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 Betreff des Beitrags: Endophalischer Hauch
BeitragVerfasst: 11.04.05, 12:17 
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Endophalischer Hauch

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Nur wenige Schritte vor dem Ende des massiven Felsplateaus, einem mächtigen Ausläufers des Igr-Tashadi, hält die Alte inne. Der Aufstieg hat an den ihren Kräften gezehrt, die alten, brüchigen Knochen geschwächt und so würde nun der atemberaubende Blick über den Quell und die ersten Ausläufe des Tschadi, getaucht ins warme Rot von Felas Untergang und die sich in der Ferne erhebenden, schemenhaften Dächer von As-Ashrun, flimmernd Bild in abendlicher Hitze, für die Mühe entlöhnen. Doch trügerisch ist die Ruhe vor dem Sturm. Lang gezogen das Lechzen nach Luft vor dem Fall. Das monotone, einheitliche Klappern der Knochen, sauber gebunden und drapiert um den Verlauf ihres Stabes, übertüncht die ansonsten beinahe Stille. Sorge läuft in zahllosen Bahnen durch ihr verfurchtes, von der Hitze ausgedörrten, dunklen Gesichtes, während sich ihre, vom Leben verwaschenen hellbraunen Augen sinnierend in der Ferne, in Gedanken an das bevorstehende zu verlieren scheinen. Denn am Horizont lauert sie wie ein wildes Tier, grollend und knurrend. Die Zeit der Veränderung und der Opfer. Das Jahr des Windes.


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BeitragVerfasst: 11.04.05, 23:45 
Altratler
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Ehebruch
Nur langsam fährt seine Hand über ihre Lippen, liebkost sie, wandert ab ihre Form, tastend, um an jenen Punkte zu Enden, an dem sein Finger die Reise begann. An rote, wilde Rosen erinnert ihre Farbe, nur zu finden an einigen verborgenen Stellen des leise fliessenden Jahells, oft verworren und verknüpft mit dem flach ausgebreiteten Geäst dürrer Kapernsträucher. Süsslich ihr Geschmack. Tänzelnd schlagen die weissen und purpurnen Stoffe des Zeltes Wellen, die beiden umschlungenen Körper streichelnd. Der Wind frischte auf, wie er es immer Tat, wenn die Monde sich am Himmel empor zogen um ihr fahles, weissliches Licht über die scharfen Klippen des Berges zu werfen und sie so zu glätten. Schweiss perlt auf ihrem Körper, sich in schlängelnden Bahnen ihren Weg suchend, über Brust und Bauch hinweg, dem Oberschenkel entlang, um in einem der zahlreichen Kissen, geschmückt mit Kordeln und Federn, Samt und Seide zu versickern. Schnell ihre Atmung, klopfend ihre Herzen im selben Takt. Tief und bebend. Und so wirkt es, als würde eine scharfe Klinge tief durchs Fleische fahren, als einer der beiden Vorhänge vor dem Eingang des Zeltes beiseite geschlagen wird. Kühle flutet die beiden Körper. Die Nacht wurde herein gelassen. „Ishmael, es ist soweit.“ Wessen drängende Stimme es auch war, die dem Winde gefolgt, ihr Besitzer besass doch den Anstand seine Blicke, wohlwissend, ausserhalb des Zeltes zu verwahren. Und so fiel das Tuch zurück. Nicht lange brauchte er, um seiner Kleidung am eigenen Körper wieder Herr zu werden, ehe ihn die Dunkelheit ausserhalb umfasst. Fackeln suchen sich hektisch den ihren Weg durch die Zeltstadt, von der Brise in lebhafte Tänze versetzt und feine Spuren verglimmender Gluten hinter sich her ziehend. Für wenige unendliche Momente beobachtet er jene Eile, das wenige ausgehungerte Vieh welches in Vorahnung scheut und droht den unbeholfen errichteten Zaune, aus morschem Mangrovenholz gefertigt, niederzutrampeln. Ihr Volk war nie lange am selben Ort, die notdürftigen Bauten zeugen davon. Und so gesellt er sich unter die Eilenden, die Unruhigen. „Komm, Ishmael, komm! Das heisse Wasser sprudelt schon!“ Hat er das letzte Zelt eben noch in einem Momente der Ekstase verlassen, wird er schon vom nächsten verschluckt. Schreie peitschen ihm entgegen, ehe er noch am Eingang von einer jungen doch stämmigen Frau zur Seite gedrängt wird, einen dampfenden Topf in den Händen und einige, wohl frisch gewaschene weisse Tücher über die Arme gelegt. Ein Bildnis, welches wohl in Arums Tiefen nicht hätte seltsamer erscheinen können. Eine weitere Frau, in normalen Umständen von hübscher Gestalt, doch nun liegend in Bergen aus Kissen und Decken, ist der Quell der lautstarken Ausrufe und Flüche gesandt zum Himmel und in alle Winkel der Sharra und Njari-Wüste. Ihre Beine weit gespreizt. Hinter ihr, ob ihres Alters in gebeugter Haltung stehend, die Schamanin der Sippe, Yathima, wohl eben erst zurückgekommen von einem ihrer Ausflüge. Man sage sich, dass sie, ob ihrer Macht und Weisheit in Zeiten des Umschwunges die höchsten Punkte in der Gegend besteige, Berge, Hügel, Bäume um von dort aus den Rat der Elemente einzuholen und das Wissen des künftigen Schicksales zu erlangen. Stechend, wissend ihr Blick, als er den Raum betritt. Das rhythmische Klappern der Knochen an ihrem Stocke, immer wieder auf den Boden schlagend, geht einher mit dem Pfeifen des Windes, welcher zunehmend über die Klippen des Igr-Tashadi zu preschen scheint, während sie mit der anderen Hand einen Strauss getrockneter, angezündeter Kräuter in kreisenden Bewegungen über dem Kopf der Liegenden hin und her schwenkt. Heller Qualm bettet sich am niederen First des Baldachins. Würzig der Duft. Lächelnd kniet sich Ishmael an die Seite der Schreienden. „Farah, es ist soweit, du wirst uns einen Jungen schenken“, und kurz zögert er ob der Aussage von Lug und Trug, „ich liebe dich.“ Während sich die weissen Tücher mehr und mehr mit der Farbe blutigen Rotes tünchen und sich der Qualm in ächzenden Schwaden ausbreitet, verrinnt die Zeit. Der Sturm naht. „Ein Mädchen!“ Jener vernichtende Zwischenruf durchdrang des Mannes Mark und Bein. Noch bevor das Kinde zu weinen beginnen konnte, wurde es ruhig. Windstille. Selbst die Knochen schienen zu schweigen, als die alte Schamanin besorgten Blickes ihren Kopf zur Seite wendet, langsam in geraffter Zeit, und in trocken-staubigen, klanglosen Worten ins Leere spricht. „Nein, nicht jetzt!“ Und mit dem ersten Wimmern des Neugeborenen, reisst der Stoff des Zeltes mit einem kreischenden Geräusche, wird von des Sturmes Kraft hoch gerissen über die Köpfe der Bangenden hinweg, verschluckt von der Schwärze der Nacht. Sand, beissender Sand und der kalte, zynische Schein der Monde und Sterne verbleiben.


Zuletzt geändert von Illis: 13.04.05, 17:40, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 13.04.05, 17:41 
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Der Balkon
Der bittere Gestank von Zerstörung und Hoffnungslosigkeit legte sich wie die feine Schicht Sand, weit her getragen auf dem Rücken des Windes, über alles und jeden. Keines der dutzend Zelte hatte dem nächtlichen Sturme standgehalten und nun, im ersten mattgoldenen Lichte des Tages, bietet sich dem Auge des Betroffenen ein Anblick, welcher selbst dem Stärksten der Starken den Atem im Hals zuschnürt, seine Kehle verstopft. Zerrissen liegen die vormals weissen Zelttücher in einem unüberschaubaren Umkreis verstreut, hängen triefend von einigen der nahen Bäume. Der Zaun des Viehgeheges ist nicht mehr auszumachen, zersplittert ist dessen Holz auf dem ganzen Gelände zu finden oder treibt mit einigen leblosen Tierkörpern, welche wohl ob des Schreckens versucht haben den Fluss zu überqueren, von Tschadis wogenden Wellen getragen, in westliche Richtung. So man sich das Kreischen der Geier, lechzend nach verwesendem Fleische schon ausmalen kann, erklingen die markerschütternden Rufe der Überlebenden nach den Todgeglaubten und hallen in bebendem Klange von der nahen Felswand zurück. „Farah!“ Ishmaels Schritte tragen ihn unbeholfen über das unter seinen Füssen knackende Geröll hinweg, bevor er bekannten Duft von verbrannten Kräutern vernimmt und einen gekrümmten, zusammengekauerten Leib unter einem purpurnen, halbdurchsichtigen Tuche ausmacht. Obschon er seine Hand nicht auf Farahs Schulter hätte legen müssen um Gewissheit zu erlangen, so tut er es trotzdem, zieht den leblosen Körper zur Seite, und entdeckt unter ihm, geschützt und vom Blute der Mutter beschmiert das Neugeborene. Nicht weinend. Nicht schreiend. Die aufmerksamen Kirschaugen auf seinen Vater gerichtet, in diesem jedoch nicht die Wut erkennend, flammend und verzehrend, als er den kleinen Körper ergreift wie eine Bäuerin einen Sack Mehl. Waren seine Schritte zuvor noch unsicher und deplaziert, so setzt Ishmael ein jeden nun zielgerichtet, ja hastig gar. „Ein Junge solltest du werden, stolz und mächtig, doch nimmst du stattdessen meiner Liebe das Leben.“ Geblendet vom Gedanken an Rache, beinahe so süss wie die Lippen seiner Geliebten, erkennt der Manne nicht wie Lügen seiner Aussage mitschwingen. Das Rauschen der Quelle aus einem schwarzen Loch im Berg, deren unbekannten Ursprung wohl einiges an Platz für Spekulationen lassen würde, erklingt erbarmungslos wissend. Die seichte Gischt liegt feucht und träge in der Luft über dem Quell. Er drückt ihn hinab, den kleinen Körper, ohne jeglichen Funken von Reue oder Anzeichen eines berührten Gewissens. Verzerrt verharren die kleinen Augen auf ihm, durch die sich sanft wogende Scheibe des türkisblauen, sauberen Wassers. Ishmael, König der Lügner und Betrüger. Ishmael, Mörder seines Kindes.

Weit fort, an einem anderen Orte. Die Farbe des Wassers im pompösen Brunnen, in dessen Mitte die Form eines triumphierenden Soldaten mit Speer und Schild verewigt ist, sei an diesem noch immer backend heissen Abend nur schwer auszumachen. Die abendliche Stimmung, ausgehend von den drei Scheiben stehend in Pracht und Anmut am Himmel, fällt in einem Gemisch aus silbernen und tiefroten Tönen über die Stadt Ohm-Taji. Eine ansehnliche Siedlung, deren Kuppeldächer, besetzt mit blauen und goldenen Steinchen in diesen Augenblicken, wenn Fela und die Monde Kani-Hareth und Kani-Jaleth Hand in Hand gehen, in den wildesten Farben zu schimmern scheinen. Ihr war es egal. All die Pracht, der Brunnen, ja selbst der Garten mit dem gepflegten Rasen, welcher ihr frischgebackener Gatte aus Galadon hatte herbringen lassen und den gelben Rosen, wohl eine der teuersten Blumen Endophals. Die Dukaten hatte er, ja, doch fehlte es ihm sonst an allen Ecken und Enden. Hölzern legt sie die Hand auf ihr rechtes Auge, um welches sich eine sauber abgetrennte, blaue Schwellung legt, nur um ihren Arm sogleich wieder balancierend zur Seite auszustrecken. Ihre nackten Füsse suchen auf dem erstaunlich kalten Sandsteingeländer des Balkons Halt. Das schwere, weisse Kleid droht sie nach vorne zu ziehen, noch bevor sie den Sprung selbst hätte einleiten können. Wie schade um das Kleid. Wie schade um die Hochzeit und deren Gäste, welche am Ende der Feierlichkeiten im unteren Stocke des herrschaftlichen Wohnhauses ihren Heimweg vorbei am leblosen Körper der Braut, liegend im Rosenbeet, werden antreten müssen. Doch für sie bestehen keine Zweifel in ihrem Handeln. Von Kindsbeinen an einem Mann versprochen der sie misshandelt, schlägt, ihr jegliche Würde raubt wie ein gemeiner Dieb auf dem Markte ein Apfel klaut, mit jenem sollte sie ihr Leben verbringen? Wie ein Vogel, ansetzend zu seinem letzten Flug, breitet sie ihre Arme aus und gewinnt wohl erst jetzt im Moment der Entscheidung, alleine auf dem Balkon, sicheren Halt auf dem Geländer, Festigung in ihrem Leben. Die seichte, salzige Brise umspielt ihre Fingerkuppen und liebkost ihren Hals, während sie ihren Kopf leicht zur Seite neigt und die Augen schliesst. Sie springt. Und der abendliche Wind verfängt sich in ihrem Kleid, lässt es tanzen, ihren Körper streifen, nur um sogleich wieder zu allen Seiten wild auszuschlagen. Es ist still, zu still, denn als die junge unglückliche Braut ob des fehlenden Aufpralls eines ihrer Augen öffnet, erkennt sie nichts ausser einer riesigen gelben Blüte nahe ihrer Nase, sich anbietend an ihr zu riechen. Das Gefühl des Schwebens übermannt sie, spielerisch Beine und Arme in der Luft bewegend, einige Fuss über dem Blumenbeet verharrt der zierliche Körper, vom Winde getragen. Erst spät bemerkt sie die lautlose in graue Tücher gehüllte Gestalt, welche ein wenig abseits im Schatten eines Busches steht. Wer war er?


