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Ich konnte einmal wieder nicht schlafen, es war wieder einmal eine dieser Nächte, die den faulen Modergeruch der schimmelnden Planken auch in den kleinsten Winkel presste. War es immer noch nacht ? So sehr ich mich auch bemühte, einen Lichtstrahl durch das milchige Glas des Bullauges zu wahrzunehmen, konnte ich nichts erkennen. Die tobende See verschluckte alles, auch das Licht und ich schätzte mich in meiner engen Kajüte glücklich, nicht an Deck mit anfassen zu müssen. Mit zermürbender Beständigkeit bäumte sich das Meer auf, Wellen schlugen dumpf gegen die Bordwand und ich zuckte jedes Mal zusammen, wenn sich die Wut des Wasser so heftig entlud, dass das Schiff beängstigend zu schwanken begann. Die Schreie der Schiffsleute konnte ich trotz des Sturmes hören. Gegenseitig riefen sie sich Befehle zu, es schienen immer die gleichen zu sein. Ich hielt sie für sinnlos und sie schienen sich immer weiter zu entfernen.
Als ich wieder erwachte, war es morgen. In einem Beutel, der über meiner Hängematte hing, raschelte es leise. Ich richtete mich auf und versuchte den Knoten zu lösen, was mir nach einigen Mühen auch gelang. Vieles war zur Routine geworden in diesen langen drei Monaten, sogar ein paar Knoten hatte ich gelernt. Eine leichte Anwallung von Vorfreude überkam mich – waren es doch nur noch knapp 2 Wochen, bis ich endlich mein Ziel erreicht haben würde. Ich öffnete den Beutel und heraus krabbelte eine etwas zerzauste Schiffsratte. Verstohlen blickte ich mich zur Tür um, die meine Kajüte mit dem Flur verband. Von dort aus musste ich jedes Mal durch die Kombüse, um ans Deck zu gelangen. Aber die Tür war zum Glück verriegelt und der Modergeruch der Sturmnacht hatte den widerlichen Essensgeruch verbannt. Was für ein Fraß! Die Ratte putzte sich und glotze mich erwartungsvoll mit ihren schwarzen Augen an. Aus einer meiner Hosentaschen fischte ich einen feuchten Brotsfetzen, der schon mit einer unappetitlichen grünen Schicht überzogen war und hielt ihn der Ratte vor die Nase. Die zögerte erst kurz, nahm dann aber mein Geschenk gierig in Empfang. Zwei Wochen also – wenn nicht noch ein Sturm kommt. Ich runzelte die Stirn und dachte über meine Erlebnisse auf dem Schiff nach: Mitte des Duler hatte ich die Anstellung als Schiffsarzt auf diesem klapprigen Frachtkahn bekommen, jetzt war es Ende des Trier. Durchfall, Schürfwunden, hier mal Hühneraugen und die ein oder andere, bei dem Gedanken musste ich unwillkürlich grinsen, schmerzhafte Geschlechtskrankheit liebestoller Matrosen nach dem Landgang forderten nicht wirklich meine Kompetenz. Aber die Mannschaft und der Kapitän waren beruhigt, ein paar heilende Hände an Bord zu haben. Geld bekam ich ja nicht und das Essen war gelinde gesagt das reinste Brechmittel, aber zumindest gestand man mir eine eigene kleine Kajüte zu, nachdem ich den Kapitän von der Notwendigkeit der Sache überzeugt hatte. Mit dem ein oder anderen Schiffsmann bin ich sogar ins Gespräch gekommen, Probleme wurden mir erzählt, mir drängte sich aber zunehmend der Eindruck auf, dass sie mich nicht nur als Arzt, sondern auch noch als Seelsorger nutzten. Das ehrte mich zwar auf gewisse weise, aber so hatte ich mir mein Leben an Bord der schon welken „Handelsblüte“ nicht vorgestellt, hatte ich doch schon genug Beweihräucherung aus meiner Kindheit in der Tempelinstitution der Vitamagläubigen. Damals fühlte ich mich von ihnen oft bedrängt, zu sehr in eine Richtung gewiesen, selbst wenn sie es nur gut meinten. Hätte mich an diesem Tage jemand nach meinem Glauben gefragt, hätte ich ihm höchsten aus Höflichkeit Vitama genannt, um unnötige Gespräche zu vermeiden. Wer ließe sich denn schon gern von einem Arzt behandeln, der manchmal wirklich genug von den Göttern hat? Nicht das ich die Anwesenheit der Götter geleugnet hätte – niemals – aber manchmal hatte ich das Gefühl das ich und die Götterwelt manchmal ganz gut auskamen, wenn wir uns aus dem Weg gingen. Denn hätte mich sonst meine Mutter so geboren ? Die Ratte hatte das Brot verspeist und war mittlerweile von der Hängematte gekrabbelt und hinter einer Kiste verschwunden. Meine gute Stimmung war wie weggefegt, als ich mich an meine frühe Kindheit erinnert fühlte. Da hätte doch mal ein Wunder geholfen – dann säße ich jetzt gemütlich mit einem lieben Weib beim Frühstückstisch und würde dann aufs Feld gehen, um die saftigen Salatköpfe zu ernten.
