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 Betreff des Beitrags: Dirnen, Gift und Badeperlen
BeitragVerfasst: 18.07.05, 00:20 
Altratler
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Im Stadtpark von Ignes
Vor vielen, vielen Jahren.

Die weichen Grasflächen des Vanessparkes, in mitten und gesäumt von den Ignes’er Häuserreihen waren stets gepflegt. In Reih und Glied standen die grünen Halme, kleinen tapferen Soldaten gleich, welche selbst dem schwersten stiefelbepacktem Schritte trotzten und sich wieder voller Stolz zu ihrer gestutzten Grösse aufrichteten. Ein Landstückchen inmitten geschäftigem, grossstädtischen Handeln, gewidmet dem königlichen Besetzer Khalandras. Ein Platz für das tägliche Ruhefinden der bessern Schichten einer Mehrklassen-Gesellschaft, welche sie in den grossen Ortschaften nur zu gerne gelebt wird. „Henry Ebbenbach! Was sagte ich dir? Nicht auf den Knien durch den Dreck rutschen, du vermaledeiter Lausebengel!“ Der kleine Junge, kauernd im Schatten einer grossen, alten Linde, welche schon so manch Leben entflammen und erlischen gesehen hat, reckt den Kopf neugierig nach vorne, denn dort, im verpönten Drecke, zwischen den weichen, klumpigen Erdklümpchen, krabbelt er. Auf flinken, dürren Beinchen, welche den zweigeteilten Körper tragen, auf jeder Seite mit einem prangenden, mahnenden feuerroten Punkt gekennzeichnet. Welch Faszination ein Käfer doch im Kopfe eines unschuldigen Kindes hervorzurufen im Stande ist. Über Stock und Stein hinweg, Kiesel und Gräser hinter sich lassend, auf der Flucht vor dem übergrossen Feind, sucht sich das Insekt seinen Weg um den Baum herum, nicht ahnend, dass das Zusammenprallen zweier Köpfe ihm, zumindest vorläufig eine Schnaufpause, beschert. „Auuu, was machst du denn? Pass doch auf!“ Die zarte rechte Hand des Mädchens, kaum merklich von der frischen Erde verschmutzt, greift sich ins lange, pechschwarze Haare, den kindlichen Kopf akribisch auf allfällige Erhebungen, Schürfungen oder Beulen untersuchend. „Pschscht.. Schau!“ Der junge deutet auf den Stamm der Linde, welchem der kleine Käfer hektisch, sich immer wieder in der unregelmässigen Beschaffenheit der Rinde verfangend. Das Mädchen, in seiner beinahe märchenhaften Schönheit, greift vor. Rund und Flach ist der Stein in ihrer zierlichen Hand, welcher der Flucht des Insekts ein mantschendes Ende setzt und den jungen Henry auf seine Beine zurückfinden lässt, staunend, bewundernd. Gemeinsam betrachten sie den grünlich-braunen Flecken auf dem grauen Gestein, das einzige Überbleibsel eines gar kurzen Lebens. Und überraschend wie Fela, scheinend zu Dunkeltief, haucht der Junge dem unbekannten Mädchen einen Kuss auf die Wange, ehe beide von ihren wetternden Müttern auseinander gerissen werden. „Henry, Lausebengel! Schau dir deine Hose an!“ „Was machst du mit dem Stein, Ina, lass ihn fallen! Du weißt nicht ob ihn schon einer aus der Gosse in den Händen hatte!“ Die Blicke der beiden Kinder trennten sich nicht. Während auf den Strassen Ignes weiter geschäftiges Treiben herrschte, auf dem nahen Markt Waren und Seelen zu gleichen Teilen verscherbelt wurden, liess das Geräusch zweier Ohrfeigen die Vögel auf den Bäumen des Vanessparkes aufschrecken und in alle Himmelsrichtungen entschwinden.