Zuletzt geändert von Illis: 14.04.05, 20:11, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 14.04.05, 20:12 
Altratler
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Mutter Schmetterling
„Und wenn der Schmetterling vom Nektar kostet, sich labt an Süsse und Genuss, fehlt ihm zur Glückseeligkeit nur noch des Windes kühler Kuss. Anath Kunra, Schönheit. Was treibe euch dazu eurem Leben an einem solch wohligen Abend ein Ende zu setzen?“ Die graue Gestalt scheint sich, einem Schatten gleich, Leben in die schemenhaften Glieder eingehaucht, aus dem Hintergrund zu lösen. Schnell, ja beinahe tänzerisch umkreist er den ihren noch immer schwebenden Körper, den Kopf nahe des Blumenbeetes und die schlanken Beine in Richtung des hohen Balkones gerichtet. Kein Worte verlässt die ihre Kehle, während sie ihn aus ihrer eher misslichen Lage von einem Augenwinkel zum anderen beobachtet. Hitzige Röte schiesst in ihr Haupt und zeichnet sich trotz der warmen, erdbraunen Farbe ihrer Haut nur allzu deutlich ab, ob der höher gelagerten Füsse oder der Scham in jenem Momente bleibe ihr Geheimnis. Der, dessen Gesicht wie der Rest seines Körpers, von einem Tuche verdeckt ist, setzt seinen Tanz zur Melodie der Grillen, singend von saftig grünen Halmen und dem Plätschern des Brunnens, stetig und erquickend, fort. „Doch du lerntest fliegen in dieser Nacht, Jai.“ „Mein Name ist nicht…“ Des Bedeckten Bewegungen versiegen vor ihr, er sinkt zwischen den gelben Rosen vor ihr auf die Knie, auf dass ihre Blicke sich treffen. Silbernes Glas. Jener Gedanke wandert rastlos durch ihren Kopf als sie seine Augen erblickt und sich die tiefe, durch die Stoffe gedämpfte Stimme wieder zur Geräuschkulisse der einbrechenden Nacht gesellt. „Jai wie die Freude, der Rausch des Sprunges und die Verwandlung der Raupe zum Schmetterling“, noch weiter beugt er sich vor und säuselt die Worte direkt in ihr Ohr, „Ich werde dich holen Ila Jai, wenn die letzten Rosen verblüht, der letzte Grashalm verdorrt ist, der Sturm den Sand über die Vergangenheit legt. Und es fehlt zur Glückseeligkeit nur noch des Windes kühler Kuss.“ Ewigkeiten scheinen zu verstreichen, während der Unbekannte seinen Schleier lüftet und das markante, dunkle Gesicht eines jungen Mannes frei legt. Leicht ist der Hauch welcher durch seine gespitzten Lippen entweicht, ihr Aufschwung zu verleihen scheint und sie in einer langsamen schwebenden Drehung, geniessend gar, auf den Sims des Balkons zurück trägt. Sie bewegt ihre Zehen, bekannte raue Beschaffenheit des Sandsteinsgeländers unter ihnen spürend. Hatte die Macht Arums garstig ihre Sinne geblendet? Doch nein, das Rascheln der Büsche weit unter ihr bestätigt seine schwindende Anwesenheit. Der Fremde hatte ihr einen Namen gegeben. Die Braut gewinnt festen Boden unter den Füssen als sie den Balkon und das dahinter liegende pompöse Zimmer durchquert. Er würde sie holen wenn die Zeit gekommen ist, dessen war sie sich gewiss und bis zu jenem sehnlichst erwarteten Momente würde sie Stärke beweisen. Entschlossen umschliesst ihre feingliedrige Hand den kalten, mit dem Abbild güldener Rosen verzierten Türknauf, ehe sie das Raunen unzähliger Stimmen umfasst und sie sich wieder zu jenen gesellt, welche mit gierig keifenden Mündern gekommen sind um die ihre Vermählung zu feiern, doch nichts anderes zu tun gedenken als sich an der reichhaltigen Kost zu laben. Die Hochzeit von Ila Jai, Mutter Schmetterling.

Ob es Ishmaels Kiefer ist welcher bei der Wucht des Schlages in sein Gesicht knacken oder jene spröden Knöchlein am Stabe der Schamanin sei ungewiss. Die Kraft der Alten scheint den jungen Endophal jedoch in einem Moment des ablenkenden Zornes und der tauben Wut gänzlich zu übermannen. Krallend greifen ihre Spinnenbein-artigen Finger nach dem Bündel unter der Wasseroberfläche, reissen es empor. Tausende kleine Tropfen perlen vom kleinen Körper hinab ins Bette des Flusses. „Das Schicksal will es so, Hexe, lasse mich der Kleinen Sense sein und sie erlösen. Nur böses wird sie uns bringen.“ Zitternd greift sich der Mann an seine blutende Stirn, selbig Blut, welches in dünnen Bahnen über die Hand der Alten hinweg dem knorrigen Stab entlang zu Boden rinnt, von diesem gierig ob der ewigen Dürre aufgenommen. „Erzähle du mir nichts von Ra’s Wegen, Ishmael, König der Lügner und Betrüger. Du, der in der Nacht der Geburt deiner Tochter in den Armen deiner Geliebten lagst. Ich weiss viel über dich und zuviel was noch kommen wird, kann und werde ich nicht zulassen.“ Sitzend rutscht der vermeintliche Vater vom grotesken Bilde der Alten mit dem nassen, tropfenden Stoffbündel im Arm weg, bis zu jenem Punkt an dem sein Rücken gegen das erstbeste Hindernis stösst. „Rha, Macht der Endgültigkeit und des Überganges, gebe dein Geschöpfe frei um Gerechtigkeit walten zu lassen.“ Ruckartig reisst die Schamanin ihren Stab in die Luft und wieder ertönt bekanntes, markdurchdringendes Klappern der Knochen, zerberstend jedes Glas, brechend jeden freien Willen, ob tot oder lebendig. Eine Bewegung durchzuckt das vermeintliche Hindernis gegen welches sich Ishmael presst. Haare kitzeln seinen Nacken. Unweigerlich springt er vor, dreht sich liegend auf seinen Rücken und sieht dem laut schnaubenden Körper des sich auf die vier Beine windenden Hengstes empor. Merkwürdig verdreht sein Kopf, wohl hat er sich ob des nächtlichen, missglückten Versuchs vor dem Sturm zu fliehen das Genick gebrochen. Schnaubend stapft er in die Richtung des Liegenden. Bedrohlich pulsieren die hervortretenden Venen an seinem Hals, übermässig scheint das grosse Herz gegen die von schimmerndem Fell bedeckte Brust zu pochen und als sich des Viehs Kopf zu ihm nieder beugt, erkennt der junge Vater in dessen pechschwarzen spiegelnden Augen seine Tochter auf dem Arme der Alten. Er bereut. Und das Pferd bäumt sich vor dem liegenden Ishmael, zum Klange der Lieblichen Stimme der Schamanin zum Kinde gerichtet, auf. „Meine Kleine, Zafira werde ich dich nennen. Die Gewünschte.“ In einem Moment der sich selbst zu überdauern scheint, in welchem jedes Lebewesen, kreuchend und fleuchend über den staubigen Wüstenboden den Atem anhält, prescht sie ihren Stab hinab. Und mit ihm die Hufen des Hengstes.


Zuletzt geändert von Illis: 18.04.05, 14:13, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 18.04.05, 14:15 
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Die Insel des unerwünschten Lebens
Den scharfen Zähnen einer wilden Katze gleich liegen die zwei Inseln träge im salzigen Wasser der Bitterseebucht. Karg, ausgedörrt und leblos siechen beide Eilande vor sich hin, mit dem Unterschiede, dass die eine mit spriessenden Holzbauten, Werften, Pieren und ja, gar Leben bestückt ist, Leben, das auf dem Festland, zwischen brennend-rotem Sandgestein und verführerischen Dattelpalmen keinen Platz mehr findet. Geräuschlos fällt das Ohr zu Boden und kein Augenzwinkern später folgt der grelle Schrei des Elfen, auf seine Knie sinkend, taumelnd, ehe sein von des Schmerzes Qualen zuckender Körper in den trockenen Staub fällt. „Noch jemand, ihr Bastarde?“ Fuchtelnd schlägt der in eine mehr oder minder prunkvolle Lederrüste gekleidete Wachmann seinen Dolch in der Luft herum. Elfisches Blut beschmiert auf der Klinge. „Vielleicht der Barte eines Zwergen?“ Ein abschreckender Schritt in Richtung einer kleinen, stämmigen Person, vom Haupte bis zu den breiten Füssen mit Dreck verkrustet. Er schrickt zurück, die kurzen Arme vor sein Gesicht reissend. Ein kurzes Lachen der Wache, ehe er beschwingt der Reihe, gebildet aus dem Schmutz der Anwesenden, entlang schreitet. Das wohlige Gefühl sadistischen Geniessens in der Brust mit sich tragend, welches er schon, weit weg vom Status und dem hiesigen Ansehen eines Söldners als kleiner Junge empfand, wenn er spielerisch mit einem Stein aus Ila’s Garten Insekten zermahlte. „Oder doch noch ein Öhrchen eines weiteren Elfen?“ Das fletschende Grinsen auf seinen Lippen verzerrt die ansonsten als ungemein wohlklingend geltende endophalische Sprache und seine Schritte versiegen im Schatten eines Mannes, ebenfalls eingereiht. Hühner auf der Stange, abwartend bis ihnen der Kopf abgehackt wird. Eine überaus grosse und breite Gestalt, ihren kahl geschorenen Kopf in Leid gesenkt und die grossen Hände, Bärenpranken gleich, im Saum seiner Hose verkrallt. Ein winziger roter Vogel sitzt unbekümmert auf der Schulter des Grossen, pfeift sorglos vor sich hin. „Oder das Herz eines gutmütigen Riesen.“ Die Dolchesspitze findet ihren Weg zur, sich im regelmässigen Tonus hebende und senkende, Brust des Eingereihten. „Was meinst du Omar, Rächer der Leidenden, wie lange würdest du es aushalten? Wie viele Ohren würden den Boden treffen bevor du mit deiner rechten Hand meinen Schädel zerdrückst?“ Der Druck der Klinge nimmt zu. „Doch nein, was denke ich, ich werde alt, dass ich deine Schwachstelle nicht erkenne.“ Wieder gibt das Grinsen der Wache ihre gelb-braunen, teils ausgefallenen Zähne frei, ehe seine Hand blitzschnell vorfährt, sich um den flatternden Körper des Vogels legt. Rote Federchen schweben mit einer unbändigen Ruhe zu Boden, eine Ruhe welche nicht in das hektische, gequälte Bild dieser Insel, dem Eiland der Verbrecher und Sklaven, passen mag. „Nein!“ Auf das leise Knacken des Vogelgenicks greift die riesenhafte Gestalt vor, wird jedoch von einigen weiteren Anwesenden zurück gehalten. „Vogel war Omars Freund, Vogel war Omars bester Freund!“ Als die abendliche Glocke ihr schepperndes Geräusch über die Insel jagt, finden sich alle Häftlinge, alle geschundenen Körper wieder in ihren Zwinger-grossen Einzelzellen ein. Während der stillen Nacht haben sie genügend Zeit um über ihre Taten, das Vergangene zu sinnieren. Was erleichternd klingen mag, ist aber nichts weiter als eine weitere Art der Folter, denn gerade in der ruhigen Zeit legt sich der stinkende Geruch von Reue und Hoffnungslosigkeit über jene, welche wohl nie wieder einen Fuss auf das Festland setzen werden. So kam es in der tristen Vergangenheit oft vor, dass sich bis zu einem Viertel der Insassen in einer Nacht das Leben nahm. „Neuer Platz für neue Verbrecher“, erklang es an den Morgen danach aus der Kehle eines Wächters. Omar, der Riese, kauert sich in eine der vier Ecken. Fahl fällt das Licht der Monde durchs vergitterte Fenster und wirft einen viereckigen Lichtkegel auf den Boden der engen Zelle, jener Schein der falsche Freiheit vorgaukelt. Sorgsam schlägt er das Stück Stoff um den kleinen verdrehten Vogelkörper und zurrt ihn mit einem wolkengrauen Faden, beides entwendet aus der ansässigen Schneiderei, die durch die weiblichen Häftlinge betrieben wird, zusammen. Tränen stehen dem rauen Mann in den Augen, welche er sogleich mit seinem Handrücken weg wischt und sich erhebt. „Du nehmen kleinen Freund von Omar zu dir, Macht von Wind, ja? Und schauen ihm gut, weil Omar das hier nicht kann. Hier sind alle böse und sagen gemeine Sachen. Aber du, Wind, du seien gut, du pfeifen in der Nacht durch die Gänge und tönen wie singende Frau und tröstest Omar. Mach’s gut, kleiner Freund.“ Die grossen starken Hände, mühselig zwischen den Gitterstäben hindurch gewunden, lassen das kleine Bündel los. Und als der nächste Tag einbricht, die Häftlinge mit einer unwürdigen Tagesration an Nahrung versorgt wurden, nimmt das tägliche Treiben seinen Lauf. Schläge, Pein, Qualen und knochenharte Arbeit im nahen Steinbruch, den Werften und Schiffsanlegestellen. Der strukturierte Tagesablauf, bestimmt durch den Klang der Glocke, soll den Verbrechern und Sklaven keinerlei Möglichkeit bieten untereinander Beziehungen, welche den Alltag wohl um einiges angenehmer gestalten würde, zu knüpfen. Einer der sich immer und immer wiederholenden Punkte war der abendliche Appell. Und so stellen sie sich, nach einem weiteren aussichtslosen Tage, egal welcher Herkunft und Rasse in die gefürchtete Reihe ein. Der Dreck auf der Haut vereint, daran konnten noch nicht einmal die Schwerter und Dolche der Wachen etwas ändern. Der sadistische Wachmann in rehbrauner Rüste hat sich für heute einen kleinen endophalischen Jungen für seine Schikanen ausgesucht. Wohl ein Taschendieb oder Äpfelklauer. Und so kommt es, dass keinem ausser Omar die kleine, flauschige rote Feder auffällt, welche in schwankenden Bewegungen vom leeren, grauen Himmel danieder schwebt, die Ruhe Tares mit sich tragend und schlussendlich auf seiner breiten Schulter landend. Erst als der Schrei eines Falken an ihre Ohren hallt, wenden alle ihren Blick in Richtung der sich auftürmenden, hohen Wolken. In weiter Ferne zeichnet sich ein schwarzer, sich bewegender Schatten ab. Tausende von Vögel, kleine rote, grosse, mit geschwungenen und geraden Schnäbeln, in allen Farben schimmernden Federkleidern, Falken, Finken setzen in fallendem Fluge auf die Insel an. Der Wind frischt auf und in weiter ferne erklingt der liebliche Gesang einer Frau. Lächelnd löst sich Omar aus der Reihe der Hoffnungslosen. „Du schauen, Wachmann, da kommen Freunde von kleiner Vogel.“


