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Das finstere Auge war auf sie gerichtet - oder zumindest bildete sie es sich ein, dass es sie beobachtete, ihr dabei leise zuflüsterte, sie lockte und umgarnte. Doch es jagte ihr keine Schauer ein - sie genoss diese unheilvolle Aufmerksamkeit des Dorrayon, der ihr Versprechen von Macht und Kraft einflüsterte, sie langsam und sie bewusst lassend in ihre Verdammnis führte.
Sie ritt durch die Dunkelheit über die Strassen Siebenwinds, lauschte den Geräuschen der Nacht - das einsame Rufen eines Käuzchens, das Rauschen der Wellen an den Küsten, wenn sie an ihnen entlang ritt und das leise Rascheln von nachtaktiven Tieren in Büschen. Sie war allein und doch fühlte sie, die sonst die Gesellschaft anderer suchte, ohne ihnen dabei je zu nahe kommen zu wollen, nun wohler als in der Stadt. Die Wunde an ihrem Bein war verheilt dank ihrer Kraft, doch vergolten war das, was heute in der Taverne geschah noch lange nicht - ihr Hass war weiter aufgeflammt, doch zugleich keimte auch Unsicherheit in ihr auf. Das lange Gespräch mit ihm im Hafenkran hatte sie ins Grübeln gebracht. Manchmal, in schwachen Momenten, sehnte sie sich durchaus danach sich jemandem etwas öffnen zu können, von ihren Sorgen zu erzählen, nicht mehr auf der Hut sein zu müssen, nicht immer wieder in ihr Misstrauen zu fallen. Doch was blieb ihr in der Gesellschaft anderer schon übrig, bis auf das Misstrauen? Enttäuschungen hatte sie bisher genug wegstecken müssen, mehr sollten es nicht werden und doch wurde sie immer und immer wieder enttäuscht und sie fragte sich, wem sie überhaupt vertrauen könnte.
Raus wollte sie nur, als sie, gerade sich zur Ruhe gebettet und doch ncht zur Ruhe gekommen, über das Leben hier sinnierte.
Raus aus der Stadt mit all ihren Menschen - mit jenen, die sie ausnutzten und hintergingen, mit jenen, die ihr Vertrauen forderten und jenen, die blind ihrem schlichten Tagewerk nachgingen, ohne zu merken, wie chaotisch das Leben doch um sie herum in Wahrheit war.
Vielleicht rief sie auch etwas - die Geister vielleicht?
Acht Jahre lang, seit ihrer Verbannung aus ihrem Dorf, hatte sie sich nicht mehr grossartig um ihre Kräfte gekümmert. Genutzt hatte sie sie bloss, wenn sie sie brauchte, doch nie weiter entwickelt, sich nie weiter mit der Kraft auseinandergesetzt oder gar mit den Geistern, von denen sie ihre Kraft bezog.
Hier auf Siebenwind jedoch, wo sie nun seit einigen Wochen schon verweilte, stieg ihre Kraft enorm und sie lernte mit ihrer Gabe besser umzugehen... dank ihrem Mentor.
Mürrischer wurde ihre Miene, als sie an ihn dachte. Eigentlich müsste sie ihm dankbar sein, andererseits schaffte er es mit schöner Regelmässigkeit sie wütend zu machen, ihn hassen zu lassen und dennoch gab es Momente, wo sie ihm wieder vertraute...
Weiter... sie trieb das Pferd an, mit den Augen einer Katze wachsam um sich spähend. Sie wollte jenen Platz erreichen, den sie schon vor kurzem gefunden hatte und der abseits genug lang, ohne zu nahe an dem Ödland zu liegen.
Noch immer standen die Monde am Himmel, die schwüle Luft, die seit Tagen über Siebenwind wie ein schwerer Pesthauch hing, war hier aufgrund des Windes vom nahen Meer her erträglicher und so nahm sie Platz auf dem kargen, steinigen Boden, lehnte sich an den kühlen Felsen ran und schloss einen Moment lang ihre Augen, leise und entspannter durchatmend. Das Heulen einiger Grauwölfe trug der Wind zu ihr heran, doch sie fürchtete sich nicht - mit dem Feuer, was sie gerade entfacht hatte, würde sie sich zur Not verteidigen können, falls sie es wagen würden, sich ihr zu nähern.
Langsam wieder öffnete sie ihre Augen und öffnete ihren Beutel. Vor sich legte sie eine flache, irdene Schale, darauf ein Stückchen Kohle und einen Beutel daneben. Es galt etwas auszuprobieren. Etwas, was für ihr kommendes Ritual wichtig war und was sie bisher noch nie gewagt hatte.
Sie nahm einen kleinen Stock aus dem Feuer, hielt ihn an der Kohle und entzündete sie so, legte sie dann auf die Schale und wartet etwas ab, ehe sie den kleinen Stoffbeutel öffnete und einige leicht süsslich duftende Harzklumpen hervorholte. Kurz schnupperte sie daran - in dieser Form duftete das Nachtschattengemisch intensiver und sie entschloss, nur wenige Bröckchen zu nehmen. Zwar hatte sie in der Vergangenheit schon öfters Tabak, der mit Nachtschatten vermischt war, geraucht und dabei den leichten Rausch genossen, doch dabei hatte sie noch nie ein Ritual vollzogen oder sich sonstwie in die Hände der Geister um sich herum begeben.
