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 Betreff des Beitrags: Dornenkrone
BeitragVerfasst: 17.05.02, 22:13 
Edelbürger
Edelbürger

Registriert: 11.12.01, 12:05
Beiträge: 1201
Wohnort: Weiten des Irrsinns
Beide Gittertürchen waren geöffnet. Er hielt sein Säbel mit unglaublichen Qualen in der Hand ... Hand ? In den Knochen .... zwischen den Knochen .... mit den Knochen. Qual, gewaltige Qual in seinem Geist. Verbannt, verflucht, verrucht ... das war er. Rundum nicht lebendig, nur tot ... trotzdem wandelnd. Er spürte die finstre Magie, die seine Knochen zusammenhielten. Er spürte seine Knochen, als wären sie sein Fleisch, doch er spürte das letzte, verweste Fleisch an seiner Brust und seinem linken Bein. Seine Augen sahen alles seltsam, unecht. Qual, immer diese Qual. Er war eingeengt, eingezwängt. Wo war er ? In seinem Körper ... den Überresten seines Körpers, gefangen war er dort. Wirr, alles war wirr ... es schmerzte überall, Hass kochte, Qual peinigte ihn. Er fühlte die dunkle Verbrennung, die unaufhörlich sich in seinen Geist bohrte. Verloren, absolut verloren war er. Nach und nach stieg Panik in ihm auf, grässliche Panik, wie man sie in Alpträumen bekommt, wenn man noch ein Kleinkind ist.
Er sah vor sich, sah die anderen. Die blanken Knochen, manchmal mit etwas Stoff, einer alten Kette, oder mit Überresten ihres sonstigen Körpers bedeckt. Allesamt bewaffnet, mit alten, brüchigen Schwertern oder Äxten. Kurz sah er sich, sah sich von außen, so als würde er durch die Augen eines anderen sehen. Wäre er bei Verstand, so würde er wohl spätestens jetzt durchdrehen ... denn er sah sich so, wie er die anderen sah. Er sah fremd aus, doch war er es. Man sah jeden einzelnen Knochen, manche noch mit etwas Fleisch oder gar Sehnen verbunden. Die restlichen gingen locker ineinander über, mit frevelhafter Magie dazu verdammt. Von seinem Kopf war nur noch der Knochenschädel übrig. Seine Augen: tiefe, dunkle Löcher. Doch der Blick, so verwirrend es war, spiegelte Todeshohn wieder, dazu Panik und Qual. Hass, ja, sehr viel Hass.
Gebannt war er, verdammt. Dazu auserkoren, als wandelnder Haufen Knochen weiterzuleben. Warum ? Was war geschehen ? Und was schmerzte so ... ‚nein, raus!’, ‚ich muss hier raus!’. Ohne etwas dagegen unternehmen zu können, wankte sein zerschundener, entheiligter Körper weiter, aus dem Tor hinaus, in die Richtung des Kriegers vor ihm. Ohne Macht, sich zu wehren, erhob er selber seinen Arm, holte aus und schlug, unendlich langsam, so kam es ihm vor, zu.
Schmerz, dieser grässliche Schmerz.... überall, die Seele gebannt, gebannt in den Körper, in die Knochen. ‚Ende, bereite mir endlich ein Ende!’
Der Krieger vor ihm, den er so eben angegriffen hatte, wehrte sich gegen die Gruppe Untoter, die ihn bedrängten, heldenhaft. Doch er konnte kaum davon etwas wahrnehmen .... nur Pein und Qual durchzuckte seine Seele, während sein Körper sich im Kampf gegen den Krieger stellte. Sein Innerstes wollte nichts sehnlicher, als von der gewaltigen Axt des Kriegers zerschmettert zu werden. Doch sein Körper ließ dies nicht einfach zu. Hieb um Hieb führte er, gegen den Krieger. Er wollte weg, frei sein von der Qual, einfach tot sein. Er musste von diesem Krieger erlöst werden, er musste hier zerschlagen werden. ‚Bring mich um! Erlöse mich!’
So in Gedanken merkte er nicht, was sein Körper weiterhin tat ... er merkte nichts mehr vom Kampf, denn innerlich hatte er die Augen geschlossen und sich dem Pein hingegeben, der ihn quälte. Er spürte nicht, wie etwas hartes seine Knochen traf und wie sein Kopf auf den Boden kullerte.
Dann erst spürte er es, wie langsam die Pein aufhörte, viel schwächer wurde. Langsam, unendlich langsam, driftete seine Seele aus dem Körper, der sein Gefängnis des Horrors gewesen war. Die Dornenkrone um seine Seele verschwand. Frei, unendlich frei war er. Ausgedehnt, breit ... überall. Keine Beschränkung, keine Pein, keine Qual. Keine Dornen. Ewig, unendlich. Mit einem glorreichen Juchzen dankte er den Göttern, dass sie ihn nicht verlassen hatten, dankte in seinem unfassbaren Selbstglück dem Krieger, für die Erlösung und verließ dann die Sphäre, wobei seine Seele sich niemals von den Narben erholen sollte ...


