Siebenwindhomepage   Siebenwindforen  
Aktuelle Zeit: 6.05.26, 19:36

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 9 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Die nächste Runde
BeitragVerfasst: 30.03.05, 20:31 
Altratler
Altratler
Benutzeravatar

Registriert: 9.12.01, 12:26
Beiträge: 11213
Wohnort: Dur´sches Imperium
Gemächlich, wie eine dahin kriechende Schnecke, erklomm die aufgehende Sonne das Firmament und tauchte die morgendliche Dämmerung in zartes rosa, das beinahe ansatzos in helles blau überging und einen strahlenden Frühlingstag verkündete.
Eine laue Brise aus dem Norden fegte durch ihr zerzaustes Haar und schaukelte die Baumwipfel, wie wogendes Gras auf einer endlos weiten Pferdkoppel.

Sie fühlte sich wie gerädert, als hätte ein Riese sie gepackt und gegen mehr als vier Wände geschüttelt. Es war nicht kühl und trotzdem zitterte ihr Leib, wie ein in der Wildnis zurückgelassenes Neugeborenes im eisigen Norden des Norlandes. Sie spürte den Wind, der fein und unnachgiebig an ihrem Körper brandete. Tausende von Nadelstichen, die ihre Haut traktierten. Es war verrückt in diesem Zustand hoch oben auf den Zinnen ihres Turms zu stehen, während etwas weiter unten ein wohlig warmes Feuer im Kamin loderte, dass versprach all ihre Glieder wieder aufzuwärmen und in wohlige Müdigkeit zu hüllen.

Müdigkeit…ihr fiel wieder ein, dass sie genau deshalb auf dem Dach stand. Was für eine furchtbare Nacht. Was für ein schrecklicher Traum. Einschlafen war das letzte was sie wollte.

Ein penetrantes Brennen durchzuckte ihre Wange, als würde ihr jemand Salz in eine frische Wunde streuen. Doch dort war keine Verletzung mehr, kein Kratzer, der an seinen Triumph erinnerte. Zurück geblieben war nur die quälende Erinnerung und Schmerzen, wo keine sein sollten. Sie hatte die Menschen nie für voll genommen, die behaupteten, der abgehackte Arm würde ihnen wehtun. Jetzt wurde sie eines besseren belehrt.

Verdammt! Die geballte Faust schlug auf den Stein, als würde das wiedergutmachen, was sie gestern verpasst hatte zu tun. Noch vor einigen Tagen hatte sie sich zur Vorsicht ermahnt, nur um ihn sich dann selber arglos ins Haus zu holen. Er hatte sie überlistet, ihre Vorliebe für Katzen zu seinem Vorteil herausgeschlagen, um nah genug an sie heran zu kommen. Sie verfluchte sich für ihre Torheit. Warum hatte sie nur aufgehört misstrauisch zu sein, nachdem seine Schülerin den Turm betreten hatte und somit auch das von Rache genährte Geschenk. Er hatte später behauptet sie wüsste nichts davon. Für einen Moment glaubte sie ihm, doch die Reaktion seiner Schülerin auf dem Markt überzeugte sie vom Gegenteil. Es war nicht gut zwei von dieser Sorte am Hals zu haben, aber zulassen, dass sich irgendwer in ihre Spielchen einmischte konnte sie auch nicht. Sie würde sich etwas für seine Schülerin überlegen müssen, später.

Der Geruch von Verwesung, Schreie von Toten, abgerissene Körperteile, die von Fliegen umsummt wurden. Sie war nicht der Typ, der schlecht träumte. Seltenst wurde sie von Albträumen heimgesucht, was sie im Verdacht bestätigte, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Das war nicht ihr Traum.

Anfangs war sie enttäuscht gewesen. Sie hatte sich seine Rache schlimmer vorgestellt, als ein paar Kratzer auf der Wange. Ein paar Kratzer…vonwegen. Hätte sie ihre Arme nicht gebraucht um nicht auch das letzte bisschen Körperwärme zu verlieren, hätte sie sich selbst geohrfeigt über die Leichtfertigkeit dieses Gedanken.

