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Hell, wie viele kleine Diamanten leuchteten die Sterne am dunklen Himmelszelt. Eine laue Nacht, nichts ungewöhnliches für diese Jahreszeit, brach über die Insel herein. Eigentlich war es schon fast zu warm für ein Feuer und dennoch loderten klein gehaltene Flammen auf den obersten Zinnen des Turmes. Davor saß eine rothaarige Frau, deren Kapuze so tief ins Gesicht geschoben war, dass lediglich die Kinnpartie rötlich erhellt wurde. Wie das Wispern des Windes, der ungehalten durch den Wald rauscht, klang die Stimme.
Beraubt und bestohlen, Eingedrungen in mein Heim, ganz unverholen. Umgangen die Rankenwache, so sinne ich nun nach Rache.
Der Mutter Hilfe erbitt ich mir, Bittere Träume, die Anzahl der Nächte sind vier. Unruhig der Schlaf, rastlose Ruh, Der Eindringling soll spüren, der Turm sei tabu.
Scharf blitzt der Dolch im Nachtlicht auf. Ein kleiner Piekser in die Fingerkuppe. In der Farbe von Wein quillt ein runder Tropfen Blut hervor. Das gefundene Haar, des Diebes wird säuberlich darin getränkt. Sie schließt ihre Augen, faltet das Haar in den Händen zusammen, wie einen Spatzen, den man am Wegfliegen hindern musste und konzentrierte sich auf die Bilder, die sie wünschte, den Einbrecher sehen zu lassen.
Es könnte passieren, dass der Delinquent in den nächsten vier Nächten folgenden, immer gleich bleibenden, Traum hat:
In dämonisch rotes Licht getaucht liegt der Turm da. Die überwuchernden Ranken bewegen sich wie giftige, lange Schlangen und bilden beinahe ein Gemäuer für sich. Ein weiterer verbogener Dietrich fällt zu Boden und wird achtlos unter die ausladenden Farne geschoben. Schnell, schnell, ehe jemand kommt. Unruhig wandert der Blick über die Lichtung, zu den Bäumen, deren Äste dürre, knöcherne Schatten werfen, die nach ihr greifen wollen. Geh schon auf, verdammte Tür. Raus aus dem Sichtfeld ungebetener Augenpaare, weg vom feindlich gesinnten Wald, der meinen Tod zu wünschen scheint.
Leise klackt das Schloss. Geschafft, nichts wie rein. Draußen beginnt der Wind, wie ein einsamer Wolf zwischen den Stämmen hindurch zu heulen. Die Tür fällt hinter dem Eindringling zu. Ein Rütteln ergibt, dass sie zu ist. Darum werde ich mich nachher kümmern.
Schnell wird sich vergewissert, dass niemand zu Hause ist. Ein paar schlafende Katzen ist alles, was sie vorfindet. Die erste Kiste lässt sich mühelos öffnen. Hastig wird alles durchwühlt. Ah…Seide, einen guten Preis wird sie erzielen. Dukaten, kann man immer gebrauchen.
Sie zuckt zusammen. War da nicht ein Kratzen an der Tür? Sie stopft übereilt die Beute in die Tasche. Genug, für heute. Ein andermal vielleicht mehr. Schwungvoll wendet sie sich zur Tür um sich diesem Problem zu widmen. Geschickt werden die Dietriche ins Schloss geschoben, doch nichts rührt sich. Es klappt nie beim ersten Mal. Beruhigt sich der Dieb. Aber auch die weiteren Versuche scheitern und der Stapel unnütz gewordener Dietriche am Boden vermehrt sich, wie Ameisen, die aus ihrem Nest krabbeln, nachdem jemand drauf getreten ist.
Ein grässliches Quietschen an der Tür, das in den Ohren schmerzt und einen Schauer über den Rücken jagt. Als würde jemand absichtlich mit einer Kreide über die Tafel kreischen. Der Eindringling weicht mit klopfendem Herzen zurück, blickt sich hastig nach den Fenstern um, wo jetzt nur noch graues, stabiles Mauerwerk ist. Sie dreht sich um die eigene Achse. Im Turm ist nichts mehr, aller Inventar wie vom Erdbeben verschluckt. Sie findet sich nackt in der Mitte des Raumes wieder, versucht die Blöße mit den Händen zu verdecken. Ein Schaben an den Wänden lässt sie herum fahren. Als würde eine unsichtbare Gestalt dort etwas hinschreiben, tauchen an allen vier Wänden dieselben in scharlachrot gehaltenen Buchstaben auf, die nach und nach einen Satz bilden.
„Zerquetscht, wie ein Insekt endet der Eindringling, der sich hier noch mal blicken lässt.“
Als sie die Zeilen liest kommt es ihr so vor, als würde eine Stimme hinter ihrer Schläfe die Worte bedächtig betont mit sprechen.
Ein Beben erfüllt den Turm. Die Mauern zittern und…sie bewegen sich…bei allen Göttern, sie kommen direkt auf mich zu… Kriechend langsam und doch mit einer Schnelligkeit, die jeden Versuch doch noch zu fliehen im Keim erstickt, rollt das Gemäuer in ihre Richtung. Sie eilt von einer Wand zur nächsten, panisch darum bemüht das Unvermeidliche aufzuhalten.
5 Schritt. Es muss dich irgendwo einen Schalter geben.
4 Schritt. Nur nicht verzagen, es wird nicht passieren
3 Schritt. Warum hilft mir denn niemand? HILFE! Ein stummer Schrei.
2 Schritt. Warum spulen sich ausgerechnet jetzt Bilder aus meiner Vergangenheit in meinen Gedanken ab?
1 Schritt.
Die eisigen Mauern berühren ihre Schultern. Pressen ihren Körper zusammen, wie der Alchimist seine Reagenzien. Haut platzt und gibt den Lebenssaft frei. Knochen splittern, bersten in ihrem Inneren. Ein unbeschreiblich schmerzhafter Druck.
Nein. NEIN!
Schweiß mag die Stirn bedecken, als der Eindringling aufwacht.
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„Probleme können nicht von den Personen gelöst werden, die diese erst verursacht haben.“
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