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 Betreff des Beitrags: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 12.09.11, 17:36 
Edelbürger
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Prolog


Manche schicksalsträchtige Entscheidungen wurden getroffen von einem mutigen Mann - wie den tapferen Heerführern der Ersonter Truppen in Khalandra, die an der Front ihre Männer in die Schlacht führten. Manche fanden ihren Ursprung in der unersättlichen Neugier der Menschen, die als Triebfeder für all die Gelehrten Savaros diente, die den Himmelsgefilden ihre Geheimnisse entrissen, um den Kalender zu reformieren. Niedere Motive konnten ebenso als Impuls dienen, wie Neid und Eifersucht, die hinter so vielen Morden in den düsteren Gassen Rothenbuchts steckten.

Diese Geschichte beginnt mit müden Füßen und dem Burschen, der dran hängt. Noch ruhen sie in einem Trog Wasser, um die Blasen an den Fersen zu kühlen und den Straßenstaub abzuwaschen. Miefende Stiefel stehen in Griffweite, wie auch ein leerer Lederschlauch, den während des Wanderns erfrischender Wein füllte. Nun, nach stundenlangem Umherirren auf der Insel, ist der Wein fort und der Blonde erschöpft und durstig.
Es sind solche schwachen Momente, in denen die Gedanken abschweifen - während man vor sich hindöst, Tagträumen nachhängt, in der Hoffnung, dass mit verstreichender Zeit wieder genügend Kraft zurückkehren wird, um den Weg fortzusetzen. Gedanken können altem Treibholz gleich an die Oberfläche gelangen, Gedanken, die gutem Whiskey gleich lange lagerten, um zunehmend zu reifen.

Solche Gedanken sind gefährlich. Sie sind wie ein Schmelztiegel, in dem sich unterbewusste Reue und subtiles Verlangen vermischen, um unbemerkt neue Vorhaben zu gebären - bis sie eines Tages hervorbrechen und einen packen, nicht mehr loslassen, bis in den Schlaf verfolgen.

In den kommenden Tagen würde Tintin noch eine größere Menge Dukaten verschleudern.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 12.09.11, 17:37 
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Heimliche Machenschaften


Die Ecclesia hatte sich gründlich gewandelt in den vergangenen Tagen. Zu teils absurd späten Uhrzeiten sah man Händler um Händler kommen und gehen, die ihre Packpferde schwer beladen brachten - und mit einem danach wesentlich schwererem Dukatenbeutel wieder gingen. So man einen Blick in den Gemeinschaftsraum erhascht, so wirkt es eher, als wäre man an ein Lagerhaus geraten, als an die gemütliche Heimstatt eines religiösen Ordens. Der hintere Bereich des Raums ist nur unter größten Mühen durchquerbar, die Hintertüre gar vollständig versperrt durch sich auftürmende Haufen regelmäßiger Bretter. Diverse Fenster wurden geöffnet, da lange, massive Holzstämme sonst nicht hätten untergebracht werden können. Doch auch im Eingangsbereich sieht es nicht viel besser aus: Schwerer Segelstoff bedeckt jede verfügbare Oberfläche, von der Sitzfläche jedes Stuhls, über den großen Esstisch hinweg bis in die Küche - darauf eingezeichnet sind Kohlestriche, die wohl als Schnittstellen gedacht sind.

Auch Tintin sah man länger nicht mehr auf seinen üblichen Runden über die Insel. Stattdessen brennt bis spät in die dunklen Zyklen Licht im Fenster des Abtbüros, wo über den Schreibtisch gebeugt der Blonde sich einem Pergament widmet.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 19.09.11, 21:04 
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Ein Werk der Liebe


Ein Teil des Chaos hatte sich verlegt, fort von den Räumlichkeiten der Ecclesia in die selten beachtete Werft westlich des Brandensteiner Marktplatzes. Zu unregelmäßigen Uhrzeiten sieht man den blonden Burschen schwer beladen durch die beschaulichen Straßen stapfen, schwer beladen mit Holz oder Tuch verschiedenster Form und Art. Im Fenster der Werft brennt eine altersschwache Laterne vor sich hin und schenkt so auch in den Dunkelzyklen Licht. Doch wenn der einsame Schiffsbauer nicht anwesend ist, so verdeckt zumeist ein Teil des Segeltuchs den Eingang, um das Geschaffene im Inneren vor allzu neugierigen Blicken zu hüten.

Mit einem Knie klemmte er die Planke vor sich an der Vorhergehenden fest und zielte mit dem Hammer nach dem Nagelkopf - bald gesellte sich ein zusätzlicher Teil der Hülle des übersichtlichen Rohbaus hinzu, in althergebrachter überlappender Bauart. Die andere Hand langte nach dem Holzstück, das im kleinen Teerfass neben ihm steckte, und klatschte ein wenig der schwarzen Substanz in die Fuge, um es ordentlich abzudichten. Eintönige Arbeit war es, in die er nach anfänglichen Schwierigkeiten schnell hineingefunden hatte. Gelegentlich gesellten sich Passanten auf sein Drängen hin zu ihm und halfen mit den größeren Handgriffen: Etwa, wenn es galt den Kiel in eine passendere Form zu hobeln, oder wenn der Mast gehalten werden musste, um noch einen zusätzlichen Eisenbeschlag anzubringen.

Die Stunden verflossen, wenn er die Tage in der Gesellschaft des nur zögerlich Form annehmenden Werks verbrachte. Es war solide und ehrliche Arbeit, die er da verrichtete - ungewohnt, und doch auf eine gewisse Art und Weise befriedigend. Am Ende eines langen und fleißig verrichteten Arbeitstages konnte er sehen, was er erreicht hatte. Unangenehmer waren da schon die Splitter und die Schürfwunden an den zarten Händen, der Sonnenbrand im Nacken vom vielen Arbeiten unter Felas Schein und natürlich der allgegenwärtige Muskelkater, doch es hätte schlimmer sein können (so bestätigte er sich im üblichen unheilbaren Optimismus eines ums andere Mal).

Kein von den Göttern gesandter Eifer erfüllte ihn, denn der Anreiz zu diesem Unterfangen stammte nicht von ihnen. Kein Wahn war es, der ihn befallen hatte, und erst recht kein Irrsinn. Er wollte nicht unbedingt fort von der heimischen Ecclesia und den inzwischen gemütlichen Verhältnissen seiner neu gefundenen Heimat. Das Fernweh trieb ihn, aber nicht allzusehr, denn noch gab es auf der Insel Dinge, die sich seinem Wissen und seinem Blick geschickt entzogen hatten.

Es war schlicht eine.. fixe Idee, die unter den gedankenlos arbeitenden Händen bald ein Eigenleben entwickelte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 23.09.11, 12:12 
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Fortschritt


Die Geräusche aus der Werft waren bis auf den nahen Marktplatz zu hören: Das Knistern von Feuer, das Blubbern kochenden Teers (ganz zu schweigen von dem hartnäckigen Geruch). Sägeklänge, das Poltern von fallenden Brettstücken. Das Ritsch-Ratsch einer Schere, die sich durch schweres Segeltuch quälte.

Tintin packte sich eine der langen Planken, klemmte sie in der Werkbank fest und ging mit der Säge zu Werke. Akiras widmete sich dem Teerkessel, erhitzte den Inhalt magisch, während zwei Schritte weiter Torbren fleißig dabei war, an den kohleschwarzen Markierungen entlang das Segeltuch zurechtzuschneiden. Die halbierten Planken wurden mit Sandstein glatt geschmirgelt, der Teer wurde in die Fugen der bereits zusammengefügten Planken der unfertigen Schiffshülle gegeben und kühlte dort aus. Die überflüssigen Stofffetzen fanden ihren Weg in einen Korb - Lumpen konnte man immer gebrauchen.

Es ging voran.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 26.09.11, 12:26 
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Testflug


Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?
So in etwa war wohl der Gedankengang, der Tintin auf den Berg hinauftrieb. Auf den Rücken gespannt hatte er ein mannshohes Stück Segeltuch in Rautenform, das mit Hanfstricken an den Knöcheln und Handgelenken festgebunden war. Es waren optimale Flugbedingungen - der Himmel war blau und wolkenlos, Fela schien mit all seiner Kraft. Was konnte schiefgehen? Es galt, herauszufinden, ob das Tuch etwas nützte, das bald seinen Weg an den Rahmast seines Schiffes finden sollte.

Mit Anlauf sprang er von der Klippe am Rande des Ventusschreins, die Arme in der Bewegung ausbreitend.

Die Freiheit war unbeschreiblich. Frischer Wind in starken Böen schlug ihm ins Gesicht und erfrischte Geist und Körper des zweifellos Lebensmüden. Kurz vor dem Aufprall in die grünen Wipfel des Südfallwalds beugt er den Oberkörper nach oben und riß den linken Arm hoch, zum Meer hin beidrehend. Wie eine Möwe ließ er sich auf einem angenehmen Aufwind tragen, ohne viel Zutun seinerseits. Die Seile, die ihn am Tuch festhielten, ächzten und knarzten strapaziert unter dem Gewicht des Menschen - mit massiven Knochen und ohne Flügel geboren war so eine Kreatur sicher kaum von den Göttern dazu gedacht, zu fliegen.

