|
Um sie herum ein Meer aus dunklem Blut, Schiffe aus Gebeinen trieben herrenlos darauf herum, finstere Wolken am Himmel, in denen Blitze zuckten, ein ständiges Brodeln und Beben und sie mittendrin. Sie spürte, dass sie nicht mehr lebte und doch trieb sie in diesem Meer und kommandierte eine ganze Flotte von geisterhaften Wesen, dabei wissend, dass letztlich auch sie kontrolliert wurde, wie etwas sie angekettet hielt, daran zerrte und ihr immer wieder Befehle mit schmerzlichen Worten einflüsterte. Irgendwas hielt sie in seine scharfen Klauen und gab sie einfach nicht frei. Selbst über den Tod hinaus...
Seine Berührung hatte sie geweckt und es hatte einige Lidschläge gedauert, ehe sie aus ihrem Traum vollends aufgetaucht und zurück in die Realität gekehrt war.
Piraten...
Schwerfällig erhob sie sich, kalt war ihr, die müden Augen brannten und tränten und ihr Hals schmerzte. Kurzum - ihr ging es miserabel und diese Hunde mochten wohl gerade recht kommen. Wenigstens etwas, woran sie ihre Laune auslassen konnte.
Auf dem Deck sah sie zu dem anderen Schiff, fühlte dass sie nicht Herr über sich selber war.
War sie noch immer im Traum gefangen?
War der Traum real?
Träumte sie dieses Leben nur?
War vielleicht all das, was geschah gar nicht wahr?
Seltsame Gedanken, schoss es ihr durch den Kopf, während sie langsam über das Deck ging, ihre schmalen Zöpfe im Wind flatterten und sie sah aus den Augenwinkeln, wie ihr Meister sich zurückzog.
Sollte er doch - sie hatte eh keine Angst.
Wovor auch?
Der Tod? Hatte sie den nicht sogar schon überwunden?
Qualen, Foltern, Schmerzen? Hatte sie auch schon alles erlebt und erlebte sie immer und immer wieder in ihren Erinnerungen, Gedanken und Träume.
Das Leben ist nichts weiter als endlose Folter und Schmerz, dachte sie, während sie ihre Arme seitlich erhob, den Kopf in den Nacken legte und tief einatmete, den dunklen Himmel betrachtete... es war wie ihr Traum und sie spürte sie, diese Ketten, die sie banden und festhielten. Etwas war in ihr, was sie fest in seine Klauen hielt und sie nie mehr los lassen werde und nicht nur das - auch spürte sie nun wieder sein Mal, was er ihr zwischen ihren Schulterblättern aufgedrückt hatte.
Freiheit war eh nur ein Traum.
Niemand war frei - sei es, dass man der Sklave eines launischen, dunklen Geistes und seines Mentors war, sei es, dass über einem Soldaten, Ritter, Barone, Fürsten oder gar der König stand.
Und auch jene waren nicht frei - selbst über dem König standen noch höhere Mächte, Mächte, die sie zwar nicht verehrte, aber respektierte, vielleicht gar fürchtete. Götter eben.
Wie konnte sie da Freiheit für sich einfordern? Lediglich der Tod versprach noch Freiheit, aber auch das mochte nur eine Illusion sein, damit sie noch tiefer in die Fänge irgendwelcher Geister und Dämonen geriet.
Ach, wie schön war die Zeit, als sie nichts von alledem wusste.
Als sie die Welt nicht hinterfragte, nicht verstand und blind ihren Weg ging.
Als sie das Leben auf der Strasse als Freiheit ansah.
Wie dumm sie war und doch war sie glücklich auf ihre Art gewesen.
Nun hatte sie das getan, was eben das Schicksal ihresgleichen war - sie hatte hinter die Realität geblickt und einen dunklen, bedrohlichen Abgrund vorgefunden, der sich Leben nannte.
Hitze schlug ihr entgegen, während sich zwei feurige Schlangen um ihre Arme wanden und zischten, mit rotglühenden Augen, ähnlich wie entfachte Kohlestücke, zu den Freibeutern sahen, ihre Mäuler mit den gespaltenen Feuerzungen öffneten und gierig in die Luft schnappten.
Warum tat sie das hier eigentlich?
