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Ein leichtes Beben fuhr durch die Muskeln des Kriegers, der seltsam gekrümmt auf einem Fell lag. Schwärze umgab seinen Geist, bis der unmelodische Klang von aufeinander schlagendem Stahl in ihm widerhallte und seine Instinkte ihn aus dem Schlaf rissen.
Die Augen des Barbaren weiteten sich, als er sich vergeblich bemühte aufzurichten. Eine bleierne Schwere lag auf seinen Gliedern, die seinem Willen nicht zu gehorchen schienen.
Das kehlige Schreien von Orks drang in seine Ohren und Wut stieg in ihm empor, brandete durch sein Blut, das lähmende Gefühl abschüttelnd.
Dies war Baerúnsfels, Heimstätte der Khalandrier auf Siebenwind. Wie bei allen Göttern hatten Orks ihren Weg hinein gefunden?
Ächzend zwang er sich in die Höhe, den unnatürlichen Widerstand überwindend. Ein rascher Blick durch das hölzerne Gebäude ließ seinen Zorn weiter empor flammen. Rings um ihn lag der Großteil des Stammes auf den Fellen, regungslos und mit entrücktem Ausdruck auf ihren Zügen. Die Erkenntnis durchfuhr ihn wie ein Blitz. Ein Schamane! Die Orks hatten einen verdammten Schamanen bei sich!
Fluchend gürtete sich der blondschöpfige Krieger seine Schwertscheide um, zog das Breitschwert aus der selbigen und trat knurrend die Tür auf.
Ein ersticktes "Bei Fjerulf!" rann von seinen Lippen, als sich ihm ein Bild des Entsetzens darbot. Gut ein Dutzend Orks mochten in das Fort eingebrochen sein, durch ein hölzernes Tor dessen Überreste geborsten in den Angeln hingen. Rechts von ihm türmte sich ein Riese auf, um dessen fleischigen Hals eine eherne Kette geschlungen war. Das grob geschmiedete Ende der stählernen Leine verlief in den Händen eines Orken, der den Barbaren aus blutunterlaufenen Augen anstarrte.
"Nok ainähr!" In einer wilden Gebärde deutete der von einem zerlumpten Wams umhüllte Ork auf ein Gitter, welches einen kleinen Platz vom Rest des Forts trennte. Eine verworrene Ansammlung aus grünen Leibern warf sich immer wieder gegen die eherne Absperrung, die bereits bedrohlich ächzte.
"Makhänz auph thaz Gitthä!" Der Ork brüllte die kaum zu verstehenden Worte, wobei er seine Lippen schürzte und spitz zulaufende Zähne entblößte.
Keuchend wich der Barbar einen Schritt zur Tür zurück, wo er seine Fersen in den Erdboden grub. Seine großen Hände schlossen sich fester um den Knauf des Breitschwertes, bis die Knöchel weis hervortraten. Ein weiterer Ork kam die Palisade herab, eine blutige Barbarenstreitaxt hinter sich herziehend die er schließlich achtlos fallen ließ.
Die Gesichtsmuskulatur des blonden Hünen begann zu zucken, als die Schlachtenwut in ihm empor stieg. In diesem Moment gab auf der anderen Seite des Forts das Gitter nach und die Flut aus grünen Leibern ergoß sich auf den freien Platz, den Blick freigebend auf zwei gefallene Barbaren, die in einer immer größer werdenden Blutlache lagen.
Unter triumphierendem Gebrüll zogen sich die Orken aus dem Fort zurück, das geborstene Tor durchschreitend und den Riesen hinter sich herziehend.
Taumelnd trat der Khalandrier aus dem Schatten des Langhauses heraus, Bilder aufnehmend die sein Verstand nicht verarbeiten wollte. Grunzend sog er die von säuerlichem Gestank der Orks und dem süßen Geruch frischen Blutes geschwängerte Luft durch die bebenden Nasenlöcher ein, als er in den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm und herumfuhr.