Zuletzt geändert von Illis: 20.04.05, 14:35, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 20.04.05, 14:34 
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Der Sternengucker von Rohin
„Binjamin al Jamaleno, mit dem heutigen Tage entbinde ich euch der Pflichten und Rechte eines Forschenden an der Scuola de Lur. Eure Theorien und fehlleitende Erkenntnisse sind eine Gefahr für die Ausbildung der Schülerschaft. Ich möchte das Wort „Hexerei“ nicht in den Mund nehmen. Euer Lehrpatent, Binjamin al Jamaleno, sei nichtig.“ Das unterstützende Ratschen des gesiegelten Pergaments, in zwei säuberliche Teile zerrissen, erfüllt den mit zahlreichen Säulen und Torbögen angereicherten Raum. Regale, über und über voll gestopft mit dem Wissen der Wüsten säumen die Halle, lassen sie stickig wirken und bieten ausreichend Nährboden für Staub welcher, ob des ein und austretenden Lebens durch die höfische zweiflügelige Tür, in Felas Lichte aufgeregt tänzelt. Sie waren alle erschienen. Brachte den Rat der Lehrerschaft normalerweise nur wenig dazu sich miteinander an den runden Tische aus feinstem Mahagoni zu setzen, so schien jedoch das Scheitern und der Fall einer ihrer Kollegen Anlass genug zu sein, sei es nur um die heimliche Schadenfreude zu stillen. „Geht nach Hause, Sternengucker.“ Der hagere Mann mittleren Alters, stehend vor dem Plenum aus starren Blicken, rückt sich sein Monokel zurecht, ein Erbstücke seines Vaters, und verlässt, geneigten Hauptes den Raum, die Schule, den Stadtteil Rohins. Die Tür seines Häuschens, ausserhalb des grossen Trubels und dem Lärm der Söldner, Pilger und Marktschreier, knarrt in bekannt klingendem Tone. Sei auch auf sonst nichts mehr verlass, das Knarren sei beständig wie die brütende Hitze welche schwerfällig über der Sharra-Wüste liegt. Die herrischen, aufstrebenden Sanjari Berge im Nacken seines Heimes, scheinen jenem eine gewisse Ruhe zu verleihen. Ruhe die Binjamin zu diesem Zeitpunkt nicht gebrauchen kann. Hastig wühlen seine, ob der täglichen Arbeit mit Federkiel und Papier, unverbrauchten Hände in den Schubladen und Schränken, verteilen deren Inhalt grosszügig und lautstark im ganzen Raume. Welch Erleichterung als sich seine Finger endlich um die Flasche, stehend im hintersten Eck einer alten, modrigen Seemannskiste, legen. Hochprozentiger, einst, in fernen, glücklichen Zeiten von einem Zwergen erworben, für welchen Rohin, wie für viele nur ein weiterer unbedeutender Punkt auf der Reise nach Galadon darstellte, Er trinkt und die ölige, brennende Flüssigkeit kriecht ätzend seinen Hals hinab. Seine Existenz, seine Forschungen liegen vor ihm, in wildem durcheinander, handgezeichnete Sternenkarten, Abhandlungen, Modelle und als vor seinem Fenster langsam und unbemerkt die Nacht ihre Schatten über das Land wirft, sinniert Binjamin über das Gewesene und Verlorene. Erst spät scheint ihn die Eingebung zu treffen wie der Kriegshammer eines Orken den Kopf seines Gegners. Schwankend durchquert er das Zimmer, den Restfusel über die Pergamentstücke verteilend, Wände und Boden benetzend. Der beissende Geruch von billigem Alkohol breitet sich sofort aus, kriecht in jede Ecke, dringt vor in noch so kleine Ritzen und Spalten. „Alles Unsinn! Alles kaputt! Ich will ja nicht das Wort „Hexer“ in den Mund nehmen.“ Gestik und Mimik des Mannes scheinen unkontrolliert und übertrieben als er lallend die Worte des Schulleiters nachahmt und gleichzeitig nach der Laterne, deren schummriges Licht lebendige, schemenhafte Kreaturen an die Decke zaubert, greift. „Sternengucker.“ Einhalt gebietend und auf eine merkwürdige Art und Weise dumpf dringt die Stimme vom Eingang her in den Gehörgang des Unglücklichen. Eine grosse, in weite graue Tücher gekleidete Gestalt lehnt am Türrahmen, bis auf die Hände und die Augenpartie von den wallenden Stoffen verhüllt. „Komm mit mir.“ Ein kurzer Deut seines Kopfes ins Freie und nicht wissend um dessen Absichten, stellt Binjamin, geführt von zitternder Hand, die Lampe zur Seite und folgt ihm. „Die Tür, werter Herr, weshalb hat sie nicht geknarrt als ihr..“ Der sternenklare Himmel, welcher den Forscher empfängt, entbehrt ihn weiterer Worte. „Als Lügner hat man dich bezeichnet, nicht wahr? Als Scharlatan und Ungläubiger.“ Der Unbekannte, dessen Augen auf eine fremdartige Art an silbernes Glas erinnern, macht einen Schritt auf ihn zu und greift, ohne Gegenwehr des Betrunkenen in seine Westentasche, das golden umrahmte Monokel hervor ziehend. So man annehmen müsste, dass das Geräusche der Dolchspitze, eben gezogen vom Grauen, auf dem verstärkten Glas des Einauges, ein jedem einen kalten Schauer über den Rücken hätt’ jagen sollen, so überrascht die Geräuschlosigkeit desselben wohl umso mehr, als er geübter Hand feine, netzartige Linien ins Monokel ritzt. „Was wäre, wenn ich dir sage, dass du nicht Unrecht hattest, dass deine Gedanken, welche dich deine Existenz kosteten, nicht leere Phrasen sind. Was, wenn du die Tragweite des Ganzen noch nicht erkannt hast?“ Federnd die Schritte des Unbekannten an die Seite des regungslosen Forschers. „Komm mit mir, Binjamin, und ich zeige dir die wahre Pracht der Sterne.“ Und als er dem Manne das Monokel an sein rechtes Auge hält, brechen sich die Lichter des Himmelszeltes tausendfach an den feinen eingeritzten Linien, durchfluten seine Sinne und lassen ihn für einige Augenblicke, bis zum nächsten Wimpernschlage, das Gefühl von Glückseeligkeit erfahren.


Zuletzt geändert von Illis: 23.04.05, 20:56, insgesamt 1-mal geändert.

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Käfer
Jahre verstreichen mit einer Stetigkeit derer sich kein Geschöpfe Tares zu widersetzen weiss und so man es ihr nicht anmerkt, die Wüste in ihrer rohen und wilden Schönheit verändert sich unablässig. Eine Schicht Sand wird über die andere getragen, bedeckt Knochen von verendeten Tieren und Menschen und lässt jene in Vergessenheit geraten. Das Leben ist ein seltsames Spiel, abgehalten auf der Bühne der Welt und gesäumt von Zuschauern, applaudierend, sich angewidert abdrehend, fröhlich lachend und aus tiefsten Herzen weinend, Menschen denen wir auf der Strasse nichts weiter als ein kühles Nicken entgegenbrachten und solche ohne deren Anwesenheit uns eine Existenz nicht mehr möglich erscheint. Und so stellt sich drängend, stechend gar, die Frage nach einer Fortsetzung, einem zweiten Theaterstücke welches, nachdem Rha seinen schwarzen wallenden Mantel über unser Dasein gelegt hat, an das vorhergehende anknüpft. Zwei feuerrote Punkte hatte der olivgrüne Käfer auf seinem Rücken. Sein krabbelnder Gang, über den rötlichen Felsen hinweg wird genauestens von einem dunklen, aufmerksamen Augenpaar begleitet und gerade als sich das kleine Insekt in Sicherheit wiegt, fährt der kleine Stein, geführt von mädchenhafter Hand, zermalmend auf ihn hinab. Ausgelöscht sind die Träume von saftigem Grün und endlosen Wiesen. Sie verteilen sich in einem kleinen Fleck ockerfarbenen, stinkenden Blutes, von der Hitze, welche hier, auf dem Plateau des Igr-Tashadi noch drückender zu brennen scheint, schnell eingetrocknet und nach einiger Zeit vom Felsen selbst nicht mehr zu unterscheiden. „Zafira! Zeige Respekt und komm her!“ Die zischend grelle Stimme einer Frau aus der Menge der Anwesenden, in ihrem Trott aus gesenkten Köpfen und Trauer, umkreisend den aufgebahrten Körper der alten Schamanin, löst das kleine Mädchen den Griff um den besudelten Stein. Dumpf fällt dieser zu Boden, wenig staubiger Sand quillt ob des Einschlages empor, gebärt sich in seiner schimmernden Schönheit und sinkt sogleich wieder an seinen rechtmässigen Platze zurück. Jenes wandernde Volk hat sich, in der Folge der kompletten Zerstörung ihrer Zeltstadt durch den nächtlichen Sturm vor einigen Jahresläufen, am Fusse des Berges niedergelassen im festen Glauben daran, dass solch eine Katastrophe kein zweites Mal denselben Ort aufsuchen wird. Nun war die Gemeinschaft, jene grosse Familie, auf den Igr gestiegen, an jenen bekannten Platze an dem die alte Schamanin die Macht des Schicksales um Rat zu bitten pflegte, um mit jenem ihr Volk zu leiten und zu lenken. Hier solle ihr Geist die Ruhe finden die ihm gebührt. Sorgsam wurden schon am Tage zuvor kleine Bürdelchen aus trockenen Zweigen der zahlreich vorkommenden Kapernsträuchern gebunden und entlang der steilen Klippe platziert. Nun, erstmal entzündet, verbreiten die fahlgrauen Rauchsäulen, gen’ blauen Himmel steigend, einen würzigen, herben Duft, kitzelnd so manch Nasenflügel. Jener Geruch soll ihrem Geiste den Weg durch Rha’s Dunkelheit weisen und ihr den Übergang erleichtern, so besagen es Weisheiten und Erzählungen. „Zafira, du ungehorsames Balg!" Bellend schallt ihr die Stimme wieder entgegen und lässt das Mädchen hastig auffahren. Den leblosen, zermatschten Käfer nur noch von den Augenrändern aus begutachtend, klopfen ihre kleinen Händchen besorgt über ihr wohl ehemals weisses Kleid. „Sollen Omar dir helfen?“ Die tiefe, unerwartete Stimme des riesenhaften Mannes scheint ihr für jenen Moment des Schreckens den Atem zu rauben und als sie sich leicht zur Seite beugt, an ihm vorbei lugt, erkennt Zafira weitere unbekannte Gestalten, sich mehr oder minder mühselig den steilen Aufstieg hoch kämpfend. Eine zierliche Frau, ein in graue Tücher gehüllter Mann welcher jener helfend seine Hand entgegen streckt, wohl ein Gelehrter mit einem kaputten Monokel auf dem rechten Auge und jener Herr vor ihr, welcher einen Schatten in der Grösse eines emporgewachsenen Zypressenbaumes über Zafira zu werfen scheint und ihr so, ungewollt ein wenig Kühle spendet. Er lässt sich vor ihr auf die Knie nieder, ein warmherziges Lächeln auf seinen angespitzten Lippen wie auch in seinen tiefblauen, gutmütigen Augen, ehe er aus tiefster Lunge Luft zu entwenden scheint und die Kleine sanft anpustet. Ungehörten Stimmen gehorchen lässt der Staub von ihrem Gewand ab und wird vom Hauche des Riesen fort getragen. Die Vier sammeln sich um sie und der in graue Tücher gehüllte, jener dessen Schritte weder sicht- noch hörbar sind erhebt seine vertrauensvolle, durch die schweren Stoffe abgedämpfte Stimme. „Zafira, Zögling der Yathima. Kind des Sturmes. Wir sind hier um ein Versprechen einzulösen.“ Ungehalten und in den höchsten Tönen zwitschernd flattert ein kleiner roter Vogel den Felsvorsprung hoch, dreht mit weit ausgestreckten Flügeln einen Kreis über den abseits der Trauerfeierlichkeiten Stehenden und lässt sich schliesslich auf Omars Schulter nieder. Das Leben, sei es nun Abenteuer oder nur die Last Freud wie Leid immer und immer wieder zu erleben? Eines sei sicher, der seidene, tiefrote Vorhang dieses Theaterstückes des Seins wird niemals fallen. Figuren verlassen die Bühne, neue kommen hinzu und fügen sich nahtlos in die Handlung ein, werden zu einem Teil der Geschichte und schlagen neue Kapitel auf. Wie verlockend, wie lieblich die Stimme der Unvernunft diesen Umstand doch besingt, zur Nachlässigkeit und Selbstverständlichkeit verführt. Doch sei gesagt, dass auch der kleinste und am schwächsten wirkende Pol grössere Wellen zu schlagen vermag als den meisten lieb sei. So sei es egal, ob er von den Hufen eines wilden Pferdes oder dem Stein, geführt von der Hand der eigenen Tochter zerquetscht wird, denn der Käfer wird weiterleben, versteckt in den Fugen zwischen den Brettern der Bühne.


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Altratler
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Über den Dächern von As-Ashrun
„Was ich nun erzähle ist keine einfache Geschichte sondern eine wahre Begebenheit die vor langer Zeit statt fand und deren Wichtigkeit in meinem Leben nicht zu unterschätzen ist.“

Der Herr mittleren Alters mit fahlem, eindeutig galadonischem Gesicht, geprägt von einem rehbraunen, melierten Barte an dessen Haaren ein jedes seiner Lebensjahre einzeln hätte abgezählt werden können, hebt seinen eigenen Worten Ausdruck verleihend, schulmeisterlich seinen Zeigefinger empor. Ein Raunen kriecht, einem Lauffeuer gleich, sich fressend über die Steppen der letzten Ausläufer der Njari-Wüste, durch die Menge der kleinen Kinder, sitzend im Kreise um den, nach billigem Fusel und dem unverkennbaren süsslichen Dufte von Nachtschatten umwehten, Zausel herum. Ihm jedes noch so kleine Worte von den Lippen klauend.

