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 Betreff des Beitrags: Abschied
BeitragVerfasst: 20.06.02, 23:04 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 25.03.02, 11:25
Beiträge: 62
Wohnort: Heimat
Er blinzelt leicht. Es war ist um ihn herum geworden, nichts ist zu erkennen. Nochmals blinzelt er, doch er kann nicht mehr als Schwärze erkennen, überall nur Dunkelheit. Langsam dreht er seinen Kopf und blickt in weitere Dunkelheit. Mit ruhigem Atem, nein, er hatte keinen Atem, schaut er an sich hinab, doch nichts ist zu erkennen. Wieder dreht er den Kopf weiter, immer schneller und schneller, doch es verändert sich nichts. Schon zum dritten Male wendet er sich um die eigene Achse, er verspürt aber kein Gefühl der Schwindels. Weiter und weiter dreht er sich im Kreise, in der Hoffnung, nur einen Punkt in dieser Schwärze zu erkennen, doch erfolglos. Mit der Zeit hörte er mit dem Umschauen auf und starrt auf einen Teil der Dunkelheit. Die Arme nach vorne ausgestreckt, geht er langsam, sehr langsam darauf zu. Der Blick weicht nicht von dieser fixierten Schwärze, obwohl man sie nicht von der anderen unterscheiden kann. Die Schritte werden langsam schneller, doch es verändert sich nichts…

Er stand jetzt schon länger als zehn Minuten draußen, den Blick auf die gesamte Tempelanlage gerichtet. Immer noch mit dem Gedanken kämpfend, ob er jetzt nun wirklich diesen Schritt gehen sollte, bewegten ihn seine Füße langsam zu den Tempeltüren, scheinbar ungewollt. Die Türen nähern sich immer mehr, die kleinen, zierlichen Risse immer größer. Seine Augen streifen kurz auf dem Weg ein goldenes Schild, „Der Tempel der Viere“, doch das scheint er kaum zu realisieren. Eine lange Weile starrte er auf die Tür, soll er wirklich hinein? Der Kampf mit diesem Gedanken schien endlos, sodass ihm auch erst nach weiteren fünf Minuten klar wurde, dass seine Hand schon fest den Griff umklammerte. Wieder ein wenig zögernd atmete er schließlich kräftig ein und zog scheinbar mit großem Kraftaufwand die Tempeltür auf.

Ein Licht in der Ferne! Es ist klein, kaum zu erkennen, doch da ist ein Licht. Seine Schritte werden immer schneller, er rennt förmlich auf das Licht zu. Die Wände an den Seiten, es sind Wände, wie er nach einem kurzen Abtasten festgestellt hat, scheinen sich zu bewegen, sie scheinen hinter ihm herzulaufen. Seine Aufmerksamkeit ist aber auf das Licht konzentriert, kaum oder gar nicht realisierend, was um ihn herum geschieht. Er rennt immer weiter und immer schneller auf das Licht zu, doch es kommt nicht näher. Die Erschöpfung macht sich langsam breit, das rennen wird langsamer und hört schließlich ganz auf. Schwer atmend sinkt er zu Boden, die Arme vor seinen Knien gestützt, den Kopf noch zum Licht gewandt. Es ist nicht näher gekommen, es ist immer noch in gleicher Entfernung. Niedergeschlagen senkt er den Blick zu Boden, vor Anstrengung keuchend, die Hände sind zu Fäusten geballt und verkrampft…

Die Halle war hell erleuchtet. Er konnte drei Personen ausfindig machen, zwei Männer, die etwas abseits standen und scheinbar in ein tiefes, aber ruhiges Gespräch vertieft waren, eine junge Frau, kaum älter als zwanzig, recht hübsch. Ihr Gesicht strahlte eine freundliche Wärme aus und in ihren Augen ist noch eine jugendliche Naivität zu erkennen. Gedankenverloren betrachtete er einige Zeit die junge Frau, wandte den Blick dann aber zu den beiden Männern. Der eine murmelte unverständliche Sachen vor sich hin, der andere, er war in eine schwarze Robe gekleidet, die Kapuze hochgezogen, vermittelte einem das Gefühl von Ruhe, ja vielleicht sogar Geborgenheit, aber das nur ein wenig. Etwas unsicher geht er auf die beiden Männer zu und stellt sich abwartend gegenüber vom Schwarzgekleideten. Seine Augen blickten einige Zeit zu Boden, doch langsam sah er an dem Mann empor und schien ihn eingehend zu mustern, beim Gesicht verharrte der Blick dann und blieb dort einige Zeit. Der Schwarzgekleidete zeigte keinerlei Reaktion…