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BeitragVerfasst: 18.07.05, 04:42 
Festlandbewohner
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Orken, dessen war sie sich sicher, gehörten nicht auf ein Schiff auf dem anständige Menschen untergebracht waren. Es war eine Zumutung, aber sie hatten ja nicht wählerisch sein können, bei ihrer überstürzten Abfahrt. Nicht einmal ihre Garderobe hatte sie mitnehmen können. Nur das Kleid, welches sie auf dem Leib trug, war ihr geblieben und jetzt war noch nicht einmal dies ihr mehr vergönnt. Sie war sich sicher, dass dieser Ork dieses schleimige Zeug mit Absicht über ihr Kleid geschüttet hatte. Dieser grüne Fleck ließ sich beim besten Willen nicht mehr entfernen und mitten auf dem Kleid konnte man ihn auch auf jeden Fall nicht mehr verbergen. Es war alles so furchtbar, so schrecklich. Wenn es einen Sinn gemacht hätte, wäre sie jetzt einfach in Ohnmacht gefallen, aber das würde die Situation auch nicht verändern, also ließ sie es bleiben. Sie würde auch nicht aus der Haut fahren oder ähnliches, denn so etwas schickte sich eindeutig nicht für eine Frau ihres Standes. Wieder fiel ihr Blick an sich hinab direkt zu dem riesigen Fleck. Furchtbar, ganz furchtbar, schoss es ihr wieder durch den Kopf.

Eine junge Frau, vielleicht 19 oder 20 Vitama alt, stand plötzlich neben ihr. Sie war wirklich hübsch anzusehen, mit ihren hellen blonden Locken, den strahlend blauen Augen und einer Figur die wohl manchen Mann hätte schwach werden lassen. Diese junge Frau bot ihr Hilfe an, sie wäre schließlich Schneiderin, wenn auch noch keine gänzlich ausgebildete, würde sie wenigstens etwas anfertigen können, ohne einen solchen Fleck. Eine Weile lang lag der Blick der fast doppelt so alten Frau auf der Schneiderin, ehe sie nickte und deren Hilfe tatsächlich akzeptierte. Doch es sollte sich eindeutig als ein Fehler herausstellen, diese Hilfe anzunehmen. Die junge Frau fertigte eine Robe für sie an, in einem grässlichen schweinchenrosa, noch dazu war die Robe um einiges zu groß und so grobschlächtig, dass man gerade einmal einen dieser schauerlichen Orken in dieses Ding stopfen konnte und dann lächelte diese Schneiderin auch noch so seltsam. Diese Schneiderin wollte sich nur über sie lustig machen, dessen war sie sich sicher. Sie hatte sich einen sehr seltsamen Spaß mit ihr erlaubt.

Hocherhobenen Hauptes bedankte sie sich noch bei der jungen Frau und schritt gemächlich Richtung Kabine, in welcher ihr Mann schon auf sie wartete. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken mit diesem Ungetüm von Robe, doch sie ertrug es mit dem ihr gegebenen Stolz und den lieben und aufmunternden Worten ihres Mannes.

Es waren gerade einmal zwei Tage, nach jenem unseligen Vorfall mit dem Orken und der Robe vergangen, als sie die junge Schneiderin an der Reling stehen sah. Es war Dunkelzyklus und es war bereits recht spät. Niemand war an Deck außer den beiden Frauen…

Hilfe. Hilfe. So kommt doch und helft. Diese nette Schneiderin ist über das Schiffsgeländer gefallen. Man muss ihr doch helfen! Bei den Vieren, man muss ihr helfen!

Sie kuschelte sich in die Arme ihres Mannes und besah sich die Aufregung. Die junge Schneiderin konnte wohl nicht einmal schwimmen und noch ehe, jemand wirklich reagieren konnte war sie bereits untergegangen und zum Meeresboden hinab gesunken. Mehrfach beteuerte die sie den Anwesenden wie furchtbar es doch war, dass diese junge Frau ihren Tod in der weiten See gefunden hatte. Insgeheim war sie jedoch sehr zufrieden. Niemand machte sich so einfach über sie lustig ohne die Konsequenzen zu tragen.