„So begab es sich vor etwa 40 Jahren, dass ich mich auf den Weg von meiner Heimatstadt Librasulus nach Norden machte und dabei das Reich der Khalandrier, Khalandra, durchquerte. Damals war ich noch jung und kräftig und konnte tagelang laufen ohne zu ermüden oder zu essen und mit wenigen Sätzen konnte ich einen ganzen Berg überspringen.“

Während des Alten Gedanken von Bergspitze zu Bergspitze hüpft, die Phantasie der Kinder sich empor schwingt, weit über die Grenzen As-Ashruns, ja selbst die Grenzen Tares hinaus entgleitet, sich in den farbigsten Bildern sammelt und wieder auf sie hernieder regnet, so findet das rege, alltägliche Leben auf dem Markte seinen Lauf. Von den flachen Dächern aus, getüncht ins silberne Licht des Wüstenmorgens, lässt sich ein Mosaik aus Leben überblicken. Marktschreier, preisend ihre Ware in den höchsten Tönen, verkaufend Gut und Seele. Trickspieler, deren gezinkten Karten so manch leichtgläubigen Geist dazu verleiten sein letztes Hemdlein zu setzen. Eine Gruppe aus Männern und wenigen Frauen in weiten geschmückten Gewändern, den gepflasterten, sandfarbenen Platz mit ihren exotischen Klängen der Flöte, ausgehöhlten Schlaginstrumenten und mit Tierfellen bezogenen Trommeln überflutend. Früchte in den verschiedensten Formen, von zuckersüssen bis zu jenen bitteren, welche das Blut in den Adern des Verzehrenden erbeben lässt, türmen sich zu kunstvollen Bauten auf den Auslagen der Stände auf, reihen sich ein in das endlose Angebot aus Fischen, frisch abgehangenem Fleisch, Schuhwerk, Kleidung und Alltäglichkeiten, denen die meisten mit einer ungeheuren Selbstverständlichkeit frönen. Weit über dem Geschehen, auf dem Dach eines verfallenen Wohnhauses, herrscht Stille, die ungewohnte Seite einer bewohnten Stadt, fünf Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, umfassend. Keine Rufe, keine hunderten Stimmen, angehäuft zu einem einzigen lautstarken Raunen dringt zu ihnen.

„Jedenfalls trug es sich zu, dass ich gerade durch ein schmales Tal marschierte und auf einmal hinter mir das laute Jaulen eines gar abscheulichen Wesens hörte. Dank meines Meisters hatte ich damals schon eine gute Ausbildung so erkannte ich das Jaulen sogleich, denn es handelte sich um das einmalige Geräusch das nur ein endophalisches Riesenwiesel auf der Jagd macht. Ich fuhr herum, richtete meinen Blick in die Ferne und sah ein ganzes Rudel jener Wesen den Hang hinunterstürmen, jedes größer als ein Pferd mit einem Gebiss so groß wie das eines Bären und einem Mundgeruch der selbst einem Troll das Wasser reichen kann. Ich wandte mich um und begann zu rennen, doch war mir sogleich klar, dass ich diese Kreaturen niemals abhängen konnte.“

Schmucklos sei das Dach auf welchem Zafira, Ila Jai, Omar, Binjamin und der Graue, weiterhin durch die undurchdringlichen Tücher verhüllte Manne, im Kreis Platz genommen haben. In As-Ashrun findet ein Grossteil des alltäglichen Seins, nebst dem erledigen der Marktgeschäfte, auf den Flachdächern der Stadt statt. Umso karger wirkt dieses auf welchem die Fünfe sitzen, Tonscherben grosszügig verteilt und ein zerrissener, in Fetzen hangender Baldachin seien die einzigen, welche dem entscheidenden Gespräche hätten lauschen können. „Viele von euch folgten mir, die einen schon seit Jahren, ohne zu wissen wer ich bin und wohin diese Reise euch geleiten mag“, des Verhüllten Stimme dringt dumpf durchs dichte Gewebe der Gewänder, „Was wäre, meine Kinder, wenn die Reise erst hier, zu diesem Zeitpunkt an dem wir alle vereint seien, beginnt? Was wäre wenn euch deren Ziel weiter verborgen bleibt?“ Seine silbernen, glasigen Augen wandern über die Sitzenden hinweg, vom kleinen Mädchen auf zum Riesen, abfallend, um sich in des Monokels Glas des Gelehrten zu spiegeln, bis hin zur schönen jungen Frau, deren Blick auf die rissigen Platten des Bodens gerichtet ist. „Hier, am Anbeginn von künftigen Erfahrungen, dem Anbeginn eurer Zeit lasse ich euch die Wahl zu bleiben, zurückzukehren, oder weiter in meinen Fussabdrücken im Sand zu wandeln.“

„So wandte ich mich im Rennen um und warf einen schnellen Zauber hinter mich, schuf eine Illusion eines gewaltigen Bären der sich den Wieseln entgegen warf, während ich versuchte mehr Vorsprung zu gewinnen. Zu meinem Entsetzen verschlang eines der Wesen die Illusion mit einem Haps, so hatte ich kaum Zeit gewonnen sondern vielmehr von meiner Kraft verloren. Ich rannte einen Hang hinauf, die Wiesel noch immer hinter mir, ich konnte schon ihren stinkenden Atem in meinem Nacken spüren als ich meine Rettung vor Augen sah. Südkhalandrische Zuckerbäume. Meine einzige Chance zu entkommen und ich wusste es. So rannte ich schnell, erklomm einen der Bäume und ließ mich von einem der Äste hinabhängen.“

Kein Zucken durchläuft ihre Körper, kein Anzeichen dafür, dass sich die ihre Gesinnung zum Unbekannten geändert hätte. Sie kannten ihn nicht, doch wussten sie, spürten sie in ihren Seelen, geflüstert von den unhörbaren Stimmen ihrer Ahnen, dass sie ihm Folgen mussten, dass dies die Reise ihres mehr oder minder langen Lebens sei. Ein Nicken lässt die dunkle Hand des Grauen in eine der zahlreichen, mit grobem Stiche aufgenähten Taschen seiner Robe fahren und eine Feder hervor ziehen. Schimmernd im frühen Schein Felas, kann man das prächtige Kleid des Vogels der sie einst trug nur erahnen. In tiefsten Türkis- und Blautönen bricht sich das erste Licht des Tages in ihren samtenen Konturen. Bedächtig, ja geniessend gar, leg er sie in die Mitte des Kreises der Anwesenden.

„Man muss dazu wissen, dass endophalische Riesenwiesel in Südkhalandra alles fressen, mit einer Ausnahme und das waren die Früchte des Südkhalandrischen Zuckerbaumes, die in ihrer Form einer großen Erdbeere nicht unähnlich, eine rostrote Farbe haben und während ihres Reifevorganges ein Geräusch von sich geben das man am besten mit einem lang gezogenen kehligen "rrrrrr" vergleicht. Mein Hemd war und ist zufälligerweise genau in der Farbe jener Früchte gehalten und so hing ich mich an den Ast und imitierte das Geräusch der wachsenden Früchte um mich herum während die Wiesel immer näher kamen. Angstschweiß rann mein Gesicht hinab, denn sollte meine List misslingen würde ich wohl als Abendessen für diese Biester enden. Man muss wissen, dass endophalische Riesenwiesel nicht besonders gut sehen können.“

„So soll es sein, die Gemeinschaft des Windes sei gegründet und die Feder soll uns den Weg weisen“, auf des Vermummten Worte hin erhebt sich das türkisblaue Federlein behäbig aus seinem steinernen Bette, um nach einigen Momenten des beschwingten Tanzes, begleitet von den rhythmischen, belebenden Klängen der Trommeln und Flöten, weit unten auf dem Markte, über die Grenze As-Ashruns hinaus zu schweben.

„Nun, jedenfalls waren die Tiere direkt vor mir und rannten vorbei. Bis auf eines, jenes, das meine Illusion gefressen hatte, welche genau genommen ja nur Luft war. Es stand vor mir und schnupperte und zog meinen Geruch in seine gierige Nase und ich konnte nur mit Mühe das Geräusch aufrechterhalten. Doch dann öffnete es sein gewaltiges Maul, groß genug um ein kleines Kind mit einem Bissen zu verschlingen und ich machte meinen Frieden mit der Welt als ein unglaublicher Schwall heißer, stinkender Luft aus seiner Kehle hinaufkam, ein Rülpser so gewaltig das niemand es nachvollziehen kann. Doch als ich wieder zu mir kam lag ich viele Tagesmärsche weiter nördlich in einer Schneewehe nahe des Norlandes.“

„Toran Dur?“ Die dominante Stimme der weiblichen Wache in ihrer klirrenden, goldbesetzten und mit blutrotem Stoffe geschmückte Uniform, schlägt keifend zum Bärtigen vor. Schnell, in wohl unguter Vorahnung, rappeln sich die Kinderlein auf und bevor die Speerträgerin ihre Lippen zum nächsten Worte anspitzen kann, verschwinden sie, eine Geschichte reicher, in alle möglichen Richtungen. Der gesamte Markte scheint seinen Atem anzuhalten, die unzähligen Augen einzig und alleine auf den galadonischen Fremden gerichtet. „Toran Dur, Falschspieler, Geniesser von Nachtschatten und Äpfelklauer?“ Hakt die Bewaffnete nach, den sich erhebenden Geschichtenerzähler aus Augen betrachtend, welche wohl im Gesichte eines Jägersmannes auf der Pirsch besser aufgehoben wären. „Ich muss doch bitten, Gnädigste“, Der Angesprochene zupft sich in höfischer Gestik sein zerknittertes Hemd zurecht, die Nase wissend empor gestreckt. „Ich bin Toran Dur, Magier und…“ Er winkelt sein rechtes Beine an, „immer noch schnell wie eh und je.“ So rennt er los, den Bart wehend zu allen Seiten in die Windrichtung verteilt. Und bei alle dem Trubel, dem Gerufe und Gefluche, verlassen fünf schemenhafte Figuren, gekommen von den Dächern, die Stadt durch das prunkvolle Westtor, einer Reise entgegen, deren Ungewissheit an ihren Nerven zehren wird, einer Bestimmung die sie an den Rande ihrer selbst tragen kann, einen Weg beschreitend, von den unterschiedlichsten Geschöpfen gekreuzt, und sei es nur ein alter Gossenmagier aus Librasulus. Der erste Schritt sei vollbrach, die Feder fliegt und weit, weit fort knurren einsam einige Zuckerbaumfrüchte vor sich hin, reifend und gedeihend im Wissen um das Bevorstehende.

Danke an Hagen für die Unterstützung. ;)


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BeitragVerfasst: 27.04.05, 21:23 
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Das Tal der Irrlichter
Von As-Ashrun nach Kanath

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Während sich die Schemen As-Ashruns am dunstigen Horizonte langsam im Flimmern der backenden Luft auflösen, breitet sich vor der Gemeinschaft der endlose Verlauf des Tschadis aus. Schritt für Schritt schleppen sich Zafira, Ila Jai, Omar, Binjamin und der Graue voran, begleitet vom, an manchen Stellen, sanften Plätschern oder tosenden Rauschen des Flusses. Blendend Grün sei das Gras dem Wasser entlang, genährt vom feuchten Schlack, welcher während längerer Regenzeiten vom Fluss in die Überschwemmungsebene getragen wurde. Trocken-fruchtbare Erde, welche an besonders vorteilhaften Stellen den einen oder anderen Städter dazu bewog die heimischen Mauern abzubrechen und sich hier ein kleines, spärliches Gehöft zu erstellen um sich in Bescheidenheit zu üben und ein, zwei Felder zu bewirtschaften. So waten sie über den weichen, warmen Boden, gehüllt in mehrere Schichten von Kleidern welche ob ihres dichten Gewebes zumindest ihrer dunklen Haut ein wenig Kühle schenken. Bis zu jenem Moment der allen die zurück in die Lungen zu pressen scheint. Vor ihnen öffnet sich eine Oase aus saftigem Grün, ungewohnt und brennend beinahe in den Augen. Das malerische Tal in welchem die Flüsse Tschadi und Nyr, deren Ströme sich an vielen Stellen zu weiteren Rinnsalen aufbrechen und über atemberaubende, höhere wie tiefere, Wasserfälle wieder an einem Ort gesammelt werden, zusammen finden. Eine prachtvolle, lebende Landschaft, deren gesunde Wiesen übergehen in emporgewachsene stolze Palmen und knorrige Akazien. Am Eingang des muldenartigen Tales haben sich einige Endophali nieder gelassen, sich ein Heim aus Holz erbaut, teils auf Stelzen, um noch mehr vom wunderbaren Ausblick über jenes Fleckchen perfekte Natur zu erhaschen. So auch der Besitzer jener kleinen, lauschigen Gaststätte, welche er treffend „Zur Singenden Frau“ nennt. „Seid willkommen, Reisende!“ Der dickliche Schankwirt streckt seine kurzen, haarigen Arme begrüssend und präsentierend zugleich zur Seite aus und stellt sich mit dem Namen Basil, der Empfangende, vor. „Omar haben grosses Durst! Omar brauchen Kübel voll mit.. mit.. wie heissen?“ Des Wirtes dicker Oberlippenschnäuzer zuckt lächelnd empor, dessen rundes Gesicht nur noch mehr in die breite ziehend. „Du meinst Bier, grosser Freund?“ Nur schwerlich presst sich der Riese zwischen Bank und Tisch, jenen grossen, mit diversen Schnitzereien und Gravuren derer versehen, die dieses Tal schon durchquerten. „Nein.. Nein.. Omar meinen.. meinen..“ Mit einem bestätigenden, berstenden Schlage der grossen Faust auf die Tischplatte, lässt er sich nieder. Binjamin, seines Zeichens rank und schlank, am anderen Ende des Bankes sitzend ob des eigenen Gewichts leicht in die Höhe hebelnd. „Omar wollen eine Eimer Ziegenmilch.“ „Für mich bitte nur ein Gläslein gut gegärten Wein, bitte sehr“, der Gelehrte rückt sich sein Einauge zurecht und zeigt wohl sichtliche Mühe das Gegengewicht zu Omar zu halten. „Anath Kunra, ein wahrlich beschauliches Plätzchen hier, werter Herr, das Geräusche der Wasserfälle dringe sogar bis hier hinein.“ Mit jenen merkwürdig monotonen Worten tritt der Graue vor, der Antwort Basils lauschend. „Der Schein trügt und wie er trügt. Was meint ihr, liebe Gäste, weshalb sich hier trotz der Schönheit der Natur nur wenige niederlassen? Viele sah ich kommen und gehen. Oder kommen und…“ Der Schankwirt beugt sich leicht über den Tischrand hinweg, sich ihrer Blicke bewusst und spricht mit leiser, gehauchter Stimme, „verschwunden.“ „Verschwunden?“ Ila Jai, deren Aufmerksamkeit eben noch den Bildern an der hölzernen Wand, entsprungen aus künstlerischer Hand, abbildend immer wieder das Gesichte derselben jungen Frau, zugewandt war, fährt erschrocken herum. „Hier bei uns erzähle man sich Geschichten von den Ruinen einer Stadt, weit unten, zwischen den Bäumen, geschützt von deren grünen Dächern und überwachsen mit dem seltsamsten Gestrüpp. Rundbauten, Säulengänge und tiefe Kammern aus bleichem Sandstein und feinstem Marmor. Man sage sich, dass sie Unmengen von Schätzen beherbergen, doch hütet euch! Denn was dort kreucht und fleucht sei noch gieriger und verschlagener als jeder dem nach Gold gelüstet. Geflügelte Löwen, Affen mit Skorpionschwänzen, das tödlichste Gift Endophals mit sich tragend.“ Des Rieses Adamsapfel hebt und senkt sich, ein zähes Schlucken den breiten Halse hinab zwingend. „Doch sei dies nichts im Vergleiche zu jenen, welche zwischen den Gesteinsruinen leben, herumkriechend, sich hangelnd von Baum zu Baum, Palme zu Palme. Kleine, schwarzhäutige, geschwinde Männer und Frauen mit dunklen, stechenden Augen und hellgrünen, verschlungenen Tätowierungen auf den Leibern. Natürlich sind das alles nur Erzählungen und Sagen, nicht das wir uns falsch verstehen.“ Wieder zuckt der leicht gekräuselte Schnäuzer des Schenkers empor. Die kleine Zafira drückt sich ob den düsteren Ausführungen des dicklichen Basils an Omars Seite, sich in ihr vergrabend und ihre kleinen Hände um den Saum seines grob verarbeiteten Hemdes krallend. „Sagt, werter Herr, habet ihr noch Zimmer frei?“ Des Grauen Stimme durchschneidet die schwerfällige, beunruhigende Stille. „Aber natürlich, ich werde sie euch herrichten.“ Wieder erfüllt Ruhe den Raum, das leise Wimmern der kleinen Zafira vermischt sich mit dem abgedämpften Rauschen der Wasserfälle, ins Grün des Tales hinab gleitend. Und von den Bildern an den Wänden starren sie, haufenweise, beunruhigend und stechend, die Augen einer jungen, unbekannten Frau. „Und was seien nun mit Omars Ziegenmilch in Eimer?“

