. "Ich muß ihn suchen."

In seinem Gesicht spiegelte sich Mißfallen wider. "Hast du den Soldaten nicht gehört? Sie werden dich in den Pranger sperren, wenn du ihnen nur den Anschein eines Grundes dafür gibst."

"Rodas, er ist mein Verlobter. Ich bitte dich nicht, mir zu helfen, ich werde es auch ohne deine Zustimmung tun." Sie drückte sich vom Boden hoch und blickte ihn entschlossen an. Sie hatte nichts mehr zu verlieren.


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 Betreff des Beitrags: Teil 6
BeitragVerfasst: 6.04.05, 23:34 
Einsiedler
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Alienor hebt ihren Blick an und nickt ihm mit einem beschwerlichen Lächeln zu. "Es freut mich, Euch kennenzulernen." Als Antwort bekommt sie ein scheinbar wortloses Gebrumme, nicht unhöflich, sondern vielmehr in menschenungewohnter Zurückhaltung. Sie spürt allmählich, wie sich ihr Lächeln zu einer Grimasse einzubrennen scheint. Sofort verblaßt es, und sie senkt den Kopf.

Dalaa läßt sich auf den Stuhl neben Alienor sinken und deutet Thorus, sich neben sie zu setzen. Er schüttelt nur unwillig den Kopf, bleibt hinter ihr im Halbschatten stehen, die Haltung hölzern und die Hände angespannt auf der Stuhllehne. Das Schweigen, das sich nun ausbreitet, lastet unbehaglich auf Alienor und den beiden bizarren Fremden.

„Nun fragt!“ Dalaa blickt Alienor unerwartet an. „Ich… ich habe nichts zu fragen“, murmelt sie und wagt es nicht, einem der beiden in die Augen zu sehen. Sie hat Angst davor, daß sie in ihren Augen ihre Abscheu, ihr Entsetzen, ihr Unverständnis und ihre Schwäche erkennen können – alles, das sie in diesem Moment selbst so sehr an sich verabscheut.

„Mein Aussehen war nicht immer dermaßen furchterregend“, erhebt unerwartet Thorus seine Stimme. Seine Worte klingen undeutlich, als wäre er nicht daran gewöhnt, häufig zu reden. „Es… ich nenne es bisweilen gerne meinen ganz besonderen Fluch. Und eigentlich begann alles an einem Hellzyklus mitten im Morsan…“ Anfangs sind seine Sätze stockend, und manchmal scheint er nach geeigneten Worten zu suchen, aber mit dem Fortlauf seiner Geschichte beginnt sie flüssiger zu werden und scheint ihm weniger Mühen zu bereiten. Eine Geschichte, wie Alienor sie noch nie zuvor gehört hat und die sie in ihren Grundfesten erschüttern läßt.



Rodas verzog gequält das Gesicht, nickte aber schließlich. „Ich begleite dich, Alienor.“ Ich würde dich überall hin begleiten, fügte er in seinen Gedanken hinzu – gemeinsam mit der Frage, die er sich so oft gestellt hatte: Wieso hatte Llyn ihr früher begegnen dürfen? Wieso war er nicht derjenige, dessen Kind sie nun in sich trug? Und wieso durfte er es nicht sein, für den sie ihre Freiheit und ihr Leben riskierte?

„Dann komm!“ Alienor packte ihn am Arm und zog ihn zur Tür. Sie öffnete sie nur einen Spalt und vergewisserte sich, daß keine Soldaten mehr vor dem Haus oder am Marktplatz patrouillierten.

„Was hast du denn im Sinn?“ Rodas´ Stimme war leise, als befürchtete er, man könnte ihn hören.

„Vor zwei Zyklen wollte Llyn zur Feste reiten, vielleicht weiß man dort genaueres“, antwortete Alienor ebenso flüsternd und schob sich durch die halb geöffnete Türe. Rasch folgte ihr Rodas.