Er dreht eine Runde um das Kap von Südfall, auf gleicher Höhe der alten Burgruine über dem dichten Wald. In der beginnenden Dämmerung wurden erste Laternen und Kerzen hinter den Fenstern des verschlafenen Dorfes entzündet - nichts, verglichen mit dem weithin strahlenden Lichtermeer, das Falkensee am Horizont war. Eben dieser nahte mit rasanter Geschwindigkeit: Vor den Stadtmauern musste er sich in Acht nehmen, wollte er doch nicht in ihren Windschatten geraten. Stattdessen schien es klüger, auf dem Meer zu bleiben.

Der linke Arm sackte für einen Moment ab, müde geworden von der steifen Haltung während des Flugs.

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Er bekam eine ordentliche Ladung Matsch ab, als er erst gegen den Zaun prallte wie eine verirrte Taube, und schließlich mit dem Gesicht voran in eine Pfütze fiel - es hatte begonnen, zu regnen. Nach einer Weile des Liegens (um die Kopfschmerzen zu verkraften), wuchtete er sich über den Zaun und stapfte durch Falkensees Straßen, matschig, durchnässt und mit dem Segeltuchdrachen immernoch auf dem Rücken.

Der zweite Anlauf begann vielversprechender: Aus vollem Lauf heraus hob er vom Trampelpfad ab, der zum Wall führte. Nun war es zunehmend düsterer geworden - der nahe Waldrand war zu dunklen Schemen geworden, die sich sanft in dem beständigen Südwestwind wiegten. Sobald er auf den Wall traf, würde er beidrehen und nahe des Lavasees landen, wo mehr als genug Platz sein dürfte für die wahrscheinliche erneute Bruchlandung.

Spätestens, als er die aufwallenden heißen Winde ins Gesicht bekam und unter sich kreisrund einen Vulkankrater sah, wusste er, dass er sich gründlich verhauen hatte: Die Splitterberge hatte er erwischt. Hastig senkte er den rechten Arm und jagte im Tiefflug zurück nach Westen, die tränenden Augen bei dem Flugwind zukneifend...

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..Klatsch.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 5.10.11, 22:35 
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Schiffsweihe im Namen Xans.



Letzte Vorbereitungen


Mit ruhigen Handgriffen widmete er sich den Kisten auf dem Tisch. Auf sie verteilt hatte er seine Vorräte für die Reise - frisches Obst und Gemüse für den Reisebeginn, ebenso Eier und frisches Wasser. Nach einigen Wochen würde er beginnen müssen, stattdessen auf das Trockenfleisch, Gesalztes und Gepökeltes wie die Rollmöpse zurückzugreifen. Und natürlich Honig und Alkohol, Beides quasi ewig haltbar. Es hatte ihn den letzten Rest an Dukaten gekostet (und dazu noch einige Wertsachen): Jetzt war er tatsächlich pleite. Bankrott, ruiniert gewissermaßen. Noch ein Grund weniger, zurückzublicken. Gewissenhaft bettete er die Fläschchen um in eine Schatulle, die er mit Watte ausgelegt hatte. Von den üblichen Heiltränken, -salben und natürlich Medikamenten hatte er sich genug mitgenommen. Auf hoher See würde er sich keinen Moment der Schwäche leisten dürften.

Einige Spaziergänge später hatte er auch das Letzte zusammen, was noch gefehlt hatte. Das Schiff war klar zum Stapellauf, die Vorräte (reichlich) waren gepackt. Fehlte nurnoch der Segen der Götter:

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 7.10.11, 13:38 
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Abschiede


Rastlos wanderte er durch die stillen Straßen Brandensteins, den Seemannssack über die rechte Schulter gelegt. Darin befanden sich seine letzten weltlichen Eigentümer - ein paar Flaschen guter Wein aus der Heimat, seine liebsten Musikinstrumente und Kleidung zum Wechseln. Fela war gerade erst wieder aufgegangen, noch verblieb die Kühle des vorangehenden Dunkelzyklus und ließ seinen Atem sichtbar werden. Die Bewohner schliefen noch, kaum ein Licht brannte in den Fenstern, die er passierte. Es war ein unwirklicher Anblick, passend zum Gefühl, das er schon seit Tagen mit sich herumtrug: dieses unausstehliche Kribbeln, diese tiefsitzende Unruhe zwischen Vorbereitung und tatsächlichem Beginn einer Reise. Er fühlte sich wie ein Fremder in der Stadt, die für das vergangene Jahr seine Heimat gewesen war.

Er hatte gewusst, dass er drauf verzichtet hätten sollte, Abschied zu nehmen. Aber dann lief er ein paar alten Bekanntschaften quasi in die Arme, man kam ins Gespräch..

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Das war immer das Grausamste zum Beginn einer langen Reise: Lebwohl sagen zu müssen. Nach sovielen Jahren auf ununterbrochener Wanderschaft hätte er sich daran gewöhnen müssen - vielleicht hätte er beginnen können, sich stattdessen auf den Weg zu freuen, der vor ihm lag. Schließlich war es dies, worauf sich das Fernweh bezog, das in ihm brannte. Das Fernweh, das sein Dienst an Ventus ihm eingebrockt hatte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 9.10.11, 16:18 
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Zu neuen Gefilden

In den frühen Morgenstunden des neunten Carmars...

Das neue Segeltuch entfaltete sich knisternd, als er nach und nach die Knoten löste, die das Rahsegel gerefft hielten. Mit einem hohlen Geräusch spannte es sich an, als der Ostwind hineinfuhr und es auswölbte. Das träge Schiff nahm nur langsam an Geschwindigkeit auf, doch entfernte es sich stetig mehr von der ehemaligen Anlegestelle am Brandensteiner Dock. Dort trieb im Wasser das schwere Tau, das es an den Pollern befestigt gehalten hatte - durchtrennt durch einen Schwerthieb bordseits.

Mit einer Buddel Rum in der rechten Hand und dem Steuerrad in der Anderen blickt er über Deck. Er hatte vor dem Ablegen klarschiff gemacht, so dass alles aussah wie neu. Kein verirrtes Blatt, kein Stiefelabdruck auf den Planken. Der Proviant, sicher in Kisten und Fässern verstaut, die von einem Netz an Deck gesichert wurden, war noch unangetastet.

In der Ferne ging Fela auf, in seinem Rücken. Wie zum Abschied, könnte man meinen.


- - -


Gegen Ende des Hellzyklus' hin klemmt er das Steuerrad fest und nahm die Laterne mit unter Deck. Dort wartete eine Hängematte, ein leerer Tisch und eine Waschschüssel: eine karge Einrichtung. Aus der Tasche holte er ein dickes Buch hervor, schwer eingebunden in Zierleder. Den Staub pustete er von der ersten Seite, ehe er zum Federkiel griff und dort was vermerkte:

Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Felatag, 09. Carmar 22 nach Hilgorad


Erster Eintrag an Bord der Ente. Brach heute in guter Stimmung und in aller Frühe auf, um zu vermeiden, noch mehr alten Freunden in die Arme zu laufen. Abschiede sind schwer. Habe mit der Insel vollends abschließen müssen, falls ich nicht mehr wiederkehre. Habe auch Liliums Anhänger auf dem Schreibtisch daheim 'vergessen', damit mich keine einzige Bürde auf diesem Weg begleiten würde.
Schiff ist in makellosem Zustand, wie es zu erwarten wäre. Wundere mich, wie lange das noch anhalten wird. Noch ist das Wetter zufriedenstellend: Ab und an mag es nieseln, doch zumeist scheint Fela bei bewölktem Ventusreich. Habe vor einem viertel Hellzyklus den letzten Sichtkontakt zur Insel verloren, nun nurnoch der Ozean um mich herum zu sehen. Bedrückendes Gefühl, diese Einsamkeit. Den Dunkelzyklus über werde ich Kartenmaterial bereitlegen und vorbereiten. Es gilt, Seekarten anzulegen, um den Verlauf meiner Reise zu kontrollieren. Möchte nicht irgendwo im Norland rauskommen - zu kalt, für mein Empfinden.
Schließe diesen Eintrag in guter Hoffnung auf ein glückliches Ende dieser Reise, auch wenn sie gerade erst begonnen haben mag.
- Tintin.



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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 14.10.11, 23:03 
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Trügerische Ruhe

In den letzten Zyklen des vierzehnten Carmars...

Mit einem leisen Ratschen zog er den Stahlstreifen entlang des rundgeschliffenen Steins. Funken sprangen über in die Zunderdose darunter und fanden trockenen Seeschwamm, kleine Ästchen und zerriebene Blätter vor, die sogleich hell zu lodern begannen. Den Docht der Kerze hielt er in das kurzlebige Feuerchen. Ein kurzes Abwarten - dann schüttete er ein wenig Wachs auf die raue Oberfläche des Tisches und stellte die Kerze hinein, damit sie Halt hatte. Den Holzbecher füllte er am Schnapsfass neben der Kerze. Gluckernd floß es aus dem hölzernen Hahn. Mit dem Schnaps in der Hand begann er sich dem Logbuch zu widmen.

Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Endtag, 14. Carmar 22 nach Hilgorad


Höhe über Grund ist jenseits der fünfzig Schritt, wie zu vermuten. Kurs wurde zum dritten Hellzyklus des zwölften Carmas von Westsüdwest auf Südwest korrigiert, um einige suspekt aussehenden Wolken zu umschiffen, mit Erfolg. Seitdem ist die See unverändert ruhig, der Wind (Ventus sei Dank) ebenso beständig im Rücken. Ich machte durchschnittlich vier und einen halben Knoten Fahrt und komme damit gut voran. Gehe ich von einer ungefähren bisherigen Fahrtdauer von vier Tagen aus (dazu später mehr), so errechne ich, dass ich schon sechsundneunzig Seemeilen zurückgelegt haben muss. Umgerechnet ergibt dies 177.182 Schritt und damit eine überschaubare Strecke. Ich bin guter Dinge, dies mit stärkerem Wind noch ausbauen zu können. Mit gut getrimmten Segeln sollte ich meiner 'Ente' sechs, vielleicht gar sieben Knoten entlocken können. Grob überschlagen würde ich Falandriens gesamte Länge vom Norland nach Endophal in circa zweiundfünfzig Tagesläufen passieren können, wenn ich es drauf anlege. Die Abdrift hält sich in Grenzen, da ich auf keine nennenswerte Strömung getroffen bin. Ich muss wahrlich fernab von Land sein.

Soviel zu den Einzelheiten. Dazu kommt, dass ich planmäßig mein erstes Ziel erreicht, vor nun ziemlich genau vier Tagen. Im vorletzten Hellzyklus des zehnten Carmar erreichte ich Fera Noril, die letzte Insel vor jeglicher Ungewissheit. Diesem Eintrag füge ich eine grobe Zeichnung an, die ich von diesem Ort gemacht habe. Wir entdeckten diese bewachsene Sandbank damals während der Expedition der Namikleris und taten uns gütlich an ihren verblüffend südlichen Früchten. Auch dies tat ich erneut, sodass nun einige wenige Bananen meinen Tisch schmücken. Ich werde sie zügig verzehren müssen. Wo wir von Verzehr reden: Die Vorräte halten sich gut, auch wenn das frische Obst und Gemüse ein wenig an Geschmack verliert. Noch finden sich keine Anzeichen von Maden, Ratten oder anderem unangenehmen Getier.

Fera Noril verließ ich wieder mit dem Ende des Hellzyklus', nachdem ich den festen Boden unter meinen Füßen ausreichend genossen hatte. Es ist sonderbar - nach ein wenig Zeit auf dem Schiff gewöhnt man sich an das sanfte Wiegen, vermisst es gar an Land. Erinnert an die Kinderwiege, schätze ich. Zumindest erfreue ich mich eines gesunden und festen Schlafs. Der mäßige, aber frische Wind lässt es unnötig erscheinen, die Segel zur Nacht einzuholen. Ich werde auf Ventus vertrauen, was das angeht. Was mag schon schiefgehen.

- Tintin.


Mit schwerer Hand setzte er seinen Spitznamen unter den Eintrag. Ein letzter Schluck leerte den ehemals vollen Schnapsbecher - und schon nickte der einsame Seemann ein, mit der Stirn zwischen den Seiten des Logbuchs.

- - -


Mit geschlossenen Augen schnuppert er. Ein würziger Geruch steigt ihm in die Nase, nach Lagerfeuer - das Eheste, was einem Wanderer als Heimat gelten kann. Der ehemals so besorgte Ausdruck entspannt sich etwas, er rückt sich gemütlich zurecht, das Buch dabei unverschämt als Kissen missbrauchend. Nur eins stört: Irgendwann beginnt es, nach verbranntem Haar zu riechen. Verstimmt schlägt er die Augen auf, nur um prompt halb vom Hocker zu springen, halb zu fallen. Hektisch drischt er sich ins angesengte Haar, zieht sich dann an der Hängematte hoch, um zum Tisch zu blicken. Aus dem Schnapsfass muss es beständigt getropft haben, was verheerende Folgen hatte, als der Kerzenstummel vollständig heruntergebrannt war. Kleine, bläuliche Flamme lecken über den klaren See aus Alkohol und fransen zu den Seiten hin aus, wo sie das trockene Eichenholz des Tisches zu packen bekommen.

Drei Stufen auf einmal rast Tintin hinauf, auf Deck. Träge dümpelt das Schiff auf der ruhigen, dunklen See - die gehissten Rahsegel zeigen wenig Anzeichen vom erhofften Wind. Ein Griff nach dem Putzeimer, die Bürste wird beiseite geworfen und verschwindert polternd in der Dunkelheit am anderen Ende des unbeleuchteten Decks. Einen Moment nur stürmt er wieder herab und schüttet den Eimer mit Schwung über dem Tisch aus: Flammen ersterben widerspenstig, zischend. Heißer Alkohol verpufft, Dampf steigt auf und ein Stapel leerer Pergamente wird herabgespült. Das Wasser sammelt sich in einer Ecke, schwappt unbestimmt hin und her. Ein Griff nach dem Hahn des vermaledeiten Schnapsfasses, schon ist die Gefahr gebannt. Es verbleibt eine verbrannte Tischfläche und ein ungebührlich leeres Fass.


Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Endtag, 14. Carmar 22 nach Hilgorad


Nachtrag: Sonst keine besonderen Vorkommnisse. Alles unter Kontrolle!

- Tintin.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 19.10.11, 23:22 
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Navigation und Nickerchen

Zur Mittagszeit des neunzehnten Carmars..

Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Mittentag, 19. Carmar 22 nach Hilgorad


Höhe über Grund ist jenseits der fünfzig Schritt, wie auch zuletzt. Der Kurs ist unverändert, da mir die See gewogen scheint. Der Wind in meinem Rücken frischt auf und treibt die Ente mit vier bis viereinhalb Knoten voran - äußerst erfreulich, auch wenn ich mich davor hüten sollte, auf noch mehr Wind zu hoffen. Momentan tut's für eine angenehme und zügige Fahrt, doch mehr sollte es nicht werden. Die Abdrift bleibt unverändert gering.

- Tintin.


Er klemmte sich die Spitze des Federkiels zwischen die Zähne (eine alte, aber ungesunde Angewohnheit) und lehnte sich zurück, die Karte auf dem Schoß. Die wenigen Notizen, die das frische Pergament zierten, würden ihm auf Dauer nicht weiterhelfen. Natürlich hatte er ungefähr eine Ahnung, auf welcher Breite er sich befinden musste. Das war noch einfach. Das mit der Länge? Schwierig, auf hoher See. In den Gewässern um Falandrien war es trivial, da man bei Bedarf sich schlicht der Küste nähern musste, um die Länge an einem Merkmal der Landschaft zu erkennen. Und auch das war nun wirklich nicht nötig. Falandriens Schifffahrt war zu großen Teilen eine Küstenschifffahrt, da es schlicht kein Ziel abseits gab, für das es sich lohnen würde, mehr als einige Zyklen in See zu stechen. Siebenwind, natürlich. Aber dafür gab es die gründlichen Aufzeichnungen hunderter Kapitäne, die über die vielen Jahre hinweg nun schon dorthin aufgebrochen waren.

Theoretisch musste er also versuchen, eine Breite abzufahren, auf der sich an der Ostküste Falandriens ein lohnenswertes Ziel befinden würde. Eigentlich leicht. Noch ein paar Tage auf dem Südwestkurs, bis er auf dem Breitengrad Endophals war, circa, dann konnte er diesem gemütlich folgen. Ein nautisches Kinderspiel - was konnte schon schiefgehen? Die Karte rollte er wieder zusammen und warf sie zurück auf den Tisch, um sich vom Stuhl sogleich direkt in die Hängematte zu schwingen. Nach dem ausgiebigen Deckschrubben und Seilflicken heute hatte er sich eine ausgedehnte und ausgiebige Pause verdient.


- - -

Zum letzten Dunkelzyklus des neunzehnten Carmars..

Nach geraumer Weile rollte er sich aus der Hängematte und kam ungeschickt halb hinausgefallen. Ein ausgiebiges Strecken, dann langte er mit der freien Hand (die Andere kratzte den Hintern) nach dem Sextanten auf dem Kartentisch gegenüber. Mit dem zierlichen Gerät aus Bronze in der Hand kletterte er die Leiter hinauf und kommt aus der Luke zum Vorschein. Ein Blick umher: Alles ruhig an Deck. Hell klingt das Wasser, das bei jedem Wellenkamm gegen Bug und hauptsächlich steuerbord platscht. Ein gründliches Gähnen durchrreißt die nächtliche Stille ehe er sich zusammenreißt und nach backbord tritt, den Sextanten vor die Augen hebend. Den Durchblick gen Horizont (wo sich bereits zaghaft ein dünnlicher Streifen Felaröte abzuzeichnen begann) beginnt er an der Alhidade zu schieben und zu ziehen bis der gewünschte Stern gerade so auf gleicher Ebene ist. Ein Blick auf die Gradzahl an der Skala -

Der halbschlafende Seemann stutzt. Irgendetwas stimmt hier ganz sicher nicht. Zügig richtet er den Sextanten auf einen anderen Navigationsstern und vollführt die selben, geübten Handgriffe. Dasselbe Ergebnis kommt dabei heraus. Da dringt auch ein lange ignoriertes Geräusch an seine Ohren: Das Rahsegel, von den drei verfügbaren Segeln momentan allein gehisst, killt. Das Schiff steht hart am Wind, sodass der Wind nicht von hinten greift, sondern von vorn an den Segelseiten vorbeisaust und Tuch und Tau schlackern und tanzen lässt.

Während seines unbedachten Nickerchens hatte der Wind gedreht.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 27.10.11, 19:27 
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Einsame Stunden

Zum Zenit Felas am siebenundzwanzigsten Carmars....

Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Vierentag, 27. Carmar 22 nach Hilgorad


Kurs geändert auf West nachdem der Wind die Richtung geändert hat - nun kommt er aus Norden, sodass ich beständig halb am Wind fahre. Die Geschwindigkeit meines Vorankommens hat darunter in keinster Weise gelitten. Nach einem Unfall Vorfall habe ich es jedoch als nötig erachtet, regelmäßig Nachtwache zu halten. Da geht mein ungestörter Schlaf dahin: Von nun an werde ich zu jeder vollen Stunde, etwa, aufstehen müssen um nach Wind, Wetter, Seegang und anderen Vorkomnissen Ausschau zu halten. Schlaf ist eh bloß etwas für Morsansdiener und Tagediebe.

Davon abgesehen gibt es keine Neuigkeiten. Der Proviant hält sich noch gut und sollte mich sicher an mein Ziel bringen. Falls eben dieses nicht mehr als zwei Monde entfernt liegen. Ich hoffe das Beste und bete regelmäßig zu Ventus und Xan.

- Tintin.


Mit einem leisen Seufzen klappt er das schwere Buch wieder zu, den Federkiel zwischen zwei Seiten einklemmend. Mit etwas Schwung beförderte er es in Richtung der offenen Luke, sodass es polternd wieder unter Deck kam. Die Beine des blonden Seemanns baumelten über das hölzerne Geländer steuerbord. Wenige Schritt darunter schwappte die See träge entlang und warf sich nur gelegentlich auf, um einen Platscher gegen die Bordwand zu werfen. Statt zum Buch griff er nun zum Kürbis auf seinem Schoß und zückte wieder das Messer. Die orangen Fruchtfleischreste wischte er am Geländer neben sich ab, ehe er wieder zu Werke ging: In großer Ruhe und mit ordentlich Geduld dahinter bearbeitete er die Oberfläche des Kürbis', ritzte hier entlang, schnitt dort. Mal schälte er nur die derbe, oberflächliche Haut ab, mal stach er ganz hindurch, bis ins ausgehöhlte Innere. Zumeist aber saß er nur da und hielt den Kürbis auf Armlänge vor sich, um das sich abzeichnende Relief still zu betrachten, auf der Suche nach einem Detail, das er noch hinzufügen könnte.

- - -


Dunkelheit war hereingebrochen, doch noch immer saß der Blonde dort. Der Kürbis leistete ihm nun Gesellschaft: er war mit zwei Tauen auf der Reling festgezurrt und im Inneren glomm eine Kerze. Durch das von innen geworfene Licht zeichneten sich die geschnitzten Konturen nun doch deutlicher ab: Es war der Kopf einer Frau im Profil, durchaus ansehnlich.
"Weißt du, Clara, auf Reisen allein zu sein ist ziemlich ungewohnt für mich", sprach der Seemann zum Kürbis an seiner Seite (das erste Mal seit Beginn seiner Reise, das er überhaupt etwas gesagt hatte). "Wenn man wandert, findet sich immer irgendjemand, mit dem man das abendliche Lagerfeuer teilen kann. Man findet Mitreisende, die einen ein Stück des Weges begleiten. Man kann sich austauschen, Ratschläge und Warnungen weitergeben. Tolle Sache - wo ein armer Wandersmann in der Nähe das beste Essen aufgetischt bekommt. In welcher Gegend man beruhigt schlafen kann, und wo man es wirklich nicht sollte. Es gibt die Pferdeställe der Kuriere und viele, viele Gasthäuser und Schenken an den größeren Straßen. Und sonst kann man immer schauen, dass man ein Plätzchen in einem Heuschober oder einem Stall erwischt. Hier ist's.. anders. Nur.. du, ich und die weite, weite See. Wird eine Zitterpartie, die Reise."

Er blickt zum Kürbis an seiner Seite und spricht: "Weißt du, Clara, ich glaub' wir werden die besten Freunde."


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BeitragVerfasst: 1.11.11, 19:11 
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Maden und Mattheit

Am ersten Seker...

Still stand er am Bug des Schiffes und blickte hinaus. Um ihn herum - grün, soweit das Auge reichte. Es sah aus wie eine einzige, unermessliche Wiese sattesten Grases. Es fehlten nurnoch ein paar fette und zufriedene Schafe, und die ländliche Idylle wäre vollkommen. Doch beim näheren Hinsehen offenbart sich das eigentliche Wesen des unerwarteten Grüns: Es sind ineinanderverworrene Schwärme aus Algen, ihrerseits teils schon wieder von winzigen Gräsern oder kleinen Wasserpflanzen überwuchert, bis sich ein gewobener und doch lebendiger Teppich ergibt.

Mit einem leisen Seufzen widmete er sich wieder dem Logbuch. Platz genommen hatte er auf einem der soliden Eichenfässer, die einst mehr als ausreichende Reserven beinhaltet hatten.


Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Wandeltag, 01. Seker 22 nach Hilgorad


Dies wird mein letzter Eintrag bleiben, denn hiermit endet wohl die Expedition. Ich hatte große Hoffnungen, und sie wurden auch gründlich erfüllt. Der Wind war mir zu jedem Zeitpunkt meiner Reise gewogen und ich blieb von den Plagen verschont, die damals die 'Namikleris' gesucht hatten: Kein Kraken wollte mir ans Leder, keine Seeschlange empfand mein treues Boot als Spielzeug. Ich wurde nicht ernsthaft krank, und kleinere Zipperlein konnte ich mit meiner Bordapotheke ohne Umstände beheben. Ich werde das Buch vermutlich in eines der leeren Fässer stecken, in der Hoffnung, dass es als Warnung irgendwo ankommt. Mich hat nichts des oben Erwähnten bezwungen, letztenendes, sondern zwei unglückliche Zufälle. Zum einen war meine Ladung seit Aufbruch von Maden verseucht, die ich erst vor Kurzem entdeckte, im Pökelfleisch. Ausgerechnet. Ich musste drei Viertel meines Proviants über Bord werfen, um zu verhindern, dass der geringe Rest auch noch heimgesucht wird. Sicher sein kann ich mir nicht: Optimistisch betrachtet bleibt mir noch genug Nahrung für einen bis zwei Wochenläufe, je nach Rationierung. Bereits jetzt hat mich der selbsterzwungene Hunger geschwächt.

Desweiteren darf ich mich wohl rühmen, der See ein weiteres Mysterium entrungen zu haben. Immerhin. Mein Schiff steckt nun in einem Algenfeld unfassbarer Größe fest. Ich nahm mir die Zeit, die Bewegungen der einzelnen Teile dieses Teppichs zu betrachten. Es scheint, als würden hier vier größere Strömungen so zusammentreffen, dass festere Bestandteile wie eben Algen sich mittig ansammeln, in einer Art Strudel. Ich meine auch Menschengeschaffenes ausgemacht zu haben, Holzstücke etwa. Aber ich komme nicht nah genug heran. Das Ruder meines Schiffes wird von den Algen umklammert und auch wenn der Wind unverändert (schwach) in die rechte Richtung wehen mag, so komme ich nicht vom Fleck.

- Tintin.


Er legte eine Hand auf das geschnitzte Haar des Kürbis' neben sich, streicht daran entlang und spricht mit krächziger Stimme: "Weißt du, Clara, ich glaube, wir stecken in einem verdammt großen Haufen Mist."


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 6.11.11, 22:36 
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Ein Sturm zieht auf

Am sechsten Seker...

Mit einem Ellbogen hielt er das offene Buch vor sich auf dem Tisch fest, die andere Hand packte das wegrutschende Tintenfässchen. Hinter ihm fielen polternd leere Fässer um und die Luke über seinem Kopf wurde vom Wind aufgezerrt: Prasselnder, kalter Regen hinterließ eine feuchte Spur auf dem feuchten Pergament des Logbuchs, ehe der Seemann fluchend die Luke wieder verriegelte. Hastig schmierte er etwas hin.

Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Felatag, 06. Seker 22 nach Hilgorad


Sag' niemals 'nie'! Habe Essen improvisiert, indem ich Algen mit dem Bootshaken an Deck geholt habe. Felas Schein hat sie getrocknet. Völlig ungenießbar, aber nahrhaft genug. Habe einen ordentlichen Haufen von diesem Grünzeug an Bord, sollte eine Weile halten. Bin auch aus dem Algenfeld heraus, aber gleich vom Regen in der Traufe gelandet. Aber so richtig. Vor vier Tagen überholte mich eine Sturmfront von hinten - konnte noch rechtzeitig Gaffel- und Rahsegel einholen und mache mit dem verbleibenden Fock großartige Fahrt. Knochenarbeit und verdammt gefährlich, hat mich aber mit einem Ruck aus den Algen befördert. Schiff noch intakt, bete zu Ventus um etwas Atempause. Müde von ständiger Wachsamkeit.

- Tintin.


