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'Geträumt habe ich von dir, du liebliches Ding, letzte Nacht. Wie merkwürdig das Leben doch seine Spielchen mit mir treibt, sollte ich eigentlich in Heimweh an die Südlande versinken, kann ich an nichts denken ausser an dich. Dein strahlendes Lächeln, die vielen unbekannten Worte, welche unaufhaltsam deinen Mund verlassen wie das Wasser die eine Quelle, tief verborgen im Gestein des Igr-Tashadi, dein Bart, wie er sich bettet in dein Gesicht, es abrundet in seiner Schönheit, dir Charakter verleiht.' Der junge Endophali schwankt trunken auf dem kleinen Hocker hin und her, die Wärme, die Leidenschaft spürend, wie sie vom Feuer wie von der Bärtigen, ihm gegenüber sitzend, auszugehen scheint. Heisse Nächte, wallendes Blut... am Falkenseer' Südtor.
"Hast du gesehen, mein junger Freund", mit dem zurechteschnittenen Fingernagel zurrt sie eine Strähne ihres Kinnhaarwuchses und fährt in plauderndem Ton fort. "Die Rosi ist nun auch da. Der Herbertus hat sie gestern Abend angeblich aufs Gelände gebracht. Dieses eingebildete, arrogante Mistvieh. Man könnte meinen, ein Lama, welches seit Jahren mit Menschen in Kontakt ist hätte zumindest ein Fünkchen Anstand aber nein, nicht die Rosi. Die spuckt dir noch ins Gesicht, wenn du ihr gönnerhaft eine Rübe entgegen streckt. Und glaube mir", sie beugt sich vor, das rote Kleid wallt sich bis zu ihren Füssen, während sie dem jungen endophalischen Stallburschen auf die Brust tippt, "sie lacht dich dabei aus und geniesst es. Vermaledeites Lama!"
Er hebt erwartungsvoll seinen Blick von ihrem tippenden Finger an, während seine Gedanken wieder ihr Eigenleben entwickeln. 'Ja, berühr mich, hör nicht auf. Sogar dein Finger, mit der vollendenden Dreckkruste unter dem Fingernagel scheint perfekt. Was soll ich bloss tun. Es zerreisst mich innerlich, diese Spannung zwischen uns, spürst du sie auch? Ach könnte ich dich doch nur verstehen. Nein! Nein, nicht den Finger zurück ziehen, nicht den Fing...'
Sie zieht ihre Hand zurück und bettet sie zur anderen in ihren Schoss. "Jaja, die Rosi. Der Herbertus berichtete, dass ihr auf der ganzen Überfahrt über schlecht gewesen sein, das Deck des Schiffes habe sie garniert und einige Pfunde verloren. Geschieht ihr ganz recht, wenn ich bedenke, wie oft sie mich schon hinters Licht geführt und ihre Spucke im unpassensten Augenblick meinen Bart verunstaltet hat. Lamas.. Übrigens, wenn wir eben gerade so miteinander philosophieren.. Findest du nicht auch, dass die Isolde in letzter Zeit ziemlich ungesund dreinschaut? Der Stress wohl, nicht nur die Last der zerrütteten Familie, nein, ständig muss wieder was gerichtet, angebracht, genäht, abgeholt und ausgebessert werden. Den Clown von heute Morgen hat auch sie angeschleppt. Ein kauziger Kerl. Spricht kein Wort und kommuniziert über seine Bewegungen, Gesten und übermässige Grimassen. Etwa genau so gesprächig wie unser Freund im Käfig. Nennt sich ein wilder Urwaldmann, schläft aber auf einem Baumwollkissen, welches ein Mädchen vor ein paar Tagen vorbei gebracht hat. Wirre Welt. Da lobt man sich doch die eigene Normalität", spricht sie und massiert innigst ihren Bart.
Und weiter sprudeln ihr die Worte aus dem Munde, füllen den Tag und die leisen Stunden, bevor sich der Vorhang hebt und das eingeübte Lächeln sitzen muss. Keinen Fehler, jene machen sie zu genüge in ihrer Familie. Denn dafür Leben die Wendolyns, den Applaus, das Staunen, der heikle Tanz auf dem Seil, ins Wanken gebracht durch Probleme und Hoffnungslosigkeit.
"Deine Hand auf meiner? Stallbursche, du willst doch nicht etwa..."
Zuletzt geändert von Illis: 12.07.05, 00:34, insgesamt 1-mal geändert.
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