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BeitragVerfasst: 18.07.05, 21:45 
Altratler
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„Noch Wein gefällig?“
An einem regnerischen Tag, kurz vor der "Abreise".

Die wulstige Hand des älteren, gepflegten Herrn, tragend die eigene Weste mit selbem Stolz wie die Geheimratsecken, welche sich mittlerweile ihren Weg weit über die Schädelmitte gebahnt haben, trägt an jedem seiner wurstigen, kurzen Finger einen Ring. Gesiegelt sind die meisten von ihnen, tragend so manch bekanntes Wappen, geflügeltes Tier oder einen Stein in saphirrot, smaragdgrün, funkelnd und schimmernd, jenen Status vermittelnd, in welchem er nur zu gerne verkehrte. Verkehrte und nie wieder verkehren wird. Denn was nützen Klimbimm, edelster Schmuck wenn das Herze in der Brust mit einem Male seinen Dienst quittiert und versagt? Unter lautem Scheppern lässt er den bronzenen Becher auf die kunstvoll ausgearbeiteten Bodenfliesen, endophalische Importware, fallen und der rote Traubensaft ergiesst sich ausgiebig über den Boden, versickert in den feinen Fugen zwischen den Platten. „Was habt ihr…“ Der dickliche Herr, denn Wanst dem eines ausgewachsenen Hausschweins Konkurrenz hätte machen können, fasst sich mit der beringten Rechten an die Kehle, während zwei hoch gewachsene, adrette, gar stoische Personen im Hintergrund verharren, die Situation mit fachmännischem Blicke begutachtend. „Siehst du, Liebes, ich sagte dir doch, dass ein Esslöffelchen genügen würde. Du hast vielleicht magische Hände mit welchen du so manch Leiden zu beheben weißt, aber die alchemistischen Belange lässt du besser in meinem Verantwortungsbereich.“ „Wirklich schade, nicht wahr, Henry? Ein solch spendabler Geldgeber und ein solch belangloser, schmerzvoller Tod.“ Die vornehme Dame hebt das, mit vornehmlichst drapierten Gemüsescheiben belegte, Brötchen zu ihren Lippen und knabbert an der knusprigen Kruste herum. Ebenso ungebremst wie der Fall des Weinkelches gestaltet sich jener des Dicken, einen eleganten Ausfallschritt zur Seite tätigend, landet er, den einst stolz getragenen Bauch voran, im mit Rosenduftölen angereicherten Wasserbassin, welches sich in seiner grosszügigen Form und Grösse in den unteren Stock des Badehauses einbettet. „Das“, der Herr im Hintergrund hebt mahnend seinen eher dünnen Zeigefinger an, „hätten wir besser einplanen können. Nun heisst es anpacken, Weib.“ Die beiden eigenen Weingläser zur Seite gestellt, ausreichend weit über den Beckenrand gelehnt, zerren sie den nicht wirklich zierlichen Mann zurück ans Trockene.