„Bei allen Göttern, Alienor, du kannst doch keine Soldaten des Lehensbanners nach Llyn fragen! Man würde dich festnehmen!“ Er legte seine Hand auf ihre Schultern und hielt sich davon ab, die Kandare ihres Pferdes vom Holzpflock zu lösen.

„Rodas, komm mit, oder laß mich ziehen! Aber versuche nicht, mich davon abzuhalten.“ Mit diesen scharfen Worten schob sie seine Hand beiseite und schlug die Zügel über Faranths Kopf. Sie schwang ein Bein nach oben und zog sich mithilfe der Mähne auf den Rücken des Pferdes.

„Mein Pferd ist an der Tränke vor der Taverne, wir treffen uns am Osttor!“ Rodas seufzte leise und eilte schnellen Schrittes davon. Noch grausamer, als Alienor in den Armen eines anderen zu wissen, war es, sie tot zu wissen.


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 Betreff des Beitrags: Teil 7
BeitragVerfasst: 8.04.05, 21:52 
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...

"Es war ein harter Morsan, einige überlebten nicht einmal die ersten Tage der Eiseskälte und des grimmigen Schnees. Als Jäger hatte ich kaum Möglichkeit, zu gutem Fell zu kommen, denn jene Tiere, die sich nicht in ihren Winterschlaf begaben, wurden unter der Schneelast begraben und verendeten oder erfroren jämmerlich. Ihr Fell war stumpf und häßlich, und obwohl sich jeder nach warmer Kleidung verzehrte und ich das Geschäft meines Lebens hätte machen können, hatte ich nichts anzubieten.

An einem Hellzyklus, ich kann mich noch gut erinnern, stand ich am Marktplatz und bot das bißchen Fell und Leder feil, das ich noch vorrätig hatte. Der Morsan hatte sehr viele arm gemacht, und ich, der selbst nur in einer schäbigen Hütte für Obdachlose ein Dach über dem Kopf gefunden hatte und nicht wußte, wie er selbst jeden Zyklus satt werden sollte, verharrte mit klammen Fingern hinter einem Marktstand und betete zu den Vieren, daß sie wenigstens heute so gnädig sein mögen und mich satt werden ließen.

Ich war gerade dabei, meine Sachen wieder wegzupacken, als zwei Männer an den Stand traten, vornehm gekleidet und mit einem Glanz von Wohlstand umgeben. Natürlich witterte ich sogleich die Gelegenheit und pries meine Ware in höchsten Tönen. 'Edle Herren, betrachtet bitte diese tadellose Qualität und die hübsche Musterung dieses Schwarzbärenfells!' Rasch schob ich ihnen die letzten Teile entgegen.

Der eine wiegte nachdenklich den Kopf, schweigend, und wies dann auf ein paar Lederreste. 'Wieviel?' Seine Stimme war rauh und unfreundlich. Rasch kalkulierte ich einen Preis und vergaß dabei völlig auf den anderen, der - unbeobachtet von mir, der ich von dem anderen abgelenkt war - flink einige Fellteile unter seinem Mantel verschwinden ließ. Ehe ich des Diebstahls gewahr wurde, machten sich beide Männer unerwartet vom Marktplatz davon, mit ihrer so plump, aber dennoch so erfolgreich durchgeführten Plünderung.

Ich schrie ihnen die wildesten Flüche nach und deutete einem Soldaten, der wohl enerviert von der Kälte am Nachbarstand angelehnt stand, den Dieben zu folgen. Er zuckte jedoch nur die Schultern, als wollte er mir sagen, daß es keinen Sinn mehr hätte. Empört sprang ich über den Holztisch und verfolgte die Diebe mit der Wut eines Hungrigen, dem man sein Essen für die nächsten Zyklen gestohlen hatte. Der Zorn ließ mich beinahe durch die Gasse fliegen und noch vor dem Stadttor hatte ich die Flüchtenden erreicht. Den einen riß ich mit einem waghalsigen Sprung nach vorne zu Boden, und wir stürzten übereinander. Blind vor Wut prügelte ich mit geballten Fäusten auf ihn ein, als er mich mit einer jähen Bewegung von sich runterstieß. Ich schlug mit dem Kopf unsanft an einem Felsen am Wegrand auf und war für einen Moment vollkommen erstarrt. Dann spürte ich schon einen Fausthieb, der meine Nase schier zum Explodieren brachte. Ein heftiger Schmerz schoß durch meinen Körper, und kurz darauf merkte ich schon den metallischen Geschmack von Blut auf meinen Lippen und in meinem Mund.