Die Nacht legte sich über das Tal und zum Glücke einiger, verbrachte die Gemeinschaft ihren Schlaf in zwei spärlich ausgestatteten Zimmern. Ein Tischlein, ein Stuhl und ein Bett über welchem jeweils ein halbdurchsichtiges Netz, zum Schutze vor Mücken und Fliegen, nicht gerade selten anzutreffen am Rande jenes feuchten Waldes, hängt. Binjamin, eben noch in den unruhigen Tiefen Arums versunken, schrickt auf, schlägt das verschwitzte, weisse Leinentuch von seinem Körper und setzt sich an den etwas kühleren Rand der Bettstatt. Das blassblaue Licht der Monde drängt durch die mit, sich leicht wogenden, Vorhängen verdeckten Fenstern. Mit ihm eine Stimme. Dem Forscher wurde bewusst, dass er nicht ob des Schnarchens von Omar erwacht ist, welcher immer noch friedlich zu dösen scheint, auf der Oberlippe stolz einen Milchbart mit sich tragend, nein, es war jener Gesang einer Frau, leise und in seinen wunderbar klaren Tönen zu ihm dringend. Während Binjamins Hand langsam dem samtenen Stoff des Vorhanges entlang gleitet um ihn zur Seite zu schlagen, setzt er mit der anderen, schlaftrunken und unkoordiniert, sein Monokel auf. In eintönigem Blau liegt das Tal schlafend vor dem Haus, selbst die Wasserfälle scheinen des Fallens müde und plätschern dezent vor sich hin. Ein ruhiges Bild, bis auf einige weisse, leuchtende Lichtpunkte, wenige Fuss im Walde wild umher schwirrend, kreisend um die Palmstämme, neckend die tieferen, breiten Kronen der anderen Bäume. „Glühwürmchen?“ Entfleucht es ungläubig aus des Gelehrten Mund und wäre da nicht die betörende Frauenstimme, in höchsten Tönen und ohne Worte singend, würde er wohl zurück ins Bette schlüpfen, jenen Schlaf erhaltend, welchen er für die weitere anstrengende Reise gebraucht hätte. Doch so täppeln seine nackten Füsse lautlos die Stufen in den düsteren Tavernenraum hinab und hinaus in die schwülwarme Nacht. Feucht und träge liegt die Luft über dem Tale, dessen Boden nun in eine tiefe, undurchsichtbare Dunkelheit getaucht ist, verschwörerisch biegen sich die Wipfel der Bäume zum Spiele des Windes, hin und her. Binjamin, torkelnd, trunken gar, folgt dem Klange der Stimme in den Wald hinein, immer heller scheinen die Lichter, ungeduldig, lockend umherschwirrend, aufzuglimmen, bis sie sich, als verführerische Figur vor dem Forscher sammeln, abzeichnend einen Frauenkörper, dessen Reize und Wohlgeformtheit nicht zu übersehen sind. Und als sich die Lichtgestalt langsam zu ihm vorbeugt, mit ihren warmen Lippen seinen Hals liebkost, ihn umarmt, umschlingt, den Gesang direkt in sein Ohre säuselt, verlieren sich seine Sinne, das Gefühl für Leid und Freud, Schmerz und Wohltat. Er bemerkt nicht, wie sich seine Kehle langsam doch stetig zuschnürt.


Zuletzt geändert von Illis: 30.04.05, 23:07, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 30.04.05, 23:09 
Altratler
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Wenn der Ehefrau nach Rache gelüstet
Von As-Ashrun nach Kanath

Aufgeregt erklingt das schrille Pfeifen des kleinen roten Vogels, welcher sich, wild mit den Flügeln flatternd im fliessenden Vorhang verfangen hat. Omar, deutlich zu gross für das Bett und die noch kürzere Bettdecke, reisst seine geröteten Augen auf. „Kleines neues Freund, wo.. was du machen?“ Mit dem Knarren des sich dehnenden Holzes der Bettstatt, richtet sich die riesenhafte Gestalt auf, wischt sich mit der prankengrossen rechten Hand über die Oberlippe, die letzten Spuren der einst köstlichen, nun eingetrockneten Ziegenmilch entfernend. Das Vöglein, aufgeregt und unruhig hat sich inzwischen aus dem Gewirr des Stoffes befreit und auf der Fensterbank nieder gelassen. Ein Gähnen öffnet Omars schlundartigen Mund, wohl gross genug um ein Kleinkind zu verspeisen, und auf jene bekundete Müdigkeit hin folgen die Worte aus noch schlafender Kehle. „Wo seien Einauge? Wo seien Binjamin?“
Der kleine Pfeil dessen Ende aus verfransten, brüchigen Federn besteht verlässt mit einer unbändigen Geschwindigkeit das kunstvoll verzierte Blasrohr, schnellt vorbei an Geäst und Bäumen, ein lautstarkes Zischen hinter sich her ziehend. Doch als bestehe sie aus nichts weiter als Luft, durchschlägt das Geschoss, ein kleines Loch hinterlassend, die leuchtende Gestalt. Noch immer scheint sie den dürren Herrn mit ihren Lippen zu verwöhnen, gleiten sie doch über seinen ganzen Körper, willig und leise röchelnd ist Binjamin ihr erlegen. Das schnalzende Geräusch dutzender Zungen schallt durch den nahen Wald und mit ihm erscheinen kleine, schwarze Gestalten in den Baumkronen und kriechend zu Boden. So sie auch menschlicher Natur sein mögen erinnert ihr Verhalten, ihre Gestik und Mimik doch eher an ein Rudel Tiere, pirschend und schleichend, ihre Beute nicht mehr aus dem Blicke, entrinnend den winzigen Knopfaugen, lassend. „Binjamin!“ In die Länge gezogen sind Omars Schritte, den Weg hinab eilend und kurz darauf den Waldrand hinter sich lassend. Zwei der flinken Waldmenschen, deren prachtvolle Tätowierungen, über den ganzen Körper verlaufend, sogar noch im bläulichen Licht der Monde, alles in ihren Schein hüllend, grünlich schimmern, werfen sich dem Riesen in den Weg. Das aufgeregte Schnalzen ihrer Zungen beschwichtigend in die seine Richtung schmetternd. „Was ihr machen mit Omars Freund?“ Die tiefe, männliche Stimme nimmt gar einen schrillen Klang an, doch macht er keine weiteren Anstalten an ihnen vorbei zu gelangen, die Gutmütigkeit und Sanftheit die seine Person ausmachen verbitten es ihm. Seine Aufmerksamkeit folgt jenem Waldmenschen, ein Weiblein wohl, einzig und alleine durch die langen, fettigen Haare zu erkennen, welcher aus dem Dunkel des Waldes tritt, zwei Holzstöcke, winzige Zacken in deren Oberfläche geschnitzt, in den krallenartigen Händen haltend. Gebärdend und bedrohlich richtet sich ihr in etwa armlanger Körper auf, wohl soweit es ihr gekrümmtes Rückgrat zulässt, in aller Ruhe, einer Ruhe welche die anderen, wild umher hüpfend im Geäst der Akazien nicht zu besitzen scheinen. Das Geräusch von Tausend reibender und brechender Knochen erfüllt das Tal als die kleine Frau die beiden Stöcke aneinander reibt, sich die heraus geschnitzten Zähne ineinander verfangen und als ginge es der Lichtgestalt durch Mark und Bein, wandelt sich ihr lieblicher Gesang in einen grellen Aufschrei. Binjamins Körper fällt reglos zu Boden. Glühwürmchen, die Erscheinung, eben noch den aufreizenden Körper einer Frau nachbildend, zerfällt in viele leuchtende, umherschwirrende Punkte, welche nach einem kurzen Tanze über den Anwesenden im Schwarz des Waldes zwischen den Bäumen entschwinden.

„Wer war jene Frau, sprecht!“ Des Grauen Hand schnellt vor, legt sich unheilvoll um Basils, des Schankwirten, Hals. „Also gut, gut. Ich spreche ja.“ Kurz würgt er und verdreht seine Augen, auf dass nur noch ihr unschuldiges Weiss über bleibt. Der Vermummte lässt von ihm ab und setzt sich zu den anderen auf die Bank in der, mit einigen Kerzen beleuchteten, Taverne. Sanft streicht Ila Jai’s filigrane Hand über das melierte Haar des Forschers, welcher sich ob der Anstrengung und dem Mangel an Luft, auf Omars starken Schultern in die Gaststätte getragen, lang ausgestreckt auf dem Boden niedergelassen hat. „Nungut“, Basil räuspert sich, „wo fange ich an. Jene Frau.. Die Lichter.. Ihr Name war Cantara, wir waren weit über zwanzig Regenzeiten miteinander verheiratet, teilten Leid und Freud, zeugten ein halbes dutzend Kinder, welche heute über ganz Endophal verteilt leben. Es war eine laue, feuchte Nacht wie diese, als sie mich im Gästezimmer mit einer anderen erwischt hat.“ Des Wirten haarige Hand legt sich in dessen Nacken, Schamesröte belebt seine Wangen, saugt sich in jenen fest, einem Stück Stoff gleich, getaucht in den Farbzuber eines Schneiders. „Sie.. sie war nur eine unbedeutende Reisende. Am nächsten Tag ward sie wieder weg, doch meine Frau verliess das Haus schon früher. Ihr empörtes Geschrei weckte das gesamte Tal auf. Sie war.. nunja, sie war leidenschaftlich, das liebte ich an ihr. Das Feuer in ihren Augen, wenn sie sich für eine Sache begeistern konnte. Doch schien ihr jenes hitzige Gemüt in besagter Nacht den Verstand zu rauben. Sie rannte in den Wald noch bevor ich mich im Bette umdrehen konnte und von jenem Zeitpunkt an sah ich sie niemals wieder. Es verstrichen Zyklen, Wochen, bis zum ersten Male von einer Erscheinung berichtet wurde, lieblich und aufreizend gar, den Männern ihren Willen und ihr Leben nehmend. Ihr dürstet es nach Rache und ich weiss, egal wohin ich gehe, zu welcher Zeit ich wach bin oder in Arums Tiefen weile, sie wird mir folgen. Die Bürde eines alten Schankwirtes.“ Das erste Licht des Tages bricht sich an den verkrusteten, verschmierten Fenstern und durchflutet den Raum, über und über angereichert mit Bildern von Cantara und dem knarrenden Holz, sich in der aufkommenden Hitze dehnend. Der kleinen Zafiras Tritt gegen Basils Schienbein trifft jenen unerwartet. „Wenn ich deine Frau wäre, dann wäre ich auch böse auf dich!“ Und so sind es ihre kleinen Kinderbeine, die als erstes über die Türschwelle ins Freie rennen, gefolgt von der restlichen Gemeinschaft. Bei Tag wirken die Schatten, die Furcht und jeglicher Gedanke an die unheilvollen Sagen des Tals wie ein schlechter Witz aus dem Repertoire eines mittelprächtigen Dorfgauklers. Die Fünf folgen dem Pfad unter dem geschützten, grünen Dach der Blätter, geniessend die frische Luft, durchströmend ihre Körper, denn die Hitze lauert am anderen Ende der Flussmulde, dort wo sich der Sand zu wandernden Dünen aufbäumt und das Flimmern am Horizonte manch unwissendem Abenteurer das falsche Glück vorgaukelt. Als das Rauschen der Wasserfälle kaum mehr zu vernehmen ist und die erreichte Anhöhe den Blick über die grüne Tal-Oase freigibt, dreht sich Omar um. „Alles in Ordnung?“ Die liebliche Stimme Ila Jai’s dringt an des Riesen Ohr, ihre Hände umschliessen seinen stammartigen Arm. „Seien alles in Ordnung. Omar nur denken, dass man nicht alles Glauben soll was man so hört, denn vielleicht das was man als böse beschimpft gar nicht böse seien, sondern nur missverstanden und einsam.“ Der Hüne öffnet seinen Mund, winkelt die seine Zunge an, um ihr damit ein klackendes Geräusch zu entlocken und als sei es ein Echo, dringt ein schnalzender Chorus aus dem Tal zu ihnen empor. Der Riese lächelt. „Nun wir können gehen, Ila Jai.“


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Goldener Käfig - Rückblende
Von As-Ashrun nach Kanath

Entschlossen umschliesst ihre feingliedrige Hand den kalten, mit dem Abbild güldener Rosen verzierten Türknauf, ehe sie das Raunen unzähliger Stimmen umfasst und sie sich wieder zu jenen gesellt, welche mit gierig keifenden Mündern gekommen sind um die ihre Vermählung zu feiern, doch nichts anderes zu tun gedenken als sich an der reichhaltigen Kost zu laben. Die Hochzeit von Ila Jai, Mutter Schmetterling.

