Über den Dächern von As-Ashrun
„Was ich nun erzähle ist keine einfache Geschichte sondern eine wahre Begebenheit die vor langer Zeit statt fand und deren Wichtigkeit in meinem Leben nicht zu unterschätzen ist.“
Der Herr mittleren Alters mit fahlem, eindeutig galadonischem Gesicht, geprägt von einem rehbraunen, melierten Barte an dessen Haaren ein jedes seiner Lebensjahre einzeln hätte abgezählt werden können, hebt seinen eigenen Worten Ausdruck verleihend, schulmeisterlich seinen Zeigefinger empor. Ein Raunen kriecht, einem Lauffeuer gleich, sich fressend über die Steppen der letzten Ausläufer der Njari-Wüste, durch die Menge der kleinen Kinder, sitzend im Kreise um den, nach billigem Fusel und dem unverkennbaren süsslichen Dufte von Nachtschatten umwehten, Zausel herum. Ihm jedes noch so kleine Worte von den Lippen klauend.
„So begab es sich vor etwa 40 Jahren, dass ich mich auf den Weg von meiner Heimatstadt Librasulus nach Norden machte und dabei das Reich der Khalandrier, Khalandra, durchquerte. Damals war ich noch jung und kräftig und konnte tagelang laufen ohne zu ermüden oder zu essen und mit wenigen Sätzen konnte ich einen ganzen Berg überspringen.“
Während des Alten Gedanken von Bergspitze zu Bergspitze hüpft, die Phantasie der Kinder sich empor schwingt, weit über die Grenzen As-Ashruns, ja selbst die Grenzen Tares hinaus entgleitet, sich in den farbigsten Bildern sammelt und wieder auf sie hernieder regnet, so findet das rege, alltägliche Leben auf dem Markte seinen Lauf. Von den flachen Dächern aus, getüncht ins silberne Licht des Wüstenmorgens, lässt sich ein Mosaik aus Leben überblicken. Marktschreier, preisend ihre Ware in den höchsten Tönen, verkaufend Gut und Seele. Trickspieler, deren gezinkten Karten so manch leichtgläubigen Geist dazu verleiten sein letztes Hemdlein zu setzen. Eine Gruppe aus Männern und wenigen Frauen in weiten geschmückten Gewändern, den gepflasterten, sandfarbenen Platz mit ihren exotischen Klängen der Flöte, ausgehöhlten Schlaginstrumenten und mit Tierfellen bezogenen Trommeln überflutend. Früchte in den verschiedensten Formen, von zuckersüssen bis zu jenen bitteren, welche das Blut in den Adern des Verzehrenden erbeben lässt, türmen sich zu kunstvollen Bauten auf den Auslagen der Stände auf, reihen sich ein in das endlose Angebot aus Fischen, frisch abgehangenem Fleisch, Schuhwerk, Kleidung und Alltäglichkeiten, denen die meisten mit einer ungeheuren Selbstverständlichkeit frönen. Weit über dem Geschehen, auf dem Dach eines verfallenen Wohnhauses, herrscht Stille, die ungewohnte Seite einer bewohnten Stadt, fünf Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, umfassend. Keine Rufe, keine hunderten Stimmen, angehäuft zu einem einzigen lautstarken Raunen dringt zu ihnen.
