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 Betreff des Beitrags: Traumesqual
BeitragVerfasst: 30.03.05, 01:11 
Festlandbewohner
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Schmerz, Einsamkeit, Wahnsinn.
Traum.



Weiches Leinen, in das der Kopf sinkt. Ruhe von einem anstrengenden Tag, vielleicht tiefe Rachsucht, die in den Schlaf treibt.


Schmerz.
Schwärze um mich. Nichts.. bin ich tot? Lebe ich? Ich fühle mich lebendig. Aus dem Dunkel schälen sich Gestalten. Der Geruch von Tod, von Schweiß, von Erbrochenem. Tiefstes Menschsein, oder doch Abschaum.

Um meinen Körper liegen Fesseln. Auf dem Rücken? Gestalten.. keine Lippen, keine Augen, keine Gesichtszüge.. kein Körper? Die Hände aus schwarzem Schatten sind wenigstens echt. Ich will mich wehren. Unfähig dazu.. warum? Nichts.. Kälte. Ihre Hände an mir. Saugen die Kraft aus mir. Verflucht, was ist das? Ich denke, wie wach, nur klarer. Zorn erfüllt mich, vielleicht Trotz? Und doch, jede Kraft verlässt mich, kein Schwert in den Händen, um sie zu vertreiben, keine Kraft, sie mit Magie zu zerstören. Nackt wie ein Fisch an der Angel, zappelnd und doch endloser Wehrlosigkeit ausgesetzt.

Schmerzen, Blut, Folter. Mir wird schlecht, mein innerstes Sein bäumt sich auf. Was sie auch immer sind, was sie auch immer wollen, sie brechen meinen letzten Willen. Kräfte, die ich nicht kenne. Was, verflucht, was?

Die Hände, die keine Hände mehr sind, die Knochen mit einigen Fleischfetzen und verrottender Haut sind, greifen nach meinem Hals, würgen, pressen, der Gestank meiner eigenen Verwesung frisst sich durch meinen Hals. Schreie in den Ohren, ein Widerhall meiner eigenen.



Schweißgebadetes Erwachen. Hektisches Umschauen. Nur ein Traum, nur ein Traum. Nur ein Traum. Nicht verzagen. Ein Blick zum Fenster, instinktiv. Kein dunkler Schatten, der hinter den grünen, dünnen Gardinengittern lauert. Oder doch?


Verlassen.
Sie steht vor mir, und sie keift mir entgegen. Schwach! Verdammt und unfähig! Unwürdig ihrer weiteren Aufmerksamkeit! Ihre Fingernägel bohren sich in mein Fleisch. Ich konnte nichts dafür, ich musste den Namen nennen. Sie hatten Klingen, hatten Feuer, hatten Wasser, hatten ihre Knechte.

Sie hat natürlich kein Verständnis. Verraten hat sie uns, leiden soll sie! Verstoßen! Was kann sie noch falsch machen! Aussätzige!

Ich sitze in der kalten Höhle. Kann mich nicht blicken lassen, sie wissen alles über mich. Kann nicht nach Hause, sie hassen mich, sie fürchten mich, sie würden mich umbringen. Kann nicht ruhen, bin zu alleine. Kein Vertrauen mehr, nichts.

Ich sitze an meinem Fels und starre auf die Ritzereien. Verfalle ich selbst? Bin das überhaupt ich? Ist das nicht meine Mutter? Ich spüre dunkles Sein, dunkle Macht, die durch meine Adern schießt. Irgendetwas ist daran falsch, es besticht mich, es hintergeht mich, es korrumpiert mich, ich verändere mich. Ich habe keine Kontrolle über mich selbst, es nährt sich an meiner Angst wie von einer bittersüßen Frucht. Nein!

Ich brauche sie. Sie dürfen mich nicht im Stich lassen. Sie brauchen mich! Nein, das kann nicht sein. Die Bilder verschwimmen. Mein Herz rast, Einsamkeit, Angst, Schrecken. Alles so real. Es darf nicht sein, niemals! Ich hätte nie verraten!