Mit einem Ruck zog er das schwere Hanftau fester um sich, das erst am Mast an Deck endete. "Mich kriegst du nicht so leicht von Bord geweht, Freundchen", knurrte er dabei leise, ehe er die Leiter wieder hinaufstieg, hinauf in das tobende Durcheinander, das aus dem Schiffsdeck geworden war. Eine losgerissene Schot schlug ihm einer Peitsche gleich gegen die Schienbeine, angetrieben vom harten Wind. Ein hektischer Blick hin und her - noch hielt das Focksegel. Die Ecke mit den Vorräten war leer, er hatte noch rechtzeitig alles unter Deck geschafft. Jetzt galt's zu hoffen, dass der Sturm bald genug vorbeiziehen würde. Die Sicht war beschränkt, an Kursermittlung so nicht zu denken. Er ballte eine Faust zu den schweren, schwarzen Wolken über seinem Kopf, die ihn mit dem reinsten Platzregen heimsuchten. In Strömen floß das Wasser an der Reling vorbei von Deck. Wasser von oben, Wasser von unten.

Als der erzürnt wirkende Himmel von der Drohgebärde keine Notiz zu nehmen schien, lachte der Blonde in sich hinein. Besser als eine Flaute, allemal!


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 7.11.11, 22:40 
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Selbst am Tag da drauf scheint der Sturm nichts von seiner unbändigen Wut verloren zu haben, pausenlos jagt der Wind über die von Wellen zerklüftete See. Unablässlich erheben sich Meter hohe Wellen aus den kalten Fluten die das kleine Schiff mit schier unbändiger Kraft hin und her werfen. Wie ein Wunder mutet es dabei an, dass das Schiff nicht längst in seine Einzelteile zerschmettert wurde sondern den Gewalten des Meeres trotzt. Dennoch ist an die Navigation nicht zu denken, die beinahe schon pechschwarze Wolkendecke sowie die allgegenwärtigen Gischtwolken sorgen ihr übriges dazu, dass von dem Weg der vor dem Schiff liegt nicht mehr zu erkennen ist als das Grau der aufgewühlten See. So scheint es einzig in den Händen der über See und Sturm gebieten Mächte zu liegen ob jene im Meer verlorene Ente die kommenden Tage erleben wird.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 8.11.11, 15:39 
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Noch immer hat der Sturm nichts von seiner Kraft verloren, stattdessen drönt nun auch noch ohrentäubener Donner über die Weiten des Meeres. Wielange der Sturm nun schon andauert,.... ungewiss, immer mehr verschwimmen die Grenzen zwischen den Zyklen im Wechselspiel von finsterer sternenloser Nacht und düsterem im Zwielicht liegendem Tag, einzig die regelmäßgen gleißend hellen Blitze vermögen es dabei für Bruchteile eines Liedschlages die Finsternis zu bannen und einen Blick auf die zerklüftete See zu erlauben. Wie weit der Sturm das winzige Schiff von seinem ihn angetrauten Kurs abgebracht hat lässt sich dabei bestenfalls erahnen, doch wahrscheinlich liegt die Strecke bei dem Vielfachen einer normalen Tagesreise. Schließlich jagt eine weitere Böe über die weiten des Meeres, begleitet wird sie von einem lauten Heulen das wie das Wehklagen tausender verzweifelter Stimmen amutet. Dem Sturmstoß folgt eine Meereswelle die wohl am ehesten mit dem Wort 'gewaltig' zu beschreiben ist, mindestens 10 Meter türmt sich das nasse Ungetüm auf, geradewegs auf die schwimmende Ente zuhaltend. Schließlich treffen Welle und Schiff aufeinander, ein lautes Ächtzen folgt, Wasser dringt teilweise in das innere des Schiffes und durch die Wucht des Aufpralls wird der Kapitän geradewegs ins andere Ende der Kajüte geschleudert. Schließlich prallt er mit dem Kopf gegen einen hölzernen Querbalken, Blut rinnt sogleich aus der Wunde durch die blonden Haare hindurch, schließlich wird es Dunkel vor den Augen des Kapitäns, das Drönen des Sturmes verstummt allmählich, rückt in schier endlose Ferne ehe die Dunkelheit gänzlich das Bewusstsein des Lazalantin überkommt.


Fortsetzung folgt ... ?


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BeitragVerfasst: 9.11.11, 01:44 
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Als Lazalantin allmählich wieder zu sich kommt herrscht eine geradezu gespenstische Ruhe rings um ihn herum, nichts ist mehr von dem Donnern des Gewitter, dem Tosen der Wellen oder gar dem Heulen des Windes zu vernehmen. Als die ersten Strahlen Felas die sich öffnenden Augen des erwachenden Kapitäns treffen beginnen diese sogleich zu brennen und erst nach einigen Momenten hat sich der junge Mann an das neuerliche Licht des Tages gewöhnt. Von der zuvor fast nachtschwarzen Wolkendecke ist indes nichts mehr zu erkennen, stattdessen thront Fela hoch oben inmitten eines azurblauen wolkenlosen Himmels. Als Lazalantin noch immer leicht benommen nach seiner Wunde am Kopf fasst bemerkt er, dass sein blondes Haar teilweise von getrocknetem Blut durchtränkt ist, kurz da drauf wird ihm auch noch der geradezu widerliche Salzgeschmack in seinem Mund gewahr sowie ein kaum auszuhaltender Durst. Einige tiefe Schlücke aus einem Wasserschlauch später inspiziert der Kapitän rasch sein Schiff, doch zu seiner Erleichterung scheint sein Gefährt keine größeren Schäden davon getragen zu haben, zumindest keine welche die Weiterfahrt gefährden.

Schließlich schweift der Blick von Lazalantin erneut zum Himmel, tatsächlich ist hier keine einzige Wolke zu erkennen, auch von eventuellen Vögeln fehlt jede Spur. Als sich der Blick schließlich gen Horizont hernieder senkt erblickt Laz zuerst nur die schier endlosen blauen Weiten, erst beim zweiten Blick ist eine Art Gebilde in der Ferne des Ozeans zu erkennen. Ein Blick durch das Fernrohr offenbart schließlich, dass mehrere grauschwarze Objekte aus dem Meer empor ragen, wie Türme oder Säulen muten sie dabei an. Zwar lassen sich ihre genauen Abmaße nur schwerlich abschätzen, doch scheinen sie durchaus von beachtlicher Größe zu sein.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 9.11.11, 10:13 
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Klarschiff

Später...

"Ugh". Nach den gierigen Schlücken aus dem Wasserschlauch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, gleich den ganzen Kopf in das volle Fass zu tunken. Mit den Händen rubbelte er die eingeweichte Salzkruste ab, schaudernd bei dem Gefühl. In der Kajüte stapelten sich die in Sicherheit gebrachten Vorräte und das Wasser stand einige Fingerbreit hoch. An den Rändern war es bereits teilweise verdunstet, um noch mehr von dem vermaledeiten Salz zu hinterlassen. Fluchend erklomm er den Haufen aus Kisten und Truhen mit Vorräten und quälte sich durch zum anderen Ende des kleinen Raums. Dort packte er ins Wasser, tastete herum und öffnete schließlich die Lenzklappen. Durch die Fahrt des Schiffs wurde so das Wasser nach draußen gezogen.

- - -

Gefühlte Stunden später...

Bewaffnet mit Eimer und Wurzelbürste hatte er das Deck wieder sauber geschrubbt und befreit von Meeresgetier und -gewächs, das mit an Bord gespült worden war. Ganz zu schweigen von dem allgegenwärtigen Salz, das unter den Stiefelsohlen knirschte. Die Reling war größtenteils eingebrochen - er hatte sie nicht mit solchen Stürmen im Sinn gebaut. Mit dem Holz, das er für Reparaturen mitführte, könnte er dies flicken, aber das hatte zu warten. Die Vorräte wurden wieder an Bord geschafft und mit dem Netz und allerlei Seil gesichert. Zuletzt ging's die Wanten hinauf, um die festgebundenen Segel zu lösen und zu entfalten. Die Masten zeigten kleinere Haarrisse, aber auch das könnte er mit Harz und Honig irgendwie wieder zusammengeklebt bekommen. Hauptsache - ankommen! Das Schiff hatte auf jeden Fall seine Feuertaufe hinter sich gebracht. Abgewetzt sah es aus, als wäre es schon Jahrzehnte auf hoher See.

Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Zeitpunkt unbekannt


Ventus hält selten was davon, seine Diener zu schonen. Kann mich immerhin dafür bedanken, dieses Unwetter in einem Stück überstanden zu haben. Mein Schädel brummt, jeder Muskel schmerzt, aber sowohl das Schiff, als auch ich, haben durchgehalten. Keine größeren Schäden sind zu verzeichnen. Bei Gelegenheit werde ich die Reling instand setzen müssen, und auch das Ruder hat sich verschoben, aber Beides ist keine große Sache. Ich habe sämtlichen Überblick über meine Position und die Zeit verloren - wer weiß, wie lang ich zum Ende des Sturms hin bewusstlos gewesen bin. Ich meine mich vage daran zu erinnern, ordentlich Fahrt gemacht zu haben (ich hätte das Focksegel auch einholen sollen), doch nun erwische ich keinen meiner üblichen Navigationssterne, um das auch zu überprüfen. Besorgniserregend.

Ich verzeichne auf der Karte meiner Reise mal diesen Ring aus Unwetter, denn ich halte es für ein beständiges Phänomen. Wo die Strömungen sich bereits so tollwütig verhalten, da liegt es nah, dass sich das auch auf die Aufwinde auswirkt. Erklärt zudem, warum das Wetter nun so scheint, als könnte es keiner Fliege ein Haar krümmen: Der Himmel ist bestechend blau, die See ruhig, der Wind zart, aber ausreichend.