Nun…es war passiert und nicht mehr rückgängig zu machen. Er hatte einen Sieg davon getragen. Auch ein blindes Huhn fand mal ein Korn. Sie war keine zarte besaitete Vitamageweihte, das sie sich vor solchen Albträumen fürchten brauchte. Es galt einen Weg zu finden seinen Sieg in eine Niederlage umzukehren. Eine Niederlage von der er noch nichts ahnte. Er wollte auf anderen Ebenen das Spiel fortsetzen…gut…er sollte seinen Willen bekommen.

War es nicht eigentlich schädlich für ihn? Wenn sie seine Träume kannte, so doch auch einen Teil seines abgrundtiefsten Inneren. Was spielte ihr mehr in die Hände, als ihren Gegner zu kennen. Seine Ängste, dass was von ihm Besitz ergriff. Sie musste lernen seine „Offenbarungen“ für sich zu nutzen um sie gegen ihn zu verwenden.

Die Wärme kroch zurück in ihren Körper. Ein höhnisches Grinsen schlich sich auf ihre Züge. Es waren nicht ihre Träume, egal wie real sie auch sein mochten. Ihr Blick wanderte über den Wald. Ein Blick, wie der eines Königs, der sein riesiges Heer prüfend in Augenschein nahm um es noch zur selben Stunde in eine gewaltige Schlacht zu führen. Sie würde teilhaben an seinen Träumen und ihn damit manipulieren, ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.

Es waren Vorbereitungen zu treffen.

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Ihr schauderte bei dem Gedanken.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 30.03.05, 21:54 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 20.02.05, 23:40
Beiträge: 84
Felas Strahlen schienen hinab auf die Dächer der Häuser, die nahe am Hafen standen, während sie sich im Schatten des Hafenkrans verbarg, aus dessen oberen Stockwerk hinausblickte und den Kopf an den Rahmen des kleinen Fensters lehnte, aus dem sie auf die Stadt blickte.

Sie war von seinem Vorschlag nicht unbedingt begeistert gewesen. Es war sein Spiel, nicht ihres. Ihr war es egal, was er mit ihr machen würde, ebenso wie es ihr - fast - egal war, was sie mit ihm machen würde. Spätestens dann, wenn sie den Geist, nach dem es sie verlangte, an sich gebunden hatte, wäre sie nicht mehr so abhängig von ihm und wer weiss, was für eine Stärke sie dann entwickeln mochte. Spätestens dann könnte sie sich aus seinen Narreteien relativ gefahrlos heraushalten... spätestens dann könnte sie auch das wagen, was ihr kurzzeitig in ihrem Turm durch den Kopf ging.
Kurz, sehr kurz, kam das Verlangen nach Verrat in ihr auf - verraten, was er vor hatte, ihn ausliefern, sich auf eine neue Seite schlagen. Einfach aus einem irrwitzigen Spass heraus. Einfach weil sie neugierig auf die Reaktionen der beteiligten Parteien war.
Aber er hatte sie in der Hand, leider.
Und was hätte es ihr gebracht, wenn sie sich auf ihre Seite gestellt hätte? Nichts als Ärger mit ihrem eh schon irrsinnigen Meister. Nein, noch musste sie die brave Schülerin mimen, bis zu ihrer Initation, bis zu dem Zeitpunkt, wo ihre Macht endlich haltlos anwachsen könnte...

Bald, dachte sie und sah in Richtung des blauen, fast wolkenlosen Vitamahimmels empor, bald bin ich soweit, dass ich genug Macht haben kann, um auf meine Art zu spielen - ganz nach meiner Lust und meiner Laune...


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 30.03.05, 23:04 
Altratler
Altratler
Benutzeravatar

Registriert: 9.12.01, 12:26
Beiträge: 11213
Wohnort: Dur´sches Imperium
Sie war todmüde, die Augen fielen ihr schon im Stehen zu und doch war sie erfüllt von tiefer Zufriedenheit. Die ersten Vorbereitungen waren getan. Ein kleiner Schneeball, der einen schneebedeckten Hang hinab rollt und dabei immer größer wurde.