„Familie, Kunamei, jene welche weit her gereist seien oder nicht unweit hier in Kanath ihr Leben verbringen, es sei mir eine aussergewöhnliche Freude euch zu meiner Vermählung in meiner Nähe zu wissen.“ Ein Hund, gut erzogen und folgsam hätte wohl auf jene Worte und die Verlockung einer köstlichen Belohnung nicht gelehriger reagiert, wie die Hände der Gäste, welche ob der Worterhebung augenblicklich die schweren mit blutrotem Wein gefüllten Gläsern an deren Hals umfassen. Eine Spätlese aus einem Gut nahe Draconis. Die junge Braut, eben noch schwebend im nächtlichen Garten unter den blauen Mosaikkuppen Kanaths und über dem feinsäuberlich gepflegten Rasen, dessen Gräser jedes für sich stramm wie ein kleiner Soldat zu stehen scheint, eilt am Tisch mit den aufgehäuften Speisen vorbei und stellt sich neben den ihren künftigen Ehemann. Zerzaust ihr Haar, von Falten überseht ihr Kleid und in Gedanken den Worten des Grauen nachhängend, eines Unbekannten der sich dem Eindringen auf das Grundstück eines reichen Edelmannes hat erdreisten lassen. „Ich erkläre hiermit das Verteilen der Speisen für eröffnet.“ Einen scharfen Blick zur, in weisses Seide gehüllte Ila Jai werfend, klatscht der mit einem protzigen Anzug ausstaffierte Bräutigam in seine Hände, das Klimpern der Ringe an jenen angebracht erklingt durch den Raum. Wieselnd und folgend eilen Köche und Personal hinter einer Ecke hervor, greifen Töpfe und Pfannen vom vorbereiteten Tisch und beginnen galant die dampfenden Mahlzeiten auf den Tellern der Anwesenden zu drapieren. Alles muss die seine Richtigkeit haben, man wolle den Hausherrn an seinem besonderen Tage nicht in Misslaune bringen. Auch an den anderen Tagen nicht, um des eigenen Lebens willen. Und so liegen die gedünsteten Krabben neben der pürierten Wildbeerensauce, geschälte Kapern im richtigen Masse über den leicht gewürzten Artischockenherzen verteilt. Man hat zum Essen gerufen und zum Essen wird man folgen. Im Taumel des Genusses und der übersprudelnd intellektuellen Gesprächsthemen, welche dem einen oder anderen einen nicht unmerklichen Teil seines angeblichen Wissens widerlegen, wird die Braut von ihrem Gatten vom Stuhl empor gerissen und hinter jene Ecke gezerrt, derer kurz vorher die Angestellten entsprungen. „Wie siehst du aus!“ Ila Jai’s Rücken trifft unsanft auf das raue Mauerwerk, der Beistelltisch zu ihrer Linken und besonders die sich darauf befindende, bis ins kleinste Detail bemalte Vase geraten in bedrohliches Wanken. „Du willst meinen Namen besudeln? Wo warst du? In deinem Hochzeitskleid, welches mich ein Vermögen gekostet hat, den Garten umgraben? Was ist mit deinem Haar?“ Seine Hand greift vor, reisst das Blatt einer gelben Rose aus ihrem Wirrwarr an dunklen Locken, wirft jenes zerknüllt und mit einem angewiderten Ausdrucke, seine Lippen umspielend, zur Seite. „Du wirst mir den meinen Tag nicht mit deiner Einfältigkeit verderben, Weib!“ Sein Handrücken trifft zerschmetternd auf ihre Wange, die Ringe, Siegel von Familie, Ruhm und Ehre tragend, graben sich tief in Ila Jai’s Fleisch. Das Zerbrechen der Vase berstet schallend durch die grosse Vorhalle, die geschwungene, mit einem samtenen Teppich ausgelegte Treppe hinauf, in die Kammern der Bedienstenten und den nahen Speisesaal. Das Klirren der Gläser, Kratzen der Gabeln auf den Tellern, das angeregte Gemurmel verstummen und während er sich langsam abdreht, die aufgeplatzten güldenen Knöpfe seines plusternden, edlen Anzuges schliessend, erhebt der Bräutigam in selbigem Tone in welchem er die Gäste begrüsste, seine Stimme. „Und nun, mach dich zurecht, kämm dein Haar und deck deine Flecken im Gesicht ab. Zum Nachtisch werden Früchte serviert.“


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Abrechnung im Haus der gelben Rosen (Teil 1)
Kanath

Wild um sich schlagend kämpft die Feder, vor wenigen Tagen entsandt, mit dem kahlen, knöchernen Dorngebüsch, in welches sie sich verfangen hat, vor dem zweiflügeligen Eingang zum palastähnlichen Gebäude. Die Fünfe halten im Ehr gebietendem Schatten des Hauses inne. Sinnierend fährt Mutter Schmetterlings filigrane Hand über die feinen Schnitzereien, kunstvoll zierend die schwere Ebenholztüre, das Bild eines Königs wiedergebend, sitzend auf güldenem Thron und umschwärmt von Wein, Weib und Gesang. „Unser erstes Ziele sei dir gewidmet, Ila Jai. Die Feder hat dich geleitet, doch wirst du die letzten Schritte alleine gehen müssen.“ Keine Macht Endophals scheint die junge Frau noch davon abbringen zu können die zweiflügelige Tür mit einer kräftigen Bewegung aufzustossen und jene Räumlichkeiten zu betreten welche ob ihres tyrannischen Ehemanns, der Qualen und des Leides ihr zugefügt, ein Gefängnis war, das einen Grossteil der Jahre ihres Lebens verschlang. „Wohin geht sie, Omar?“ Die kleine Zafira klammert sich an des Riesen Bein und zuckt zusammen als die Pforte mit einem lauten Knall zurück in ihre Angeln prescht. „Sie holen sich was Verloren, Kleine, Gerechtigkeit.“ Ein Meer aus Vergangenem, Stille und Prunk scheint sich über ihr zu ergiessen, als ihre Aufmerksamkeit zwischen den kräuselnden, schwarzen Locken, hängend ihr wirr über das ebenmässige Gesicht, hindurch die Vorhalle abtastet. Das Licht der Kerzen, im Kreise angeordnet, strahlt Deckenkronleuchter und misst sich mit dem warmen Schein von Felas Untergang, welcher durch die Fenster, vom Boden her empor wachsend, in den Raum fällt. Die einbrechende Nacht küsst den Tag in ihren wohlverdienten Schlafe und hüllt die Welt dabei in eine Stimmung, die nur schwerlich in Worte zu fassen ist. Das Abendrot, so einige ältere Endophali, sei die Zeit in der die Seelen der Ahnen aufsteigen um das Geschehen auf Tares Weiten zu überblicken, ihr Tanz, ihr Moment des Lebens. Doch werden sie sich abdrehen ob der Geschehnisse welche sogleich, geformt von Ila Jai’s Willen, ihren Lauf nehmen werden. Die dunklen Augen, in denen sich das Gold, die Kostbarkeiten, aber auch der Schmerz der Jahre spiegelt, ruhen auf einem kleinen Beistelltischchen, nahe dem Durchgang zum Speisesaal. Eine Vase, keine wie dazumal mit liebevollen Zeichnungen verziert, prunkvoller und edler ist sie, mit Griffen, übersäht von funkelnden Steinen und einem Bauch, dessen Gewicht alleine schon die dünnen Beinchen des Tisches hätte brechen müssen. Lautlos tragen sie ihre unbekleideten Füsse zu ihr herüber, Schritt für Schritt mit Bedacht gesetzt, sich immer wieder vergewissernd alleine zu sein, müssige Kontrolle, denn sei die Halle leergefegt und kalt. Während sich die kleine Zafira und der übergrosse Omar, brennende Neugierde in ihren Gliedern, an einer der Scheiben die zierliche und faustgrosse Nase platt drücken, ergreift Ila Jai das Prachtstück an beiden Henkeln und trägt sie in die Mitte des Raumes. Die zierlichen Arme empor gerissen und zum Wurfe ausgeholt, zerspringt die Vase einige Wimpernschläge später in tausende kleine Stücke, hetzt das Geräusch, bekannt, bedrohlich und zerberstend durch die Zimmer und Gänge des Anwesens. Es vergehen Momente, behäbig hebt und senkt sich ihre Brust, auf und ab, auf und ab, es scheint ihr Atem unerträglich laut. „Abschaum! Was habt ihr in eurer grenzenlosen Banalität nun wieder zerstört? Ihr werdet es büssen, mit dem euren Kopf, das könnt...“ Der Mann, fluchend, als hätte er es an einer hohen Schule in Luth-Mahid als Studienfache belegt, hält inne, die eine Hand auf einem Knopfe seines Hemdärmels ruhend, blickt er vom oberen Ende der Treppe auf sie hinab. „Safaa.“ „Schon lange hat mich keiner mehr so genannt, du glaubst gar nicht wie befreiend es sein kann, wenn man seinen wahren Namen erfährt, doch gehe das in deinem Wahn nach Grösse und Ansehen unter wie alles andere, nicht wahr?“ „Wo warst du all die Zeit?“ Der Antworten überdrüssig, das leise Knacken der Scherben unter ihren Füssen ob eines beherrschenden Gedankens nicht vernehmend, stellt sich Ila Jai an die erste Stufe der, mit einem dunkelroten Teppich ausgelegten Treppe und so deren Lauf auch in einer leicht geschwungenen Form zum nächsten Stock führt, treffen sich doch die ihre Blicke. „Dies nennen Frauen Bestrafung durch Schweigen und wir lassen sie in dem Glauben, dass es schmerzen würde.“ Genüsslich fängt der weiche Treppenboden jeden seiner Schritte auf. „Und trotzdem bist du dort wo du hingehörst, Sanaa, und blickst zu mir empor, wie es dein ganzes kümmerliches Leben der Fall war.“ Unten, als seine glänzenden Stiefel auf den porzellanknirschenden Boden aufsetzen, berührt die seine Hand ihre Wange, haucht er Worte, von Hohn und falscher Überlegenheit direkt in ihr Ohr. „Rache ist ein Gericht, dass am besten kalt serviert wird, doch dein Herze war schon immer zu weich und ich weiss, wenn ich deinen Körper, welcher immer mein sein wird, nur gründlich genug absuchen würde, fände ich heute noch Abdrücke meiner Ringe auf deiner zarten Haut.“ Seine falsche Zunge, wie die dreckige Berührung seiner Hand lassen von ihr ab und er setzt seinen unbeschwerten Gange fort, an ihr vorbei zu einer der Türen, neben dem nun schmucklosen Beistelltischchen, an welches er sich in gewohnt abschätzender Manier lehnt. „Dachtest du wirklich es würde so einfach werden?“ Bebend geben Ila Jai’s Lippen die ihre Antwort preis, während sie jene Stelle im eigenen Gesicht berührt an der eben noch seine Finger harrten. „Weißt du, für einen Moment, ja, da dachte ich es.“ Bleckend entflammt ein Lächeln auf seinen schmalen, ausdruckslosen Lippen. Er klatscht zwei Mal in die seinen Hände, ehe das unheilvolle Getrampel von unzähligen Füssen in einem aufglimmenden Schwall aus Geräuschen über sie hinein bricht und sich oben an der Treppe, aus dem Speisesaal hervor quellend und aus allen denkbaren Ecken des Hauses die Bediensteten und Leibeigenen des Herrn sammeln. Lanzenträger in vornehmer Lederrüste, angehalten die heimischen Blumenbeete zu bewachen, aber auch Küchengehilfen mit einer Auswahl an den unterschiedlichsten Messern in ihren um die Hüften schwingenden Stoffriemen steckend. „Meine Braut, meine wunderschöne, einfältige Braut…“ Der Mann greift nach dem Knaufe der Tür und zieht jene auf, für einige Momente das friedvolle Sein des Gartens frei gebend. „Was sagte der Igel zum Hasen?“ Ila Jai’s Hände verkrampfen sich, und als sei ihre Seele die eines scheuen Rehs, den Bogen des Jägers schon witternd, weicht sie immer wieder zu einer anderen Seite von den sich nähernden Angestellten zurück, ehe sich ihr Blick auf ihn festigt und sie mit gehauchter, bedauernder Stimme seine Frage erwidert. „Ich bin schon da.“


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Abrechnung im Haus der gelben Rosen (Teil 2)
Kanath