Die Kohle war überzogen mit einer grauen Ascheschicht und nun streute sie ein paar Bröckchen auf sie rauf. Einen Moment dauerte es, ehe sie anfingen zu rauchen und der Rauch leicht kräuselnd zu ihr aufstieg. Mit ihren Händen fächerte sie sich den Rauch zu, schloss die Augen und zog den Duft von Nachtschatten, Alraune und Stechapfel tief in sich ein.
Sogleich stellte sich ein angenehmes, leichtes Gefühl ein - alle Sorgen rückten langsam zurück, machten Platz für ein Gefühl der Unbekümmertheit und tiefer zog sie erneut den Rauch ein, griff dann rasch zu ihrem Beutel und streute, nun doch etwas euphorischer, erneut einige Klumpen auf die Kohle und liess sie langsam abbrennen, atmete weiter den Rauch und den intensiven, süssen Geruch ein, ehe sie mit einem leichten und gelösten Lächeln und einer entspannten Miene sich zurück an den Felsen lehnte.
Noch immer zogen leichte Rauchfäden von der Kohle auf, auf der die Harze langsam schmolzen...
Allmählich öffnete sie ihre Augen, die Pupillen waren schmaler geworden. Langsam sah sie sich um - die Kontraste der Bäume hoben sich messerscharf von dem Nachthimmel ab, das Meer funkelte wie von Edelsteinen bedeckt im Schein der Monde, das Hecheln und Winseln der Wölfe, die doch so weit entfernt waren, hörte sie überdeutlich, als wären sie direkt neben ihr.
Ihr Blick glitt langsam hoch zum Himmel - und sah direkt in das Auge hinein. Schwarz und voll prangte es am nachtblauen Himmel, verdrängte den Glanz der Sterne und der anderen Monde, während das Auge anschwoll und den Himmel über ihr mehr und mehr ausfüllte. Sie sah direkt hinein, sah wie sich darin was tummelte und wimmelte. Er wuchs weiter an, verschluckte schon das Licht, was die anderen Monde auf das Meer geworfen hatten, ebenso wie den Schein ihres Feuers. Sie sass noch immer ruhig an dem Felsen angelehnt und sah mit einem verzückten Lächeln in das Gesicht derer, die in diesem Mond, der sich nun wie eine schwarze Scheibe mit blutrot-leuchtendem Rand sich vor ihr geschoben hatte, hausten. Geister, mit riesigen Augen, die rötlich und leer in der Dunkelheit aufglühten, bestückt mit spitzen, langen Klauen, schwarzen, scharfen und langen Zähnen, die sie bleckten. Ein leises Zischen war zu hören und sie sah, wie schlangenartige Geisterwesen über die schwarze Scheibe krochen, verführerisch sich rekelten und sie leise lockten - tritt zu uns über...
Langsam löste sie sich vom Felsen, beugte ihren Oberkörper vor, streckte dann eine Hand... nein, eine Klaue aus... Schwarz war jene Klaue, die sie zu ihren Brüdern und Schwestern reckte, Blut tropfte an ihr herab. Wessen Blut eigentlich? Sie sah an sich entlang, vorbei an den giftiggrünen Schlangen, wovon jeweils eine an ihren Armen entlangkrochen und hinab zu der Stelle, wo ihr Herz schlagen... sollte. Doch stattdessen klaffte dort ein schwarzes Loch, an dessen Rändern graues und fettes Gewürm entlangkroch. Dann spürte sie das Pochen in ihrer rechten Hand... nein, Klaue.. drehte sie herum, öffnete sie und sah auf ihr noch schlagendes, blutendes Herz hinab. Ein leises Lachen, dann reckte sie Klaue vor, gab den Geistern des Dorrayon ihr Herz, über das sie sich hungrig hermachten, es zerrissen und gierig verschlangen. Frei - sie fühlte sich so frei. Kein "Wenn..", kein "Aber.." mehr! Sie erhob sich und reckte sich genüsslich, während sie die seligmachende Leere in ihrer linken Brust spürte. Leises Zischen drang an ihre Ohren, während die beiden Schlangen, die jeweils an ihren Armen hochkrochen, ihre Köpfe hoben und sie aggressiv mit dreckiggelben Augen anfunkelten. Sie nickte ihnen zu, dann bissen die Tiere in ihren Leib rein, riessen ihre Haut heraus, während sie gequält aufstöhnend zu Boden ging.
Wieder das Zischen an ihren Ohren, nachdem die Schlangen mit ihren Zähnen von ihr wieder abliessen - Noch bist du nicht bereit. Noch behälst du deine alte Hülle. Noch nicht bereit.. aber sie wäre es so gerne! Bittend sah sie auf zu der dunklen Scheibe - warum noch nicht jetzt? Unmengen rotleuchtender Augen sahen auf sie herab. Noch bist du nicht bereit. Noch behälst du den Geist des Mens. Noch bist du zu schwach und bleibst es... noch... Sie reckte eine Hand hoch zum Finsterauge, wollte es berühren, doch allmählich schrumpfte der Mond, machte Platz für das Licht und leise wimmernd schloss sie die schmerzenden Augen, krümmte sich zusammen und hielt sich ihre Hände... ganz normale, menschliche Hände... schützend vor ihr Gesicht.
Eine Weile lang verharrte sie so.
Spürte wieder das rhythmische Pochen in ihrer linken Brust, die Hitze der Luft, die kühlen Windböen, die den Duft des Nachtschattens mit sich fortgetragen hatten.
Spürte die Schwere ihres Seins - den menschlichen Leib, die menschlichen Sorgen.
Schmerzvoll war sie zurückgekehrt... von ihrer Traumreise.
Zuletzt geändert von Schattenkind: 8.04.05, 03:02, insgesamt 1-mal geändert.
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