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Die Flossfahrt
„Brombeer, bist du sicher, dass das ne’ gute Idee ist?“ Toms rechter Fuss setzt sich auf das morsche Holz des viereckigen Flosses, ein Knarren erfüllt die Luft und lässt einige Rotkehlchen aus dem tief hängenden Geäst der nahen Flussweide in alle Winde empor steigen. „Hab ich schon jemals was gebaut, was nicht gehalten hat, Tom? Vertrau mir, Taugenichts!“ „..und was war mit dem Baumhaus vor eurem Hof, du fühlst die Ohrfeige deines Paps bestimmt noch, nicht wahr?“ Marie ‚Brombeer’ Liss war wohl das einzige Mädchen in der weitesten Umgebung von Lichtenfeld mit welchem man Kröten aus Sumpflöchern befreien und die Anatomie eines Grashüpfers bis aufs Innerste erkunden konnte. Stämmig, wohlgenährt könnte man ihre rundliche, an eine Beere erinnernde Statur beschreiben, Grund genug für einige Dörfler ihr Gemeinheiten, entzogen aus der untersten aller Schubladen, an den Kopf zu werfen, ausser Acht lassend, dass sich mit ihren schlagenden und missgelaunten Eltern schon genügend Probleme auf die breiten Schultern der Jugendlichen lasteten. Die linke von Toms mit Staub beschmutzten Fussohlen berührt das raue, splitternde Holz. „Du weißt doch wie ich zu Wasser stehe, Beerchen, also sei bitte vorsichtig, ja?“ „Kapitän Beerchen, wenn ich bitten darf. Machen sie es sich bequem, Tom Minz.“ Jedem anderen Jüngling in seinem Alter hätte der Anblick von Marie mit dem langen Steuerstab in der Hand wohl Angst und Schrecken durch den Körper gejagt, doch kannte er sie schon lange und wusste um ihre Sorgen und Ängste wie sie um die seinen. Vertrauensvoll setzte er sich in die Mitte des klappernden Wassergefährts, winkelte die Beine an und umschloss jene mit den langen Armen. Einen Ruck, dem Abstossen des langen Holzstabes auf dem sandigen Flussboden, später trieb das Floss auch schon auf dem von einer sanften Strömung angetriebenen Ravin. Toms Glieder entspannen sich, langsam streckt sich sein Körper, während er sich hinlegt, mit einem flinken Griff den bereits angekauten Strohhalm aus der ausgefransten Hosentasche zieht und ihn sich in den rechten Mundwinkel schiebt. Wie er solche Momente liebte in denen die Zeit wie die Landschaft zu seiner linken und rechten an ihm vorbei floss. Fela steht erhaben am blauen, mit wenigen weissen Wolkenfetzen bespickten, Himmel und das Ravinsmurmeln, wie die Ansässigen das stetige Geräusch des Wassers zu beschreiben wussten, wird vom leisen mehr oder minder melodiösen Gepfeife Beerchens übertüncht. Die vorbei fliessende Landschaft bietet ein traumhaftes Bild. Hinter den wuchernden Schilfgräsern und in die Höhe geschossenen, weissstämmigen Birken, den trauernden Weiden erstreckt sich die weite, saftiggrüne Auenlandschaft Lichtenfelds. Tom legt seinen Kopf zur Seite, überkreuzt die Beine. „Das Dorf!“ Zu müd’ sein Arm um ihn in Richtung der Häusergruppe, in der Langsamkeit der Flussströmung an ihnen vorbei wandernd, zu einem Zeigen empor zu strecken. Marie folgt dem Deut, weiter die wirrsten Seemannsklänge pfeifenderweise über ihre Lippen entlassend. Die kleine Häuseransammlung, in etwa eine Tagesreise von Lichtenfeld entfernt, ist geprägt von weissem Mauerwerk und malerischen Palisadenzäunen. Fachwerk im Jargon der Fachmänner. Meist frisch gestrichen. Das Gebäude der Viere überragt die meisten andern, das kupferrote Ziegeldach scheint im Tageslicht gar zu leuchten. Wie oft er in letzter Zeit schon dort war, Theresas wegen. Seid sie sich dieser Ketzerin verschrieben hat, veränderte sie sich stetig. Es machte ihm Angst. So schien es sein Bruderherz Theo nicht weiter zu scheren, den Dorfprediger Grieswald, seines Zeichens alternder Astraeli, dafür umso mehr zu interessieren. Wie oft er ihm schon einzubläuen versuchte, dass eine Xan-Dienerin in Toms Familie, nicht geduldet