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Wieder war ihr Ziel einen Schritt näher gerückt. Sire Kantrin hatte ihr die Uniform eines Rekruten überreicht. Die ganze Zeremonie war ermüdent gewesen. Ihr Alltag bestand nur noch aus Streß und Verpflichtungen. In Gedanken malte sie sich aus irgendwann Urlaub zu machen, weit weg vom Trubel um die Akademie und ihre Person. Es war schön dass sie mittlerweile beliebt war, jedoch konnte sie auf soziale Kontakte wie dem zum Baumeister seiner Majestät verzichten. Der Besuch bei Herren Schoenbach war wohl auch der Auslöser für ihre heutige Schwäche. Was sie in seinem Haus erlebt hatte, konnte sie sich nur in ihren schlimmsten Albträumen ausmalen. Ein bestialischer Gestank der Verwesung, Müll der sich in allen Ecken türmt, Vögel die wild zwitschernd gegen Fensterscheiben knallen und vergammelte Möhren die als Sammlerobjekt bezeichnet wurden. Ser detailiert erinnerte sie sich noch an die Räumlichkeiten und an ihren Kampf den Brechreiz zu unterdrücken. Was für eine Befreiung war es, als sie es endlich schaffte das Haus zu verlassen. Sie wog sich in Sicherheit und Arel stand dort, scheinbar auf sie wartend. Er war genau die Person die sie in diesem Moment brauchte und sie wollte nur weg. Leider wurde darauß nichts, dieser penetrante Gehilfe kam ihr nach und überreichte ihr ein Geschenk, welches der letzte Tropfen auf dem heißen Stein war. Aus dem schmierigen Stoff der ihr überreicht wurde, stieg ein unsäglicher Geruch empor. Ihre Nase wurde gekitzelt, ihr Magen rebellierte und sie konnte die letzte Mahlzeit nicht mehr bei sich halten.
Die Handlungen danach waren nur noch Reflex. Taub von Schwäche war sie in ihr Bett gekrochen, hatte Arel und den Gehilfen einfach auf der Straße stehen lassen und war eingeschlafen, gefangen in leichte Fieberträume. Für ein zartes Gemüt wie sie eines besaß, war dieses Ereigniss einfach zuviel gewesen.
Doch das war gestern und sie musste sich auf das heute konzentrieren, auch wenn es schwer fiel. Dankbarkeit stieg in ihr auf, als der Apell sich dem Ende neigte. Endlich konnte sie sich dem Schwächegefühl hingeben und einfach einknicken, irgendjemand würde sie schon fangen. Doch dies sollte ihr nicht gewährt werden. Der Apell war nicht das einzig geplante an diesem Abend, es sollte noch Unterricht geben. Und wie in den meisten Unterrichtsstunden bei Lehrmeister Midas waren Leibesertüchtigungen immer ein Teil des Unterrichts. Die beißende Hitze nagte an ihr, wie ein Aasfresser an seiner Beute und der heiße Regen sorgte nicht für Abkühlung. Durch die Liegestütze die jeder von ihnen ausführen musste, war ihre gerade erst erhaltene und angezogene Rekrutenuniform bedeckt mit Schlamm und Dreck, doch sie hielt durch, denn sie musste den Fehler im Manöverunterricht wieder wett machen. Nicht gern erinnerte sie sich an diesen Moment der Schwäche, wo sie ein Kommando erhielt und statt heilloser Panik kaum was zustande gebracht hatte. Noch schlimmer, sie hatte vor dem Lehrmeister geweint, ihr schien das unverzeihlich. Wie sollte ein schwacher Mensch wie sie, der schon vor einer augenscheinlich so leichten Aufgabe kapituliert je in den Dienst der Ritterschaft treten können? Doch was hatte Anijane in ihrem kurz zuvor geführtem Gespräch gesagt? "Du selbst kannst nicht bewerten wie die Ritter dich bewerten werden." Eine vernünftige Aussage, die ihr Hoffnung machte, ihrem Selbstvertrauen aber nur bedingt auf die Beine half. Die Worte des Lehrmeisters schienen so fern. "Erzgeweihter gleich Eminenz, Hochgeweihter gleich Hochwürden ..." so ging es die ganze Zeit. Die volle Bandbreite der Etikette und kaum ein Titel wurde ausgelassen. Wie befreiend es war als die letzte Frage gestellt wurde. Welchen Rang hat Hilgorad? Wie automatisiert schritt sie aus der Reihe, um zu signalisieren, dass sie eine Antwort parat hatte, jedoch wurde dem neuernannten Koporal der Vortritt gewährt. Ihr sollte es recht sein, es war mühsam jeden Titel des Königs aufzusagen. Nachdem nur ansatzweise ein paar Titulierungen des Königs herab gepredigt wurden, wurden mit einem "wegtreten" die Reihen gelichtet. Heim ... das war ihr einziger Wunsch. Ein Bad nehmen und dann ins Bett. Weg von Seeberg, weg von diesen tyranischen Lehrkörpern.
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"It seems as if heaven had sent its insane angels into our world as to an asylum, and here they will break out into their native music and utter at intervals the words they have heard in heaven; then the mad fit returns and they mope and wallow like dogs." Ralph Waldo Emerson, 1841
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