*In einem aufgeschlagenen Buch im Arbeitszimmer des Barons ist der erste Eintrag in sauberer, kunstvoller Handschrift verfasst:*
Zitat:
Aufzeichnungen des ersten Konvents zu Brandenstein
Dies ist schriftliches Zeugnis des ersten Konvents zu Brandenstein, das abgehalten wurde, zunächst im Hof der Burg und anschliessend in der Gebetshalle der Kapelle zu Brandenstein. Es ist zudem Beweis für die Nachwelt und die lesenden Heiligen in Draconis, dass wir, die Bewohner Siebenwinds, den Krieg gegen die Verwirrung und die Unordnung des Geistes nach den jüngsten Verhängnissen von Finsterwangen und dem Auftauchen der Dämonenbrut nicht aufgegeben haben, sondern tapfer weiter streiten mit den bescheidenen Mitteln, die uns verblieben sind.
Es begann zur Mitte der Helligkeit des siebten Zyklus mit der losen Versammlung von Wissenden, Wissensdurstigen und Schaulustigen im Hof der Burg des Barones in Brandenstein. Eine uneinige und zu Teilen unberührte Schar war es, die dort gegen das grosse Unwissen unserer Zeit antreten wollte; Kein Vertreter der vier Tempel der allerheiligsten Götter war erschienen, kein Gesandter der elementaren Verkündung, kein Leiter der Magierzunft, kein Untertan der Krone nichtmenschlichen Blutes. Dies soll trauriger Beleg sein für die innere Armut unserer Gemeinschaft, doch auch Hoffnung auf die geistige Tatkraft der Neusiedler und all unserer jungen Abenteurer.
Zu meiner grossen Erleichterung waren auch Vertreter des ritterlichen Ordens der sieben Winde anwesend, namentlich Sire Athos, Hochmeister des Greifen; Sire Steiner, Ritter des Greifen; Sire Kantrin, Ritter des Falken.
Mir oblag es das Konvent in diesem ungewöhnlich warmen Dular zu beginnen. Zunächst wurden grundlegende Regeln des Verhaltens und der weiteren Veranstaltung folgender Konvente erklärt, anschliessend wurden die Mitglieder der Versammlung gebeten vor zu treten und von ihren Erlebnissen zu berichten, damit man sie zur Kenntnis nehmen, erweitern oder besprechen könne.
Den mutigen ersten Schritt machte ein Mitglied des Bundes der Tapferen, welcher später als Theoderich bekannt gemacht wurde. Man möchte anmerken, dass das Erscheinen dieses Kriegers auf diesem Schlachtfeld der unwissenden Geister besonders löblich erachtet werde, wo doch zum gleichen Tage noch ein weiteres, handfesteres Schlachtfeld im Ödland eröffnet werden sollte, wenn die Ritterschlaft ein Scharmützel mit den Schwarzorken schlagen wollte. Allein, zurück zu dem Bericht jenes Theoderich.
Er berichtete von dem bedrohlichsten Ereignis, welches er seit langer Zeit, wohl seit dem Ende des Krieges und dem Niedergang des Sternes, hier auf Siebenwind erlebt habe. Vor kurzer Zeit soll zum Anbruch eines Dunkelzyklus ein gewaltiges Gewitter über dem nördlichen Ödland niedergegangen sein. Die Wolken sollen einen rötlichen, glühenden Schein gehabt haben und flammende Blitze sollen in ihren mächtigen Wirbeln gesichtet worden sein. Mit ungenannten Gefährten ist der Streiter Theoderich, wohl ob der Absonderlichkeit dieses Gewitters, ausgezogen in das Ödland und zu dem Ort, welchen sei als den Mittelpunkt dieses unheimlichen Sturmes schätzten. Die ganze Ödniss zu ihren Füssen soll ausgedörrt und staubig gewesen sein, heisse Winde sollen getost haben und endlich begegneten sie einer Gestalt dort in der erhitzten Dunkelheit.
Es war die Gestalt eines Mannes wohl, der in eine glühend heisse Rüstung geschlagen war und offensichtlich ohne Kopf. Diese schauerliche Erscheinung soll in schrill tönender Stimme geschrien haben, dass sie Krieg wolle, dass sie Blut wolle, Klingen und Blut. Sie sprach von der Macht von Feuer und Flamme, befahl, dass das Land, unsere vielfach geschlagene Insel, brennen solle. Man berichtete, dass die Rüstung des kreischenden Mannes tatsächlich geglüht haben soll, wie ein Stück Metall in der Schmiede; man habe ihn in der Dunkelheit des Zyklus genau erkennen können.
Zu Beginn der Dämmerung jedenfalls, verschwand die Schreckensgestalt und mit ihr auch der Sturm, welcher bis dahin siedend heiss getost hatte. Es kehrte danach Ruhe ein im Himmel über Siebenwind und den bekannten Weiten des Ödlandes. Damit endete der Bericht desjenigen vom Bunde der Tapferen.