Plötzlich war alles vorbei. Ich hustete heftig und spuckte das Blut aus, als mich kräftige Arme hochrissen..."

...

Alienor trieb Faranth im Trab durch die Hintergassen Richtung Stadttor. Das Reiten in der Stadt war für die einfachen Bürger untersagt, aber das kümmerte sie im Augenblick wenig. Die unbeschlagenen Hufe des Pferdes hallten dumpf am Boden wider, und mißtrauisch blickte sich Alienor immer wieder um, als befürchtete sie, verfolgt zu werden.

Am Osttor, im Schatten der schweren Stadtmauer, wartete bereits Rodas, nunmehr in einen dunklen Mantel gekleidet. Sein Roß schnaubte unruhig, als Alienor dicht neben ihm Faranth durchparierte. Sie atmete tief ein und zog ihren Umhang enger an sich. "Du willst wirklich noch zur Feste reiten? Der Dunkelzyklus bricht bereits herein.." Rodas blickte argwöhnisch zum Himmel.

Sie nickte ohne zu zögern. "Es gibt dort jemanden, dem ich vertrauen kann", fügte sie ruhig hinzu. "Und er weiß womöglich, wo sich Llyn befindet. Rodas, ich muß ihn finden, bevor sie es tun!" Ihre Stimme wurde eindringlicher und drängender.

"Nun denn", er seufzte leise, in sein Schicksal ergeben, und war im Begriff, seine Laterne zu entfachen, als Alienor rasch den Kopf schüttelte. "Nein, keine Laterne, kein Licht!"

"Es ist im Dunkeln zu gefährlich, den Weg zur Feste zu reiten!"

"Noch gefährlicher ist es, wenn man mich sieht." Alienor schob die Kapuze ihres Umhangs in ihr Gesicht und ließ die Zügel auf Faranths Hals schnalzen. Sofort fiel das Pferd in den Trab und trug Alienor in die Dunkelheit davon.


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 Betreff des Beitrags: Teil 8
BeitragVerfasst: 11.04.05, 18:00 
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...

"Ich blickte in das grimmige Gesicht eines Soldaten des Lehensbanners, der jegliche Hoffnung meinerseits auf Unterstützung bei der Jagd nach den Dieben mit nur einem Blick zerstörte.

'Daß ihr Freie immer redliche Bürger verprügeln mußt!' brüllte er mich zornesentbrannt an und schüttelte mich mit einer Leichtigkeit, die mir Angst bereitete, hin und her. Ich war ausgehungert, hatte kaum mehr als Knochen an mir, folglich war es nicht verwunderlich, daß er, der er kräftig und stramm gebaut war, derart mit mir umgehen konnte.

'Diese beiden haben mich bestohlen!' antwortete ich empört, und meine Zähne klapperten aufeinander, als er mich noch kräftiger schüttelte.

'Du wagst es, diese beiden edlen Herren anzuschwärzen?' Unsanft ließ er mich auf den Boden fallen und wandte sich zu einem weiteren Soldaten, den ich erst jetzt bemerkte. 'Rekrut, binde ihm Fesseln um, er kommt in den Pranger!'

Ehe ich mich rechtfertigen konnte, wurde mir ein Seil um die Handgelenke geschlungen und ich vorwärts getreten. Meine Versuche, mich zu verteidigen und die Wahrheit darzulegen, scheiterten kläglich. Letzten Endes verstehe ich auch, wieso. Schließlich wirkten nicht die beiden Herren wie Diebe, sondern ich in meinen zerrissenen Kleidern und meinem hungrigen Blick.