Seine Augen waren so ahnungslos, wie die eines unschuldigen Rehkitzes. Er würde leiden.

Unachtsam wie sie war, bemerkte sie den Stein nicht. Fluchend rappelte sie sich wieder auf die Beine.

Er würde leiden.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Etappensieg
BeitragVerfasst: 31.03.05, 00:08 
Festlandbewohner
Festlandbewohner
Benutzeravatar

Registriert: 5.09.04, 14:34
Beiträge: 5210
Innerlich grinste er zufrieden, als er sie sah. Es hatte geklappt - zweifellos. Jetzt war sie am Zug, und sie war sicher schon emsig beschäftigt, es ihm so schwer wie möglich zu machen, sie nochmal zu schlagen.


Ihr kurzer Anfall erschreckte ihn nur mäßig, er kannte dieses Gefühl gut und hätte sie zu früheren Tagen am liebsten selbst mit ein paar kräftigen Schlägen bedacht - vielleicht wäre das die bessere Lösung gewesen, denn das Spiel wurde gefährlicher. Für ihn, insbesondere. Sein Zug war nicht unbedingt klug gewesen, aber das Bauernopfer, das er geleistet hatte, hatte sein Ziel nicht verfehlt.


Sie war jetzt sauer, und das mit gutem Grund. Immerhin hatte er ihr damit eine Narbe verpasst, die sie noch lange spüren würde. Bittersüße Küsse vergisst man nicht so schnell.


Er strich mit den Fingern über die fettigen Rückstände im Nebenzimmer, die am Boden klebten. Sein Geschenk an sie war teuer und aufwendig gewesen, und die Vorbereitungen bereiteten ihm jetzt noch einen Hauch von Übelkeit. Aber immerhin hatte es sich gelohnt, sie hatte es offenbar zu würdigen gewusst.


Leise und schleichend legte sich die Dämmerung über die Baumkronen und warf bleiches Licht in das Zimmer. Er liebte Überraschungen, und er hasste nichts mehr als Voraussagbarkeit. Das Chaos musste perfekt sein, damit es ihm gefiel. Noch war es das nicht. Sie kündigte an, sie ließ ihn nie vergessen, dass sie ihre Fäden wob. Die Spinne, die gemächlich und unbemerkt an ihrem Netz wob, bis eines Tages die Fliege sich darin verfing und jämmerlich verendete. Wer von ihnen würde verlieren? Sie? Er? Bisher lag sie weit in Führung, aber seinen Sieg würde sie noch eine Weile verkraften müssen. Unabhängig davon, was sie nun tat.


Ihren Vater hatte er gegen seine Tochter ausgespielt - Bauernopfer auf dem Schachbrett. Obwohl er die Rechnung noch nicht ganz beglichen hatte, da gab es noch Dinge, die einer Bereinigung bedurften.


Er strich mit den Fingern unter seiner Nase entlang und atmete den Geruch, der ihm in den Kopf stieg, als er seinen Sieg einläutete. Wolfsblut, Wolfsfett, Wolfshaar. Manche Leute haben eben eine Vorliebe für Kerzen in besonderer Geruchsrichtung.


Sein Kopf sank auf die Felle und die Wärme des Feuers ließ ihn rasch bittere Ruhe in seinen Träumen finden. Sie verlangten Opfer. Die Nächte waren eines der größten.


Nach oben
 Profil E-Mail senden  
 
 Betreff des Beitrags: Die dritte Seite
BeitragVerfasst: 2.04.05, 23:21 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 20.02.05, 23:40
Beiträge: 84
Sie wäre am liebsten gleich zu ihm gegangen, hätte ihm die Augen ausgekratzt, ihm den Hals umgedreht, ihm sein Herz rausgerissen und was noch alles ihr vor Wut kochendes Hirn für wunderbar qualvolle Strafen in ihrem Zornesrausch erdachte.
Alles nur gerecht dafür, dass er sie reingezogen hatte und sie nun die Rechnung bekommen sollte!