Die Galeere schützen? Was bedeutete sie ihr schon? Würde sie untergehen, würde sie entweder mit versinken oder zu jenen Holzstücken in ihrer Tasche am Gürtel greifen und zurückkehren zu diesem Eiland irgendwo weit im Westen, wo man sie kannte, sie hasste, sie liebte, sie verwünschte, sie mochte, sie verachtete... wo ihr Schicksal seinen Lauf genommen hatte.
Sie war nicht sie selber und so gab sie sich einfach nur noch der Situation hin, tat das, was diese dunkle Stimme tief in ihrem Inneren ihr einflüsterte - Zerstöre!
Unter lautem Zischen lösten sich die Schlangen von ihren Armen, flogen direkt auf einen der Piraten zu, packten ihn, versengten und verkohlten seinen Leib, schleuderten ihn zurück und gegen die Reling, deren Holz unter der Wucht zersplitterte. Er blieb, mit seltsam verdrehten Gliedmassen und den Kopf unnatürlich schlaff hängend, an der Stelle liegen. Tot.
Mit müden Augen, lustlos geradezu, sah sie zu ihrem Meister, der nun seinerseits dornige Ranken unter seinen geflüsterten Verwünschungen und Flüchen spriessen liess, so eine Stolperfalle für einen Teil der Piraten werden liess, manch einer blieb gar hilflos darin hängen.
Auch sah sie, dass sich einige andere Besatzungsmitglieder wohl ein Herz gefasst hatten und trotz des Schauspieles, was die beiden Passagiere zum Besten gaben, in das Kampfgeschehen eingriffen.
Wie nahe sie da beinander standen, Freund und Feind, mit ihren lächerlichen, plumpen Waffen. Das Klirren und Schaben des Metalls klirrte in ihren Ohren und sie verzog ihre Miene.
Zerstöre!
Zu dumm, dass sie so nahe miteinander kämpfen mussten.
Wie grässlich, dieser Unfall mit den Flammen, die aus dem Boden hervorschossen und Freund und Feind gleichermassen verbrannten oder gar vernichteten.
Wie süss doch die Genugtuung in ihrem Inneren - das Leben so vieler lag in ihren Händen und sie konnte tun was sie wollte.
Bis auf ihren Meister gab es hier eh niemanden, der ihr Einhalt gebieten konnte und selbst ihn.. ja.. selbst ihn...
Der Blick aus ihren grünen Augen glitt zu ihm rüber.
Ein Zauber, ein Fluch nach dem anderen hetzte er den Piraten auf den Hals, beschwor zerstörerische Geister, die die Reihen der Feinde lichteten. Mal knickten sie einfach in den Knien ein, jeglicher Kraft oder jeglichem Geschick beraubt, mal standen sie einen Moment nur verwirrt da, ehe sie der Hieb eines Säbels von einem Matrosen traf. Mal stürzten geisterhafte Vögel aus der Luft kreischend hinab und pickten auf die Piraten ein.... und er hatte nur Augen für sein Werk, für das Verderben, was er über sie brachte.
Wie verletztlich er doch nun war...
Leise und langsam, schleichend wie eine Raubkatze näherte sie sich ihm.
Du hasst ihn...
Ja... sie hasste ihn abgrundtief für all das, was er bisher ihr angetan hatte. Für all die Demütigungen, für sein Mal, was er ihr aufgedrückt hatte, für die Flüche, mit denen er sie belegt hatte, für seine Worte, sein Tun.
Der Schüler tötet den Meister, um so seine Stärke zu beweisen...
Ja... sie war stark und nichts schien ihr verführerischer als diese Stärke endgültig unter Beweise zu stellen.
Ich hasse dich, schrie eine Stimme (ihre eigene Stimme?) in ihrem Inneren, das Bild eines alten Mannes, der ihre Augen trug, schob sich vor ihrem inneren Augen, schien ihren Meister dabei zu bedecken und verzweifelt und hassend sah sie zu ihm hinüber.
Er, der sie verstossen hatte, er, der ihr Leben so zerstört hatte - ihn will sie vernichten, nein, quälen.
Langsam, bis zum Tod.
Vater...
Zuletzt geändert von Schattenkind: 18.07.05, 02:30, insgesamt 1-mal geändert.
|