Einige Male stolperte ich auf dem Weg zurück zum Marktplatz und schlug hart am Boden auf. Als ich schließlich im Pranger landete, war ich von Schrammen und blutverschmierten Stellen übersät. Noch immer tröpfelte Blut aus meiner Nase, die ich kaum mehr zu spüren schien. Das rechte Auge war indessen völlig zugeschwollen und tränte stark. Dennoch fühlte ich meine Schmerzen kaum, war ich doch zu aufgebracht über die Ungerechtigkeit, die mir zuteil geworden war. Oft hatte ich mich schon von den Göttern verlassen gefühlt, doch in diesen Moment fühlte ich mich einsam wie nie zuvor.

Einige Schaulustige kamen am Pranger vorbei, starrten mich mit unverhohlener Neugierde an und ließen mich ihre Schadenfreude und ihre Belustigung nur zu gerne spüren. Langsam verschwand das Gefühl der Einsamkeit und Wut und machte dem Kummer über meine auswegslose Situation Platz.

Ich lag zusammengekauert in einer Ecke, das Gesicht vor den Neugierigen versteckt und versuchte, mein Wimmern zu unterdrücken. Plötzlich hörte ich eine Stimme nahe der Gitterstäbe. Näher, als sich bis jetzt überhaupt jemand herangewagt hatte, denn es war untersagt, sich weiter als drei Schritte dem Pranger zu nähern. Ich hob leicht den Kopf an. Inzwischen war schon der Dunkelzyklus hereingebrochen, und so konnte ich die Gestalt nur schemenhaft erkennen.

...

Alienor unterdrückte verzweifelte Tränen der Machtlosigkeit. Die Feste Seeberg lag im Dunklen und wirkte vollkommen unbelebt. Es schien, als befände sich keine Menschenseele hinter den mächtigen Mauern, und so sehr sie auch gegen das schwere Tor hämmerte, es war auf der anderen Seite kein Geräusch zu vernehmen, nicht einmal das Bellen eines Hundes oder Scharren eines Pferdes.

"Laß es gut sein, Alienor, es hat keinen Zweck..." Ruhig ergriff Rodas ihre Hand und zog sie zurück.

"Aber ich muß zu Rachir, er weiß womöglich, wo Llyn ist!" Alienos Blick war so hilflos und flehend, daß es Rodas in der tiefsten Mitte seines Herzens schmerzte.

"Wir kommen morgen wieder, wenn der Hellzyklus angebrochen ist." Er schob sie sanft über die Brücke zu ihrem Pferd zurück. Plötzlich hörten sie aus dem Dunklen eine tiefe Stimme, die ihnen zubrüllte: "He thu tha, kommähnz hähr!" Rodas zuckte zusammen, während Alienor einen leisen Schrei des Schreckens ausstieß. Es war so dunkel, daß man nicht einmal die Hand vor den Augen erkennen konnte, und die Stimme war derart furchteinflößend, daß Rodas sofort tiefe Gewissensbisse plagten. Er hätte Alienor niemals hierherkommen lassen dürfen, nicht im Dunkelzyklus.

"Kommähnz hähr, haphänz thu Mümümist in thi Ohrän?" Dröhnende Schritte erklangen im Gebüsch, und vor ihren Augen tauchte mit einer Fackel in der Hand ein Ork auf. Durch das flackernde Licht des Feuers wirkte sein Gesicht noch einschüchtender, noch häßlicher, und Alienor wich angstvoll einige Schritte zurück. Er war in ein paar zerrissene Fetzen gekleidet und stank nach einer Mischung aus Hundedreck und Erbrochenem.

"Kommt nicht näher!" Rodas tastete hektisch nach seinem Schwert, doch der Ork ließ ein amüsierten Brüllen los, das wohl ein Gelächter darstellen sollte. "Oargli machänz noargh Znähtz mith Himar!" Er kicherte vergnügt, sofern man dieses rauhe Gurgeln ein Kichern nennen konnte. "Whaz wollähnz thu makkän? Hiar wohnänz keinähr. Lakhär seiänz lähr."

