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Trine und Lutz, am liebsten hätte sie den Beiden eigenenhändig den Mund wieder zugenäht. Doch zu groß war die Neugier darauf, die eigensinnige Frau ein weiteres mal zu treffen. Es kam ihr vor wie eine kleine Ewigkeit, als dieses sonderbare Paar vor ihren Augen stritt. Doch was kam dabei herraus? Ein Hinweis auf Brandenstein, der sich für sie als nutzlos entpuppte. Denn was war dort schon zu finden? Der Kerl im Pranger, der sie nicht interessierte, dazu noch seine völlig verängstigte Mutter. Diese Frau bekam sogar angst vor ihr selbst, der unsichere Blick in ihren Augen verriet es. Mit einem leisen Murren machte sie sich auf den Weg zurück. Das Zelt war immernoch verlassen, es wäre auch wirklich zu einfach gewesen.
Die Tage vergingen, bis sich plötzlich am Himmel über ihr ein krächzender Vogel zeigte. Zielstrebig kam dieser näher und landete nur ein paar Schritte vor ihr im Gras. Die ungewöhnliche Größe und das helle Federkleid bestätigten ihren Verdacht, dieser Vogel hatte sie schoneinmal zu Mama Jai geführt. Sie sollte recht behalten, denn ehe sie sich versah, fand sie die kleine Frau beim Beeren sammeln, mitten im Wald. Eine Fackel erhellte die Lichtung notgedrungen und wie schon beim ersten Treffen, wurde sie erwartet. ,,Jamila, Kindchen, wusstest du, dass man einige Früchte nur des Nachts findet?" ...waren ihre Worte.
Iritiert musterte sie diese seltsame Person, konnte dann aber wieder einen klaren Gedanken fassen. Mit nachdenklichem Blick fragte nach kurzem Zögern: ,,Ist diese Prozedur eigentlich üblich?" Wie sich herrausstellte behielt sie recht. Es war üblich, all das zu durchlaufen, wenn man einige Worte mit ihr wechseln wollte, denn dafür hatte sich Mama Jai zu gut ausgesucht, mit wem sie die Worte wechseln wollte.
Natürlich kannte die alte Frau die Frage, die ihr auf der Zunge brannte, bereits und antwortete ihr, ohne das sie Fragen musste. ,,Ich bin keine der eurigen, doch wenn man uns vergleichen würde, so unterschiedlich ist unsere Gesinnung dann doch nicht." Innerlich lies sie die Schultern hängen, aber wie so oft versuchte sie sich nichts anmerken zu lassen.
Kurz darauf sprach diese Frau in seltsamer Tonlage zu ihr, in einer Stimmlage, die man nur Mühsam verstehen konnte. Leise und behutsam klangen die Worte: ,,Kannst du dir vorstellen, Liebes, dass um dich herum, in diesem Wald, in den Häusern, den Strassen eine zweite Welt existiert, in der jene wandeln, die nicht mehr unter uns weilen? Sie hören alles und flüstern es uns ins Ohr, so wie ich es gerade mit dir tue." Sie starrte ihre Gegenüber nur nachdenklich an, aber man konnte ihr ansehen, das sie davon alles andere als überzeugt war. ,,Das habe ich mir gedacht. Dann nur noch etwas, Kindchen.. Genauso schwierig wie es oftmals sein mag, deine Schwestern zu erkennen, so schwierig kann es manchmal auch sein die Lebenden von den Toten zu unterscheiden.." Sie wollte antworten, auch wenn sie nicht genau wusste was, aber dazu kam sie nicht mehr. Mama Jai ging auf sie zu, doch ehe sie mit der Wimper zucken konnte, hatte sie sich in Luft auf gelöst. Die Fackel lag knisternd vor ihren Füssen und auch Vogel, der sie hier her geführt hatte, war verschwunden.
Manche Beeren findet man tatsächlich nur bei Nacht, aber selbst dann zeigen sie sich nur, wenn sie es wollen.
Zuletzt geändert von Jamila: 13.11.05, 14:13, insgesamt 1-mal geändert.
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