Wilde Tiere seien sie, die Bediensteten und Sklaven des Hausherrn, welcher, mit sauberen Händen den Raum durch die kleine unscheinbare Türe neben dem Beistelltisch verlässt. Die meisten errettet vor dem sicheren Tod auf der Gefängnisinsel in der tobenden Bittersee-Bucht, scheinen sie heute noch in seiner vorgegaukelten Schuld zu stehen und würden, um jene zu begleichen, sogar eine junge, unbekannte Frau in Rha’s Arme treiben. So nähern sie sich ihr von allen Seiten, mit klirrenden Messern, brennendscharfen Schwertern und Lanzen in denen sich das blutigrote Licht Felas bricht, eine groteske Operette der Abhängig- und Unterwürfigkeit geschändeter Seelen. „Ihr müsst eurem Meister nicht verteidigen, ich bitte euch, geht einfach.“ Ila Jai’s unsichere Stimme scheint der wilden Meute Blutdurst anzustacheln und so prescht eine junge Küchenmagd vor, das Blitzen des Messers Klinge reisst einen langen Schnitt in Ila’s Oberarm. Die rötliche Farbe der Wunde vermischt sich sogleich mit dem Ärmel ihres ansonsten farbenfrohen Kleides und lässt ihn in jener Kombination schwarz erscheinen. Umso kühlender, wohltuender scheint die Windböe, welche mit einem lauten Knall die schwere Eingangstür aus ihren Angeln hebt und sich ihr zerberstendes Holz ins Innere der Halle ergiesst. Schmerzen verziehen ihr Gesicht, während sie sich umdreht und ihr Blick den Grauen, im Türbogen stehend, erfasst und jenen mit einem Lächeln empfängt. „Ila Jai, geh ihm nach und bring die Waage der Gerechtigkeit in Einklang.“ Ein kurzer Kopfdeut seinerseits zur schmalen Tür durch welche ihr Gatte entfleucht ist und sie setzt die wankenden, ob des rinnenden Blutes geschwächten Schritte in deren Richtung. Mit den Handwinken des Vermummten heben sich die Bediensteten vor ihr wie Marionetten, gezogen an ihren Schnüren, in die Lüfte, schnellen gegen die Saaldecke und fallen leblos, sterbenden Vögeln gleich, zurück zu Boden. Welch kunstvoller, pompöser Tanz aus zersplittertem Holz, Scherben aus feinstem Porzellan und regnenden Körpern, ein euphorischer Reigen der ihr gebührt und so durchschreitet sie ihn, öffnet die Tür zum friedlichen Garten und überquert die Schwelle dieser zwei Welten. Ruhe und das leise Plätschern des Brunnens erfüllen den Garten, in eine ähnlich angenehme Nacht getaucht wie an dem Tage als er, mit dem Sprung vom Balkon zu ihrem Grab werden sollte. Behäbig dreht er eine abgebrochene gelbe Rose zwischen beiden Fingern, belebend dringen ihre feinen Dornen ins Fleisch seines Daumens. „Weißt du, Sanaa, ich hielt dich für tot. Verschleppt, unterjocht, gedemütigt. Du denkst ich bin sadistisch, doch glaube mir eins, in diesem Moment bin ich zu grossen Teilen masochistisch.“ Unbeirrt setzt Ila Jai den ersten Schritt auf den gepflegten Rasen, jene kleinen, tapferen grünen Soldaten, die sich ob ihres Gewichts zu allen Seiten beugen oder zerdrückt werden. „Mir wurde so einiges klar“, fährt er mit dunkler, ruhiger Stimme fort, welche sich in das idyllische Bett abendlicher Stille einordnet, „als ich alleine war, merkte ich was ich getan hatte. Ich raubte dir dein Leben. Und so du hier vor mir stehst erkenne ich, dass du deine Rache verdienst und ich, ich verdiene meine Strafe.“ Einige Schmetterlinge, eben noch im letzten warmen Licht des Tages am Nektar der Blumen sich labend, heben sich empor, beschwingt, unbekümmert, drehen sie fortan in tänzelnder Schönheit ihre Kreise um den Körper der jungen Frau. „Ich weiss nicht was du bist, doch habe ich dich unterschätzt, Sanaa.“ „Nicht Sanaa, schon lange nicht mehr“, mehr als ein leises Hauchen dringe nicht aus der ihren Kehle und so lässt ihr Ehemann die Blume federnd ins Gras fallen, richtet seinen Anzug, überprüft die güldenen Knöpfen an den plusternden Ärmeln auf ihren Sitz und streicht sich einige Strähnen seines melierten schwarzen Haares hinter sein Ohr zurück. Stolz und herrisch wie eh und je seine Körperhaltung. „Wie sehe ich aus?“ Tränen des Bedauerns, des Mitleids aber auch der Gedanken an Vergangenes treten in ihre Augen, bebend geben ihre Lippen ihre Antwort frei. „Du bist bereit.“ Und so streckt sie ihren blutenden Arm in die seine Richtung, die Schmetterlinge flattern um den Verlauf ihres Oberkörpers, dem Ellebogen entlang bis hin zu ihrer Hand. Er schliesst die Augen. Auf einen kurzen Wink ihrer mit Blut beschmierten Fingerkuppen hin erfüllt ein Röcheln die ansonsten solch friedfertige Stimmung und langsam doch unaufhaltsam entzieht sie ihm jeden Atemzug, jedes Fünkchen Luft aus den seinen Lungen aus seinem Körper, ehe Ila Jai, Mutter Schmetterling, auf ihre Knie sinkt, sich ihr farbiges Kleid in plusternder Offenbarung um sie herum ins Grün des Rasens legt, der Balkon, an dem alles begann herrisch im Nacken. Sie weint während er sich, hustend, doch nicht einen Versuch unternehmend an frische Atemluft zu gelangen von ihr abdreht, einen Schritt vor den anderen setzt, fünf an der Zahl, und schliesslich zur Seite in eines der Blumenbeete fällt. Ein Beet, zierend die Pracht aus gelben Rosen. Und während sich die Schmetterlinge von ihr empor schwingen, aufbegehrend und bittend zum letzten Tanz des Tages, die Grashalm begehrend nach ihren Tränen lechzen, befreit sich vor dem Haus, an der aus den Angeln gerissenen Eingangstür die Feder aus dem knöchernen Dornengebüsch, steigt auf und setzt den ihren Weg und somit jenen der Gemeinschaft fort.

Angelehnt an einen Film. Welchen wohl? :rolleyes:


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BeitragVerfasst: 14.05.05, 14:33 
Altratler
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Eine Fabel - Auflockerndes, unblutiges Intermezzo
Von Kanath zur Bittersee-Bucht

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Ein jeder der in seinem mehr oder minder langen Leben schon einmal einen Marsch über mehrere Tage und Nächte in die Länge zog, kenne das Gefühl von Beinen, gegossen aus reinstem, feinstem Blei, einer Lunge, welche sich bei jedem weiteren Schritte mehr zusammen zu ziehen scheint und dem Wunsch nach einer erleichternden Pause. Und so lässt sich die Gemeinschaft, nachdem sie das erste Ziel ihrer Reise, Ila Jai’s Vergangenheit in Kanath, hinter sich gelassen hat, an den letzten begrünten Ausläufern des Wrathij-Gebirges, am fliessenden Übergang zur roten Wüste, nieder. „Oooomar! Du musst mir eine Geschichte erzählen, sonst wird das mit dem Einschlafen nichts.“ Zafira tänzelt in ihrem kindlichen Übermute um das lodernde Feuer herum. Der Geruch von brennendem Schwarzmangroven-Geäst legte sich schon vor Stunden, als sie jenes kleine Zwischenlager notdürftig errichteten in ihre Lungen, süsslich und doch vermischt mit einer herb-würzigen Note. Der Riese, eben noch versuchend mit seinen pfotenartigen Händen einen Knopf aus den Kordeln seines Hemdes zu lösen, wird vom hinterhältigen Angriff der Kleinen überrumpelt und fällt mit rudernden Armen vom knorrigen Baumstamm, welcher ihm als Sitzgelegenheit diente. Gelächter, tiefes wie in den höchsten Tönen, schallt durch die abendliche, frische Luft und verdrängt jegliches Geräusch von schleichenden Wüstenhunden und anderem niederträchtigen Ungetier. „Omar nicht seien gutes Erzähler, kleines Zafi.“ „Du musst aber, ich fürchte mich, ich glaube ich hab vorhin zwei, nein fünfzehn Augen im Dunklen leuchten sehen!“ Das Mädchen streckt eine undefinierbare Anzahl von gestreckten und gekrümmten Fingern in die Höhe um ihre Ausführungen zu verdeutlichen. Unter den wachen Augen des Grauen, sitzend auf dem wiegenartigen Ast eines nahen Baumes, richtet sich Omar wiederum zu seiner vollen, bärigen Grösse auf, hebt Zafira mit einer Hand am Saume ihrer Kleidung hoch und setzt sie sich auf sein rechtes, angewinkeltes Bein. „Wo ich sollen beginnen? Ich.. Omar kennen nur Geschichte von Glühwürmchen und Kamelen.. Also, waren mal glühendes Wurm..“ „Halt, halt, halt! So doch nicht. Überlasse dies einem Lehrer, mein Freund.“ Binjamin tritt mit einem breiten Lächeln, verspielt seine Lippen umgarnend aus dem Dunkel hervor, kniet sich vor das Feuerchen hin. Unbemerkt greift die seine Hand, gepflegt und unbeschadet wie sie nur einem Gelehrten gehören kann, nach einem faustgrossen Stein. „Meine Liebe“, Zafiras dunkle, kirschfarbenen Augen weiten sich, getränkt in ein Gemisch aus Spannung und Vorfreude, ehe die ruhige besonnene Stimme des Monokelträgers vordringt in aller Ohren, „dies sei eine Geschichte für jene die klein sind, doch sich nicht als solches fühlen.“ Behäbig wirft er den Stein in die Asche des Feuers, ein Wimpernschlag mag vergehen und winzige glimmende Gluten heben sich beschwingt empor und steigen gen’ schwarzen, kalten Nachthimmel. „Die Erzählung der Kamele und des Glühwürmchens.“

„Nur wenige wissen, dass Kamele untereinander, ähnlich uns Menschen, naja, vielleicht doch eher den Orken gleich, in einer wild-familiären Beziehung leben, wobei sie sich in ihren unterschiedlichen und oftmals eigenwilligen Charakteren ergänzen. Die possierlichen höckerigen Tierchen unterhalten sich, wenn grad keiner ihrer Besitzer in der Nähe ist, über allerlei, des Königs Politik, die neusten Gerüchte aus Luth Mahid und den effizientesten Mittelchen sich vom gemeinen Wüstenfloh zu befreien. So ereignete es sich an einem Abend in der roten Wüste, der Tag brannte unaufhörlich auf den gesprungenen Boden nieder, während einige Nomaden um ein Feuerchen sassen, wie wir es hier zu tun pflegen, als sich vier Kamele klammheimlich vom notdürftig aufgeschlagenen Zelt entfernten um zu philosophieren. Schritt für Schritt entfernten sie sich von bekannten Gefilden und sinnierten dabei über den Sinn und Unsinn des Glaubens. So führten ihre Beobachtungen zu Tage, dass immer weniger Zweibeiner Kapellen, Kirchen und Tempel besuchten und öffentlich die Gesinnung, Artung der Geweihten anprangerten. Sie redeten, diskutierten und ihre Meinungen prallten unaufhörlich aufeinander bis sie sich zu einem heftigen Streit aufgebauscht hatten. Streit lenkt des Öfteren den eigenen Blick vom Wesentlichen ab, meine Kleine, so zog die einbrechende Dunkelheit völlig an ihnen vorbei, keiner bemerkte die unbekannte Umgebung, die schleichenden, pirschenden Schatten in weiter Ferne. Erst als auch die letzte Gemeinheit, die letzte leere Phrase verschossen war, hielten sie inne. „Mitstreiter, ich denke wir haben ein Problem“, meinte einer der vier Genossen und presste den seinen zotteligen Körper zitternd gegen den seines Nachbarn. „Und was jetzt, wir werden verhungern und kümmerlich zu Grunde gehen!“ Panik gesellt sich in die Glieder des etwas dicklichen Tierchens, abseits der anderen drei stehend und sich paranoid zu allen Seiten umblickend. „Schschscht! Sei still. Solange wir dich dabei haben wird unsere Nahrungsquelle nicht so schnell versiegen, saftiges Pummelchen.“ Grunzend lachen die Dreie auf, während sich der vierte im Bunde pikiert, mit aufgeplusterten Wangen von ihnen abwendet und sein Blick auf einen glühenden Punkt, sitzend und lauschend auf dem Horn eines knöchernen Tierschädels fällt. „Was bist du denn?“ Sein Kopf sinkt fragend und neugierig zugleich zur Seite, die nasse Nase schnuppernd und testend in Richtung des kleinen Lichtleins gestreckt. „Ich kann euch helfen, noch bevor euch der Durst übermannt.“ „Wir haben grössere Sorgen, du siehst nicht aus als hättest du einen Wasserschlauch dabei und als Mahlzeit machst du auch nichts her, besonders nicht für Liebhaber von gesunder, grüner Kost wie uns. Also, scher dich weg, kusch, kusch.“ Mit einem Huftritt gegen den Tierschädel schwingt sich der leuchtende Punkt in die Lüfte und verschwindet sogleich in der Dunkelheit welche alles und jeden zu umgeben scheint. So tappen die Viere, dicht aneinander gedrängt weiter, stolpern über Geäst, trampen in wohl jede Delle welche die Wüste zu bieten hat. „Wie viele Kinder hinterlasst ihr, Kollegen?“ „Was für eine dämliche Frage.“ Ein Tritt, ein kurzes Wimmern. „Ich meine.. Ich wollte doch nur..“, Tränen kullern über das Gesicht des vollschlanken Kamels, „ich bin doch noch so jung! Und wollte noch so viel erleben und sehen. Die saftigen Wiesen auf den Mahad Inseln, die hohen Wipfel des Brahan-Gebirges.. Oh Tare, wie bist du doch grausam.“ „Halt!“ Die höckerige Meute bremst augenblicklich. „Da vorne ist etwas. Ein Augenpaar!“ In der Ferne, im ansonsten endlosen Schwarz der Nacht glimmen zwei kleine Punkte, Grund genug für Pummelchen seinen pausbackigen Kopf ins Fell seines Nachbars zu vergraben. „Ich kann gar nicht hinsehen. Was ist es? Ein Kojote? Ein Bär? Ein Dämon aus einer anderen Sphäre?“ Und während sie ihre Blicke gebannt auf die Erscheinung richten, gesellen sich weitere Punkte zu den beiden, flammen auf, tausenden von Kerzen gleich, entzündet von unsichtbarer, gnädiger Hand. Mit jedem weiteren Lichtlein erhellt sich die Nacht und es zeichnen sich aus dem Nichts die Schemen von Palmen und Büschen ab, Wasser, das sich im mattgrünlichen Schein des Glühens spiegelt. „Eine Oase!“ Hastig wirbelt der Kopf des Dicklichen auf, beiläufig Haare des Schutz bietenden Felles ausspuckend. „Glühwürmchen!“ prustet es mit neu entbrannter Freude aus ihm heraus. „Habe ich euch nicht gesagt, dass wir das schaffen, Jungs? Jaja, das habe, aber ihr wolltet ja nicht auf mich hören.“ Mit vom falschen Stolze geschwelgter Brust trabt er zur Wasserstelle, die anderen folgen ihm. Noch bis zum Morgengrauen diskutierten sie über dies und das, das und jenes. Im Wissen, dass unnötiges Gekeife, Anschuldigungen gegenüber jenen, welche eigentlich das gleiche Ziel verfolgen nichts weiter bringen als Probleme, einen knurrenden Magen und eine ausgetrocknete Zunge.

Schon längst entschwand Zafiras Geist in Arums farberfüllte Welten und während das beruhigende Knistern des Feuers die Fantasie derer beflügelte, welche der Schlaf auch zu übermannen drohte, legt sich eine ungewohnte erholsame Ruhe über die Gemeinschaft. Eine Gruppe von unterschiedlichsten Menschen vereint an einem Platze der ihnen unbekannt und dies um einer Feder, getragen von des Windes Macht, zu folgen. Welch merkwürdige Umstände..


