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Yuchin
„..lass deinen Kopf sinken, armes gequältes Kind, nicht immer bekommen wir, was wir begehren. Die Lichter werden dich nach Hause geleiten, folge ihnen, flute deinen gläsernen Blick mit ihrem wunderbaren, endgültigen Schein und betrete den Ort von Anfang und Ende, Luftholen und Ausatmen. Traure nicht um das, was du zurück lässt, spare die deinen Tränen, wirst du sie vergiessen, wenn du die Schönheit unter Morsans tüchernem, schwarzen Himmelszelt erkennst. Der Platz an dem unser ganzer Stolz von neuem erblüht, die Ruhe vergangener Leben unsere Glieder erfüllt. Ich schenke dir Frieden. Lebe wohl in Lothorien, niah’ma, in Lothorien.“
Gesiegelt sind die vier Ringe an der wulstigen Hand, auslassend nur den Daumen, welche über die weiche, leicht gebräunte Haut fährt, sie gierige liebkost wie ein Stück abgegriffenes, altes Fleisch. Die samtenen, tiefroten Vorhänge des Burgzimmers wogen sich in der kühlen Luft, strömend durch eines der geöffneten mannshohen Giebelfenster, mit sich tragend den Duft von wilden, endophalischen Steppenrosen aus dem eigens dafür angelegten Burghofsgarten. Seine Lippen berühren ihr spitz zulaufendes, rechtes Ohr. Sie sind rau, rau von all den schmierigen Worten welche sich die Jahre hindurch über sie ergossen und ihm den Ruhm eines angesehenen Mannes einbrachten, seither hegend, pflegend wie der teure Schmuck selbst. Sie schliesst ihre Augen und riecht seinen nach teurem Wein stinkenden Atem. Der Griff nach dem Träger ihres weiten, langen Kleides war das Zeichen auf welches sie so lange wartete, die Geduld der Jahrhunderte genüsslich auskostend. Der samtene Stoff gleitet ihren Körper hinab, ein fallender Vorhang, streichelt ihn ein letztes Mal. Ewigkeiten vergehen. Das hämische, ausnutzende Lächeln gefriert auf dem Gesicht ihres Opfers, als jener den hauchdünnen Dolch, hängend an einer einfachen Kordel um ihre Taille, wahrzunehmen scheint. Die Zeit holt ihren Rückstand auf, als die Hochelfin nach der Waffe greift, sie blitzschnell aus der ledernen Halfterung zieht und die verführerisch schimmernde Spitze in den Hals ihres Gegenübers bohrt. Tiefrote Tropfen auf unschuldig weissem Kissen. Der Geruch von abgestandenem Wein versiegt zusammen mit dem leiser werdenden Röcheln, aushauchend jeglich Rest von Leben. Nächtlicher Windhauch frischt auf, streifend durch das Rosengestrüpp, so sanft umgehend all die Dornen, schlussendlich zerschellend am kalten, steinernen Mauerwerk. Das Mondlicht, fahl, bläulich, durchwandert das Zimmer, füllt es mit Kühle und einer eigenwilligen Stille. Die Andacht der Nacht. Sie wischt den Dolch beiläufig am Saume des Bettüberzuges ab, zieht sich das Kleid über die schmalen Schultern zurück. Die feingliedrigen Hände auf der weichen, warmen Matratze abstützend beugt sie sich vor. Das blonde Haar ergiesst sich über ihren Kopf, umrahmt nicht nur das ihre, sondern auch das Gesicht des Mannes. Den Tod gebracht, gehauchte Worte in totes Gehör entsendet und mit einem kaum berührenden Kuss auf die pausbäckige Wange besiegelt. „..lass deinen Kopf sinken, armes, gequältes Kind..“.
Die schwere hölzerne, mit einigen gusseisernen Verzierungen gespickte Tür fällt ins Schloss. Lautlos hingegen sind die Schritte ihrer unbekleideten Füssen auf dem steinernen Boden, des sich in die Länge ziehenden Wandelganges. Bilder verlebter Adelsleute, gemalt mit Öl auf feinste mit Leinen bezogene Rahmen säumen abwechselnd mit knisternden Fackeln die grauen Wände. Die Blicke der Wachmänner vor den Adelszimmern postiert, folgen ihr wissend bis hin zum zweiflügeligen Tore, dort wo der Gang und ihre Schritte gleichsam enden. Das leise doch markerschütternde, quietschende Geräusch der eingerosteten Angeln kündet ihr Kommen und lässt den Rittersmann in seiner Prunkrüstung, noch tragend vom ausgeklungenen Bankett, seinen erwartungsgeschwängerten Blick zur eintretenden elfischen Schönheit empor heben. Ein Nicken, das leise Geräusch ihres Haares welches dabei über den seidenen Stoff des Kleides streicht, genügt, lässt die ritterlichen Hände auffordernd zusammenklatschen. Drei Bedienstete, unterwürfig, ehrfürchtig in ihrer Art, ihrer Körpersprache eilen ohne zu zögern durch einen unscheinbaren Nebeneingang in das mit Bücherregalen voll gestellte Denkzimmer. Seine Stimme ist ruhig und gelassen. „Es gilt ein Zimmer zu säubern, doch macht schnell, ich habe vor heute pünktlich zu dinieren.“
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