Zitat:
Als das Kind gefunden wurde, ging alles recht rasch. Die Spur wurde verfolgt, jedes Hindernis blutig beseitigt, das Labor des Harlekin ausgehoben.
Die Treibjagd durch den Wald beherrschte er. Rufe, Geräusche, Lachen und Jammern. Das Chaos, das um die Ruine herrschte, war unglaublich. Später in der Nacht zeugen noch Spuren überall um die Wachturmruine nordwestlich Falkensees von dem Aufruhr, der dort stattgefunden haben muss. Schleifspuren, Blutreste, Fußspuren überall.
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Wenig später betrat der Harlekin den Marktplatz; aufrecht und stolz, und er musste sich eingestehen, dass er ohnehin keine Wahl gehabt hätte. Was war schon Zeit? Lieber brachte er es jetzt zu einem furiosen Ende, ehe sein Tod unbemerkt bliebe - und ebenso in den Händen des Fürchterlichen enden würde.
Als das Schwert sein Herz durchbohrte, riss der letzte Faden, der noch fehlte, um den Pakt, den er einst geschlossen hatte, donnernd und krachend einzulösen. Sein Körper verzerrte sich, die merkwürdigen Schemen nahmen dämonenhafte Form an. "Narren!", dachte er, doch ein Dämon lügt stets, und nach Augenblicken verstand er: die Kraft, die ihm erteilt worden war, war gigantisch - doch er hatte die Zähigkeit seines Fleisches verloren, die er in ebenjenem Pakt sich erkauft hatte. Armer, dummer Harlekin.
Als er besiegt war, spritzte das viele Blut, durch das er seine Körperkraft, seine unnatürliche unheilige Widerspenstigkeit gegen Verwundung, Blutverlust und Krankheit jeder Art, seine ganze körperliche Erscheinung gefördert und genährt hatte. Oh, es mussten dutzende Seelen gewesen sein, an deren Blut er seinen Leib genährt hatte, und viele jener, die auf dem Marktplatz dem Schauspiel zusahen, badeten förmlich in der rostroten Flüssigkeit. Doch der Harlekin bekam keine Gelegenheit mehr, über diesen letzten Spaß zu lachen.
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Der Stiefelmacher lächelte verborgen. Nicht, dass er noch in der Lage war, Belustigung zu fühlen - doch es war das Lächeln der grimmigen Zufriedenheit über eine gelungene Mission, an der er nicht viel hatte arbeiten müssen. Er hatte hier und da an Fäden gezogen, sichergestellt, dass der Harlekin letzten Endes verenden würde, und er hatte sich mit der einen oder anderen Hafendirne das banale Vergnügen geholt, das ihm noch zu erreichen möglich war. Oh, diese ewige Kunst der schwarzen Magie war eine entbehrungsreiche. Doch Siebenwind war geradezu Erholung, Urlaub gewesen gegen das, was er in der Bruderschaft zu tun hatte.
Er trat in die Menge, die ob seiner eindeutigen Erscheinung zurückwich. Die Predigende wies er von ihrer Gesprächsplattform, den Elf, der ihm drohte, wollte er zunächst verlachen, doch er hatte vergessen, wie das funktionierte. Er entschloss sich für die plumpere Form der Erniedrigung. Auf den Boden mit dir, Spitzohr. Tritt mir nicht zu nahe.
Siras Elai erklärte, und das Volk lauschte endlich einmal mit aller Aufmerksamkeit dem dunklen Gesellen. Beinahe vergaß er sich, als er nach so langer Zeit sich wieder einmal zeigte und sprach. Doch er vermied sich das predigen. Beschränkte sich auf das Wesentliche. Und da war dieser Knappe. Er hatte ihm Vergnügen bereitet. Dieser Knappe war so eifrig, so wütend, so zornig, so verzweifelt auf dieser Jagd, dass er den Stiefelmacher an dessen eigene Jugendtage erinnerte. All das Streben, all die Wut! Er genoss es, dem Burschen zuzusehen. Er beschloss, ihn zu belohnen. Wer sonst konnte sich rühmen, von einer Exzellenz zur linken Hand belobigt worden zu sein. Und auch wenn es nur Fassade war - er genoss in merkwürdiger Weise den Auftritt, auch wenn er nicht recht verstand, was ihn ihn genießen ließ.
Als er ging, suchte er den Weg durch die Menge, wollte noch einmal in den merkwürdigen, schweißigen Haufen eindringen, ehe er wieder zu Geschäft gerufen wurde, ehe der Stiefelmacher seinen nächsten "Klärungsauftrag" bekommen würde. Die Klinge in seinem Rücken schnitt schmerzlich durch das Fleisch, und in Gedanken seufzte er. Oh ihr Narren. Was glaubt ihr, wer vor euch steht, was glaubt ihr, wer ungestraft ein solches Leben überlebt.
Als er wenig später mit dem Aussehen einer Ratte im Lagerraum des Schiffes, das morgen die Segel nach Ventria setzen würde, einschlief, schien ihm das Leben für einige Augenblicke richtig lebenswert. Der Geruch des Obstes, das der luxuriöse Viermaster, der vornehmlich besserstehende Leute transportierte, schien ihm verlockender als sonst, und der Augen des Volkes, die förmlich an seinen Lippen geklebt hatten, ließen ihn noch immer nicht los.
Ach, hätte er nur die Kraft gehabt, länger als nur ein paar Augenblicke zu genießen. Ach, hätte er doch diesen ersten Pakt nicht geschlossen. Ach, wäre aus ihm doch etwas anderes geworden.
Er seufzte und vergaß das genussvolle Gefühl.
Der Harlekin war tot. Auf zum nächsten Punkt auf der langen Liste seiner Opfer.