Zornig wollte ich zur Tür gehen, um sie zu entriegeln, als ich einen Schrei und dann wenig später einen dumpfen Aufprall vernahm. Das Schreien war verstummt. Sollte das etwa ein Wink Vitamas sein? Ich musste laut loslachen. „Nein, Vitama – meine Beste,“ brach es lachend aus mir hervor, „so einfach wirst du es mir doch nicht machen!“ Ich hatte nicht den hereinstürmenden Schiffsjungen bemerkt, der mich verdutzt anschaute. „Vitama, wovon redet ihr, Herr? Ihr....ihr werdet an Deck gebraucht, dort ist etwas passiert!“ brach es aus dem Jungen hervor. „Sicher, mein Junge – sag ihnen, ich komme in ein paar Minuten!“ – „A..aber Herr, ihr sollt sofort kommen!“ Wortlos schob ich mich an dem Jungen vorbei und lief mit großen Schritten durch die Kombüse, um den dort herrschenden Düften möglichst schnell zu entkommen. Mehr als einen Beinbruch hatte ich eigentlich nicht erwartet, aber als ich die im Kreis um den Verletzten stehenden Matrosen sah und diese beiseite schob, wurde ich eines besseren belehrt. Aus einer Platzwunde am Kopf des am Boden liegenden rann dickes, dunkles Blut. Er lag dort – regungslos. „Er..er wird doch wieder, oder?“ fragte einer der Umstehenden mit zitternder Stimme während ich den Körper des Verletzten von oben bis unten abtastete. Durch den Sturz hatte er schwere Verletzungen erlitten, ich konnte viele Knochenbrüche am Körper ertasten. Ich ordnete an, den Verletzten in eine Kajüte zu tragen. Dort schloss ich mich mit ihm, heißem Wasser und ein paar Taschen ein, um ihm bestmöglichst zu helfen. Aufgeregte Zuschauer konnte ich in dieser Situation nun wirklich nicht gebrauchen, denn die hätten trotzdem meine zitternden Hände bemerkt. Ich war mir sicher, dass ich diesem Mann nur noch zu einem schmerzfreien Tode verhelfen konnte, so tödlich war er verletzt. So gut ich konnte verarztete ich die äußeren Wunden und nähte die Platzwunde am Hinterkopf. Dann bereitete ich aus den getrockneten Blättern einiger Pflanzen ein Betäubungsmittel, von dem ich glaubte, es sei stark genug, ihm die Schmerzen zu nehmen und ihn friedlich einschlafen zu lassen. Nach vier Stunden verließ ich die Kajüte und blickte in dutzende fragender Augen. Ich schickte alle weg und sagte ihnen, er brauche Ruhe um den nächsten Tag vielleicht noch zu erleben. Eigentlich rechnete ich nur noch mit wenigen Stunden, die ausreichen würden, ihn innerlich verbluten zu lassen. Ich hatte einfach nicht die ausreichenden Mittel, ihm zu helfen. Ohne das Mittagessen einzunehmen schritt ich in meine eigene Kajüte und setzte mich in meine Hängematte. Die Ratte war anscheinend durch irgendeine Ritze entschwunden oder in der Pfanne des Koches gelandet, dem ich in dieser Richtung alles zutraute. Selbstvorwürfe begannen sich in mir breit zu machen als ich an das Schicksal des Verletzen dachte. Hatte ich nicht vielleicht doch irgendeine Möglichkeit vergessen? Gab es nicht irgend etwas, mit dem ich ihm hätte helfen können? Als meine Verzweiflung nicht mehr auszuhalten war, erinnerte ich mich an jede Gebete, die ich als Junge im Tempel auswendig lernte. Ich begann zu beten. Als mich ein Klopfen an meiner Tür unterbrach musste ich wohl schon einige Stunden im Gebet verbracht haben, zumindest erschien es mir so. Ich öffnete und der Kapitän selbst stand vor mir. Verlegen fuhr ich mit meiner Hand durch mein Haar. Als ich bemerkte, dass der