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BeitragVerfasst: 21.05.05, 17:51 
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Die Schlange im Bett
Von Kanath zur Bittersee-Bucht

Die flammenden Gerüchte über die Rote Wüste, welche sich majestätisch und undurchdringbar an die steile Küste der Bittersee bettet und begrenzt wird durch die Städte Ohm-Taji und Crowahst, überschlagen sich, werden angereichert mit der Fantasie jener, welche noch nicht einmal einen Schritt auf den heissen, sandigen, von Rissen übersäten Boden setzen würden. Ungastlich und lebensfeindlich ist das Land, das sich bis zum Westrand des Wrathij erstreckt. Doch unter den Endophali gilt es als erwiesen, dass in dieser tödlichen Ansammlung von Sand, schwarzem Gestein und Knochen Menschen leben, Menschen, klein, muskulös und grimmig. Erkennbar durch ihren rötlichen Hautton scheinen sie sich, lebend in kleinen Stämmen, gänzlich den unwürdigen Bedingungen ihrer Umgebung angepasst zu haben. Seien sie früher auch zahlreicher gewesen, haben sich viele von ihnen einem einfacheren Leben in den Städten zugewandt. Die rote Wüste, der langsame, staubige Tod.

Zafira drückt sich zitternd an den Brustkorb des Riesen, gehüllt in dicht verwebte Decken, dringt der Sand, kratzend und beissend auf junger Haut, doch zu ihr hindurch. Tränen stehen in ihren kirschfarbenen Augen, von niemandem gesehen versickern sie in Omars Hemd. „Weshalb er bringen uns an so grausigen Ort?“ Omars Stimme hallt brüllend zu Ila Jai, vermummt in unzählbare Lagen an Kleidung, versuchend das pfeifende, singende Geräusch des Windes, peitschend Staub in ihre Gesichter tragend, zu übertönen. „Er.. er meinte“, ein Husten aus tiefster Kehle wirft jenen Staub aus Mutter Schmetterlings Körper, welcher sich zäh in ihren Lungen abgesetzt hat, „er meinte, dass am Ende dieser Prüfung der Orte erreicht sei an dem du, Omar, dich der Macht des Windes beugen wirst, wie ich es in Kanath getan habe.“ „Aber er uns hetzen in Rha’s Arme, Omar das nicht gefallen.“ Beide halten inne, ihre Blicke, getrübt von Anstrengung und angereichert mit einer Prise Hoffnungslosigkeit, treffen sich. „Vertraust du ihm?“ Wortlos schreiten sie weiter, dem Grauen folgend, welcher in einiger Entfernung unbeirrt einen Schritt vor den anderen über diesen rostroten Leidensweg setzt. Keine Antwort doch in diesem Falle, Bekundung des Vertrauens genug. So setzt die kleine Gruppe mutiger Wanderer ihren Weg fort und während Binjamins Monokel von den feinen Staubkörnern zerkratzt wird, Zafira getragen von Omar sich ängstlich in seinem Oberarm vergräbt, verändert sich die karge Landschaft. Stalagmitartige, schwarze Gesteinssäulen ragen aus dem dürstenden Boden empor, Fangzähne der Wüste, reissend ein jeglich Zeichen von Leben auf deren Oberfläche. Als spiele ihnen die Hitze einen Streich, tauchen vor der Gemeinschaft, an einem dieser schroffen, garstigen Felsen, die Schemen einer Siedlung auf, eine Siedlung ohne Häuser und Strassen, Laternen, eine Siedlung ohne jegliches Anzeichen von Bewohnern. Kleine Höhlen, abgedeckt von schweren, tief hängenden Tierfellen, ausgearbeitet in penibelster Feinarbeit von starken Händen, bieten notdürftigen Schutz vor dem kratzenden Sande. Eine Möglichkeit derer sich die Gemeinschaft gerne annimmt, denn so diese Behausung früher auch belebt war, wohl von einem jener genannten Stämme, so scheint schon seit Jahren keine Seele mehr in den steinernen Räumlichkeiten gewesen zu sein. Während Omar den zitternden Körper der kleinen Zafira auf die staubigen ausgelegten Felle zur Ruhe bettet und sich neben sie kniet, über ihr lockiges, von Sandkörnern durchsetztes Haar streichelt, schauen sich die anderen drei Reisenden in den engen, niederen Räumlichkeiten um. Einige Schlafsäle und eine Art Gemeinschaftsraum mit einer längst erkalteten Feuerstelle bildeten die Grundlage für ein wohl karges, eintöniges Leben, über dem verkohlten mit Felsbrocken aufgeschichteten Herde wiegt sich im regelmässig einfallenden Winde quietschend ein gusseiserner Topf, gefüllt mit etwas, das wohl vor einigen Jahresläufen als Mahlzeit zählte, nun aber nichts weiter darstellt als ein Sammelplatz für Schimmel und so manch krabbelndes Kleingetier. „Wer auch immer hier lebte, hatte es eilig aufzubrechen und diesen Orte zu verlassen.“ Der Graue lässt sich auf einem der, aus dürrem Olivenbaumholz ausgearbeiteten Stühlen nieder. „Kleiner Stern nun schlafen“, Omar, der Grosse, gezeichnet von der Anstrengung des letzten Marsches gesellt sich zu den anderen, „sie haben grosses Angst. Weshalb du uns führen in so böse Wüste und was du meinen mit Omar erwarten Prüfung an andere Seite davon?“ „Alles hat seine Richtigkeit, mein Freund, das wirst du noch sehen.“ Der Graue winkelt seine Beine an und senkt sein Haupte ab, ein klangloses, langes Gebet entfleucht über seine trockenen, gesprungenen Lippen und während die anderen in jene Ruhe einstimmen, bemerkt niemand, wie sich unter dem Felle, gelegt über den zierlichen Körper Zafiras, etwas regt. Züngelnd und zischend bahnt sich eine Schlange, geprägt von einem, in den wundervollsten Erdfarben gezeichneten, schuppigen Kleide und zwei listigen, jagenden Augen, unter der Decke hervor, richtet sich vor dem Kopfe des schlafenden, kleinen Mädchens auf. In regelmässigem, tastenden Tonus prescht die gespaltene Zunge aus dem schlitzartigen Munde und trägt Worte mit sich, welche nicht für des Menschen Ohr bestimmt sind, in einer Sprache gepflegt unter den Geistern der Ahnen. „Vom Huf des Pferdes erdrückt, als Käfer zermalmt von einem Steine, glaube nicht dass du mich los wirst, mein kleines Töchterlein.“


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BeitragVerfasst: 23.05.05, 16:40 
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Tare ertrinkt vor meinem Fenster Rückblende
Von Kanath zur Bittersee-Bucht

„Igr! Glaubst du der Regen sammelt sich so hoch vor unserem Haus, dass die Fische an unserer Haustür vorbei schwimmen, vielleicht, ja vielleicht klopfen sie sogar und verkaufen uns Perlen oder, oder..“ „Wenn Fische klopfen an Tür, dann wir haben wirklich Probleme, Malik.“ Omar legt seine grosse Hand auf den Kopf seines Sohnes, kauernd vor dem kleinen Fenster nahe der Tür, die feinen Löckchen des krausen Kindsschopfes zwischen seinen Fingern spürend. „Was du denken, was passiert wenn Ath stehen bis zu Dach, dann..“ „Malik, Omar, essen!“ Die warme, weibliche Stimme gesellt sich zum leisen Scheppern der Töpfe im Nebenraum und dem wohligen Geruch, welcher sich schon lange zuvor im kleinen Häuschen in einer Seitenstrasse von Crowahst ausgebreitet hat. Sie besassen nicht viel, schon immer wussten der Riese und seine Frau mit dem was sie hatten ihr spärliches Leben so gestalten, dass es ihnen an nichts mangelte und so rückten meist vergessene Werte wie den einem kleinen, munteren Sohnemanne Das Leben geschenkt zu haben, in den Vordergrund. So benannten sie ihn nach Malik al Ungri, einem einstigen geheimen Herrscher über die Region um die Handelsstadt an der Bitterseebucht. Jener hauste vor unzähligen Jahresläufen in einer prunkvollen Feste, doch als Galadon das ergiebige Südreich für sich entdeckte und die königlichen Handelsflotten des Öfteren ihren Weg nach Endophal suchten, sprang Crowahst aus allen Nähten und Fugen, der einstige Herrscher verlor seine Macht an die Händler und die gewinnbringenden Dukaten. Während die Innenstadt immer mehr zu einem übergrossen Basar, beherbergend so manchen Ausrufer, Aufseher und Kunden, expandierte, leben die einfachen Bewohner am Stadtrand. So auch Omar mit seiner Frau und seinem Kind, arbeitete er doch tagsüber, dank seiner überragenden Körpergrösse, als Wache bei einem der grössten Handelshäuser der Stadt. Leibgarde für Gemüse aller Art. „Waren ganz fein, was gekocht du hast, Weib“, der Grosse wischt sich mit dem Handrücken über seinen Mund, aus den Augenwinkeln seinen Sohn beäugend, stochernd mit seinem Messer auf einem Stück Kohl. „Ach du, mein kleiner Wüstenfuchs, du weißt genau, dass ich es nicht mag, wenn du mich so nennst.“ Ein Lachen unterdrückend erhebt sie sich von ihrem morschen, knacksenden Stuhle und trägt einige der Teller hinüber zur einfach eingerichteten Kochnische, ein wohl gar einlandendes Abwenden, denn sogleich beugt sich Omar zum kleinen Malik hin. „Wenn du nicht mögen garstiges Kohl, schieben Igr in den Mund“, kichernd, zielsicher führt der Junge seine Gabel in den schlundartigen Mund seines Vaters, ehe dieser, wenig Luft aus seiner Kehle ringend, seinen Zeigefinger vor den Mund führt. „Nicht sagen du weiter, ja?“ „Ila?“ Neckisch beäugt Malik seinen Vater, welcher sich ob des Rufes seines Jungen am Kohl verschluckt. „Ila, darf ich noch ein wenig raus? Ich mag den Regen.“ „Natürlich, mein Lieber.“ „Aber du nicht zu lange bleiben, Igr dir wollen erzählen nachher Geschichte von Kamel.. Von Kamel und Glühwurm.“ Erwidern die Eltern, nebenbei das Geschirr mit Hilfe des frischen Brunnenwassers vom Schmutz befreiend. Hastig einen geflickten Mantel um die Schultern geschwungen und die daran mit groben Stichen angenähte Kapuze über den Kopf gestreift, rennt Malik durch die Haustür hinaus in den bindfädenartigen Regen, klopfend, pochend auf die Holzbohlen des Hausdaches. So kehrte der allabendliche Trott ins Heim von Omar ein, während sich seine Frau mit der angesammelten Flickarbeit in den gut ausgepolsterten Sessel in ihrer Stube setzt, widmet sich Omar ausgiebig den beiden Hauskatzen, schmeichelnd, umgarnend seine Beine. Die Zeit vergeht und die nächtliche Dunkelheit schlängelt sich durch die Gassen. „Malik!“ Der Regen peitscht gnadenlos gegen Omars Gesicht, während er aus kräftiger Kehle den Namen seines Sohnes aus dem Fenster schreit, welcher vom stetigen Rauschen gänzlich verschluckt wird. „Omar gehen ihn suchen, du warten hier, Weib.“ Ohne auch nur das erste Worte seiner Frau abwartend, reisst der Riese die Tür auf. Der erstaunlich warme Regen benetzt seine vor Angst und Sorge glühende Haut. Schummrig und verwaschen spenden die wenigen Laternen ihr Licht den dunklen Gassen durch welche Omar eilt, einem verstörten Tiere gleich, immer wieder den Namen seines Sohnes rufend. Das Stadtbild von Crowahst zeichnet sich nebst den hohen und prächtigen Gebäuden nahe des Hafens vor allem durch die kleinen Gossen aus, welche sich, dem Netze einer Spinne gleich, über die schäbigen Aussenquartiere legt. Deren Puls bildet ein Sumpf aus den verschiedensten Gestalten, von Endophalis über Galadonier, Seemänner, Händler, Gauner, Intriganten, Träger und Wachtruppen, denn mit dem Reichtum zieht meist auch die Kriminalität und das falsche Spiel in eine Stadt ein. „Malik! Ma..“ Seine Kehle schnürt sich mit einem Male zu, denn an jener Stelle an welcher sein Blick ruht, direkt vor dem Eingang zu einem der florierenden Freudenhäuser, beugt sich eine dunkle Gestalt, raubtierisch, über einen kleinen regungslosen Körper. Die erschlagende Gewissheit erwacht, als jener Gauner triumphierend den kleinen Kapuzenmantel in das, aus dem Innern des nahen Hauses dringende Licht, hält. Unkontrolliert rennt Omar auf den Übeltäter zu, seine zermalmenden Hände greifen dessen Schultern und rammen seinen Kopf mit der Wucht von tausend Pferden gegen das Mauerwerk des nahen Gebäudes. Das Knacken dessen Genickes gestaltet sich aber schon beinahe friedvoll leise. „Malik?“ Unsicher lässt sich Omar auf seine Knie sinken, zieht den in der regungslosen Brust des Jungen steckenden Dolch mit ungewohnter Sanftheit und Vorsicht heraus. „Du nicht dürfen sterben mein Sohn, Ila immer gesagt haben nicht gehen weit weg von Haus, Malik, gefährlich, viel gefährlich“, er hebt den durchnässten Körper hoch, drückt ihn sich an die seine Brust. Gierig saugt des Grossen Hemd Maliks Blut, rinnend vom kindlichen Körper durch die Furchen zwischen dem mit Pflastersteinen bedeckten Boden, auf. Rote Farbe. Seinen Sohn in den Armen wiegend, mischt sich der Lebenssaft mit dem tropfenden Regen und den Tränen seines Vaters. „Ich dir doch noch wollte erzählen von Kamel und Glühwurm, Malik, du hören mir zu... Du müssen mir zuhören. Seien lustiges Geschichte.“ „Loslassen und langsam aufstehen!“ Das Klirren der Wachrüstungen dringt nur dumpf an Omars Ohr, umso schmerzhafter der Schlag des Hellebardengriffes in sein Gesicht, raubt ihm jener jegliche Sinne. In tiefes Schwarz hüllen sich die Gassen. So bemerkt er weder seinen eigenen Körper, geschleift über die rauen Strassen, noch hört er das Gespräch der beiden Wachmänner. „Einen Streuner und ein unschuldiges Kind, was für eine abscheuliche Gräueltat.“ „Fürwahr, dieser Dreckskerl gehört auf die Insel.“ „Ganz schön schwer ist er, warte, lassen wir ihn für einen Moment liegen, dort unter dem Baldachin und gönnen uns eine Pause.“ „Dieser verflixte Regen, keinen trockenen Fetzen hab’ ich mehr am Leibe. Wenn es so weiter geht, ertrinkt Tare vor unseren Augen.“

Wird fortgesetzt.


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