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 19.05.02, 02:16 
Edelbürger
Edelbürger

Registriert: 11.12.01, 12:05
Beiträge: 1201
Wohnort: Weiten des Irrsinns
Es prasselte Regen vom Himmel, als ob das große Wasser, dass die Insel umgab, nun vom Himmel fiele. Er klatschte auf die Blätter des Waldes, die sich, von der schweren Bürde überwältigt, nach unten beugten. Der unaufhaltsame Strom des Wassers hatte schon nach einer Minute den Trampelpfad in eine matschige Angelegenheit verwandelt, die nun eher einem kleinen, dreckigen Bach ähnelte, als einem Weg.
Jeder einzelne Schritt wurde mit einem lauten ‚Platsch’ betont, auch wenn Balkazar dies gar nicht vernahm, denn die Lautstärke des trommelnden Regens um ihn herum war so hoch, dass er nicht mal einen Riesen hätte trampeln hören. Laut fluchend bahnte er sich den Weg durch die herabhängenden Zweige, die ihn jedes mal mit einem neuen Schwall Wasser eindeckten, doch bemerkte er dies kaum noch, denn er war schon längst von dem dauernden Regen bis auf die Haut durchnässt. „Goblinwetter“ fluchte er lauthals, doch ging dies in einem gewaltigen, grollenden Donner unter. Balkazar zuckte bei dem lauten Geräusch zusammen, knurrte vor sich her und schlug mit dem gepanzerten Arm einige Zweige beiseite.
Ein Blitz zuckte, sodass er für kurze Zeit die Umgebung sehen konnte, vorausgesetzt, es hätte dort etwas zu sehen gegeben, außer fallenden Regentropfen und Bäumen, die sich im Wind beugten.

Bei Bellum, warum hatte er nicht sein Pony mitgenommen ... oder noch besser, warum musste er überhaupt durch den widerlichen Wald marschieren ? Für das Unwetter konnte er ja nichts, es war so plötzlich hereingebrochen, dass er keine Zeit mehr gefunden hatte, sich einen Unterschlupf zu suchen. Und nun war es zu spät, er war bereits nass bis auf seine Zwergenknochen und wollte nur noch nach Hause, in sein Bett.

Sein Bart war vollkommen durchtränkt und ein stetiges Rinnsal tropfe von seiner Spitze auf sein, ehemalig weißes, Hemd. Jetzt klebten einige Blätter darauf, Schmutz und Matsch hatten viele Flecken hinterlassen, als er vorhin auf dem elenden Weg ausgerutscht war. Seine Glieder fühlten sich, trotz der verhältnismäßig warmen Temperatur, ausgekühlt an. Seine Augenlieder waren so schwer, als hätte man dort jeweils zwei Bronzebarren angehängt. Doch er stapfte unermüdlich weiter, während der Weg, der sich zu einem kleinen Matschbach verwandelt hatte, durch seine ledernen Stiefel drang, sodass sie sich mit Wasser vollsogen und es ihm noch weiter erschwerten, die Beine voreinander zusetzen.
Er hatte es längst aufgegeben, das Wasser aus seinem Gesicht zu wischen, denn es kam in wenigen Sekunden ja sofort nach. Während er weiterstapfte, mit aller Gewalt sich dazu zwingend, nicht an das eklige Gefühl zu denken, dass ihn umgab, während all das Wasser an ihm klebte, ging er den Gedanken nach, die ihn aufheiterten. Er dachte daran, wie er die Haustüre aufschloss, seine Kleider abwarf, sich kurz abtrocknete und den Ofen anschürte. Danach würde er sich in sein Bett neben dem Ofen legen und erschöpft in einen tiefen Schlaf sinken, wobei es sich wundervoll anfühlen würde, trocken und im Warmen zu sein.

