|
Ölig leuchtete das schwarze Gefieder des Raben. Erhellt nur von den zuckenden Lichtern mehrerer kleiner Feuer, um die, angelockt von selbigen, Motten und andere Falter kreisten. Besonders unvorsichtige Insekten, die sich zu nah heran wagten, fielen der Hitze und damit auch den hungrig leckenden Flammen zum Opfer. Der Rabe weitete seine Schwingen und stieß sich vom dürren Ast ab, mit einer Eleganz, die man für gewöhnlich nur Adlern oder Falken zuschreibt. Der dunkle Blick wandert suchend nach Fressen über die feuerbeschienene Lichtung, bleibt kurz hängen bei der Frau, die wie tot in einem mit blutgezeichnetem Pentagrammkreis liegt. Er stößt, die brennenden Fallen umgehend, herab und landet neben der reglosen Rothaarigen. Die Mahlzeit für heute schien gefunden. So hackte er gedankenlos nach der offenen Wunde am Unterarm, die sich längs geschnitten bis zum Ellenbogen hinauf zog. Die Hand zuckte wie eine beißende Schlange hervor, schlug nach dem überraschten Vogel, der laut schimpfend seinen Protest über das entgangene Mahl bekannt gab und kurze Zeit später weiter krächzend sich in der Luft wieder fand.
Ihr war schwindelig. Die Welt um sie herum drehte sich wie ein Karussell, das im Sommer in Draconis für die Kinder der Wohlhabenderen aufgestellt worden war. Ihre Stirn glänzte selbst in der Dunkelheit von fiebrigen Schweißperlen. Sie beugte sich zur Seite um sich zu übergeben. Was hatte sie nur getan? Wie konnte sie nur so verrückt sein so viel zu riskieren um ihre Spielchen fort zu setzen? War es überhaupt erfolgreich gewesen? Sie war zu durcheinander um einen klaren Gedanken zu fassen, zu erschöpft um das, was sie in Erfahrung gebracht hatte sinnvoll zu verwerten. Sie wollte nur noch nach Hause, endlos schlafen und sich erholen. Diese Rache hatte sie viel gekostet. Alles erforderte nun mal Opfer und sie konnte froh sein noch so glimpflich davon gekommen zu sein. Was waren schon körperliche Schmerzen?
Sie löste den Schutzkreis, oder das was davon übrig war, auf, sammelte die Utensilien ein, die sie stellvertretend für die Elemente an jeder Spitze des Pentagramms aufgestellt hatte und taumelte mehr den Weg zurück zum Turm als das sie ging. Glücklicherweise war es dunkel und kein Mensch begegnete ihr in diesem Zustand. Es war kein Wunder, dass der Rabe sie in ihrem Kreis behelligen konnte. Dieses Ritual hatte soviel Kraft gefordert, dass noch während sie dabei war, der Schutz gleich einer verblassenden Farbe wich. Sie fühlte sich außer Stande selbst den einfachsten Zauber, der ihr Licht im Dunkeln bescherte, zu sprechen.
Nach und nach kamen ihre Erinnerungen wieder, fügten sich wie bei einem Mosaik Stein für Stein aneinander und ergaben ein Ganzes. Ihr wurde wieder bewusst, wie sie sich auf der Lichtung einfand und den Schutzkreis zog. Recht schnell waren die in einem Kreis angeordneten Feuer entzündet. Lange, eiförmige und grobbuchtige Blätter, die ein Kenner wohl als Bilsenkraut zu identifizieren vermochte, warf sie den Flammen als Nahrung vor.
Sie traf Vorkehrungen, die verhinderten, dass sie verbluten würde, ehe sie die scharfe Klinge des Dolches längs des Arms hinauf durch die Haut trieb. Mohnblütenfarben quoll der Lebenssaft in scheinbar endlosem Strom aus der Verletzung. Sie begann die dafür ausgewählten Worte zu sprechen um die Mutter um Hilfe für ihr Vorhaben zu bitten. Ihre Stimme nur ein leises, rituell intoniertes Flüstern.
Ich entfalte meine Schwingen, stoße durch die Lüfte, Fliege an den Ort, an dem ich nicht soll sein, Wage den Versuch, dringe in seine Seele ein. Ich bitte dich Mutter, hilf mir, lass mich überwinden die schweren Klüfte.
Etwas in ihr erhob sich gegen den Wunsch. Lies sie spüren, dass ihr Vorhaben nicht die Zustimmung empfing, wie sie es sich erhofft hatte. War es die Mutter, die sie ihre Abneigung fühlen lies oder ein Teil ihrer selbst, die die kommende Handlung verachtete?
Sie musste weiter machen, wenn sie ihr Ziel erreichen wollte. Das Blut ran aus der Wunde und gab, einer laufenden Sanduhr gleich, die Zeit vor, die ihr blieb. Wenn sie zulange haderte würde der Blutverlust sie zu sehr schwächen. Sie zog die Holzschale, mit weinrot schimmerndem Inhalt zu sich. Sein Blut. Genommen in einem Moment, wo er dem Tod näher war als dem Leben. Die verschiedenen Rottöne vermischten sich, für einen kurzen Moment hatte es den Anschein als würden die Farben miteinander kämpfen. Sie bemerkte, wie die Düfte des verbrennenden Krautes ihre Wirkung taten und ihre reale Wahrnehmung verschwimmen lies. Schwerfällig, wie ein Betrunkener, gingen ihr die Worte von den Lippen.
Sein roter Lebensquell vereint mit meinem, In seinen Adern im Einklang pulsierend, Den Weg zum Geiste bahnend, die Gegenwehr einfrierend. Für einen Moment seine Gedanken kontrollierend.
Sie musste sich anstrengen um noch nicht von der dunklen Woge, die nach ihr greifen wollte, fortgespült zu werden. Schwach hob sie die unverletzte Hand und drehte den Finger in der Luft wie ein Strudel beginnt. An der Stelle begann sich eine Art Kreisel zu bilden, der sich nach oben wühlte und dabei eine durchsichtige Gestalt materialisierte. Der Schatten griff nach ihrer Hand und sog sich in sie hinein, wie eine auf die Haut aufgetragene Creme nur um einiges schneller. Mühselig wispernd klammerte sie sich an die Umgebung. Noch die letzten Worte.
Ich beschwöre dich mein hilfreicher Schatten, Beschütze mich vor dem was in ihm ist, Halt es in Schacht, lass es nicht erwachen. Bring in neblige Ahnungen helles Licht.
Alles um sie herum wurde eingehüllt in schwarze Leere. Irgendwo hier musste sie ihn finden nach ihm greifen können und das gewünschte vollbringen. Ein Flimmern in der Dunkelheit, wie ein Riss am nächtlichen Horizont erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie versuchte einzutauchen in das was sich als widerspenstige zähe, schlammartige Masse erwies.
|