Schweiß rinnt über die Poren. Der Mund ausgetrocknet, der Atem rast, das Herz schlägt im Rhythmus eines Schwertduells zweier junger Narren. Jedes Pochen klirrt in den Ohren, jeder Atemzug rasselt durch die Schläfen. Ein Glas Milch. Ja, das wird helfen. Ja, das wird es sein. Ein Schritt vor die Türe. Es ist nicht Dunkeltief, alles ist so gewöhnlich. Zufall, sicherlich. Wieder ins Warme, wieder unter die Decken. Ruhe. "Gute Nacht."


Wahnsinn.
Ich knie auf dem Boden, schreie meine Verzweiflung heraus. Tot, tot, tot! Am Ende wird Galtor sie alle bekommen! Verflucht sollen sie sein, verflucht!

Ich spüre Hände, die meinen Körper zu Boden drücken, schreie meinen Zorn schrill durch das Gemäuer, als sich Eisen um den Hals schmiegt, als sich Eisen um die Hände schmiegt. Ein Fluch soll über sie kommen, kein Eisen und keine Weihe wird sie retten!

Keine klaren Gedanken, doch eine erschreckende Erkenntnis: Ich bin wahnsinnig. Meine Hände zittern, mein Herz donnert in der Brust, meine Haut brennt. Nein! Nicht sie, den Verstand verlieren, sie würde es niemals! Nein! Sie war klar im Kopf, stets gewesen! Warum tat ich es dann? Warum tue ich das? Meine Hände suchen seinen Hals, drücken dagegen. Die Flucht wäre die klügere Wahl, aber ich drücke, ich drücke, bis sich seine Hände von meinen Schultern lösen, bis das Zittern erstirbt, bis Blut aus seiner Nase quillt, aus seinem Mundwinkel rinnt, als ich ihm den Dolch das sechste Mal in die Brust steche.

Tränen, die über meine Wangen schwemmen wie Sturzbäche. Kalter Schweiß, der meine Stirn heruntertrieft. Machtlosigkeit, ich kann meinen Körper nicht mehr lenken.

Schreie bohren sich durch meine Ohren, Atmen fällt schwer, wird unmöglich, jedes Stück meines Körpers fühlt sich an, als würde es bei lebendigem Leibe faulen. Meine Finger werden taub, meine Zähne fühlen sich an, als würde jeder einzeln zum gleichen Moment herausgerissen, tausend Messerstiche überziehen den Körper, Kraftlosigkeit, Wehrlosigkeit. Wilder Zorn, der kein Ziel findet.



Sie fährt auf, schlägt sich den Kopf an der Wand und sinkt wieder herab. Der leise Aufschrei hat die Vögel in den Bäumen unruhig gemacht, erstes Zwitschern. Der Morgen graut. Das Morgengrauen wird zum grässlichsten Grauen, das sie seit langem erlebt hat. Hastiger, trockener Atem, die Laken verschwitzt, die Finger zitternd, Eiseskälte im ganzen Körper trotz der lauen Vitamanacht. Das Gefühl, dass etwas Unheiliges sie berührt hat. Unheilig, schwarz und voller dunkler Kraft.


Zuletzt geändert von Phobie: 30.03.05, 01:30, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 4.04.05, 02:42 
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Flucht.
"Du gehörst mir!", hallt es durch den Kopf der Delinquentin. Taumelnd und keuchend läuft sie ihren Weg in der Schwärze. Um sie herum - Nichts, Schreie, Angst, Hass und Gier. Ein Land der Niedertracht, durch das sie läuft, auf der Jagd nach dem Licht am fernen Ende der Schwärze.

"Zu tief gefallen! Du Närrin! Du weißt nicht was gut für dich ist! Du wirst es nie lernen! Zu spät!" Ich höre sie nicht, ich höre sie nicht. Die Schreie höre ich nicht, die Angst, die die Luft verpestet, kann ich nicht spüren. Nein, ich bin garnicht hier. Ich gehöre hier nicht hin. Alles wegen dem dummen Fehler, nein, das kommt nicht wieder vor.