„Das Loch ist nicht tief genug, mein Schatz, du vergisst, dass unser Freund hier etwas beleibter ist als unsereiner.“ Henry wirft die gusseiserne Schaufel zur Seite. Der Regen und das Graben haben ihren Tribut an seiner Kleidung gefordert, über und über verdreckt sind sein einst saubres, weisses Hemdlein und die feinen Hosen, welche er stets zu Verhandlungszwecken und zur Vertretung des Badehauses zu tragen pflegte. „Der Gute muss hier rein passen. Noch länger wälze ich mich nicht im Schlamm, lass deine Fantasie walten, Rattenschnäuzchen.“ Mit einem grazilen Sprung entsteigt er dem Erdloch, sauber angelegt im hinteren Teil ihres prächtigen Gartens. Zwischen Betunien und Narzissen. Das mit einigen hübschen Kordeln versehene Schirmchen über den Kopf haltend, schwebt sie grazilen Schrittes zu ihm vor, stets darauf bedacht den unsäglichen Pfützen auszuweichen. „Den Körper aufteilen macht zuviel Schmutz und ist schädlich für die Blumen. Vielleicht können wir ihn seitlich…“ Leicht sinkt ihr Kopf zur linken, während sie mit der rechten Hand Mass zu nehmen scheint, ehe sie ernüchternd aufseufzt. „Man hat es nicht leicht.“ Getragen von einer aufkommenden Windböe, lässt sie ihren Schirm los, welcher sogleich im Dunkel der Nacht, über dem Giebel des Hausdaches verschwindet. Beherzt packt sie den Fleischberg an den Knöcheln und schleift ihn undamenhaft durch den Dreck stapfend an den Rand der Mulde. Noch schnell eine wehende schwarze Haarsträhne hinters Ohr gestrichen, ehe sie den Dicken mit einem leichten Antippen ihres rechten Fusses ins Loch befördert. „Man freue sich immer wieder mit ihnen Geschäfte zu machen, werter Herr Tulander.“ Das aufgequollene Gesicht voran, fällt die Leiche in die, bereits zu einem kleinen Teil mit Regenwasser gefüllte Grube. „Siehst du, mein Herz, er passt doch rein.“ Er legt seinen verdreckten Arm um ihre Schulter, nicht bemerkend, dass sich zwei Mannen der Stadtwache Venturias an ihrem Gartentor eingefunden haben, angestrengt die mattlichtige Laterne in ihre Richtung anhebend. „Bei ihnen alles in Ordnung?


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BeitragVerfasst: 21.07.05, 19:14 
Altratler
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Krapfen verschlingende Ungeheuer
Sonnentag, der 19. Querler im Jahre 16 nach Hilgorad

Selbst der leicht herbe Landwein, welcher laut dem Herrn Gropp nicht mit den Füssen gekeltert wurde und deshalb einen gar mystischen Beigeschmack besitzt, blieb ihm an diesem Abend im Halse stecken. Schlimm genug, dass die Seeschlange die einzige regelmässig geöffnete Taverne in der Gegend war und er sich, so ihn nach einem Schlummertrunk gelüstete, stets auf diesen knarrenden, schmutzigen Hocker setzen musste, sass er doch an diesem Abend neben diesem.. Ding, diesem Kind. Milchschnäuzig und mit Marmeladeverschmiertem Gesicht. Da war ihr Name zweitrangig, bei jedem anderen hätte er ein solches Essverhalten als persönliche Beleidigung betrachtet und ihm oder ihr die weitreichenden Konsequenzen in einer ruhigen, ungestörten Minute nahe gebracht. Doch nein, er riss sich zusammen, wendete sich dezent dem Mauerwerk zu seiner Linken zu und betrachtete deren Struktur innigst. Dieses Geräusch, das leise, penetrante Schmatzen, als mache sich ein kleines rosiges Schweinchen auf dem Weg zum saftigen Feiertagsbraten, über den frisch gefüllten Trog her, jagte ihm ein Schauer über den Rücken. Noch niemals zuvor leerte er ein Glas, den letzten Tropfen des Traubensaftes so schnell, wie an jenem Abend. Hunde werden auch draussen angebunden und dieses Mädchen.. Nunja, seine Gattin hatte ja grade die letzten Blutflecken vom Mord an dieser Zirkusdarstellerin aus den Bohlen gekratzt und ihr neues Domizil, sei es auch noch spartanisch eingerichtet, würde zumindest für den Übergang und die Rückkehr seines abendlichen Spazierganges reichen. Auch wenn er sich jetzt erhebt und diese Schenke verlässt, würde er des Geschäftes wegen wiederkommen und sässe dann das Kind auf selbem Hocker neben seinem, wird er ihr in aller Gnade und Güte die Hand zum Gruss entgegen strecken. Schliesslich war er ja ein guter Mensch und dieses kleine Mädchen, wie es der werte Herr Gropp schon bemerkte eigentlich ganz süss anzuschauen. Doch das sind Rehlein, hoppsend und kulernd über blumenübersähte Waldlichtungen auch und trotzdem laufen sie vor die Pfeile der Jäger.