Alienor blickte Rodas fragend an. "Was sagt er? Verstehst du ihn?" wisperte sie ihm zu. Er zuckte hilflos mit den Schultern. "Ich denke, er wollte uns mitteilen, daß niemand in der Feste anzufinden ist", antwortete er ebenso leise. Der Ork grunzte ungeduldig und tappte von einem Fuß zum anderen. "Niemand da..." In Alienors Seufzer lag tiefe Enttäuschung und aufkeimende Hoffnungslosigkeit.

"Warthänz, thi kommänz tzohn. Oargli happänz zöhne Gezichtäh. Thi anthärän Oargli wollänz thi noargh höhrän, Oargli alläh wähk..." Im Flackern der Flamme blickte er sie beide traurig mit seinen großen Glubschaugen an. "Thaz groxx Zhaf rännenz Oarlgi wähk. Thaz habänz thaz zohn..." Schwungvoll hebt er drei Finger von seiner Pranke hoch. "... hühnfmahrl gehöhrt." Er packte fröhlich grunzend mit seiner mächtigen Pranke die zarte kleine Hand Alienors und zog sie mit sich.


[OOC: Mein aufrichtiger Dank gilt meiner genialen Deutsch-Orkisch-Dolmetscherin! *g*]


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 Betreff des Beitrags: Teil 9
BeitragVerfasst: 12.05.05, 16:43 
Einsiedler
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Beiträge: 32
...

„Die Gestalt auf der anderen Seite der Gitterstäbe war in einen weiten dunklen Mantel gehüllt, die Krempe des Hutes war tief ins Gesicht gezogen, und kurz konnte ich unter den Kleidern die glänzende Klinge eines Schwertes hervorblitzen sehen. Es war verboten, sich in der Stadt zu bewaffnen – und man tat dies nur, wenn man dem Banner angehörte oder beabsichtigte, etwas Verbotenes zu tun. Oder es bereits getan hatte.

Obwohl alle meine Sinne sich dagegen sträubten und selbst mein Verstand es nicht guthieß, schleppte ich mich nach vor an das Gitter, in der Bemühung, einen Blick zu erhaschen. Ein leises, gurgelndes Lachen war plötzlich zu hören, und ich spürte dessen Kribbeln in meinem Nacken und tief in meinem Herzen. Mit einem Schlage wurde alles um mich noch dunkler, noch trostloser, und eine kalte unsichtbare Faust schien meine Lungen zu umklammern und mir das Atmen zu erschweren.

In diesem Moment hob die Gestalt eine Hand und warf etwas auf den Boden, sodaß es an den Gitterstäben zum Liegen kam. Ich hob meinen Blick an und versuchte, ein Gesicht auszumachen, doch es wollte mir nicht gelingen. Also lag ich weiter auf dem schmutzigen Boden des Prangers, nicht wissend, ob ich eine Frage stellen oder wieder in meine Ecke zurückkriechen sollte.

Wieder erklang das merkwürdige Lachen. ‚Greift ruhig zu!’ erklang in diesem Moment die Stimme, die nicht minder beklemmend war. Mit zittrigen Fingern tastete ich nach dem Paket und zog das Tuch auseinander, in das es eingehüllt war. Zum Vorschein kam ein halber Brotlaib und etwas Wurst. Verwirrt starrte ich auf die Gestalt, die sich noch immer nicht bewegt hatte. ‚Wieso?’ fragte ich mit leiser Stimme, unfähig, etwas anderes zu fragen oder sagen, und vor lauter Furcht erfüllt, es könnte mir wieder weggenommen werden. Ich hatte schon viele Stunden nichts mehr zu essen gehabt und war beinahe verrückt vor Hunger. Vielleicht nicht nur beinahe, schoß es mir dann durch den Kopf.