werden könne und wir mit Akzeptanz das Ansehen unserer verstorbenen Eltern, Morsan behüte sie, besudeln würden. Den rechten Weg sollten wir ihr weisen. Gestand der Geweihte damit sein Scheitern ein? Musste er deshalb den Jüngsten der Minz auf seine eigene Schwester ansetzen? Tom wechselt den Halm in die andere Mundecke, schliesst die Augen. Heute war nicht der Tag um sich über irgendetwas Sorgen zu machen, selten war es der Fall, dass es dazu überhaupt der richtige Zeitpunkt gewesen wäre. Der Wind streift streichelnd über sein Gesicht, lässt die kärglichen blonden Stoppeln an seinem Kinn, das einzige Zeichen anfänglicher Männlichkeit, mit Stolz getragen, tänzeln. Das kurz darauf folgende Knarren war lauter denn die anderen zuvor, schnell ging alles, zu schnell als dass er noch rechtzeitig seine Lider emporschlagen konnte. Das Wasser in all seiner Kühle und Sanftheit legt sich um seinen Körper wie Theresa früher, in fernen vergangenen Tagen, die alte Wolffelldecke um ihm gelegt hatte, wärmend seine kindlichen Glieder. Tom schlägt um sich, versucht sich von all den Wassermassen, ihn in die Tiefe zerrend, zu befreien. Vergebens. Und so lässt er sich treiben, schwerelos, sorglos, lässt das erfrischende Nass seine Lungen fluten wie es jenes einst mit ihrem Haus, ihren Eltern getan hatte. Schwärze und Stille.
Es war eine Nacht vor vielen, vielen Jahresläufen, der Schleier des ewigen Regens, welcher das Flussbett bis zum zerbersten füllte und dafür verantwortlich war, dass das Haus in welchem die drei Geschwister bislang zusammen mit ihren Eltern lebten, nichts weiter als eine von der Überflutung zurückgelassene Ruine darstellte, legte sich wie der Vorhang einer ausverkauften Theatervorstellung. Ravins Rache würden einige der Lästermäuler aus der Umgebung jenes verheissungsvolle Unglück später nennen. Das Kinderbettchen trieb in all dem Getümmel aus zersplitterndem Holz und ertrunkenen Erinnerungen dahin. Toms kleine Hand greift empor zum schwarzen, mit Sternen übersäten Himmel. Er hatte aufgehört zu weinen, schon lange, bevor das Gebälk des Hauses unter ihm und seinen Geschwistern nachgab. Beruhigend leuchten die Punkte am endlosen Himmelsteppich und lassen den kleinen Jungen einschlafen. Nach all dem Getöse, den Schreien, kehrt Friede ein.
Die kräftige Hand legt sich um des jungen Minz' Handgelenk, reisst ihn aus dem Wasser, wie auch aus seinen unangebrachten Tagträumen. „Die Schifffahrtsgesellschaft Beerchen lässt nicht zu, dass ihre Gäste das zeitliche Segnen.“ Während der Knabe all das Wasser aushustete, welches sich auf garstige Art und Weise seinem Körper bemächtigte, schleifte ihn Marie mit einigen gekonnten, kräftigen Schwimmzügen an Land. Platschend wie ein toter Fisch fällt der Jüngling ins mit Gras durchsetzte Kies. „Erinnere mich daran.. dass.. dass ich niemals wieder auf.. etwas steige oder klettere, dass du gebaut hast, Brombeer.“ Ein vergnügtes Kichern entrinnt ihrer Kehle, während sie sich mühselig auf die vollschlanken Beine kämpft, ehe die Stimme erneut erklingt, etwas weiter entfernt. „Sag mal Tom, hast du hier nicht einmal gewohnt?“ Er dreht sich ruckartig zur Seite, erneut ein berstendes, markerschütterndes Husten. Marie setzt sich auf einen der überwucherten vier Grundpfosten eines einstigen Gebäudes. „Ja, hier stand unser Haus, bis zur Überschwemmung.“ „Ein ganz schönes Fleckchen, ehrlich.“ „Können wir gehen?“ Wortlos richtet sich Tom auf, gebückt seine Haltung, die glatt geschliffenen Steine des weitläufigen Kieselsandstrandes unter seinen Füssen spürend. Regelmässig, pochend wie eine Trommel unter geübten Händen, tropft das Wasser aus seinen durchnässten Kleidern, die Kordeln des Hemdleins hängen wirr über seinen Schultern. Sie stützt ihn. "Und was machen wir morgen?"
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