Zuletzt geändert von Illis: 21.07.05, 19:14, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 25.07.05, 06:52 
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Noch vor ein paar Tagen, hatte sie jegliche Hoffnung ziehen lassen, hatte sich fast schon damit abgefunden gehabt, wirklich nichts mehr außer ihrem Mann zu haben. So viel hatten sie zurück lassen müssen, bei ihrem überstürzten Aufbruch. Ihr Geld, ihre Garderobe, ihre gesicherte Zukunft. Dann hatten sie den ersten Fuß auf diese Insel getan. Alles war so schrecklich gewesen. Dreck, Gestank und auch noch Orken. Wie hasste sie diese Tiere, denn mehr waren sie nicht in ihren Augen. Wenn es irgendeinen Nutzen gebracht hätte, so wäre sie schon längst ein paar mal in Ohnmacht gefallen, aber das wäre doch zu lächerlich gewesen, schließlich hätte sie dann doch nur ihr neues Kleid beschmutzt und das ging nun wirklich nicht.

Ihr Ehemann hatte ihr zwar immer wieder gut zugeredet, immer wieder darauf verwiesen, dass es einzig und allein wichtig war, dass sie gemeinsam hier auf dieser Insel waren, doch auch wenn sie immer wieder seine Worte aufgenommen hatte, so blieb die Unsicherheit, die Angst vor der Zukunft und diese furchtbare Umgebung. Wäre jener Herr Gropp nicht gewesen, so hätte sie wohl längst wirklich aufgegeben. Sie hätten ohne ihn in einer Obdachlosenunterkunft unterkommen müssen. Welch furchtbarer Gedanke dies doch war, es wäre katastrophal gewesen. Wer weiß wo diese Leute herkamen und welche furchtbaren Krankheiten sie hatten, ganz zu schweigen von den Betten, in welchen unzählige Leiber ihren Schweiß in der Nacht abgegeben hatten. Fast wäre ihr schwarz vor den Augen geworden, rein nur bei dem Gedanken an ein solches Gebäude. Doch sie hatten ein Dach über den Kopf, hatten ein paar Möbel, wenn auch eher spärlicher Natur, aber das wichtigste war, dass sie es nicht teilen mussten, auch wenn sie zuerst die Böden und Wände von den unmengen an Blut reinigen musste, aber was war schon ein wenig Blut zu allen anderen Abscheulichkeiten dort draußen?! Was hatte dieser nette Herr Gropp gesagt? Erst kurz zuvor wäre in diesen Räumen, in denen sie und ihr Mann nun wohnten, ein Mord verübt worden. Aber nun ja, dass schien ihr wirklich nicht weiter wichtig.

So schnell wie eins zum anderen kam nach dem ersten Schritt auf diese Insel, über die zwei neuen Kleider und die Unterkunft, so schnell hätte sie neimals damit gerechnet, doch nun stand sie hier, vor diesem Haus. Konnte es wirklich sein? Sollte dieses großen Haus nun ganz ihnen zur Verfügung stehen? Es kam ihr fast wie in einem Traum vor. Sie verlor gänzlich jegliche Haltung, kam sich vor, wie ein kleines Kind, dem man gerade ein hübsches Spielzeug geschenkt hatte. Ein Badehaus, so groß und so wunderbar. Sie konnte es direkt vor ihrem inneren Auge sehen. Sie ließ es in ihrer Phantasie entstehen und lächelte. Das alles war zu schön um wahr zu sein und doch war da dieses Haus, und das Versprechen, es nutzen zu dürfen.

Es gibt immer Hoffnung, so lange man nur zusammen ist und auch zueinander hält. Wieder einmal hatten sich die Worte ihres Ehemannes Bewahrheitet.