„Jedenfalls trug es sich zu, dass ich gerade durch ein schmales Tal marschierte und auf einmal hinter mir das laute Jaulen eines gar abscheulichen Wesens hörte. Dank meines Meisters hatte ich damals schon eine gute Ausbildung so erkannte ich das Jaulen sogleich, denn es handelte sich um das einmalige Geräusch das nur ein endophalisches Riesenwiesel auf der Jagd macht. Ich fuhr herum, richtete meinen Blick in die Ferne und sah ein ganzes Rudel jener Wesen den Hang hinunterstürmen, jedes größer als ein Pferd mit einem Gebiss so groß wie das eines Bären und einem Mundgeruch der selbst einem Troll das Wasser reichen kann. Ich wandte mich um und begann zu rennen, doch war mir sogleich klar, dass ich diese Kreaturen niemals abhängen konnte.“
Schmucklos sei das Dach auf welchem Zafira, Ila Jai, Omar, Binjamin und der Graue, weiterhin durch die undurchdringlichen Tücher verhüllte Manne, im Kreis Platz genommen haben. In As-Ashrun findet ein Grossteil des alltäglichen Seins, nebst dem erledigen der Marktgeschäfte, auf den Flachdächern der Stadt statt. Umso karger wirkt dieses auf welchem die Fünfe sitzen, Tonscherben grosszügig verteilt und ein zerrissener, in Fetzen hangender Baldachin seien die einzigen, welche dem entscheidenden Gespräche hätten lauschen können. „Viele von euch folgten mir, die einen schon seit Jahren, ohne zu wissen wer ich bin und wohin diese Reise euch geleiten mag“, des Verhüllten Stimme dringt dumpf durchs dichte Gewebe der Gewänder, „Was wäre, meine Kinder, wenn die Reise erst hier, zu diesem Zeitpunkt an dem wir alle vereint seien, beginnt? Was wäre wenn euch deren Ziel weiter verborgen bleibt?“ Seine silbernen, glasigen Augen wandern über die Sitzenden hinweg, vom kleinen Mädchen auf zum Riesen, abfallend, um sich in des Monokels Glas des Gelehrten zu spiegeln, bis hin zur schönen jungen Frau, deren Blick auf die rissigen Platten des Bodens gerichtet ist. „Hier, am Anbeginn von künftigen Erfahrungen, dem Anbeginn eurer Zeit lasse ich euch die Wahl zu bleiben, zurückzukehren, oder weiter in meinen Fussabdrücken im Sand zu wandeln.“
„So wandte ich mich im Rennen um und warf einen schnellen Zauber hinter mich, schuf eine Illusion eines gewaltigen Bären der sich den Wieseln entgegen warf, während ich versuchte mehr Vorsprung zu gewinnen. Zu meinem Entsetzen verschlang eines der Wesen die Illusion mit einem Haps, so hatte ich kaum Zeit gewonnen sondern vielmehr von meiner Kraft verloren. Ich rannte einen Hang hinauf, die Wiesel noch immer hinter mir, ich konnte schon ihren stinkenden Atem in meinem Nacken spüren als ich meine Rettung vor Augen sah. Südkhalandrische Zuckerbäume. Meine einzige Chance zu entkommen und ich wusste es. So rannte ich schnell, erklomm einen der Bäume und ließ mich von einem der Äste hinabhängen.“
Kein Zucken durchläuft ihre Körper, kein Anzeichen dafür, dass sich die ihre Gesinnung zum Unbekannten geändert hätte. Sie kannten ihn nicht, doch wussten sie, spürten sie in ihren Seelen, geflüstert von den unhörbaren Stimmen ihrer Ahnen, dass sie ihm Folgen mussten, dass dies die Reise ihres mehr oder minder langen Lebens sei. Ein Nicken lässt die dunkle Hand des Grauen in eine der zahlreichen, mit grobem Stiche aufgenähten Taschen seiner Robe fahren und eine Feder hervor ziehen. Schimmernd im frühen Schein Felas, kann man das prächtige Kleid des Vogels der sie einst trug nur erahnen. In tiefsten Türkis- und Blautönen bricht sich das erste Licht des Tages in ihren samtenen Konturen. Bedächtig, ja geniessend gar, leg er sie in die Mitte des Kreises der Anwesenden.