"Du bist verloren! Jeder Schritt macht es nur schlimmer!", grollt es durch die Schläfen der Delinquentin. Nein, nicht umsehen, nicht umsehen, er will dich nur täuschen. Du bist zu tief ins Dunkel gefallen, du kannst nicht fliehen! Ich kann fliehen, jeder Schritt bringt mich dem Licht ein wenig näher, ich kann es fast schon greifen.

Es war doch nur ein so kleiner Fehler, warum soll ich ewig büßen? Tausende von Augen starren mich an, von allen Seiten, belächeln mich, begaffen mich, hassen mich. Ich wage mich, wonach ihnen allen der Sinn steht.

Erfolglos. Gefangen von den Fehlern meines Lebens, für ewig versklavt?



Sie reißt die Augen auf. Was, verflucht? Nicht meine Gedanken. Bekannte Gedanken, aber nicht meine. Es ist wieder soweit..?


Schreie.
Ich lebe. Ich sehe nicht, aber ich lebe. Bewegung? Ich spüre nichts. Aber ich lebe. Schmerzen? Nein, aber ich lebe.

Schreie in den Ohren. Schreie wie Musik. Schreie in jeder Klangfarbe. Von Frauen und Männern. Von Kindern und Greisen. Schreie aus Zorn. Schreie aus Angst. Schreie aus Schmerzen. Schreie aus Verzweiflung. Musik des Grauens.

Druck auf meiner Brust. Atmen fällt schwer. Schreie in den Ohren. Eine treibende Melodie der Ungnade. Das leise Säuseln von denen, die keine Kraft mehr haben für einen lauten Aufschrei. Das leise Flüstern der Toten.

Schrill, laut und schmerzend. Schreie, die Musik der Verzweiflung. Der Gesang der Schwachen. Der Totenkuss der Schmerzen.



Schweißgebadetes Erwachen. Und in der Stirn die säuselnde Musik des Grauens. Schreie.


"Nur ein Traum", hämmert es in ihren Ohren...


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BeitragVerfasst: 9.04.05, 00:21 
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Die Delinquentin träumt.


Die Logik des Glaubens.
Vor mir sitzt er, dieser verblendete Idiot, dieser arme Kerl, dieses Wesen, das nicht einsehen kann. Verfallen ist er seinem Glauben, seinem Wahnsinn. Glaubt an seine eigenen Lehren, an das, was er sehen will. Er kann froh sein, dass ich mich seiner erbarme. Seine arme Seele zurückführe.

Er lächelt. Kein höfliches Lächeln, kein charmantes Lächeln, kein überlegenes Lächeln. Er lächelt absolut geübt, und ohne jede Bedeutung. Sicherlich einer seiner Fanatikertricks. Lächeln, um zuverlässig zu wirken, um seriös zu sein, um glaubhaft zu sein. Nein.. falsch. Ein fanatisches Lächeln. Ein wahnsinniges Lächeln. Unerbittliches Lächeln. Ein Lächeln, das kein "aber" zulässt. Er wird sich wundern, er wird noch an seinen eigenen Worten zweifeln.

Er lächelt immernoch. Ich lächle nicht mehr. Er hat mich. Ich kann mich doch garnicht derart überschätzt haben. Er hat Unrecht, das ist sicher. Er hat, ja, er hat. Ich werde ihm zuhören, und ich werde einen Schwachpunkt in seinen Argumenten finden. Nein, es ist ganz einfach. Er kann garnicht logisch argumentieren, denn was er glaubt, ist ja Irrsinn. Was er anbetet, ist ja Irrsinn. Es kann garnicht sein, dass er über mich argumentieren kann. Nein.

Er lächelt immernoch. Ich lächle heute auch. Lange ist es her. Ich lächle nicht höflich, nicht charmant, nicht überlegen. Ich lächle völlig geübt, und ohne jede Bedeutung. Ein Lächeln, um glaubhaft zu wirken. Um seriös zu sein. Ich ertappe mich dabei, dass ich denke: Ein wahnsinniges Lächeln. Ein fanatisches Lächeln. Ein unerbittliches Lächeln. Ein Lächeln, das keinen Widerspruch duldet.



Die Delinquentin träumt.



Gluck gluck gluck.
Du kennst doch das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Wenn du zu kräftig auf den Rücken fällst. Oder wenn dir jemand den Mund zuhält. Oder wenn du beim Schwimmen zu übermütig warst.