Vor lauter Ungewissheit gibt es auch gute Neuigkeiten zu verzeichnen. Nach so langem Darben auf hoher See habe ich am Horizont etwas erblickt. Steinerne Stelen scheinen es zu sein - spitze Berge? Ich werde es persönlich überprüfen, das bin ich meiner Neugier schuldig. Zudem hat mein treuer Mitreisender, der Kürbis 'Clara', den Sturm ebenfalls überstanden. Da gönn ich mir auch mal ein wenig Sentimentalität.

Dies ist Käpt'n Lazalantin an Bord der 'Ente', jetzt mit direktem Kurs auf die fernen Säulen.

- Tintin.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 9.11.11, 23:49 
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Schließlicht erreicht das Schiff, von mäßigem Wind getrieben, das erspähte Ziel. Als der Kapitän aus seiner Kajüte hinaus tritt erblickt er in etwa 100 Metern Entfernung mehrere steinerne Säulen unterschiedlicher Größe welche aus dem Meer empor ragen. Die höchsten von ihnen erheben sich mehrere hundert Fuß aus dem Meer hinaus, andere hingegen sind deutlich kleiner und verschwinden beinahe gänzlich in der noch ruhigen See. Der Durchmesser der meisten Säulen scheint dabei zwischen 10 und 40 Metern zu liegen wobei die Oberseiten beim Großteils der Gebilde äußerst flach sind. Die Oberflächen der einzelnen Säulen varieren ihrer Farbe schwach zwischen einem dunklen Grau und einem matten Schwarz und egal wie genau der Kapitän die Säulen in Augenschein nimmt, ein Zeichen menschlichen Wirkens lässt sich auf keiner von ihnen finden, auch der Zahn der Zeit scheint keinerlei Spur hinterlassen zu haben.

Als Lazantin den Blick schließlich von den Säulen in seiner unmittelbaren Nähe abwendet und in die Ferne blickt erspäht er zahllose weitere Stelen die sich gleich den Bäumen eines Waldes erheben. Der Abstand zwischen den einzelnen Gebilden liegt dabei grob geschätzt zwischen einigen Dutzend und mehreren hundert Metern. Das Durchfahren des Feldes scheint dabei durchaus möglich, wenngleich dies gewiss die ganze Aufmerksamkeit des Kapitäns in Anspruch nehmen würde. Als Lazantin abermals in die Kajüte geht fällt sein Blick auf den Schiffskompass dessen Nadel einem Derwisch gleich unablässlich im Kreise dreht, weder gut Zureden, noch das umher Bewegen des Kompases oder das das Festhalten der Nadel können ihr dabei ihren neuerlichen Bewegungsdrang austreiben.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 10.11.11, 23:08 
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Surreales

Einen Tag später...

Nachdenklich stupste er sich mit dem Ende des Federkiels gegen den Mundwinkel. Die einzigen Geräusche waren das Kratzen der tintenfeuchten Spitze auf dem Pergament - und das Platschen der Wellen gegen die Seiten des Schiffs, so weit oben nurnoch schwach zu hören. Er saß auf dem Querbalken des vorderen Masts und ließ die Füße baumeln.

Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Zeitpunkt unbekannt+1


Ich weiß nicht so recht, wie ich das am Besten erkläre. Ohne völlig verwir- verwirrter als sonst zu klingen. Ein Versuch: Ich fand eine Ansammlung ebenmäßiger Steinsäulen variierender Größe vor, die unter der Wasseroberfläche noch bis zum Meeresgrund ziehen müssen. Dieser sonderbare Wald erstreckt sich scheinbar bis zum Horizont. Es ist.. beunruhigend, diese "Objekte" länger als unbedingt nötig zu betrachten. Ich könnte schwören, dass sie nicht auf diese Ebene gehören. Kein Schöpfer, kein offensichtlicher Zweck, kein noch so geringes Zeichen von Verfall. Sie.. - sie sind einfach da. Sowohl mein Kompass als auch meine üblichen Sterne haben mich im Stich gelassen, sodass ich nicht einmal mutmaßen kann, was mich hinter diesem Steinfeld erwarten mag. Fest steht, dass meine Vorräte inzwischen zwar zufriedenstellend sind, aber keinesfalls ausreichen, diese Dinger zu umschiffen.

Es wird wohl riskant, in Angesicht der Tatsache, dass einige der Säulen förmlich unter der Wasseroberfläche zu lauern scheinen, doch wenn ich nur mit halber Segelfläche Fahrt mache und vom Bug aus gut Ausschau halte, sollte ich mich durchmogeln können. Da kommt es mir zugute, dass die 'Ente' eher überschaubar ist von der Größe her.

Ich möchte mir keine allzu genauen Gedanken darüber machen, was ich hier wage. Natürlich reizt mich meine Neugier, doch juckt mich mein Sinn für Gefahr. Was, wenn es Tares Zähne sind? Was, wenn ich unbedacht geradewegs auf Ma'ahns Küste zuhalte, die schon unzähligen Schiffen als letzte Ruhestätte dient? Jeder noch so versponnene Gedanke scheint im Rahmen des Möglichen zu liegen, bei diesen Steinstelen. Ich möchte ihnen nicht zu nahe kommen, geschweige denn, sie anfassen. Schaurige Vorstellung.

- Tintin.


Er klemmte das Logbuch unter den straff gezogenen Gürtel und widmete sich dem Rahsegeln unter sich. Nach und nach ließ er Seil nachrutschen, bis das mächtige Hauptsegel zur Hälfte gesetzt war. Ein paar feste Seemannsknoten, schon schwang er sich wieder herab. Das vorher träge im Wind ruhende Schiff nahm Fahrt auf, als er den Kurs geradewegs auf die Lücke zwischen zwei größeren Säulen setzte, die ihn wie ein Tor willkommen hießen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 11.11.11, 01:23 
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Später am Abend ...

Murrend holt der Kapitän die Schnur der Angel wieder ein, auch dieses Mal hat er nichts gefangen, zum vierten Mal schon, egal wo inmitten der Säulen er die Segel einholt um der Fischerei nachzugehen, nirgends sind seine Versuche von Erfolg gekrönt, ganz so als würden die Fischschwärme diesen Teil des Meeres meiden. Ebenso wenig glückten seine Versuche die Tiefe des Meeres zu ermitteln, das Lot erwies sich an keiner Stelle als ausreichend lang um ein Ergebnis zu liefern. Gedankenverloren lässt der Mann seinen Blick abermals über die Säulen schweifen, keine einzige der bisher gesehene wurde dabei von irgendeiner Art von Tier als Nistplatz erwählt, weder Vögel noch Muscheln ließen sich dort nieder, nicht einmal der sonst so allgegenwärtige Seetang oder Algen sind an den Säulen zu erkennen. Als der Wind abermals auffrischt hisst der Kapitän schließlich wieder die Segel um seine Reise fort zu setzen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 12.11.11, 03:45 
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Ruhig steht Kapitän Lazantin am Steuerrad seines Schiffes, den Blick schweift dabei wachsam umher, seit einem Tag schon hat das Schiff unablässlich an Fahrt zugenommen, obgleich keinerlei Wind weht. Offenbar führt es eine ungewöhnlich schnelle Strömung mit sich, ein Umstand welcher den Kapitän zu äußerster Vorsicht treibt.Schließlich blickt der Kapitän noch einmal hinter sich, doch erblickt er einzig die schier endlosen Weiten des Meeres die in weiter weiter Ferne am Horizont mit dem Himmel zu verschmelzen scheinen. Doch allmählich vernimmt der junge Mann ein leises Rauschen welches aus der vor ihm liegenden Richtung kommt. Ein Blick durch das Fernrohr offenbart, dass der Horizont dem Anschein nach nicht in gewohnter Entfernung ruht sondern wesentlich näher am Schiff liegt. Mit verwirrtem Gesichtsausdruck eilt Lazantin die Strickleiter des Schiffes hinauf um abermals durch das Fernrohr zu spähen. Was er dort erblickt verschlägt ihm schier den Atem, ein gewaltiger Wasserfall verläuft quer, so weit das Auge blicken kann, in etwa 8 Meilen Entfernung durch das Meer. Rasch löst Lazantin die Segel und dreht sie gegen den schwachen Wind um eiligst Kurs zu setzen, fort von dem unnatürlichen Hindernis. Doch erweist sich der Wind als zu schwach um gegen die unermüdliche Strömung anzukommen welche ihn immer näher zu jener unheilsvollen Stelle trägt. Das zuvor leise Raschen wird indes immer mehr zu einem schier ohrenbetäubend lauten Dröhnen, schließlich ist der Wasserfall auch ohne Fernrohr gut zu erkennen, eine gewaltige Kischtkrone umspielt den Rang des Meeres welches so abrupt endet. Ein lautes Gebet zum Herren Ventus das er seine Winde schicken möge um ihn hin fort zu tragen entfährt dem Priester, doch scheint sein Herr ihn hier am Rande der Welt nicht hören zu können. Schließlich passiert das Boot den Wasserfall und Lazantin blickt in eine endlose Schwärze, ein offenbar bis ins Unendliche reichende bodenloses Loch in das ein niemals versiegender Strom Wasser hinab fällt. Tiefer und tiefer fallen das Boot und sein glückloser Kapitän in die Tiefe, ein lauter Schrei entfährt ihm dabei als die Dunkelheit alles rund um ihn herum erfüllt.

Fortsetzung folgt...