„Man muss dazu wissen, dass endophalische Riesenwiesel in Südkhalandra alles fressen, mit einer Ausnahme und das waren die Früchte des Südkhalandrischen Zuckerbaumes, die in ihrer Form einer großen Erdbeere nicht unähnlich, eine rostrote Farbe haben und während ihres Reifevorganges ein Geräusch von sich geben das man am besten mit einem lang gezogenen kehligen "rrrrrr" vergleicht. Mein Hemd war und ist zufälligerweise genau in der Farbe jener Früchte gehalten und so hing ich mich an den Ast und imitierte das Geräusch der wachsenden Früchte um mich herum während die Wiesel immer näher kamen. Angstschweiß rann mein Gesicht hinab, denn sollte meine List misslingen würde ich wohl als Abendessen für diese Biester enden. Man muss wissen, dass endophalische Riesenwiesel nicht besonders gut sehen können.“
„So soll es sein, die Gemeinschaft des Windes sei gegründet und die Feder soll uns den Weg weisen“, auf des Vermummten Worte hin erhebt sich das türkisblaue Federlein behäbig aus seinem steinernen Bette, um nach einigen Momenten des beschwingten Tanzes, begleitet von den rhythmischen, belebenden Klängen der Trommeln und Flöten, weit unten auf dem Markte, über die Grenze As-Ashruns hinaus zu schweben.
„Nun, jedenfalls waren die Tiere direkt vor mir und rannten vorbei. Bis auf eines, jenes, das meine Illusion gefressen hatte, welche genau genommen ja nur Luft war. Es stand vor mir und schnupperte und zog meinen Geruch in seine gierige Nase und ich konnte nur mit Mühe das Geräusch aufrechterhalten. Doch dann öffnete es sein gewaltiges Maul, groß genug um ein kleines Kind mit einem Bissen zu verschlingen und ich machte meinen Frieden mit der Welt als ein unglaublicher Schwall heißer, stinkender Luft aus seiner Kehle hinaufkam, ein Rülpser so gewaltig das niemand es nachvollziehen kann. Doch als ich wieder zu mir kam lag ich viele Tagesmärsche weiter nördlich in einer Schneewehe nahe des Norlandes.“
„Toran Dur?“ Die dominante Stimme der weiblichen Wache in ihrer klirrenden, goldbesetzten und mit blutrotem Stoffe geschmückte Uniform, schlägt keifend zum Bärtigen vor. Schnell, in wohl unguter Vorahnung, rappeln sich die Kinderlein auf und bevor die Speerträgerin ihre Lippen zum nächsten Worte anspitzen kann, verschwinden sie, eine Geschichte reicher, in alle möglichen Richtungen. Der gesamte Markte scheint seinen Atem anzuhalten, die unzähligen Augen einzig und alleine auf den galadonischen Fremden gerichtet. „Toran Dur, Falschspieler, Geniesser von Nachtschatten und Äpfelklauer?“ Hakt die Bewaffnete nach, den sich erhebenden Geschichtenerzähler aus Augen betrachtend, welche wohl im Gesichte eines Jägersmannes auf der Pirsch besser aufgehoben wären. „Ich muss doch bitten, Gnädigste“, Der Angesprochene zupft sich in höfischer Gestik sein zerknittertes Hemd zurecht, die Nase wissend empor gestreckt. „Ich bin Toran Dur, Magier und…“ Er winkelt sein rechtes Beine an, „immer noch schnell wie eh und je.“ So rennt er los, den Bart wehend zu allen Seiten in die Windrichtung verteilt. Und bei alle dem Trubel, dem Gerufe und Gefluche, verlassen fünf schemenhafte Figuren, gekommen von den Dächern, die Stadt durch das prunkvolle Westtor, einer Reise entgegen, deren Ungewissheit an ihren Nerven zehren wird, einer Bestimmung die sie an den Rande ihrer selbst tragen kann, einen Weg beschreitend, von den unterschiedlichsten Geschöpfen gekreuzt, und sei es nur ein alter Gossenmagier aus Librasulus. Der erste Schritt sei vollbrach, die Feder fliegt und weit, weit fort knurren einsam einige Zuckerbaumfrüchte vor sich hin, reifend und gedeihend im Wissen um das Bevorstehende.
Danke an Hagen für die Unterstützung. 