Erneut dieses gurgelnde Lachen. ‚Noch einen angenehmen Zyklus.’ Der Mantel schwang, als sich die Gestalt umwandte. ‚Wie... wie kann ich Euch bloß danken?’ stammelte ich und zog hastig das Essen durch die Gitterstäbe hindurch und an mich. ‚Keine Sorge, wir werden uns wiedersehen, dann könnt ihr mir euren Dank erweisen.’ Die Gestalt lachte leise. ‚Nehmt es einfach als Gruß von Angamon!’

...

Der Ork wartete nicht Alienors Zustimmung ab, sondern schleppte sie einfach mit sich in die Nähe des Lagerfeuers, das im leichten Wind unruhig flackerte und so nur schemenhaft die übrige Umgebung preisgab. Von einem Orkenlager war nicht mehr viel übrig, außer einigen langsam verwesenden Tierkadavern, anderen Essensreste und eingetrockneten Blutflecken am Boden. Und einem unbeschreiblichen Geruch, der Alienor empört keuchen ließ. Hinter sich hörte sie die hastigen Schritte Rodas´, der nach einem Moment des Schreckens gefolgt war.

„Zöhne Gezichtäh, thu höhrän!“ polterte der Ork fröhlich, und bei seinen Worten schoß etwas Spucke in Alienors Richtung. Angeekelt wischte sie sich heftig mit dem Ärmel über ihr Gesicht und starrte ihn empört an. Doch der Ork kicherte nur heiser. Rodas sprang an Alienors Seite und zog sie schützend an sich. Sie blickte zu ihm auf und flüsterte leise: „Ich glaube nicht, daß er uns etwas tun will. Er ist wohl einsam.“ Mitleidig blickte sie über die trostlosen Überreste eines ehemaligen Orkenlagers. Und war er noch so unansehnlich und stank er noch so sehr, sie empfand dennoch Mitleid mit einem Wesen, das von allen anderen zurückgelassen worden war. Rodas’ Blick war skeptisch, aber er widersprach ihr nicht.

„Zetzhähn, aphär thalli thalli!“ Der Ork deutete mit seiner Pranke auf den Baumstamm, der vor dem Lagerfeuer lag. Rodas runzelte ob des bestimmten Befehls die Stirn, doch Alienor ließ sich gefolgsam vor dem Feuer nieder. „Komm, Rodas, wir müssen ohnehin warten, bis jemand von der Feste wieder da ist. Da können wir genauso gut seine Geschichte anhören.“ Rodas verdrehte die Augen, setzte sich aber dennoch neben Alienor auf den Baumstamm.

Der Ork verzog sein Gesicht zu einem breiten Grinsen, wobei es schwer war, zwischen einem Grinsen und einer Grimasse zu unterscheiden. Er fuhr mit seinen Pranken zwischen Alienor und Rodas und schob die beiden auseinander, sodaß er seinen massigen Körper genau zwischen sie plazieren konnte. Rasch rückten beide noch etwas weiter von ihm ab, als sie des Geruchs gewahr wurden, der von ihm ausströmte.

"Oarghli erzählenz iähtzt ainäh zöhnäh Gezikthä! Hättänz fatzt ainäh raichäh Pimphimänz gehairatät!" Sein lautes Lachen polterte durch die Dunkelheit und ließ Alienor zusammenzucken. "Apähr wähä iahr höränz noargh zuh!"

"Aber dann bitte in einer Sprache, die wir etwas besser verstehen", murmelte Rodas mit einem genervten Unterton.

Der Ork schenkte ihm einen grimmigen Blick. "Dann ich halt sprechen eure merkwürdigen Wörter", antwortete er mit einem Knurren.

[OOC1: Jap, spät kam dieser Teil. Aber besser spät, als nie. ;)
OOC2: Die Geschichte des Orken ganz in Orkisch überstehe weder ich, noch alle, die´s lesen - also wird mein Ork gebrochenes Deutsch sprechen. Vergebt mir diesen Fauxpas! :D ]


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