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BeitragVerfasst: 5.08.05, 01:28 
Altratler
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Zwölffach geschliffen
Endtag, 5. Querlar 16 nach Hilgorad

"Gefällt sie dir?" Seine gepflegte, langfingrige Hand hebt die Kette, an welcher sich Glasperle an Glasperle reiht, vom Halse seiner Frau an, fachmännisch, abwertend begutachtend. "Hätte ich ihm sagen sollen, dass sie mir nicht gefällt? Du solltest dich ein wenig zusammenreissen." "Für dich doch immer, Pfirsichbäckchen", den Kopf an ihre Schulter gelegt, streicht sie mit bedachten Bewegungen durch sein graumeliertes Haar, "und schliesslich brauchen wir den guten Mann ja noch."

Einige Augenblicke zuvor.
Mit welch törichter Zunge er doch die Worte über seine Lippen kommen lässt, der gute Herr Gropp, Speiser der Armen und Dürstenden, Retter der Mittellosen. Griffelt mit seinen dreckigen Schmiedes'fingern an seiner Frau herum um ihr ein selbstgefertigtes Geschenk umzuhängen. Wie konnte er überhaupt denken, dass ein solch minderwertiges Stück Glas, diese Kette, Ina genüge, ihr gerecht werde? Seien die Perlen zwölf oder dreizehn Male geschliffen. Und glaubte er dies ohne Konsequenzen vor den Augen ihres Ehegatten machen zu können? Das Weinglas schwenkend in einer Hand haltend, den Blick ins schwelende Feuer des Tavernenkamins gerichtet, steht er im Schankraum, während sich die beiden köstlich zu unterhalten schienen. Nicht weit von ihm entfernt an der Wand hängend, verlockend, rufend seinen Namen, das dekorative Ruder eines Bootes. Was ein solcher Moment in einer Spelunke, welche der ihren Ansprüchen so gar nicht genügte und trotzdem des Geschäftes halber immer wieder aufgesucht wird, für Erinnerungen wecken kann.

Damals, fünfzehn, sechzehn Jahresläufe jung, mit dem besten Freund, angelnd auf dem Triuner-Weiher vor den Toren Ignes. Er stammte ebenfalls aus gutem Hause, der Vater ein angesehener Anwalt am Lehensgericht, mit etwas anderem hätte sich die Familie Ebbenbach natürlich auch nicht begnügt, umso überraschender und unbegreiflicher ward sein Benehmen an diesem lauschigen, mit kleinen Wolkenfetzen bespickten Nachmittag. Bezichtigte er Henry doch der Schuld am Ausbleiben eines guten Fanges, als hätte er auch nur im entferntesten einen Einfluss auf die Gelüste irgendwelcher Schuppenträger. Ein Schlag mit dem Paddel auf den Hinterkopf seines Anklägers reichte vollends. Das Urteil war gesprochen und die Fische strömten in Scharen herbei. Es fehlte wohl einfach am richtigen Köder.

Dieses Ruder an der Wand.. Doch nein, waren sie noch nicht lange auf diesem vermaledeiten Stückchen Land und wussten bereits wie schwer es war kultivierte, gar zivilisierte Mitmenschen zu finden. Der Herr Gropp war zumindest ansatzweise einer von jenen. Und so schluckte der Graumelierte jeglichen Anflug von Eifersucht herunter, setzte sich zu den beiden zurück und bewunderte andächtig die... hübsche... Kette seiner Frau. Wie sehr er sie doch liebte und wie beängstigend gut sie das Spiel der vorgetäuschten Freude beherrschte. Seine Ina. So besann er sich auf die eigene Weisheit, welche er damals, vor vielen, vielen Jahren, nur zu gerne seinem auf dem Teich treibenden, von den Fischen angenagten besten Freund mitgegeben hätt': Anstand und Schein wahren. Zumindest zu Beginn.


Zuletzt geändert von Illis: 5.08.05, 01:33, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 5.08.05, 23:58 
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05. Querlar 16 nH

Es war eine dumme Idee gewesen die Stadt zu verlassen. Überall Gestrüp und Tiere. Äußerst ärgerlich, wenn ich es recht bedenke. Henry hat sich sogar seinen Kilt zerrissen und sich auch noch einen Splitter zugezogen. Das war fast schon wieder zu viel für einen Tag. Ich hoffe er findet noch einen Schneider, es kann ja nicht angehen, dass er zerlumpt wie einer aus der Unterschicht herumläuft. Diese Insel ist teilweise das Grauen schlecht hin. Immer wieder läuft man diesen grünen Tieren über den Weg. Ich weiß wirklich nicht, wie man diese Orken einfach frei herumlaufen lassen kann. Es wäre sicherlich eine Erleichterung, wenn man sie einfach wegsperren würde.

