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Noch verschlafen, kaum fähig die hellen Augen zu öffnen, schritt sie im Nachtgewand auf nackten Sohlen die breite Treppe hinunter. Die frühe Morgensonne fiel durch die vielen kleine Fenster der Schankstube, das gebrochene Licht schillerte in goldenen, warmen Farben. Innehalten, die kleine Hand stützend auf das wackelige Geländer gelegt, sah sie müde hinüber zum Tresen, wo sie jeden Morgen das selbe vertraute Bild erwartete.
Der alte Solayk hing wie ein schlaffer Sack über der Tischplatte, die Stirn neben der Flasche aufgelegt, den grauen Bart in den Teller mit erkalteter Bratensauce getunkt. Ward er wieder einmal über den Weine in der Nacht eingeschlummert...
Den Blick weiter gleiten lassend erfasste sie die beiden Gestallten, die schon zu früher Stunde so fleißig zu Werke waren, die junge Frau mit dem leuchtenden Haar, die sich Töpfe und Tiegel klappernd über die heiße Feuerstelle beugte, den munteren Gesellen, der dabei um sie herum sprang und kichernd von all den guten Speisen naschte.
Leise und fast lautlos tappten die nackten Füße über die abgetretenen Holzbohlen, doch ihr knarrendes Nachgeben verriet sie.
Der Barde sah in der Küche auf, den Finger gerade in die herrliche Sahnetorte getaucht. Lächelnd eilte er hinüber zum Tresen, sie mit den gewohnten heiteren Worten empfangend.
„Holla, mein Fräulein, hat dich endlich der Duft nach Gebratenem aus den Federn getrieben?“
Ein vergnügtes Zwinkern, dass jedoch nur ein schwache Lächeln auf die feinen Züge der jungen Frau zu zaubern vermochte.
„Ooooch...“
Enttäuscht versuchte er eine komische Grimasse zu schneiden, um ihr doch noch das helle Lachen zu entlocken.
Sie legte nur das Köpfchen schief, ließ das lange, schwarze Haar von einer Seite auf die andere fallen, sah an seiner Schulter vorbei hinüber zu den dampfenden Pfannen, von denen der herrliche Duft nach gebratenem Speck und Eiern aufstieg und sich in der Stube verflüchtigte. Er folgte ihrem Blick und schmunzelte abermals.
„Hmmm? Dann vielleicht ein herzhaftes Frühstück, mein Fräulein?“
„Ach, so lass nur gut sein,“ murmelte sie mit einer leichten Handbewegung, „ich bekomme keinen Bissen hinunter....“
Den schmächtigen, kleinen Körper reckend, legte sie die dürren Unterarme auf dem Tresen ab und musterte regungslos den alten Heiler, der neben ihr laut vernehmlich schnarchte.
Der Barde schien zu grübeln und sprang in die Küche zurück um der jungen Frau am Feuer drei rohe Eier zu entwenden. Geschickt warf er sie in die Luft und jonglierte so lange, bis er erkennen musste, dass auch dieser Spaß nicht die Miene des Eichhorns erhellen konnte.
Höflich verfolgte sie wohl sein Bemühen, doch wirklich aufmerksam wurde sie erst, als er die Eier in den Korb zurück legte und ein breites Grinsen aufsetzte, das sie nicht zu deuten wusste. Geheimnisvoll und beschwingt kehrte er zu ihr zurück, noch immer schmunzelnd und feixend.
„Was?“ flüsterte sie leicht verwirrt und versuchte in seinem fröhlichen Mienenspiel zu lesen.
„Ich weiß etwas, ich weiß etwas, mein Fräulein, dass dich gewiss zum lachen bringt...“
Rasch in die Tasche gegriffen und ein gefaltetes Pergament herausgezogen...
Er hielt es vor ihr fragende Antlitz, ein Stück Papier mit Flecken und Rissen, die verdächtig auf eine weite Reise schließen ließen.
„Ein Brief? Für mich?“
Die schmale Hand griff langsam nach dem Schreiben und wendete es zögerlich.
Es war, als ginge die Sonne Astraels noch einmal in dem alten Gemäuer auf und erfüllte es mit Wärme und Frohsinn, als sie die säuberliche Schrift erkannte und das erloschene Strahlen in ihre Augen zurück brachte.
„Curio...“
Sie hielt den Atem an und ihre schwache Stimme drohte zu versagte.
„Bei Rien... es ist von Curio.“
Die Frau am Feuer hob lächelnd den Blick bei ihren erstickten Worten, trat an die Seite des Barden und schob die Hände in die Taschen der befleckten Schürze. Schmunzelnd sahen beide dem Eichhorn nach, wie sie mit dem Brief in der Hand, den nackten Füssen und dem Nachtgewand durch die hohen Türflügel hinaus zur Terrasse hastete.
Vor der Balustrade weit über dem Fluss hielt sie ein, faltete mit zitternden Händen das Pergament auseinander und lass es einmal, zweimal, unendliche male.
Ein lauter, ungestümer Freudenschrei hallte durch die Gassen Tiefenbachs, über den rauschenden Fluss und weit hin zu den nahen Wäldern, ließ die Vögel auffliegen und die geschäftigen Leute für Sekunden in ihrem Tun erstarren und verwundert aufhorchen.
Der Wind, der vom Meer her wehte, versuchte, ihr den Brief aus den Händen zu reißen, sie hielt ihn an sich gepresst, wie einen kostbaren Schatz. Tränen wollten das flimmernde Licht in ihren Augen ertränken, doch selbst jetzt schien sie sich an das Versprechen zu erinnern und unterdrückte sie mit aller Kraft.
Sie lächelte sanft zum Himmel auf und flüsterte leise, dass es niemand hören konnte:
„Rien , meine Herrin, ich bitte dich, lass sich die Ranken und dornigen Mauern deiner Wälder lösen, lass die knorrigen Arme der Bäume sich öffnen und die Wege frei geben, locke fort den reißenden Wolf, den aufgebrachten Bären und alle bösen Geister, Xan, ich bitte dich, halte zurück deinen unentbehrlich Regen und deine irreführenden Nebelwände, nur für die wenigen Tage, Khaleb ich bitte dich, zügle deine Winde und besänftige den Sturm... damit Blitzregen den Weg nachhause sicher finden kann und mein langes, sehnliches Warten ein Ende hat. Ihr Götter, so bringt mir sicher und unversehrt den einen zurück, der mir so teuer ist wie niemand sonst...“
Mit einem glücklichen und zugleich ungewissem Seufzer fügte sie hinzu:
„Ich danke Jabarkas für sein bemühen, mir jeden Tag ein Lachen zu zaubern und mir die Tage nicht düster und lang erscheinen zu lassen
Ich danke Solayk, dem lieben Freund, dass er mir geduldig und gütig in den langen Nächten ein wunderbarer Begleiter auf unseren Reisen war
Ich danke Gerrit für den versteckten Dolch in seinem Ärmel, immer bereit, mich vor jeder Gefahr zu schützen
Ich danke Gerid, meiner Lieben, für die Sorge und Ablenkung, die ich täglich ihretwegen hatte und ihr Vertrauen...“
Verstohlen fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Wangen, schob das Pergament sicher in den Ausschnitt ihres Laibchens und schlich lautlos und frierend zum Gasthof zurück.
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