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 14.11.11, 23:42 
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Schlagartig reißt Lazantin die Augen auf, rasch atmend eilt sein Blick umher. Erst nach einigen Augenblicken realisiert er, dass er abermals von einem Alptraum heimgesucht wurde, der zweite schon in Folge. Beim ersten Mal träumte er noch wie ein gewaltiger Schwarm grässlicher Vögel, so groß das er den Himmel verfinsterte, über sein Schiff herfiel. Binnen weniger Augenblicke hatten die geflügelten Bestien das Schiff gänzlich in seine Einzelteile zerlegt, und nun träumte er davon vom Rand der Welt zu fallen, für einen kurzen Moment huschte die Frage durch seinen Kopf welche Ausgeburt des Wahnsinns ihn als nächstes heimsuchen würde. Schließlich richtet sich Lazantin mit müden erschöpften Gliedern auf, offenbar brachte die Nacht seinem Körper genauso wenig Erholung wie seinem Geist. Leise murrend steigt er aus seiner kleinen Kajüte, hinauf auf das Deck des Schiffes wobei ihn sogleich ein frischer, mäßig starker, Wind entgegen schlägt. Offenbar ist es noch frühster Morgen und nur vereinzelt erhellen die ersten Strahlen Felas die unwirkliche Szenerie. Ein dichter kalter Nebel zog offenbar über Nacht auf, kaum mehr als fünfzig Meter reicht der Blick durch die gräulich amorphe Masse. Nach einer kurzen Verschnaufpause entschließt sich der Kapitän seine Fahrt fort zu setzen, behutsam setzt er wieder die Segel, welche er am Abend zuvor vor seiner Nachtruhe eingeholt hatte. Vorsichtig navigiert der Kapitän sein Schiff dabei durch die Säulen welche inmitten des Nebelfeldes noch unwirklicher wirken. Unaufhörlich weht der Wind dabei durch die steinernen Stelen wobei sich immer wie ein sonderbares Geräusch in das Heulen des Windes mischt, wie ein lautes Schluchzen und Wehklagen mutet es an. Nochmals streicht sich der Kapitän durch sein blondes schweißnasses Haar, ob das Heulen wohl auch nur eine Einbildung seines noch immer müden Geistes ist? Zumindest schafft es der Wind allmählich die auf ihm liegende Müdigkeit zu vertreiben und so hebt Lazantin den Blick und sieht zum diffusen goldenen Lichtschein welcher allmählich durch den Nebel dringt und vom Anbruch eines neuen Tages kündet.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 18.11.11, 19:35 
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Qual

Später...

Wie besoffen lehnte er an einem der Fässer an Deck. In der rechten Hand hatte er einen Holzbecher mit Rum, in der Anderen einen Riegel aus getrockneten Algen. Viel mehr war von den Vorräten nicht mehr über. So kam zum matten Geist auch der bohrende Hunger, der jeglichen Gedanken fortwischte und seine Fantasie immer wieder zu Tagträumereien von köstlichen Brandensteiner Mahlzeiten in der Seeschlange zog. Mit einem leisen Seufzer blickte er beiseite - es fehlte nicht viel, und er könnte eine der vorbeiziehenden Steinsäulen mit bloßer Hand berühren. Bedrohlich wirkend wichen sie nie von seiner Seite. Sie marterten seinen Geist mit ihrem Mysterium und folterten ihn des Nachts, indem sie ihn mit Alpträumen um die wenigen Stunden der Ruhe brachten, die ihm blieben. Langsam verfiel er der düsteren Gewissheit, dass die Träume nicht von ungefähr kamen, sondern ein Omen bevorstehender Gefahren waren. Er würde vom Rand Tares stürzen oder von einem Schwarm dämonischer Vögel heimgesucht werden, doch schon lange hatte er den Punkt überschritten, an dem eine Rückkehr möglich gewesen wäre. Er würde schlicht verhungern, denn nun war er schon fast vierzig Tage auf hoher See: Weit, weit weg von Siebenwind.

Träge langte er nach dem Logbuch, das ebenso gründlich zerrüttet aussah wie sein Besitzer: Das allgegenwärtige Meerwasser hatte hartnäckiges Salz und welliges Pergament mit sich gebracht. Er legte eine Hand auf die leere Seite, die für den nächsten Eintrag reserviert war und starrte diese für einen Moment einfach nur an. Ein trübes Murren entfuhr ihm - was sollte er schon dokumentieren? Was war erwähnenswert? Er verwarf den Gedanken und blätterte stattdessen zurück, die zurückbleibenden Einträge betrachtend.


- - -


Er war für einen Moment eingenickt - das schabende Geräusch von Holz auf Stein erweckte ihn, als das Schiff sich an einer Säule entlangrieb und diese nurnoch gerade so passierte. Auf dem Schoß lag das offene Logbuch, die Seiten waren von kurz vor dem Sturm: Ein bedrückendes Zeugnis der Wirkung der Einsamkeit und der nagenden Ungewissheit. Noch während er hinsah, griff eine sanfte Brise unter die Seiten und schlug sie zurück, bis zu einem der frühsten Einträge: Der Halt bei Fera Noril, wo er noch guten Mutes jedes Detail des Kurses vermerkt hatte. Die Worte strotzten vor Selbstbewusstsein und Gewissheit und trugen zwischen den Zeilen Genugtuung in der Erinnerung an die Erlebnisse an Bord der 'Namikleris'.

Mit einem Ruck erhob er sich und warf das Buch mit voller Kraft voran. Mit flatternden Seiten traf es auf das Focksegel, stürzte auf den Rand der Reling und kam mit gebrochenem Buchrücken zum Liegen. Schwer atmend stand er dort, das misshandelte Buch anfunkelnd, kochend vor übersprühender Wut und konzentriertem Zorn - auf sich selbst. Ebenso schnell wandelte sich die Absicht: Die Hände riss er auseinander, als würde er einen Bogen spannen. Die Aufgebrachtheit des Blonden übertrug sich auf die Luft zwischen den Händen und erschuf aus der vorher so ereignislosen, bedrückenden Stille ein elektrisches Surren als sich Spannung aufbaute. Mit einem wilden Aufschrei entlud sich der Blitz gegen die nächstbeste steinerne Stele. Mit glühenden Augen und dampfenden Händen stapfte er an den Bordrand und lehnte sich mit einer Hand an der Reling hinaus, um nach dem fremden Objekt zu schlagen und zu treten, mit bloßen Händen und Füßen.

Als der gewünschte Effekt ausblieb schwang er sich hoch in die Wanten und brüllte dem Wald aus Stein im Wahn entgegen: "Ihr kriegt mich nicht klein, hört ihr?! Ich entdeckte Inseln, bezwang Kraken und Schlangen, durchquerte die grüne See und den Ring aus Stürmen. Ich reiste weiter als Armgard Torbenson und widerstand wie auch er sieben Tagen Wind und Sturm. Ihr haltet mich nicht auf, und möget ihr Tares' Zähne sein!"

Und noch viele Zyklen mag diese Besessenheit anhalten - wie wahnsinnig geworden schwingt er sich in der Takelage hin und her, verbissen drauf bedacht, sein Schiff voran zu treiben.



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BeitragVerfasst: 21.11.11, 00:48 
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Weiter und weiter geht die Fahrt durch das noch immer in Nebel liegende Säulenmeer, Säule um Säule umschifft der Kapitän mühsam, die anhaltenden Alpträume sowie der damit verbundene Schlafmangel zehren dabei zunehmend an seiner Konzentration. Weiter geht die Fahrt, immer wieder stimmt der zunehmend kraftlose Seefahrer dabei laute Lieder an um sich die Müdigkeit fern zu halten. Allmählich jedoch keimt neue Hoffnung auf als sich der schon 2 Tage lang anhaltende Nebel zu lichten beginnt. Schließlich stoppt die Nebelfront gänzlich und das Schiff fährt hinaus auf die im hellen Licht des Tages liegende See. Keine einzige Säule ist mehr vor ihm zu erkennen. Etwa einen sechsten Zyklus später blickt Lazantin abermals hinter sich, dabei erblickt sein Auge eine riesige, scheinbar von einem Ende des Horizontes zum Anderem ragende Nebelwand aus der zahllose Säulen heraus stechen. Zutiefst beruhigt die Säulen hinter sich gelassen zu haben taumelt der Kapitän zurück in seine Kajüte um Geist und Körper Ruhe zu gönnen.