Doch sie hielt inne - mit welchem Ziel eigentlich sollte sie das nun tun?
Wäre es nicht ratsamer, sich zurückzuziehen, als wäre nichts? Im Schatten lauern, wachsam, die beiden stets im Auge haltend, warten, bis sie zuschnappen konnte, anstatt wie eine tollwütige Katze auf ihn oder gar beide loszugehen.
Ohja, die Schlangen hatten es ihr schon immer angetan und genau auf den Pfad jener Wesen wanderte sie nur zu gerne. Wie eine Schlange würde sie ihre Augen nicht von ihnen abwenden, sie betrachten, lauern, warten... der richtige Zeitpunkt würde noch kommen, dessen war sie sich sicher.

Zudem - sie traute ihm nicht. Er hatte sie reingezogen, dank ihm war sie nun in dieser Lage.
Und was machte er? Er plauderte mit seiner Spielgefährtin weiter, als wäre nichts, bis es zu einem neuerlichen Angriff kommen würde. Er oder sie.
Egal, es war ihr egal.
Sie wollte sich nicht auf seine Seite stellen - kein Wort zu ihm sagen, ihm weder helfen, noch ihn bekämpfen.
Abwarten, ganz ruhig abwarten und nichts überstürzen, sich nichts anmerken lassen - zu keinem von beiden. Es gab andere Dinge, die ihr nun wichtiger waren und um die würde sie sich nun kümmern und dann mochte sie vielleicht endlich soweit sein, um die dritte Seite zu offenbaren...

Schach..., dachte sie mit einem grimmigen Schmunzeln, nein, ich spiele gewiss kein Schach. Kein weiss oder schwarz mehr... der Bauer wurde geopfert, der Bauer erhebt sich aber wieder.


Zuletzt geändert von Schattenkind: 2.04.05, 23:45, insgesamt 1-mal geändert.

Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: *an einem Nachrichtenbrett...
BeitragVerfasst: 3.04.05, 19:13 
Altratler
Altratler
Benutzeravatar

Registriert: 9.12.01, 12:26
Beiträge: 11213
Wohnort: Dur´sches Imperium
...hängen zwei Zettel ohne Namen und mit unterschiedlicher Handschrift*

Auf dem oberen Zettel steht folgendes geschrieben:

Spiel mit mir
----------------------------------------------------

In dunklen Nächten,
Geschunden von Wind,
Von Regen und Donner,
Geplagt von Sehnsucht,
von Zorn, von Wut, von Angst,
niederträchtig und eisig,
nichtig und ewig.

Ich träume von dir

Schwach und verloren
Unwissend und Weise
Gequält geschunden und siegreich

Rosen in tiefer Leidenschaft

Rosen haben Dornen
Rosen sind die Liebe
Dornen sind scharf und verletzen
Bittersüßer Kuss auf deinen Wunden

Führ mich ins Dunkel,

Fehler rächen sich stets

Dunkle Essenz jagt dich
Dunkle Kraft sucht dich
Dunkle Liebe hasst dich
Dunkler Zorn liebt dich

Sei auf der Hut den Rosen führen scharfe Dornen


Darunter steht auf dem anderen Zettel:

Grauer Himmel, wolkenverhüllt,
Regen prasselt, Gefühle eingelullt.
Rose im Sturm mit Dornen so scharf,
Ragen spitz heraus, doch nur bei Bedarf.

Bedeckt mit glänzendem Tau am nächsten Morgen,
Doch ihr Wachstum bereitet Kummer und Sorgen.
Schön ist sie in aller Pracht anzusehen,
Im Inneren hingegen schwer zu verstehen.

Wie ein wehendes Fähnlein im Wind,
Getrieben von Launen, die sich ändern geschwind.
Stumm rufend nach Rache, Hass und Liebe,
Getrieben von dem Willen nach dem Siege.

Rot wie Blut leuchten die Blüten,
Sticht in den Finger, machts mit Vergnügen.
Steht wieder still, ahnungslos,
Weiß nichts von der Schere in meinem Schoss.