Um mich herum ist es kalt, kalt und feucht, und jede Bewegung fällt schwer. Ich kann nicht einatmen, wenn ich es versuche, füllt kaltes Wasser meine Lungen. Mein ganzer Körper füllt sich langsam mit der kalten Suppe.. krampfhaftes Reißen an den Fesseln. Verflucht, nein, ich schaffe es! Der See ist nicht tief.

Mein Kopf dröhnt, meine Ohren schmerzen, meine Augen fühlen sich zerquetscht an. Eisige Angst füllt mich aus, ich sterbe. Eindeutig, ich sterbe. Meine Hände umkrampfen das Seil um meine Füße. Die eiserne Kette, die um meinen Hals liegt und zu dem Steinblock führt, der mich hier unten hält. Ich schwimme mit den Füßen nach oben, oder? Alles dreht sich...

Als es nicht mehr geht, als mir endlos schwindelt, als meine Augen sich anfühlen, als würden sie in den Augenhöhlen zermahlen, als meine Ohren von heißen und kalten Stichen vernichtet werden, als mein Körper von innen zerbricht, reiße ich die Augen auf. Ich schwimme in einem Teich aus Blut. Aus meinem Blut.



Erwachen.


"Träum süß, mein Schatz", säuselt es durch ihre Schläfen..


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BeitragVerfasst: 14.04.05, 01:20 
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Rekapitulation.
Weiße Wiesen, weiße Wolken, weißer Himmel. Die Welt ist schön. Naives Gör, schreit es in ihre Ohren! Die Welt ist ein Trugbild, das du dir schön denkst! Hast du keinen Tropfen Stolz in dir?

Das Weiß verblasst. Die Delinquentin schwebt durch endlose Weiten trügerischer Erinnerung. Süß war es sicher gewesen, die Augenblicke zu genießen, in denen er wusste, dass jetzt die dunklen Seiten des Wachtraums begannen.

Die Situation kommt einem so bekannt vor, nicht? - dringt es leise an ihre Ohren. Ihre Finger liegen gespreizt auf dem Tisch, die Handgelenke durch eisene Schellen gewunden. Foltern sind süß, wenn sie nicht ins Ekelhafte übergehen, mein Lieb' - säuselt es leise und beruhigend durch ihren Kopf, während kaltes Metall sich auf ihre Finger legt. Die Klinge gleitet langsam zwischen ihren Fingern entlang, vor und zurück, mit leisen, dumpfen Aufschlägen wandert sie zwischen den Fingern entlang. Schnell und schneller. Tut mir leid, dass du mir vertrauen musst, mein Liebes.

Der erste Schnitt trennt die Fingerkuppe ab, ein dumpfes Stechen, das sich den Zeigefinger entlang schleicht. "Treffer", summt es leise und der Dolch geht von neuem auf Wanderschaft. Während die Schmerzen zunehmen von den heißen Händen, die ihre Haut verbrennen, streift kaltes Metall wieder ihre Finger, wandern, hetzen, stolpern und treffen. Mit einem leisen Knacken bricht der Knochen unter der Haut, als der Dolch sich durch den Widerstand in das Holz bohrt. "Treffer", singt es an ihrem Ohr und sie kann ihn spüren, riechen, selbst die Luft schmeckt nach seinem Jubel. Widerlich ist es.

Wieder geht das Metall auf Wanderschaft, und leise singt es an ihrer Wange. Haut verbrennt, Haut reißt, Haut fault, Blut fließt.


Und wenn in dieser dunklen Nacht
der Herr dem Herren Freude macht
dann tanz ich meinen Tanz dafür
und komm zu andrer Zeit zu dir.



Prophezeihung.
Weiße Wiesen, weiße Wolken, weißer Himmel. Eine kühle Hand auf ihrem Bauch, streichelnd, liebkosend. Leise Worte, geflüstert und gehaucht. Ein wahrer Traum. Ein Alptraum, als sich die Klaue auf ihrem Bauch langsam mit den Krallen in ihr Fleisch bohrt. Ein Alptraum, als das Säuseln an ihren Ohren ein Knurren wird, als das Knabbern an ihrem Ohrläppchen ihr die Wange mit einem Biss abreißt.

