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Ihre Gedanken waren vollkommen durcheinander. Zwar waren sie besser als einen halben Zyklus davor, aber noch immer nicht sortiert. Zuviel war auf einmal geschehen, zuviel hätte sie beinahe schon wieder verloren und in den tiefen Abgrund hinein gezogen. Aber die Bilder, das Blut, alles war immer zu sehen sobald sie die Augen schloss. Und war es nur für einen Herzschlag – die Bilder liefen in rasender Geschwindigkeit vor ihren Augen ab. Das panische Wiehern ihrer Stute drang in ihren Kopf, die weit aufgerissenen Augen, der blutverschmierte Körper ihrer Freundin und dieses ergötzende, teuflische Lachen. Ihr Geist hatte diese Gedanken für wenige Zeit verdrängt, da sie für das Ereignis noch nicht bereit war es so zu verarbeiten und hinzunehmen. Aber als ihr Freund sie in die Arme nahm, sie sein Vertrauen spürte und seine Nähe und sie abermals für einen kurzen Moment die Augen schloss, erinnerte sie sich wieder an alles. Sie erzählte es ihm, weinend, vollkommen fertig. Innerhalb kürzester Zeit war sie wieder durchgeschwitzt durch die nackte Panik, die sich in ihr aufbäumte, den aufkeimenden Wahnsinn aber noch im Zaum haltend. Sie gingen auf ihr Zimmer, er lenkte sie ab bis er einschlief. Aber sie konnte nicht schlafen. Nicht jetzt, noch nicht jetzt. Sie hatte panische Angst die Bilder jetzt zu sehen. Zwar hatte sie es dauernd im Hintergedanken, aber sie hatten sich noch nicht wieder über ihren Verstand bemächtigt. Doch sie wusste, je länger sie hier lag, desto länger dachte sie nach und die Erinnerungen würden hochkommen. Vorsichtig entzog sie sich der Umarmung des Mannes und richtete sich auf, ihre zerknitterte Robe strich sie notdürftig glatt. Sie machte einen recht irren Eindruck mit den zerzausten, zum Teil abstehenden Haaren, da sie lückenhaft wirkten durch einige ausgerissene Strähnen, ebenso schien der Großteil ihrer Haare gekürzt worden zu sein. Sie ging in die Küche und warf lächelnd einen Blick auf ihren dicken, zotteligen Hund der am Kamin auf einem Fell in aller ruhe vor sich hin döste. Sofort kam ihr die erste Ablenkung in den Kopf um nicht schlafen zu müssen. Der Hund musste sich eh mehr bewegen und so entschloss sie sich sobald es hell wurde mit ihm Gassi zu gehen. Nach kurzer Zeit war dies eingetroffen und sie verlies mit dem Hund das Haus. Gedankenverloren lief sie aus dem Osttor, der Hund folgte ihr zuerst recht träge, dann lief er aber geradezu hektisch um sie herum und kläffend voraus. Sie schob die Hände in die Robentaschen und lief eine Weile den Weg entlang, ehe ihre Gedanken um ihn schweiften. Seit mehr als 2 Tagen war er nun fort und sie wusste nicht einmal wohin. Nach dem Duell machte er einen bissigen Eindruck auf sie, aber das sollte sich schon wieder legen. Immer noch in Gedanken verloren machte sie schließlich kehrt, sie lief die Strecke wieder zurück und an Brandenstein vorbei zu den Gattern. Der Hund folgte ihr weiterhin und sah ab und zu treudoof hechelnd zu ihr auf. Schließlich fand sie eine Lichtung auf. Für wenige Herzschläge hielt sie inne, einige male entspannt durchschnaufend, denn sie war schließlich noch nicht in bester Form. Langsam drehte sie sich dann einmal im Kreis. Hier hatte er ihr zum ersten Mal davon berichtet. Zum allerersten Mal. Sie hatte seinen Worten anfangs kaum glauben geschenkt, und jetzt tat sie es auch noch immer nicht. Es regte sie zwar öfters zum Nachdenken an, aber vom ihrem festen Glauben brachte es sie nicht ab. Der Wind spielte mit den zerzausten Haaren und sie wurde sich ihrer Umgebung langsam wieder bewusst. Sie wünschte sich, er hätte es ihr niemals erzählt. Denn dann wäre wohl alles normal geblieben…
Geradezu unbewusst wand sie sich wieder herum, ihr Hund folgte ihr auf Schritt und Tritt. Sie ging an einer Küste gedankenverloren entlang, ab und zu trat sie tollpatschig in das Wasser, das hoch spritzte und das Ende ihrer Robe langsam aber allmählich damit voll saugte. Dann bellte ihr Hund wieder auf und sie hielt inne, den Blick gleichzeitig anhebend. Sie sah ihm nach, neugierig sprang er um eine grasende Stute herum, die nicht sonderlich auf ihn reagierte. Sie kannte die Stute. Ein wenig Aufregung stieg in ihr hoch, fast schon zuviel Hoffnung, dass sie ihn jetzt gefunden hatte. Aber er war es wirklich.