Er hat sich wieder etwas erholt, sein Atem ist nun gleichmäßig, jedoch stützt er sich immer noch auf dem Boden ab. Aus den Wänden ragen Hände, sie greifen nach ihm, können ihn aber nicht erreichen. Er scheint das aber nicht zu realisieren. Immer noch den Blick gesenkt, atmet er nochmals tief durch, setzt alle Hoffnung ein, die er noch aufbringen kann und blickt wieder hoch zu dem Licht. Und tatsächlich! Es ist näher gekommen. Sehr viel näher sogar. Es ist jetzt ein großer, heller Fleck, eine Sonne vielleicht, ihr Licht blendet ihn ein wenig. Mit vorgehaltener Hand starrt er auf den hellen Fleck, sein Keuchen hat sich in ein ruhiges Atmen verwandelt und ist nun ganz verschwunden. Weiter blickt er zu dem Licht, abwartend, was jetzt geschehen mag. Plötzlich verdunkelt sich das Licht wieder, nicht viel, aber ein Teil von dem Licht ist jetzt nur noch eine Schwarze Kontur, nein, es ist eine menschliche Silhouette. Sie kommt näher, nicht schnell, aber sie kommt näher. Drei, vier, fünf Schritte, dann hält sie an, sie war nicht viel näher als vorher, nur etwas, aber die Silhouette kann man nun besser erkennen. Es ist eine männliche Gestalt, nicht sonderlich groß, kräftig gebaut. Sie steht im Zentrum des Lichtes, scheint sich nicht zu bewegen.
Immer noch mit vorgehaltener Hand beobachtet er die Silhouette…

Den Kopf in die Handflächen gesenkt saß er nun auf einer Bank im Tempel. Die junge, hübsche Frau hatte ihn von den beiden Männern weggeholt und ihn auf einen Platz verwiesen, freundlich wie sie war, aber auch sehr verunsichert. Er schien ihre Gesten kaum zu realisieren, er war in seine eigenen Gedanken versunken. Dieses Warten fraß ihn auf, es machte ihn fertig. Er hob den Kopf aus den Handflächen und starrte gerade aus. Die Hände auf den Schoß gelegt, fingen seine beiden Arme an, leicht zu Zittern, er wollte es endlich wissen. Nervös löste er den Faden, der seinen Beutel um seine Taille hielt. Darin befanden sich zwei kleinere Schlüssel. Der Beutel fiel neben ihn auf die Bank. Den Blick zu Boden gewandt, gedankenverloren, öffnete er den Beutel und holte einen der beiden Schlüssel hervor. Die junge Frau, Sheeban, wie er später von ihr erfuhr, betrachtete ihn sehr besorgt. Etwas unsicher, versuchte sie ihn leicht zu ermutigen. Doch es blieb erfolglos, sodass sie verzweifelt zu den beiden Männern im Hintergrund verschwand. Kurze Zeit später kam sie wieder, berichtend, dass ein Morsangeweihter sich gleich um ihn kümmern würde. Doch vergeblich wartete sie auf eine Reaktion. Den Schlüssel in seiner Hand drehte er nervös und ängstlich, er schien etwas vor und zurück zu wippen. Wieder stand die Frau besorgt auf und ging erneut zu den beiden Männern und kurz darauf kam sie mit dem Geweihten zurück. Es war der Schwarzgekleidete, der die Ruhe ausstrahlte und sein ausdrucksloses Gesicht schien ihn leicht zu mustern. Mit einem knappen Nicken bedeutete der Morsangeweihte ihm, zu folgen.

Der Mann steht eine Weile schon im Licht. Bisher ist er noch nicht näher gekommen, er hat sich überhaupt noch nicht gerührt.
Wieder senkt er den Blick zu Boden und sein Gesicht zittert vor Verkrampfung. Wieder setzt er viel Hoffnung ein und schaut auf zu dem Mann. Er ist wie gehofft ein Stück näher gekommen, die Haltung aber nicht verändert, immer noch regungslos. Aber er kann den Mann erkennen, ja, er kennt den Mann.
Mit einem plötzlichem Ruck springt er auf und sprintet auf den ihn zu. Meister! Meister! Es ist sein Meister. Mit den letzten Reserven läuft er weiter auf den Mann zu. Sein Mund geht weit auf, als würde er schreien wollen, doch es ist kein Laut zu vernehmen. Seine Lippen formen immer wieder das Wort Meister und immer wieder reißt er den Mund auf, aber es kommt kein Schrei raus. Er rennt, so schnell er kann, doch er kommt nicht näher. Sein Meister bleibt in immer gleicher Entfernung. Lautlos fliegt er längs auf den Boden. Er ist über etwas gestolpert, aber da ist nichts, über das er stolpern konnte, er bewegt sich in Leere, die aber an den Seiten durch Wände, die nach ihn greifen, ihn aber nicht fassen können, abgetrennt ist. Über was ist er gestolpert?, er wendet den Kopf nach hinten und blickt zurück…