Die fünfte Nacht. Tanz der Geister.

Herzen gebrochen, Herzen zerstochen. Liebes Kind, sei achtsam! Gebrochene Herzen sind gefährlich... - ein Summen an ihren Ohren, als ihr die Unwirklichkeit klar wird. Was ist wirklicher, der Traum oder die Wahrheit? Vorsichtig, wer wirklich werden will.

Rosen ringen sich um ihre Wunden. Bittersüße Qual, bittersüße Worte, bittersüßer Kuss. Meine Liebe, mein Hass, mein Zorn, meine Güte. Du bist mein in diesen Nächten, meine Sklavin, mein Spielzeug, mein.



Erwachen sollst du, armes Kind
Seele, die sich krumm bucklig windet im Wind.
Tanz mit mir, spiel mit mir
vielleicht merkst du's nicht
vielleicht willst du's nicht
vielleicht wirst du fliehen
vielleicht willst du dich entziehen
doch ich spiele mit dir.
Mein.


Zuletzt geändert von Phobie: 14.04.05, 01:20, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 18.04.05, 23:56 
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Freund oder Feind.
Langsam winden sich glatte, kalte Dornen an ihren Füßen hoch. Völlig nackt, naja. Nicht völlig. Langsam, stetig und mit stechender Sicherheit winden sich Dornen auf sie zu. Aus allen Richtungen, langsam, quälend langsam, unaufhaltsam. Sie winden sich um ihre Finger, ihre Zehen, ihren Hals. Kalte Rosen winden sich um ihren Körper, legen ihr ein Kleid aus Dornen, aus Blüten, aus Ranken um.

So nackt, so hilflos, so wehrlos, so unterworfen. Ein leises, vergnügtes Lachen, nur für einen Moment, nur in ihrem Kopf, nur pochend in ihren Schläfen. Ein bekanntes Lachen. Verbittertes Lachen. Gequältes Lachen. Wahnsinniges Lachen.

Kein Fluchtweg, kein Ausweg, kein Ende. Langsam und fester, immer fester, immer kräftiger schnüren sich die kalten Spitzen der Dornen um ihren Leib, hinterlassen schmerzende Kratzer auf den Wangen, auf den Händen, auf den Schenkeln. Allmählich wird der Atem knapp, während sich die kalten Pflanzen ihren Weg in ihren Mund suchen, durch das Innere ihres Körpers sich winden, in den Magen, in den Kopf, und ihr Körper verbrennt innerlich vor Schmerzen.



Tanz mit mir, Stern der Nacht.
Hast Feuer des Hasses in mir entfacht.
Spielst mit einem Feuer, das du nicht verstehst.
Acht' auf dich, dass du nicht vergehst.


Mutter.
Was auch immer er angestellt hat, bisher spüre ich nichts. Nein, er hat nichts mit mir angestellt, das wäre ja noch schöner. Er hat mal wieder versagt. Versager, Versager.

Irgendetwas sagt mir, dass ich falsch liege. Nein, irgendetwas hat er getan. Irgendetwas, das daran schuld ist, dass ich mich schlecht fühle. Dass ich dieses Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt. Mit mir nicht stimmt. Nicht stimmt.

Irgendetwas rührt sich in mir. Unheilig, ungewollt, ungesollt. Ein dunkles Kind.

Leise und schleichend bohrt sich das Etwas in mir voran, wächst. Ich bin die Mutter, er ist der Vater. Was für eine pervertierte Welt. Schmerzen. Ohnmacht.

Mit einem Schrei ward ein dunkles Wesen geboren. Mit einem Schrei der Verzweiflung. Des Hasses. Der Wut.



Ein Schrei, der ihr im Erwachen noch in den Schläfen pocht.


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BeitragVerfasst: 23.05.05, 23:49 
Altratler
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Wohnort: Dur´sches Imperium
Es beginnt alles mit einem sanften Säuseln in den Ohren. Das zärtliche Flüstern hingebender Worte einer Geliebten nach einer wilden Nacht, die einlullend auf die schläfrigen Lider wirken. Beinahe übergangslos, wie die Graustufen des Himmels an einem düsteren Regentag, scheint die Realität zu verschwimmen und der erholsamen Süße angenehmer Träume zu weichen.