Einer der Thursen des Stammes stieg von der Palisade hinab, wobei er es wohl den Göttern verdankte, das er in seinem Zustand nicht einfach hinunter fiel.
Sein linker Arm hing schlaff nach unten und ein rotes Rinnsal fand den Weg aus seinem Mund. Er stolperte einige Schritte nach vorne, krümmte sich und stürzte neben der Streitaxt, die einer der Orken zuvor fallen lies, zu Boden.
"Beim Schwerte Bellums, du scheinst mehr Tod als lebendig Androm!" Der angesprochene blickte zu dem blonden Krieger auf, während sich seine rechte Hand um den langschaftigen Stiel der Axt verkrampfte.
"Segimer! Glaubst du ich sterbe ohne meine Waffe in der Hand zu halten? Wo warst du? Wo wart ihr alle als unser Heim verteidigt werden mußte?!"
Die Worte kamen mit großer Anstrengung über die Lippen des Barbaren, schroff und anklagend.
Die Lippen Segimers pressten sich zu einem dünnem Strich zusammen, bevor er antwortete.
"Sie hatten einen Schamanen, Androm. Ich... Wir... konnten nichts tun. Ich erwachte als einziger unter dem Kampfgetöse, die Wut gab mir Kraft. Doch all die anderen liegen noch immer mit lahmen Gliedern in den Fellen, unfähig sich zu bewegen."
Der Barbar wand den Blick von dem verwundeten Thursen ab, suchte die anderen die er zuvor hinter dem aufgebrochenem Gitter liegen sah.
Einer der beiden, Kehk der Wölvasohn, hatte sich aufrichten können. Blut rann über seinen kahlen Schädel, überzog die Tätowierungen die er dort trug und ließ sie im Schein der aufgehenden Sonne düster leuchten.
Ein neuer Morgen dämmerte herauf, doch es schien nicht der Tag der Chauken zu sein der da graute.
Zu Füßen Kehk Malars lag einer der Thursen und rang mit dem Tod. Sein ledernes Wams hing in zerrissenen Streifen an seinem zerschundenem Körper, der unter ständigen Schmerzen erbebte.
"Segimer, trag Thjondar hinein auf die Felle. Ich ... ich muß ihm helfen oder er wird in Bellums Halle der Helden vor seiner Zeit Einzug finden." Der nur mit Mühe noch aufrecht stehende Wölvasohn blickte den Walanan aus ernsten Augen an und deutete dabei auf die Tür des Langhauses. Schweigend nickte der blonde Krieger, wuchtete den blutüberströmten Thjondar auf und schleppte ihn ins innere des Gebäudes.
***
Die Hände Segimers ballten sich zu Fäusten zusammen als er auf dem Wehrgang der Palisade stand und in die Ferne blickte. Einmal mehr war er von Zweifeln geplagt und sein Geist unruhig. Hatten die Götter den Stamm der Chauken verlassen? Und wo war Somyr gewesen, der Berserker, der von Argon Khan zu ihnen gesandt war?
Sein Blick wanderte hinunter zu dem hölzernen Haus wo, wie er wußte, Kehk um das Leben der Thursen rang. Sie hatten tapfer gekämpft die jüngsten Krieger der Chauken doch waren sie weit in der Unterzahl gewesen. Auch sein Weib, Skadi, war bei ihnen gewesen, doch hatte sie tiefe Wunden davon getragen und auch ihr Leben hing nun in den Händen der Götter ebenso wie an Kehks Geschick der Heilkunst.
Der Barbar fluchte obszön auf die Orken und seine Gedanken wanderten weiter zurück, alte Erinnerungen an Khalandra aufgreifend. Ein Entschluß reifte in ihm heran, dem er sich nicht länger entziehen konnte.
Die Tür des Langhauses flog krachend auf und riß ihn aus seinen Gedanken. Rashka Kahles kam erhobenen Hauptes aus dem Haus geschritten, mit wütendem Blick und die Axt in seinen Händen, die er unruhig hin und her bewegte. Ihm nach folgten zwei weitere Khalandrier, Androm, der nun einen seiner Arme in einer Schlinge trug, und ein zorniger Djark der grollend dahersprach.