Stumm saß er zusammen mit dem Morsangeweihten auf einer Bank im Schrein Morsans. Sie verweilten schon einige Zeit so, ohne ein Wort zu sagen. Die Ausstrahlung von Ruhe und Geduld bewahrheitete sich bei dem Geweihten.
„Ich brauche Gewissheit“, die Lippen des Mannes bewegten sich kaum. Der Priester legte eine Hand auf die graue Robe des Mannes, sie glich beinahe der des Geweihten, und sah ihn mit ruhigem Blick an. Der Mann reagierte nicht, starrte weiterhin zu Boden und wiederholte leise, kaum hörbar, seine Worte. „Ich brauche Gewissheit!“. Schweigen für kurze Zeit. Der Geweihte schien durch den Mann hindurch zu sehen, der Mann starrte immer noch zu Boden. Nach einem lautlosen Einatmen begann der Mann dann zu berichten.
Sein Meister wurde vor geraumer Zeit aus Brandenstein entführt. Diener des Einen nahmen ihn mit und verschleppten ihn an einen unbekannten Ort. Es ist wahrlich schon eine recht lange Zeit seit der Entführung vergangen und der Mann hatte keine Kraft mehr, mit der Ungewissheit zu leben.
Der Morsangeweihte ließ sich kaum eine Reaktion verlocken, nur jedoch bei der Erwähnung des Einen zuckte er zusammen, doch der Mann schien das nicht wahrzunehmen. Tief in Gedanken versunken, was geschehen war, was geschieht und was geschehen wird, blickte er wieder zu Boden, seine Hände zitterten wieder, der Schlüssel, er nahm ihn offensichtlich aus der Halle mit, drehte sich wieder in seinen Händen.
Der Priester sprach ruhig auf den Mann ein: „Ihr wollt in den Hallen Morsans nach Eurem Meister schauen? Ich brauche Euren Namen dafür…“
Der Mann ließ sich einen Augenblick Zeit, ehe er mit leiser, niedergeschlagener Stimme seinen Namen preisgab: Kiran Arlundar.
„Nun noch den Namen Eures Meisters…“ Der Priester schien noch ruhiger als zuvor zu wirken.
Kirans Hände verkrampften sich in seine Robe, sein ganzer Körper zitterte und mit scheinbar größter Überwindung und letzter Kraft sprach er zwei Worte aus: Immerboll Axtfest.

Hinter ihm ist nichts zu sehen, nur Dunkelheit, er hat es auch nicht anders erwartet. Einige Zeit blickt er noch nach hinten, in der Hoffnung, doch noch etwas zu entdecken, aber vergeblich. Langsam wie in Zeitlupe bewegt er den Kopf nach vorne und starrt wieder zum Licht. Kein Zweifel, es ist sein Meister! Doch er kommt nicht näher an ihn. Abwartend, er kann ja nichts anderes machen, blickt er weiter auf die Silhouette.
Auf einmal fängt sie an, sich zu bewegen. Wohin? Er kann es nicht erkennen, aber sie scheint zu gehen. Doch, die Schritte bewegen sich weg, aber er entfernt sich nicht. Sein Meister geht auf das Licht zu, jedoch ohne kleiner zu werden. Warum geht er zum Licht? Warum kommt er nicht zu ihm?
Mit panischem Atem blickt er zu seinem Meister. Nun kommt doch hierher! Und tatsächlich, sein Meister dreht sich um, zumindest sieht es so aus. Die Schritte hören auf, sein Meister steht jetzt still im Zentrum des Lichtes. Er scheint ihn anzustarren. Doch dann, es kommt ihn vor wie eine Sekunde, schnell hebt sein Meister den Arm an und streckt die Hand empor. Und kurze Zeit später dreht sich sein Meister um und verschwindet im Licht, nein, er scheint es mitzunehmen und wieder war er in Dunkelheit gehüllt.

Einige Zeit saß er mit geschlossenen Augen da, er war schon wieder wach, aber seine Gedanken waren noch nicht klar. Vor einer schier endlosen Zeit, so erinnerte sich Kiran, hat ihn der Geweihte eine Art Puder ins Gesicht geblasen, dass war das letzte, woran er sich vor dem Traum erinnern konnte. Der Traum. Seine Gedanken wurden klarer. Schweiß rann über seine Stirn, seine Hände verkrampften sich in der Robe, sein Körper zitterte. Mit einem lautlosen Schrei öffnete er die Augen und starrte eine Weile an die Wand vor sich. Er war tot. Sein Meister, Immerboll Axtfest, er war tot.
Der Morsangeweihte, er saß immer noch neben Kiran, legte wieder die Hand auf seinen Schoß, die Wirkung der Beruhigung setzte sofort ein, doch sie half diesmal nicht viel.
Sein Meister war tot, was sollte er jetzt tun?, wie sollte es jetzt weitergehen?
Nach langer Zeit erhob sich Kiran dann vom Boden und ging schweigend aus dem Schrein hinaus.


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