Wohltuende schwarze Leere umwebt die Seele, wie eine Spinne die Fliege, nachdem sie ihr mit einem stechenden Biss das lähmende Gift injizierte. Ein seicht plätschernder Strudel, der die Sorgen des Alltags hinab zieht. Zurück bleibt ein reiner, unbefleckter Geist, frei von vergänglichem Körper und belastenden Gedanken. Wäre da nur nicht dieses unstete aber erbarmungslose Saugen, das versucht ihn hinab zu ziehen. Hinab? Wohin?

Ein Gefühl von Übelkeit macht sich breit, als hätte er sich zu lange bei einem Tanz um die eigene Achse gedreht. Er beginnt Farben wahr zu nehmen, die nach und nach die Formen erkennen lassen, denen sie zugehörig sind. Er findet sich liegend auf einer Wiese wieder, das Gras saftig grün, kniehoch und leicht im Wind wogend. Ein Kreis aus Bäumen, die den, in pastellfarben, dämmernden Himmel berühren zu scheinen, grenzt sein Blickfeld ein. Irgendwo her erklingt das leise, beruhigende Gluckern eines Wildbaches, der sich wie eine Schlange durch die idyllische Landschaft seinen Weg bahnt und letztendlich zwischen den dicken Stämmen vorbei im Wald verschwindet. Vögel zwitschern von den Ästen herab aufmunternde Lieder, die gerade dazu animieren, sich tatkräftig und voller guter Laune ans Werk zu begeben.

Eine Hand streckt sich ihm entgegen, jung und sonnengebräunt, wohlbekannt. Er lässt sich gern auf die Beine helfen. Was kann schon schlimmes geschehen an einem so schönen Ort wie diesem, mit einer Frau, der man vertraut. Vertrauen, ihr? Warum wollte ihm beim besten Willen nicht einfallen, was an diesem Gedanken falsch war. Ihr Griff zieht ihn an sich. Zwei Körper, die so eng aneinander geschmiegt sind, dass der andere jede Wölbung des Leibes spüren kann, die Stirn beider angelehnt, als wollten sie ohne Worte kommunizieren.
Er blickt in kobaltfarbene Augen, die ihn voller Zuneigung und doch mit einem Stich gut getarnter wölfischer Hinterlist ansehen. Ihre Lippen bewegen sich, als würde sie eine süße, seltene Frucht verspeisen, als sie damit lautlos seinen Namen formt.
Warm spürt er ihren Atem auf der Wange, als sich ihr Mund seinen Ohren nähert.
„Es ist noch nicht vorbei. Willkommen in der nächsten Runde!“

Sie löst sich mit der berechnenden Schnelligkeit einer Katze von ihm, die sich nach minutenlangem heran Pirschen nun endlich auf ihre Beute stürzt. Er erkennt die fremdartigen Runen auf ihrer Stirn, die scharlachrot, mit seinem eigenen Blut geschrieben, im fahlen Licht glänzen und ein Abdruck davon sich auch auf seiner Stirn wieder findet.
Die Lichtung um ihn herum verschwimmt zu dunklen Schatten, jegliche Farben entzogen, als hätte ein Wirbelsturm sie ein gesogen und davon getragen.

Ein Reißen zerrt an ihm, quetscht ihn in einen schmerzenden, wunden Körper, der viel zu klein für ihn zu sein scheint. Schwärze umgibt ihn, wie ein dornenbestickter Mantel. Er spürt, dass sich etwas bewegt, wie ein Blinder, der nichts sehen kann, aber weiß, dass er von einer unaufhaltsamen Woge davon gespült wird. Gleich eines versehentlich gefressenen Opfers eines Ungeheuers wird er ausgespuckt und findet sich auf einem hölzernen Stuhl sitzend wieder. Vor ihm ein zweckmäßiger Tisch mit einer schwach lodernden Kerze, die es nicht vermag mehr als die beiden Möbelstücke mit Helligkeit zu versorgen.