In finsteren Träumen, ich fühl mich gejagt,
Ich bin schwach, habe keine Kraft.
Fühl mich gehasst, keine Liebe mehr,
Zorn steigt in mir auf, doch Liebe ich dich tatsächlich auch so sehr?

Ich steige herab, komm dir entgegen,
Du riechst, du spürst, dein Herz auf schmerzenden Wegen.
Die Dornen sind stumpf, entwaffnet die Rose im gleißenden Licht,
Die Straße der Agonie erwartet dich.

-----------------------------------------------------------
Ich spiele mit dir,
antworte mir.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 5.04.05, 20:13 
Altratler
Altratler
Benutzeravatar

Registriert: 9.12.01, 12:26
Beiträge: 11213
Wohnort: Dur´sches Imperium
Erschöpft lies sie sich auf die Bank vor ihrem Turm sinken. Diese elende Hitze...nicht das die unglaubliche Wärme sie von ihrem Unterfangen abhalten würde, aber sie machte die Vorbereitungen um einiges unangenehmer.

Eine Weile blieb sie so sitzen und hoffte auf den kühlenden Nachtwind, der seltsamerweise ausblieb. Es war geradezu drückend schwül, obwohl Fela schon längst am Firmament versunken war. Wenn das mal nicht eine Dürreperiode ankündigte...

Mühselig erklomm sie die Treppen im Turm hinauf um sich die Hände vom klebrigen Blut und Schmutz zu reinigen. Hier war es gleich viel angenehmer. Ein kühles Steinhaus zu warmen Zeiten, was wollte man mehr?

Zufrieden lies sie sich auf den Thron sinken. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Jetzt hiess es auf die richtige Gelegenheit zu warten. Bald würde sie die Früchte ihrer Arbeit ernten können...bald....


Zuletzt geändert von Thara: 5.04.05, 20:17, insgesamt 1-mal geändert.

Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 23.05.05, 23:41 
Altratler
Altratler
Benutzeravatar

Registriert: 9.12.01, 12:26
Beiträge: 11213
Wohnort: Dur´sches Imperium
Ölig leuchtete das schwarze Gefieder des Raben. Erhellt nur von den zuckenden Lichtern mehrerer kleiner Feuer, um die, angelockt von selbigen, Motten und andere Falter kreisten. Besonders unvorsichtige Insekten, die sich zu nah heran wagten, fielen der Hitze und damit auch den hungrig leckenden Flammen zum Opfer. Der Rabe weitete seine Schwingen und stieß sich vom dürren Ast ab, mit einer Eleganz, die man für gewöhnlich nur Adlern oder Falken zuschreibt. Der dunkle Blick wandert suchend nach Fressen über die feuerbeschienene Lichtung, bleibt kurz hängen bei der Frau, die wie tot in einem mit blutgezeichnetem Pentagrammkreis liegt. Er stößt, die brennenden Fallen umgehend, herab und landet neben der reglosen Rothaarigen. Die Mahlzeit für heute schien gefunden. So hackte er gedankenlos nach der offenen Wunde am Unterarm, die sich längs geschnitten bis zum Ellenbogen hinauf zog. Die Hand zuckte wie eine beißende Schlange hervor, schlug nach dem überraschten Vogel, der laut schimpfend seinen Protest über das entgangene Mahl bekannt gab und kurze Zeit später weiter krächzend sich in der Luft wieder fand.

Ihr war schwindelig. Die Welt um sie herum drehte sich wie ein Karussell, das im Sommer in Draconis für die Kinder der Wohlhabenderen aufgestellt worden war. Ihre Stirn glänzte selbst in der Dunkelheit von fiebrigen Schweißperlen. Sie beugte sich zur Seite um sich zu übergeben. Was hatte sie nur getan? Wie konnte sie nur so verrückt sein so viel zu riskieren um ihre Spielchen fort zu setzen? War es überhaupt erfolgreich gewesen? Sie war zu durcheinander um einen klaren Gedanken zu fassen, zu erschöpft um das, was sie in Erfahrung gebracht hatte sinnvoll zu verwerten. Sie wollte nur noch nach Hause, endlos schlafen und sich erholen. Diese Rache hatte sie viel gekostet. Alles erforderte nun mal Opfer und sie konnte froh sein noch so glimpflich davon gekommen zu sein. Was waren schon körperliche Schmerzen?