"Pah, Djark werden werden jeden Orken kürzer machen. Klinge wird als Gras sein grüner!" Wie immer wenn der Thurse in Zorn geriet kamen seine Worte wild durcheinander aus seiner Kehle hervor und hinter Segimers dichtem Bart, bildete sich trotz seines Grimms ein leichtes Lächeln.
Langsam nickend kletterte er die Leiter in das Fort hinab, sich mit seinen Freunden beratend und einen letzten Entschluß treffend.
***
Pechschwarze Wolken hingen tief über der Sturmgepeitschten See und der sonst so stolze Dreimaster schien nicht mehr als das Spielzeug eines dunklen Gottes zu sein, der immer wieder aufs neue versuchte, das Schiff zum kentern zu bewegen.
Norjak Tremborg war ebenso stolz wie sein Schiff. Er hatte hart gearbeitet und nur wenig an ihm glich noch dem galadonischem Fischersjungen, der vor so langer Zeit den Traum hegte, eines Tages ein eigenes Schiff zu besitzen und über das wogende Meer zu segeln.
Sein wettergegerbtes Gesicht war vor Anstrengung zerfurcht, als er sich gegen das Ruder stemmte. Seine Männer hatten gerade noch rechtzeitig die Segel gerefft, bevor der Sturm seine Gewalt voll entfalten konnte, und so die ächzenden Mäste vor dem brechen bewahrt.
Der Sturm hatte ihn überrascht, kurz nachdem er aus dem Tiefenbacher Hafen segelte. Anfänglich war er besorgt gewesen, das Schiff könne auf Legerwall geworfen werden, doch nun durchschnitt der Bug seines Schiffes die Wellenkämme, sich immer weiter von der Küste Siebenwinds entfernend.
Finster blickte er durch den dichten Regenschwall zum Bug des Schiffes, wo sich die Umrisse von vier großen Gestalten abzeichneten.
Barbaren! Er spie aus und dachte an den Vortag zurück, als er sie an Bord des Schiffes lies. Die vier Hünen hatten einen Platz auf seinem Schiff gefordert um das Festland zu erreichen, und so nannte er den Preis für die Überfahrt.
Auf Geheis des Blondschöpfigen, hatte ihm einer der Barbaren, der einen Arm in einer Schlinge trug, einen Beutel mit Gold gereicht. Es entsprach nicht ganz der genannten Summe und so wollte er aufbegehren. Als er von dem Beutel aufblickte, sah er sich einem Krieger gegenüber, dessen eines Auge durch eine tiefe schorfige Narbe verschlossen war. Das andere funkelte ihm grimmig und kalt entgegen und lies ihn verstummen. Der Preis den er nannte war sowieso viel zu hoch gewesen und so winkte er die Nordmänner an Bord.
Als Norjak am frühen Morgen Segel setzen lies und aus dem Hafen segelte, brach einer der Frühlingsstürme aus, die zu dieser Jahreszeit so oft unvermittelt auftauchten.
Entsetzt hatte er mit angesehen wie die Barbaren unter Deck gingen und eine Ziege mit emporbrachten. Seine Männer waren ebenso wie er damit beschäftigt Taue fest zu zurren und andere zu lösen.
So hatten nur wenige darauf achten können, wie die Barbaren die Ziege ausweiteten und das Blut des Tieres in das tosende Meer tropfen ließen. Dem Blut folgte ebenso der Kadaver des Tieres nach und die Nordmänner legten ihre Köpfe in den Nacken, nach Hrydja, ihrer Sturmgöttin rufend.
Schaumgekrönte Wellenkämme schlugen aufbäumend gegen die Planken des Schiffes. Salziges Wasser durchnäßte die Krieger, deren grimmigen Blicke in jene Richtung gewandt waren, wo sie das Land ihrer Ahnen wähnten, das sie bald zu erreichen hofften.
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