Er vernimmt ein Geräusch, dass an Pergament, welches langsam und leise zerrissen wird, erinnert. Ein so aufdringlicher und doch unmerklicher Ton, wie das Summen einer Schnake auf der Suche nach Blut in einer lauen Sommernacht. Sein Schädel droht zu bersten. Er spürt etwas Fremdes, aber auf unbestimmte Weise Vertrautes in seinen Kopf eindringen und umhergeistern, dass all seine Gedanken zu erkunden versucht, als handele es sich hierbei um eine Kröte, die es zu sezieren gilt.

Dort, wo der Eindringling sich befand, fühlt es sich an, als wäre ein Schwarm Heuschrecken über ein Feld hereingebrochen um alles kahl zu fressen und kein Korn mehr zu hinterlassen. Jeder Richtungswechsel gleicht einer aufgebracht trampelnden Elefantenherde. Ein Kreuzzug durch seinen Geist. Auf der Suche nach Gedanken, die alles betreffen, was mit ihr in Zusammenhang steht. Angefangen von der Wahrhaftigkeit seiner Zuneigungsbekundungen bis hin zu der Erörterung seiner Gefühlen, die ihn dazu brachten vor ihr Tränen zu vergießen.

Ihr Wille drängt ihn zurück in bis in die kleinste Windung seines Ichs. Seine letzte Bastion, in die sie nicht eindringt. Wohl aber mehr aus dem Grund ihn nicht aus sich selbst zu vertreiben, als das sie unfähig dazu wäre ihn auch dort zu knacken. Jeder Versuch sich dagegen zu erwehren fügt ihm Schmerzen zu, die sämtliche körperlichen Leiden in den Schatten stellen.
„Sträube dich nicht, mach es nicht noch schlimmer.“ wispert eine tonlose Stimme, die von einem Vergewaltiger stammen könnte, der weiß, dass das Opfer durch planloses Umherzappeln nur Zeit schinden, aber nicht die eigentliche Tat aufhalten kann.

Ausgelaugt sinkt er in die Lehne des knorrigen Stuhles zurück. Fallengelassen, wie das Spielzeug eines Kindes, das plötzlich etwas entdeckt hat, dass seine Aufmerksamkeit mehr verdient. Benutzt, wie ein Kochtopf zum Erwärmen von Wasser, welches man dann einfach umfüllt um Tee damit auf zu gießen. Ausgehöhlt, wie ein Stück Holz, nachdem sich ein Wurm darin Jahre lang gütlich getan hat.
Hinter den Schläfen hämmert es, als würde ein Schmied seinen Kopf als Amboss missbrauchen um sein Eisen zu formen.
Zurück bleibt nur seltsam schmerzende Leere, als hätte jemand auf brutalste Weise seine Gedanken missbraucht, sie dann wie ein unnütz gewordenes Pergamentstück zusammen geknüllt und in die Ecke geworfen. Das letzte was er in dieser unwirklich wirklichen Welt sieht, ist eine Mauer auf der in roten Lettern geschrieben ihr Name steht. Ein metallischer Geschmack von Blut liegt ihm auf der Zunge, als er die Buchstaben liest. Ein einprägsamer Geschmack. Leises Flüstern in den Ohren „Das Privileg fordert Opfer. Weißt du wie es ist, wenn man an etwas denkt von dem man weiß wie es schmeckt und ab dann immer sich einbildet den Geschmack auf der Zunge zu spüren?“ Stille. Dunkelheit. Nichts.


Er schreckt aus dem Schlaf hoch mit dem Gefühl, dass einen durchdringt, wenn man des Nachts aufwacht und glaubt aus dem Bett zu fallen. Alles nur ein Traum, oder war es ihr tatsächlich gelungen sein Innerstes auf diese Weise zu erkunden?


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BeitragVerfasst: 24.05.05, 15:40 
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Essenz
Verbotenes Areal.


Vor ihren Augen ein Schimmern, die Welt an ihr vorbeiziehend, ein Sog aus Farben und Schwärze, aus Nichtigkeit und Wahnsinn. Ein kleiner Punkt, schwärzer als Schwarz, ein Sklaventreiber im Meer der ungesprochenen Dinge, ein Peitschenhieb in der Leidenschaft, ein Schrei in der Stille.