Sie löste den Schutzkreis, oder das was davon übrig war, auf, sammelte die Utensilien ein, die sie stellvertretend für die Elemente an jeder Spitze des Pentagramms aufgestellt hatte und taumelte mehr den Weg zurück zum Turm als das sie ging. Glücklicherweise war es dunkel und kein Mensch begegnete ihr in diesem Zustand. Es war kein Wunder, dass der Rabe sie in ihrem Kreis behelligen konnte. Dieses Ritual hatte soviel Kraft gefordert, dass noch während sie dabei war, der Schutz gleich einer verblassenden Farbe wich. Sie fühlte sich außer Stande selbst den einfachsten Zauber, der ihr Licht im Dunkeln bescherte, zu sprechen.

Nach und nach kamen ihre Erinnerungen wieder, fügten sich wie bei einem Mosaik Stein für Stein aneinander und ergaben ein Ganzes. Ihr wurde wieder bewusst, wie sie sich auf der Lichtung einfand und den Schutzkreis zog. Recht schnell waren die in einem Kreis angeordneten Feuer entzündet. Lange, eiförmige und grobbuchtige Blätter, die ein Kenner wohl als Bilsenkraut zu identifizieren vermochte, warf sie den Flammen als Nahrung vor.
Sie traf Vorkehrungen, die verhinderten, dass sie verbluten würde, ehe sie die scharfe Klinge des Dolches längs des Arms hinauf durch die Haut trieb. Mohnblütenfarben quoll der Lebenssaft in scheinbar endlosem Strom aus der Verletzung. Sie begann die dafür ausgewählten Worte zu sprechen um die Mutter um Hilfe für ihr Vorhaben zu bitten. Ihre Stimme nur ein leises, rituell intoniertes Flüstern.

Ich entfalte meine Schwingen, stoße durch die Lüfte,
Fliege an den Ort, an dem ich nicht soll sein,
Wage den Versuch, dringe in seine Seele ein.
Ich bitte dich Mutter, hilf mir, lass mich überwinden die schweren Klüfte.


Etwas in ihr erhob sich gegen den Wunsch. Lies sie spüren, dass ihr Vorhaben nicht die Zustimmung empfing, wie sie es sich erhofft hatte. War es die Mutter, die sie ihre Abneigung fühlen lies oder ein Teil ihrer selbst, die die kommende Handlung verachtete?
Sie musste weiter machen, wenn sie ihr Ziel erreichen wollte. Das Blut ran aus der Wunde und gab, einer laufenden Sanduhr gleich, die Zeit vor, die ihr blieb. Wenn sie zulange haderte würde der Blutverlust sie zu sehr schwächen. Sie zog die Holzschale, mit weinrot schimmerndem Inhalt zu sich. Sein Blut. Genommen in einem Moment, wo er dem Tod näher war als dem Leben. Die verschiedenen Rottöne vermischten sich, für einen kurzen Moment hatte es den Anschein als würden die Farben miteinander kämpfen. Sie bemerkte, wie die Düfte des verbrennenden Krautes ihre Wirkung taten und ihre reale Wahrnehmung verschwimmen lies. Schwerfällig, wie ein Betrunkener, gingen ihr die Worte von den Lippen.

Sein roter Lebensquell vereint mit meinem,
In seinen Adern im Einklang pulsierend,
Den Weg zum Geiste bahnend, die Gegenwehr einfrierend.
Für einen Moment seine Gedanken kontrollierend.


Sie musste sich anstrengen um noch nicht von der dunklen Woge, die nach ihr greifen wollte, fortgespült zu werden. Schwach hob sie die unverletzte Hand und drehte den Finger in der Luft wie ein Strudel beginnt. An der Stelle begann sich eine Art Kreisel zu bilden, der sich nach oben wühlte und dabei eine durchsichtige Gestalt materialisierte. Der Schatten griff nach ihrer Hand und sog sich in sie hinein, wie eine auf die Haut aufgetragene Creme nur um einiges schneller. Mühselig wispernd klammerte sie sich an die Umgebung. Noch die letzten Worte.