Henry ist im übrigen noch immer nicht genesen, diese Ohrenschmerzen scheinen ihm wirklich zuzusetzen. Ich darf gar nicht daran denken, was diese Unkonzentriertheit alles auslösen könnte. Er hat sich einen Trank zurecht gemacht, aber es ist wohl irgendetwas schief gelaufen. Diese Mixtur hätte wohl geruchs- und farblos sein sollen, war er aber nicht. Wie gut, dass er es nicht an sich selbst ausprobiert hat. Als wir im Wald unterwegs waren um zu Picknicken, war da dieses Spitzohr. Ich hab ihm etwas von Henrys Gebräu in den Wein geschüttet, das Ergebnis war anders als von Henry gedacht. Dieser Elf starb doch tatsächlich daran. Man hat wirklich nichts als Arbeit. Vor allem, da ich jetzt auch noch mein Kleid wieder waschen muss, die Strapazen in der freien Natur haben deutliche Spuren hinterlassen. Noch mal werde ich sicher nicht vorschlagen einen Ausflug zu machen.

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BeitragVerfasst: 6.08.05, 15:08 
Edelbürger
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Leidversiegen

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Wer da die Lehre überblickt,
als fey, wer die Lehre kennt,
gleichwie ein See, der windstill ist,
kommt ohne Regung er zur Ruh.



Der Geschmack des blutroten Getränks war süßlich, erinnerte ihn an überreife Trauben, die schwer an ihren Ähren hingen, doch gleichzeitig hinterließ es ein Kribbeln im Mund, ein eigenartiges unvertrautes Brennen, das ihn das Gesicht ein wenig verziehen lies. Er verspürte wie dieses ungewohnte Gefühl weiterwanderte, seine Kehle hinab. Doch... es schien zu stocken, sich zusammenzuballen, knapp über dem Herzen, ihm dort einen schmerzlosen Stich verpassend, der ihn zusammenzucken ließ, während sich gleichzeitig eine unsichtbare Hand um seine Kehle wand und ihm unbamherzig die Luft nahm, den Atem abschnürte.


Den Leib als brechlich wer erkennt,
Glück und Leid als Verblassendes,
Bezüge wer gefährlich sieht:
Geburt und Tod versteht er dann.
Wer höchste Stille hat erwirkt,
entfaltet, wartet ab die Zeit.



War er nicht auf diese Insel gekommen, um die letzten Schritte auf seinem Weg nach Lothorien zu gehen und das vollkommene Ende allen Leids zu erfahren? Schon längst drehte sich sein Geist nicht mehr um irgendwelche weltlichen Dinge, um Tand, der ihn an diese Welt ketten würde. Und mit der Abkehr von seiner Heimat hatte er nicht auch die letzten Bindungen an diese Welt verloren, als er seinen Meister verließ? Nichts verband ihn mehr mit Auren, nichts hatte er hier gefunden, er lebte in losgelöster Leere, die nur durch ihn selber angefüllt wurde. Nichts hielt ihn mehr hier, keine Leidenschaft, keine Bindung, vollkommen frei von allem war er bereit nach Lothorien einzugehen.


In Werken still, in Worten still,
im Geiste still, von Trieben frei,
von stiller Stillheit ganz erfüllt:
Der in Lothorien wandelt, so nennt man ihn.



An seiner Leiche findet man nichts außer seiner Kleidung und einer kleinen Menge an Obst und ungesäuertem Brot, kein Schmuck, keine Waffe, nichts von persönlichem oder materiellem Wert.


Zuletzt geändert von Tarlas: 6.08.05, 15:18, insgesamt 1-mal geändert.

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