Willkommen in meinem Reich.


Eisige Finger greifen an ihre Schultern, hauchen ihr unwahre, tränensalzige Küsse in den Nacken. Ein schneller Griff nach hinten, nichts ist da.


Finger weg... mein Spielzeug! Mein Spielzeug!


Das Keifen fährt beständig fort, leise, vergnügt, kichernd, irre, bösartig, verwirrt. Mein Spielzeug! Die Szenerie reißt ab, der Sklaventreiber holt aus, die Peitsche schwingt durch die Luft ...


Ihr Spiegelbild rast ihr entgegen, ein pechschwarzer Steinring, verbunden mit dem düsteren Hauch der Vorsicht, der Angst, der Panik, der Unsicherheit. Das Spiegelbild verschwimmt, als es von schwarzen Fäden verschlungen wird, die sich ihre Füße, Beine, Hüfte, ihren Körper hinauffrisst.
Mit einem Donnerschlag reißt ein Schmerz durch ihre Seele, ein Gefühl, als würde das Innerste gebrandmarkt mit einem glühenden Eisen.



Du spielst mit meinen Sachen.. Lass mich.. lass mich! Mein Spielzeug!


Eine zitternde, kniende Gestalt unter finsterem Sternenhimmel. Tränen rinnen über die eingefallenen Wangen; die ausgebleichte, zerfurchte Haut rot vor Schlägen und Zorn. Falsch verstanden, falsch reagiert, falsch gedacht, falsch gehandelt, falsch, falsch, falsch! Verzweiflung, über das was getan wurde. Zorn über die eigenen Fehler. Hass auf sich selbst, wegen der eigenen Unfähigkeit. Verzweiflung, Verzweiflung, Verzweiflung.
Bin ich denn so schlecht?
Ein giftiger Dolch wird in die Brandspuren des Mals gerammt, als würde ihr Kopf zerreißen, ihr Sein verlöscht, und in schwarzer Kraft wiedergeboren.



Wag dich nicht zu weit, Hexe, verdammte! Sterben sollst du! Du wirst nicht mehr wagen, wirst du nicht! Schlampe! Hexe! Zurück! Mein Spielzeug!


Ein wahnsinniger Gedanke, wie ein Schlag ins Gesicht, mit einem kreischenden, spitzen Schrei, der in den Ohren klirrt. Abhängig. Verfallen. Süchtig. Verliebt?


Verflucht, verflucht! Du sollst brennen, verdammtes Kind, brennen! Brennen!


In einem Sog aus träger, schwarzer Masse schlägt die Peitsche auf den Rücken der Delinquentin. Einmal, zweimal, zu oft. Schmerzen, die nicht wirklich sind, und doch schärfer und realer als jede Misshandlung der Realität. Neunmal knallt das unwirkliche Leder nicht wirklich auf ihre unwirkliche Seele, lässt tiefe Schnitte zurück, die alle einen Namen tragen. Alle denselben, so vertrauten Namen. Alle bis auf einen. Bis auf einen. Eine schwarze Strieme, die sich durch alle anderen zieht.


Feuer.
Er gewinnt die Kontrolle.. gewinnt? Nein, er gewinnt nicht.. doch.. doch er..

Sie selbst. Ein Scheiterhaufen, lange Latten aus Holz, Reisig, Scheite. Ein Pfahl. Festgeschnürt. Hitze. Flammen.

Rauch frisst sich in die Lungen, lässt sie husten, lässt sie keuchen, schwer atmen. Die Flammen erreichen die Füße. Ein hämisch grinsender Vertrauter, der in der Abgelegenheit tiefer Wälder um den Holzstapel schleicht. Ein selbstzufriedenes, wahnwitziges Lächeln. Ich liebe dich.



Der Faden reißt, schlägt nach ihr, als sie unsanft durch den Strudel zurück in die Realität fällt. Das Gras unter ihr so taufrisch wie ihr Blut.


Eine unangenehme Erfahrung?


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