Ich beschwöre dich mein hilfreicher Schatten,
Beschütze mich vor dem was in ihm ist,
Halt es in Schacht, lass es nicht erwachen.
Bring in neblige Ahnungen helles Licht.


Alles um sie herum wurde eingehüllt in schwarze Leere. Irgendwo hier musste sie ihn finden nach ihm greifen können und das gewünschte vollbringen. Ein Flimmern in der Dunkelheit, wie ein Riss am nächtlichen Horizont erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie versuchte einzutauchen in das was sich als widerspenstige zähe, schlammartige Masse erwies.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 25.05.05, 20:19 
Altratler
Altratler
Benutzeravatar

Registriert: 9.12.01, 12:26
Beiträge: 11213
Wohnort: Dur´sches Imperium
Das Pochen ihres Herzens wollte kein Ende nehmen. Schweißperlen glitzerten wie Sterne am Nachthimmel auf ihrer Haut und ihr eigener Atem erfüllte rasselnd das enge Turmzimmer. Nur ein Traum, ein verdammter Traum. Keiner von denen, für die er verantwortlich war, einer ihrer eigenen. Längst bezwungen geglaubte Ängste, die seit Neustem wieder in ihr brodelten und gerade nur darauf warteten über zu kochen. Es forderte viel Anstrengung sich wieder im Hier und Jetzt einzufinden und sich selbst vor aufkeimenden, panikartigen Anfällen zu schützen.

Das Heben und Senken ihrer Brust normalisierte sich. Die Furcht, die sie überfallen hatte, wie ein Räuber in der Dunkelheit, war bekämpft, fürs Erste. Ihr Geist lies wieder nüchterne Gedanken zu, die nicht die Geisel versenkender, klauenartiger Hände waren, die nach ihr geiferten.

Es war alles gelaufen, wie sie es geplant hatte. Sie wollte sich gerade aus seiner Seele zurückziehen, da sie nichts finden konnte, was sie nicht sowieso schon wusste und ihre Kräfte nachließen, als plötzlich etwas feurig Kaltes von ihr Besitz ergriff. Sie spürte ihren beschworenen Schatten in sich, wie er zurückwich und nur noch genug Macht besaß um Schlimmeres abzuwenden. Es war sein Dämon, der sich nun über ihre Seele hermachte und ihr Bilder aufzwang, die sie nicht sehen wollte. Sie war in die Höhle des Löwen eingedrungen und die einzigste Waffe, die sie zur Verteidigung mitgenommen hatte, hatte sie selbst zerbrochen.

Diesmal waren es andere Visionen. Nicht so, wie die vorhergehenden, die sie nicht weiter berührten und abgesehen von der damit resultierenden Schlafmangel nicht weiter tangierten. Doch nun hatte es sein Wesen mit der Leichtigkeit eines Hundes, der nach einem Knochen buddelt, geschafft ihre größte Angst aus ihrem Innersten auszugraben und sie damit zu traktieren. Eine verdrängte Furcht, die ihr erbarmungslos unter die Nase gerieben wurde wie Niespulver.

Sie war gekommen um ihn zu erkunden und nun hatte sie ihm vermutlich ihre größte Schwäche zugespielt. Wenn er es richtig zu deuten wusste besaß er nun einen Joker mit dem er locker die nächsten Runden gegen sie schlagen konnte. Schach matt. Nichts geht mehr.

Sie warf den Kopf in den Nacken, wollte laut aufschreien, über die Triumphe, die er haben würde, die sie ihm geschenkt hatte. Das Spiel hatte eine unerwartete, verhasste Wendung bekommen. Er hatte sie in der Hand, wenn er die richtige Methode fand sie damit zu quälen.
Sie musste sich fern halten von ihm, zumindest so lange wie sie geschwächt war.

Sie hatte sich selbst verraten.


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 9 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste


Sie dürfen keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht löschen.

Suche nach:
Gehe zu:  

Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de