Dass er sich irgendwie verändert hatte, stellte sie rasch fest. Sie wollte ihm erzählen was alles erst vor kurzem passiert war, aber er schien immer noch ziemlich bissig zu sein. Er war seltsam, er war… nicht er. Sie nahm sich vor nicht zu lange bei ihm zu bleiben und bückte sich kurz zu ihrem Hund herunter, doch genau als sie dies tat hörte sie nur noch die Worte „Es tut mir leid“ und sogleich spürte sie einen harten Schlag auf ihren Hinterkopf, der sie sogleich das Bewusstsein verlieren lies.
Nach längerer Zeit erwachte sie schließlich. Sie hatte furchtbare Kopfschmerzen. Es dauerte eine ganze Weile bis sich ihre Augen an das gedämpfte, rötliche Licht in der Höhle gewöhnten. Sie wollte ihre Hand anheben und sich über die Augen reiben, doch erschreckend stellte sie fest, dass sie sich nicht bewegen konnte. Ihr ganzer Körper, ausgenommen der Kopf, war stocksteif und sie fühlte ihn nicht mehr. Neben sich erkannte sie das Gesicht eines vertrauten Mannes, den Mann, den sie einige Tage nicht gesehen hatte. Er trug einen schimmernden, roten Umhang und eine schwarze Rüstung. Er redete mit ihr, doch sie hielt das alles für einen schlechten Witz. Das konnte nicht stimmen, es durfte einfach nicht die Wahrheit sein. Sie war nackt, außer das ihre Blöße von zwei schwarzen, seidenen Tüchern verdeckt wurde. Auch entdeckte sie den Opferdolch neben sich. Er musste wahnsinnig geworden sein, oder sie schlief gerade einfach wirklich nur schlecht. Aber dann griff er nach dem Opferdolch, er bohrte ihn ihr nachdem er den Bauch mit den Fingerspitzen abgetastet hat zielsicher hinein. Die ersten Herzschläge lang spürte sie gar nichts. Doch sie hatte Angst, panische Angst vor ihm und die Tränen flossen nur so aus ihren Augen, einige verhangen sich in ihren Wimpern. Urplötzlich spürte sie dann den Dolch in ihrem Bauch, der Schmerz war so plötzlich gekommen, dass sie nicht wirklich vorbereitet darauf war. Sie schrie gequält auf und innerlich bäumte sie sich auf, was sie auch physisch getan hätte wäre ihr Körper nicht derartig gelähmt gewesen. Er zog ihn dann heraus und das Blut quoll aus dem Stich heraus, lief durch rinnen des Altars auf dem sie lag in eine Schale. Der Schmerz zuckte durch ihren ganzen Körper und sie wimmerte und schluchzte leise. Wieder bekam sie nicht mehr allzu viel mit, die Augen presste sie zwanghaft aufeinander. Lieber wollte sie jetzt die Erinnerungen sehen als das, was gerade mit ihr geschah. Dann kam eine Frau mit einem Stab hinzu, die Zwei wechselten Worte… es ging um sie. Sie hoffte, sie würde einfach bewusstlos werden, aber der Wunsch wurde ihr nicht gewährt. Ihr wimmern wurde langsam leiser, ebenso lies das schluchzen nach, denn nun versuchte sie sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die Frau sollte sich um sie kümmern. Sie sollte die Erinnerungen an den Mann löschen. Alle, seit dem Zeitpunkt an dem sie ihn vor einem Jahreszyklus auf Etriska kennen gelernt hatte.
Mehr wollte sie gar nicht mehr hören. Er hatte sie enttäuscht, tief verletzt. Und sie würde sich dafür rächen, auf ihre Art und Weise und das schon sehr bald und mit etwas, an das er immer erinnert werden würde.
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