Kapitän mit den Augen meiner Hand folgte brach ich abrupt ab. Er räusperte sich hörbar und erklärte mir, dass der Verletze gerade erwacht sei. Ich konnte mein Glück kaum fassen – Vitama hatte mich erhört! Schnellen Schrittes begab ich mich zum Raum des Verletzten. Er hatte die Augen geöffnet und stöhnte leise. Ich hatte nicht erwartet, dass er solange durchhalten würde. Das Bewusstsein hatte er wohl wiedererlangt, aber das lag wohl weniger an einem Wunder Vitamas als an der Tatsache, dass die Wirkung des Betäubungsmittels nachließ. Ich kniete mich über ihn und sprach ihn leise an. Zu meiner Verwunderung antwortete er. Er bat um etwas Wasser und ich führte ihm sofort einen Krug zum Mund. Müde nahm er ein paar Schlücke. Dann wollte er von mir wissen, wie es um ihn stünde. Ich lächelte ihn an und erklärte ihm, dass er in ein paar Tagen wieder ganz der Alte wäre – aber er durchschaute meine Lüge und bat mich mit schwacher aber eindringlicher Stimmer darum, die Wahrheit zu sagen. Da konnte ich ihn nicht länger anlügen und gestand ihm ein, dass er höchstens noch einen Tag habe. Auf diese derart schlimme Antwort wirkte er sehr gelassen. „Ich werde dir jetzt wieder ein Mittel geben, dass deine Schmerzen wegnimmt und dich einschlafen lässt!“ – „Nein,.....bitte nicht..ich ..ich will nicht im Schlaf sterben.., bitte nimm mir die Schmerzen,...a..ber lass mich wach !“
Eine solche letzte Bitte eines sterbenden konnte ich abschlagen. Ich bemühte mich deshalb, eine passende Dosis zusammenzustellen, die ihn nicht sofort einschlafen lassen würde. Als ich ihm das Mittel verabreicht hatte, bat er mich, bei ihm zu bleiben und Wache zu halten. Ich sah mich Raum um und entdeckte in einer dunklen Ecke ein paar Mehlsäcke, auf denen ich mich niederließ und meinen Blick auf den Verletzten richtete. Dies ging nun schon ein paar Minuten so, als er leise bettelte: „ Bitte...bitte erzähle mich deine Geschichte, ich fühle mich so müde...... ich will nicht einschlafen....bitte.“ Ich stutzte einen Augenblick und überlegte was er damit wohl gemeint hatte. Schließlich begann ich zu erzählen:
„Ich heiße Emtrit Tiber, und vor 24 Jahren wurde ich irgendwo in einem kleinen Bauerndorf, ein paar Tagesreisen von Ventria entfernt, geboren. Vielleicht warst du sogar mal dort? In der Nähe gibt es einen Tempel Vitamas, das war die längste Zeit mein Zuhause. Du wirst dich sicher fragen, warum das so war. Nunja, es kam so, dass meine Eltern schon zwei Töchter hatten und da ich – zugegebenermaßen – in meinen Kinderjahren etwas schwächelte wurde ich kurzhand in ein Heim, welches von den ansässigen Vitamaanhängern geführt wurde, gesteckt. Ich war damals schwer enttäuscht von meinen Eltern, obwohl sie nicht viel Geld hatten, aber anscheinend haben sich mich nicht wirklich geliebt. Ich bin heute noch voller Enttäuschung, denn ich habe sie geliebt! Da saß ich nun, ziemlich allein im Heim und gewöhnte mir an, in der Tempelbibliothek Bücher zu durchstöbern, denn lesen und schreiben – darauf wurde wert gelegt – lernte ich dort recht schnell. Mein Tag bestand also aus vielen Ritualen wie Tänzen und Gesängen Vitama zu Ehren, der Schule und dem Lesen. Während ich es genoss, neuentdeckte Bücher zu studieren, fühlte ich mich manchmal etwas bedrängt, wenn es wieder hieß, meine Ehrerbietung durch einen Tanz zu zeigen. Durch einen Zufall bin ich