Darauf trat ein Mann in spitzem Hut und weisser Robe vor, der seinen Namen nicht nannte. Er bestätigte die Sichtung dieser Gestalt. Er meinte zunächst, die Hitze habe seine Sinne verwirrt, als er jene am Tag zuvor, also den 9ten Dular, an ungenannter Stelle gesichtet hatte. Auf die Begebenheitung dieser Sichtung wurde jedoch nicht weiter eingegangen, da der Robenträger weitersprach, er sehe die Schuld für die derzeitige Hitze in eben jener kopflosen Gestalt in glühender, verschwommener Rüstung. Man müsse unbedingt gegen sie vorgehen, so seine Worte, da sonst eine grosse Dürre über Siebenwind kommen würde. Er erwähnte Ernteausfälle, Hunger und Seuchen und betonte wieder die Dringlichkeit mit der gegen diese Erscheinung vorgegangen werden müsse, was immer sie auch sei.
Ferner äusserte der weissberobte Unbekannte zwei Vermutungen, was der Hintergrund jener schrecklichen Gestalt sein könnte: (1.) Es könnte ein gefallener Krieger sein, der nun dazu verflucht ist als Geist umher zu wandern und im Hier und Heute versucht einen längst verlorenen Krieg noch zu gewinnen. Er sei, so die Vermutung weiter, wohl in einer Schlacht in glühende Lava gefallen, was das Fehlen des Kopfes und den Umstand der Hitze wohl erklären sollte. (2.) Er könnte ein Anzeichen für das Ungleichgewicht der Elemente sein. Vielleicht, wegen Sturm und Hitze, ein Anzeichen dafür,d ass Ignis und Ventus aus ungeklärten Gründen übermässig erstarkt sind und ihre Übermacht sich nun so verkörperlicht. An dieser Stelle kamen auch das erste mal Einwürfe, dass vielleicht schwarze Magie hinter all den Erscheinungen und Vorkommnissen stecken könnte.
Damit trat der unbekannte Mann in weisser Robe zurück und ein Fremder in roter Robe trat vor. Er wollte eine Verbindung zwischen der glühenden Erscheinung und der ehemaligen Höhle, die als Drachenhöhle bekannt ist, herstellen. In jener fand er nämlich zwei Steine. Auf dem einen ist von dem Dämonen Sha'Naz'Ghul die Rede, welcher, nach unserem jetzigen, lückenhaften Wissen, der früheste Urheber des jüngsten Krieges auf Siebenwind war, auf dem anderen war zu Lesen von einem Krieg. Einem Krieg der Seelen, welcher kein Ende fand.
Der Rotberobte wollte die beiden Steine an mich aushändigen, doch ich lehnte ab. Wenn dort wirklich der Name des mächtigen Dämonen aufgeschrieben war, dann wollte ich nicht mit ihnen in Berührung kommen ohne den Beistand eines ausgewiesenen Magiers oder eines Geistlichen. Man kam eher darauf, dass die zwei Steine in den Besitz des Ordens des Allsehenden Auges des Astrael übergehen sollte, nachdem Sire Athos das Konvent davon in Kenntniss setzte, dass der Hochgeweihte Sanduros Mantaris vier weitere solcher Steine wohl verwahre.
Man stellte Frage über den genauen Fundort dieser Steine und hörte von einem wunderlichen Gang, der dort angelegt worden sei, voll Fallen und allerlei Rätseln. Der Rotberobte berichtet, dass er fürchte, das ganze Bauwerk sei erst jüngst errichtet und auch, dass der Eingang zu dieser Höhle lange Zeit versperrt war mit einer Inschrift, die "Niemands Heim" gelautet haben soll.
Von jenem "Niemand" soll auch in der Höhle weiter berichtet werden, man vermutet, dass sich seine Leiche dort befindet, da man mehrere steingrabähnliche Gebilde in ihrem Inneren vorfand, welchen man sich zu nähern jedoch nicht wagte.
Auf die Frage nach der Bauart und Herkunft des Ganges gab wieder der Rotberobte Antwort. Er habe Pläne und Lösungen notiert für manche der Pfade in diesem fremdartigen Gebilde. Sire Randur trat nun an mich heran und liess durch mich den Vorschlag aussprechen, dass jener Rotberobter, der sich nun als Frion bekannt gab, eine Expeditio anführe und in die ehemalige Drachenhöhle hinab führe. Die Aufgabe dieser Kundschafter soll sein, alle sichtbaren Veränderungen, Begebenheiten und Anordnungen genauestens aufzuzeichnen und nach Vermögen zu erörtern, damit anschliessend ein Bericht übergeben werden könne an die Krone, vertreten durch den Baron von Gerdenwald und die Ritterschaft der Siebenwinde.