Wieder blitzte es, diesmal wurde es viermal hintereinander hell. Balkazar wischte beim ersten Mal einige Zweige samt ihren Blättern beiseite, während er beim zweiten Mal das Wasser aus den Augen rieb. Der dritte Blitz in Folge zuckte genau dann über den Himmel, als er aufschaute und glaubte, einen Schemen vor sich gesehen zu haben. Er hielt inne, wobei es gleichzeitig ein viertes Mal blitzte. Diesmal sah er es ganz deutlich, ein steinernes Gebäude in mittlerer Größe, umgeben von einem, etwas schiefem, Eisenzaun, der scharfe Klingen oben aufsitzen hatte. Er erkannte sofort, was das war, was vor ihm lag.
Es war der Friedhof, derselbe, an dem sein toter Freund Gimilkhad Engrin vor langer Zeit beobachtet hatte, wie die unheiligen Zauberer eine Armee heraufbeschworen, die sie später gegen Finsterwangen ziehen lassen sollten. Es war derselbe Friedhof, in dessen Nähe er sich mit einigen Brüdern, vor langer Zeit, einer Gruppe wandelnder Knochen hatte stellen müssen. Sofort gingen ihm die Berichte der Krieger durch den Kopf, die erzählten, dass dort oftmals unheilige Wesen umherwandelten.

Balkazar schluckte hart, es hätte ihm gerade noch den Bart verlängert, wenn er jetzt, bei diesem Goblinwetter, in diesem, nach Orkmist stinkenden Wald, mitten in der Nacht und bei Sturm und Donner auch noch auf eine Gruppe verruchter Kreaturen treffen würde. Balkazar griff an den Stiel, direkt unter dem Eisenkopf seines schweren Kriegshammers und zog ihn aus der Gürtelschlaufe heraus. Er packte ihn fest mit beiden Fäusten und behielt den Friedhof mit einem leisen Grollen aus seiner Kehle und mit festem, finstrem Blick im Auge. Er versuchte, so gut es ging, im Gebüsch zu bleiben. Doch die Sträucher und Äste war an manchen Stellen sehr dicht, sodass er sie umgehen musste. Er schritt langsam weiter in den Wald hinein, um das Eingangstor zu umgehen, doch wusste er, dass er, wenn er nicht vom Friedhof in die richtige Richtung marschierte, sich im Wald hoffnungslos verlaufen würde. So stapfte er wieder näher an das Gitter heran, den Regen hatte er längst vergessen. Mit wild pochendem Herzen betrachtete er das Gittertor, dass offen stand. Überall lagen zersplitterte Knochen, zersprungene Schädel und alte Rüststücke oder gar Waffen herum.
Jemand war bereits hier gewesen und hatte den Friedhof von den dunklen Wesen befreit. Balkazar atmete erleichtert auf, doch war er immer noch bedacht, seinen Bart zu schützen. Er wusste nicht, ob auch alle Wesen zerschunden waren, oder ob noch eines lauerte, um seine gebannten Kumpane zu rächen. Sein Blick schweifte nochmals über die Knochen und fixierte dann ein Skelette, dass wohl einen kräftigen Schlag auf die Brust bekommen hatte. Es sah aus, als wäre es niemals aus dem Grabe gekrochen, sondern als wäre der Mensch einfach an dieser Stelle langsam verrottet, bis nur noch das Skelett übrig war. Das einzige Seltsame waren die zerschlagenen Rippen ....
„Auch nur ein Wesen des unheiligen Einen, ein Wesen, dass mutwillig Dwarschim töten würde ... geschieht dir recht, nun zerschlagen am Boden zu liegen, wenn du dem dämlichen, feigen Namenlosen dienen willst“ murmelte er vor sich her. Kopfschüttelnd wandte er sich dann ab, kurz darüber grübelnd, wie man seine Seele freiwillig dem Schwarzen opfern konnte und stapfte dann weiter, direkt in die nasse, vom Bäumen umrundete Nacht hinein, ohne auch nur zu ahnen, welch Überreste der Qual und Pein, der seelischen Dornenkrone er gesehen hatte ... gänzlich unwissend, was sich wahrlich in dem Skelett einst verborgen hatte.


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