dann einige Jahre später zu meiner Berufung geführt worden. Ich habe ein paar Vitamapriestern bei der ärztlichen Versorgung von Tieren zugeschaut und habe mich neugierig dazugestellt. Die waren recht begeistert davon, dass ich mich jetzt nicht mehr nur in der Bibliothek herumtrieb sondern recht bald bei Operation und anderen Dingen assistieren konnte. Mir war das aber nicht genug, und jenes wurde glücklicherweise auch bemerkt – kurzum - ich durfte auf eine Universität gehen, um dort auf den Arztberuf hinzuarbeiten. Das dies nicht gerade billig war, das muss ich dir ja nicht sagen – deshalb habe ich mich sehr bald nach einer Verdienstmöglichkeit umgesehen. Ich wurde schließlich von einem alten Graumagier eingestellt, der in der Nähe des Heims seinen Unterschlupf hatte. Und ich übertreibe nicht, wenn ich dir sage, dass dieser Magier etwas von seinem Fach verstand! Die Experimente, diese mysteriösen Zaubersprüche – in den kühnsten Träumen hatte ich mir so etwas nicht vorgestellt. Irgendwann war dann auch endlich das Studium fast zu Ende und ich wäre nicht hier bei dir, wenn mich nicht der Graumagier gebeten hätte, nach Siebenwind zu reisen. Er war von heute auf morgen fest davon überzeugt, dass dort meine Hilfe benötigt werden würde. Also habe ich alles hinter mir gelassen und bin mit einigen Dukaten nach Ventria aufgebrochen, in der Hoffnung dort ein günstiges Schiff zu meinem neuen Bestimmungsort zu finden. Aber weit gefehlt! Niemand konnte mich noch gebrauchen. Die hatten gehofft einen Muskelprotz zu finden, der kräftig mit anpackt. Nun – irgendwann bin ich auf die Idee gekommen, als Schiffsarzt mitzureisen. Auch wenn das hier ein Handelsschiff ist, das nicht all zu schnell ist und auch noch einen kleinen Umweg macht, so habe ich mich darauf eingelassen, bevor ich gar nicht mehr weggekommen wäre. Naja, den Rest kennst du ja? Oder was meinst du ?“
Ich blickte auf und sah, dass der Verletzte sich nicht mehr bewegte. Erschrocken sprang ich auf, um den Puls zu fühlen. Er lächelte. Er war tot.
Niedergeschlagen verließ ich die Kajüte und unterrichtete die Mannschaft. Ich kann die Blicke der vielen Menschen nicht beschreiben, die mich die letzten 10 Tage überall hin begleiteten. Oder war es nur Einbildung? Am nächsten Tage gab der Kapitän jedenfalls drei Fässer Rum zum Leichenschmaus frei. Es folgte ein Saufgelage, dem ich fernblieb. Mir reichte es völlig, das Platschen zu vernehmen, das erklang, als sie die Leiche ins Wasser warfen. Fast bis zum letzten Tag plagten mich Selbstvorwürfe – hätte ich dem Armen nicht lieber helfen sollen, anstatt die Zeit mit dem Beten zu verschwenden? Ich war hin und hergerissen, beschloss aber einen Schlussstrich zu ziehen, ich wollte neu anfangen. Ohne an einen Gott zu beten. Vorerst zumindest.
Denn jedes Mal, wenn ich mich dabei erwische, an die Geschehen an Bord der „Handelsblüte“ zurückzudenken, komme ich zu anderen Schlüssen. Ich bin verwirrt. Aber ich muss mich zwingen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Ich bin Eras Tiber, junger Arzt – es ist Astrael, heute ist Wandeltag, der 17. Triar 13 nach Hilgorad und ich werde mir ein neues Leben aufbauen und die Hilfe denen geben, von dem der graue Allonso sprach!
Zuletzt geändert von Emtrit Tiber: 20.06.02, 01:00, insgesamt 1-mal geändert.
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