Dem Herren Frion wurden aus der Schatzkammer des Hauses Gerdenwald sechstausend Dukaten als Endgeld für seine Mühen zugesprochen und für jeden seiner Begleiter ein Lohn von fünfhundert Dukaten.
Nachdem diese Angelegenheit geklärt war wurden fähige Geister von Magie oder Geistlichkeit gesucht, welche im Stande gewesen wären die bisher geäusserten Vermutungen zu entwirren. Ich beklagte in einem Anflug der Verunsicherung das Fehlen jeglicher Geweihtenschaft und, als hätten die Diener Astrals meine Äusserung vorhergesehen, erscheinen seine Würden Calmexistus Salanus und der Hochgeweihte Sanduros Mantaris auf dem Platz der Burg zu Brandenstein.
Die Gesandtschaft des Ordo Astraeli entschuldigte sich für ihr zu spätes Kommen und schlugen vor das Konvent auf gesegnetem Boden fort zu setzen, da, nach ihrer Meinung, gegen ein Geschöpf des Einen beratschlagt werde und an hier, an diesem offenen Ort, womöglich Spitzel des Bösen umschleichen könnten.
Der Weissberobte wollte vor einem Wechsel des Ortes noch festlegen, ob es sich bei der vorher genannten, glühenden Erscheinung, nun um einen Geist handle oder nicht. Seine Hochwürden Mantaris jedoch drängten darauf hin zur Kapelle aufzubrechen; Dem Wunsch des Geweihten wurde Folge geleistet.
Mit Unbehagen denke ich daran, dass die Zahl der Teilnehmer am Konvent vom Burghof zur Gebetshalle der Kapelle gut um die Hälfte schrumpfte. Jedoch, viel mag dies nicht bedeuten, gingen doch auch während den vorigen Berichten viele der Schaulustigen ungeöffneten Mundes wieder vom Platze.
Als treffliche Randbemerkung sei auch erwähnt, dass man vor der Kapelle eine niedergeschlagene, wohl weinende Gestalt sah, die von einer jungen Dienerin der Vitama getröstet wurde. Vielleicht war dieser Zufall ein Götterzeichen, so denke ich nun während ich schreibe, der sagen will, dass die gütige Herrin Vitama zu jeder Gelegenheit sich unserer verzweifelten Geister annimmt und sie in ihren Armen zu trösten vermag.
Wie dem auch sei. Das Konvent wurde neu geordnet in der Kapelle und ich übertrat die Führung der Versammlung an den Hausherren, Sanduros Mantaris. Zu dieser Gelegenheit trennte ich mich auch von der Versammlung, da Pflichten zu Hofe meiner Anwesenheit bedurften. Alles Folgende wurde mir vom Hochmeister des Greifen, Sire Athos, nachträglich überbracht.
Der rotgewandete Frion übergab seine Steine in die Hände des Geweihten, welcher sich sorgenvoll erschreckt zeigte, dort den Namen des Dämonen zu lesen. Man kam zu dem Schluss, dass die sechs bis jetzt gefundenen Steine Bruchstücke einer Nachricht seien, die zusammengelegt einen Satz bilden würden. Alle Versuche jedoch, die Steinstücke auf dem Boden der Gebetshalle so anzuordnen, dass ihr Sinn sich offenbart waren jedoch nicht erfolgreich. Die Steine wurden wieder gesammelt und befinden sich ab nun in Verwahrung des Ordo Astraeli.
Im folgenden wurde berichtet von einer Legende, welche "Vom brennenden Jüngling in glühender Rüste" hiess. Im Jahr 18 nach Cumar I. Soll in Yota ein Jüngling von bösen Geistern besessen gewesen sein und in Folge dessen seine Liebste getötet haben, worauf er hingerichtet wurde. Nach seiner Hinrichtung jedoch soll er immer wieder, kopflos, in grossen Bränden in Yota gesehen worden sein, da ihm der Weg in Morsans Hallen verwehrt worden ist.
Nach oder während dieser Geschichte soll ein Grünorke in die Gebetshalle geplatzt sein und das Konvent gestört haben. Der beherzte Sire Athos nahm sich jedoch kurzerhand des Störenfrieds an und entfernte ihn. Die dem Konvent verbliebenen Männer stellten sich einander vor und zogen in die Bibliothek von Mantaris' Orden ein um weitere Nachforschungen anzustellen. Ich bete zu Astrael, dass er seinen Dienern und allen Suchenden gewogen sei auf ihrer Suche nach Wissen und eines Tages die Schlüssel für all jene Rätsel Siebenwinds gefunden werden.
Endtag, 10ter Dular 16 nach Hilgorad.
Jan Findrell, Sekretarius Major des Hauses von Gerdenwald.
Burg zu Brandenstein.