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 Betreff des Beitrags: Der Verrat - Ischtarans Tod
BeitragVerfasst: 13.05.02, 21:22 
Ehrenbürger
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Der Schein des Lagerfeuers warf unheimliche Schatten an die kahlen Wände der feuchten Höhle, und das Knacken der Äste, als die Flammen sie verzehrten, hallte aus den Tiefen der dunklen Gänge wieder. Der Anblick der schwarzgerobten Gestalten aber, die sich um das wärmende Feuer versammelt hatten, oder in den hinteren Teilen der Höhle in der Dunkelheit werkten, hätte wohl jeden normalen Bürger mehr in Angst und Schrecken versetzt, als es einfache Schatten und Geräusche je hätten tun können.

Für Lucianda bedeutete ihre Anwesenheit eine Sicherheit, die sie seit Wochen nicht mehr verspürt hatte. Flucht und selbstmörderische Angriffe hatten ihren Alltag dargestellt, seit sie vor Monaten wieder falandrischen Boden betreten hatte, doch niemand würde ihr Lager hier finden. Und selbst wenn, so würde der Pechvogel auf seinen schlimmsten Alptraum treffen. Mehr als zwanzig angeschlagene, aber darum umso agressivere Schwarzmagier würden ihn gebührend begrüßen.

Sie schloß die Augen, als sie daran dachte, wie ungleich heftiger ein solcher Angriff wäre, wenn ihre Brüder hier wären. Die Magie der Schwarzen war tödlich. Der Zorn eines ihrer Brüder war verheerend.

Ein Schrei hallte durch die feuchte Luft. Keiner der Magier würdigte den jungen Schwarzgerobten eines Blickes, der beim letzten Angriff die linke Gesichtshälfte an einen Feuerball verloren hatte. Der Heiler, der ihn eben verarztete, zischte ihm wütend zu, beim nächsten Schrei würde er ihm persönlich die Kehle durchschneiden.

Ihre Finger strichen nachdenklich über den kalten Stahl des schwarzen Schwertes, das in ihrem Schoß lag. Sie hätte längst wieder zurück auf Siebenwind sein sollen, Seite an Seite mit ihren Brüdern. Es war ein gerechter Krieg, den sie hier führten, doch hier war nicht ihr Platz, ihrem Herren hätte sie dienen müssen auf Siebenwind. Doch zu sehr war sie hier eingeschlossen, zu weit weg von den Häfen, ohne die geringste Möglichkeit, die Länder des Feindes unerkannt zu durchqueren und ihren Weg in richtung der Insel ihres Schicksals anzutreten.

Scharf sog sie Luft ein, als sich plötzlich eine eiskalte Klaue um ihr Herz krallte, und ihr Blick verschleierte sich, wie er es stets während der seltenen Visionen tat, die sie in harten Zeiten manchmal wieder in ihrem Glauben bestärkt hatten. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf, doch diesmal blieb das berauschende Gefühl aus, als sich eine bekannte Gestalt in den Flammen des Lagerfeuers abzuzeichnen begann. Die Hitze verzehrte seine eitrige Haut, doch das Feuer würde ihn nicht töten. Das tat die kalte Klinge des Dolches, der ihm eben die Kehle durchtrennte.

"Ischtaran..." Eine tiefe, unnatürliche Wut begann sie zu durchfluten, denn obgleich er nicht im Namen der vier Götzen gestorben war, so wußte sie plötzlich mit eisiger Bestimmtheit, daß er sich in seinen letzten Atemzügen von Angamon abgewandt hatte.

Verrat. Er hatte den Einen verraten.

Die Vision verblaßte so schnell, wie sie gekommen war. Einer der Schwarzen hatte mißtrauisch den Blick auf sie gerichtet und starrte sie unverhohlen unter der weiten Kapuze an, die ihn nur mäßig gegen Kälte und Feuchtigkeit zu schützen schien. Niemand sprach ein Wort, doch der Magier ließ sie nicht aus den Augen.

Sie selbst hatte die Hand fest um den Griff ihres Schwertes gekrallt und kämpfte nun gegen die brodelnden Wogen des Hasses an, die die Vision zurückgelassen hatte. Eine Aufforderung des Einen, den Zorn in geordnete Bahnen zu lenken und im nächsten Kampf gezielt einzusetzen, wie sie es schon so oft getan hatte in den letzten Wochen. Den Verrat wiedergutzumachen, den ihr Bruder begangen hatte.

Doch dann war da ein anderes Gefühl. Sie schloß die Augen, und nur zu deutlich sah sie das Gesicht des Kämpfers vor sich. Die Panik kehrte für die Länge eines Herzschlages wieder, die sie damals an jenem Abend im Gasthaus zu Tiefenbach verspürt hatte, als...

Die Erinnerung verblaßte, als würde sie etwas davon abhalten, sie zu erfassen.

Ein anderer Gedanke nahm ihren Platz ein:
Ischtaran hatte funktioniert.
Sie hatte ihn dazu bringen wollen, zu leben.
Nun war er tot.

"Ischtaran..." Dann gewann das fremde Gefühl die Oberhand und drängte den Haß in eine andere Richtung. Er hatte ihm seine Hilfe verwehrt. Er hatte zugesehen, wie einer seiner treusten Diener den Tod gefunden hatte.

"Ich verfluche dich, Angamon."

Nur ein leises Flüstern, der Schwarzmagier konnte ihre Worte nicht verstanden haben, doch seine Augenbrauen zogen sich langsam zusammen und der Blick, der weiterhin auf ihr ruhte, wurde mißtrauischer. Sie schenkte ihm ein kaltes Lächeln und erhob sich, das Schwert weiterhin fest im Griff.

Eine wilde Entschlossenheit erfaßte sie, fanatisch wie es ihr tiefer Glaube bis zu diesem Augenblick gewesen war. Das Lächeln wurde breiter, kälter, als sie ihr Todesurteil besiegelte und mit fester Stimme wiederholte: "Ich verfluche dich, Angamon!"

Sie erhob ihre Klinge und wartete auf den Tod.

Wo auch immer jene landeten, die gottlos gestorben waren - sie würde Ischtaran dort finden.


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