Ein leises Gähnen entfährt dem Mann als er sich noch einmal streckt, nach einer gefühlten Ewigkeit war es ihm endlich wieder gelungen ohne Alträume zu schlafen, von neuer Kraft erfüllt tritt der Kapitän an Deck wo ihn sogleich eine kräftige Brise begrüßt. Weder von den Säulen noch von dem Nebel ist mehr zu erkennen als eine winzige graue Linie welche sich zwischen dem Marinblau des Meeres und dem Azurblau des wolkenlosen Himmels befindet. Schließlich setzt Lazantin volle Segel ehe er nochmals sein Schiff abschreitet, jede Stelle auf genauste inspizierend. Zunehmende Sorge bereiten ihn dabei die immer weiter schwindenden Vorräte, wenn ihm keine gute Idee kommt wird er bald schon vor einem gewaltigen Problem stehen. Als er mit der Inspektion fertig ist und zum Steuerrad zurück kehrt trifft es ihn wie ein Schlag auf den Hinterkopf, die Nadel des Kompasses hat sich keineswegs beruhigt, noch immer dreht sie sich unablässlich wie ein nimmermüder Kreisel.Leise fluchend blickt er abermals gen Himmel, sich dabei fragend wie es wohl weitergehen mag.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 24.11.11, 00:22 
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Kielholen


Mit einem Ruck riss er das Steuerrad herum, sodass das Schiff mit dem Bug nun direkt in die Richtung zeigte, aus der der Wind kam - das musste reichen, wenn schon der Kompass sich aufführen mag wie ein eingeschnapptes Kind. Ein kurzer Blick umher, damit er nach seinem kleinen Vorhaben auch wieder die richtige Richtung einschlagen würde, dann ging es hinauf in die Wanten. Die Segel wurden vollständig gerefft, bis das Schiff ruhig und still im Wasser vor sich hindümpelte. Eines der Taue warf er herab aufs Deck und folgte sogleich hinterher - zwei flinke Knoten wurden gesetzt, sodass er schnurstracks mit einem Seil um den Bauch am Mast festgebunden war, mit einigen Metern Freiraum.

Als er das Schiff damals gebaut hatte, hätte er eigentlich Kupfer anbringen müssen. Eine althergebrachte Sitte im Schiffsbau, denn das glänzende Metall hielt die Pest jedes Schiffskiels fern: Muscheln, Seepocken, Krabben in ihren Kalkpanzern, die sich an das unbehandelte Holz klammerten und davon zehrten, bis man das Schiff bald alle paar Jahre kielholen musste, nur um es von dieser Last zu befreien. Der Hunger, heißt es, ist der beste Koch. So galt es jetzt herauszufinden, ob diese blinden Passagiere auch essbar sein würden.

Mit Schwung warf er sich kopf voran und oben ohne von der Steuerbordseite. Ein lautes Platschen - dann spürte er Druck in den Ohren und verspürte ein vertrautes Brennen in den Augen, das Salz des Meeres. Bitterkalt war es geworden. Die Hände hielt er sich senkrecht an die Stirn, atmete ein wenig Luft aus und blickte mit so geklärter Sicht zum Schiffskiel. Mit der Rechten zog er schon sein Messer aus dem Gürtel, während er sich dem Kiel behutsam näherte. Mit Händen und Füßen tastete er nach freiem Halt am Holz des Schiffes, denn die Panzer der Krebse und Muscheln waren kantig und messerscharf; zweifellos gedacht, jeden fernzuhalten, der nicht so hartnäckig oder hungrig war wie der Blonde in diesem Moment. Mit der Klinge machte er sich an die Arbeit, um mühevoll etwas Halt zwischen Schale und Schiff zu bekommen. Dann ein Dreher im Handgelenk, schon ploppte das unbedarfte Tier ab. Ein paar wurden so gesammelt, ehe er auftauchte um sie aus dem Wasser heraus aufs Deck zu schmeißen.


- - -

Viel Taucharbeit später...

Ein Blick hinauf zu Fela, ein kurzes Nicken. Er schob die flache Eisenplatte hin und her, bis sich in der halbwegs glatten Oberfläche das Licht Felas fing. Nun hieß es abwarten, bis die wärmenden Strahlen ihr Übriges taten. Er griff erneut zum Hammer und widmete sich dem zweiten Teil der Zubereitung seines Festmahls: Mit Wucht zerschlug er die Schale eines der Meerestiere und pulte es, noch lebend, mit dem Messer aus seiner ehemaligen Heimat. Es kam zu einem Haufen mit seinen Artgenossen, während er die Schalen von Bord fegte. Ein Stück Fett brach er von dem ranzigen Klotz ab, den er aus den Vorräten zutage gefördert hatte, und warf ihn auf die Eisenplatte. Nur sehr zögerlich zerfloss es - es war der Jahreszeit entsprechend kalt, doch die direkten Strahlen Felas halfen gerade noch so. Dann den Haufen aus Meeresfrüchten drauf und verteilen. Nun galt es erstmal, ein Nickerchen zu halten, während die Mahlzeit vor sich hin schmorte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 28.11.11, 22:50 
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Eine an Körper und Geist zehrende Woche ist es nun her, dass die schwimmende Ente das Säulenmeer hinter sich gelassen hat, seitdem gibt es nur noch das Meer unter ihm und den Himmel über ihn, so weit das Auge reicht nichts anderes. Schier endlos zieht sich die Zeit auf See in die Länge und immer mehr beginnt die unaufhörliche Langweile den Geist zu zermürben. Zumindest ließ ihn der Atem des Ventus bisher nicht in Stich und so treibt das Schiff seit einigen Tagen schon eine stetige Brise voran.


Schließlich reist ein sonderbares Geräusch den Kapitän aus seinem tranceähnlichen Halbschlaf, rasch fällt sein Blick auf eine Stelle etwa 600 Meter steuerbords des Schiffes, wo das Meer allmählich zu blubern beginnt, winzige Blasen wie meterhohe Fontänen sprudeln empor und drücken mit ihren Wassermassen das Schiff vom Ort des Geschehens weg. Schließlich brechen einige königsblaue Dinge aus der Wasseroberfläche hervor, erst bei näherem Hinsehen durch das Fernrohr erkennt Laz schließlich, dass es sich offenbar um Tiere handelt. Ihr geschuppter, von Wasser benetzter, Leib reflektiert dabei unablässlich das goldene Licht Felas was es umso schwerer Macht Einzelheiten zu erkennen, doch scheint es sich um Wesenheiten von der Größe eines Fuchses zu handeln, ihr Leib hat eine längliche Form, wie die eines Delphins, und ihren Kopf schließt ein entenartiger Schnabel ab. Entlang der Flanken der Kreatur befindet sich ein Paar federloser Flügel welche die Kreaturen nutzen um sich rasch in die Luft zu erheben. Binnen kürzester Zeit ist ein Schwarm von etwa einigen hundert Exemplaren dem Meer entkommen, doch noch immer hört das Blubbern nicht auf, nein im Gegenteil, es nimmt sogar an Intensität zu.

Schließlich reist,begleitet von einer meterhohen Welle, das Meer auf und eine gewaltige grünlichrote Masse mit der Größe einer Insel erhebt sich aus den Fluten. Einige Momente lang steht der Kapitän wie versteinert auf seinem Schiff, unfähig das Schauspiel zu begreifen. Nur langsam realisiert er was offenbar vor sich geht, scheinbar ist eben ein gewaltiges Objekt aus den schier endlosen tiefen des Meeres empor gestiegen welches nun vor seinem Schiff treibt, ein Blick durch das Fernrohr lässt ihn eine Art riesigen Algenteppich erkennen. An einigen Stellen scheinen die Algen so hauchfein das man sie kaum mehr erkennen kann, an anderen Stellen ziehen sich gewaltige schlagenartige dornenbesetzte Fäden durch das Gebilde gegen die selbst der Hauptmast der Ente winzig erscheint.

Mit offenem Mund und ungläubigem Blick beobachtet der Ventuspriester das Schauspiel ehe ihm die zahllosen anderen Meeresbewohner auffallen, von winzigen Fischen bis hin zu gewaltigen Walen, die von jenem unnatürlichen Gebilde, wie von einem riesigen Fangnetz, erfasst und zur Opferfläche getragen wurden wo sie wild zappelnd allmählich ersticken. Immer wieder erkennt man auch gewaltige tierische Skelette inmitten der neu entstandenen Landmasse.

Wenige Augenblicke später erreicht eine Wolke bestialischen Gestanks die Nase des Seefahrers, so abscheulich das es ihn fast in den Zustand der Ohnmacht versetzt. Rasch eilt er, laut hustend mit tränenden Augen zum Steuerrad des Schiffes wo er neuen Kurs setzt, geradewegs weg von jener düsteren, dem Meer entsprungenen Abscheulichkeit.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 29.11.11, 12:26 
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Still und Heimlich


Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Zwanzigster Tag nach dem Sturm


Bei einer angenommenen Reisedauer von nun fünfzig Tagen bei durchschnittlich vier Knoten kommt eine beeindruckende Rechnung zustande. Ich muss bereits, ganz grob überschlagen, viertausend und achthundert Seemeilen zurückgelegt haben, was anderthalb mal der Strecke vom nördlichsten Norland bis zu den Mahad-Inseln Endophals entspricht.

Zu Wichtigerem: Ich passierte die Steinsäulen ohne einen größeren Zwischenfall und ohne weitere Schäden an meinem Schiff. Zwei Probleme kamen hinzu, beziehungsweise wurden verschärft: Einerseits geht mir in drei bis vier Tagen der Proviant endgültig aus, andererseits sitze ich wahrscheinlich in der größten Falle auf Tares' Angesicht. Ich beobachtete, wie nahe meines Schiffes ein Netz aus Algen zur Oberfläche schoss und dabei wie ein Käscher, wie eine Reuse die Meereskreaturen mit sich brachte, um sie ersticken zu lassen. Das Netz hat einen Durchmesser, den ich ob mangelnden Vergleiches nicht einzuschätzen vermag - doch sind sie riesig, unfassbar fast schon. Dazu kommt, das vor dem Auftauchen dieses Algennetzes unzählige Fischwesen sich aus dem Wasser erhoben und davonflatterten, ohne Federn an ihren fehlplatzierten Flügeln.

Nun stellt sich mir die Frage, was es mit diesem Irrsinn auf sich haben mag. Für den Moment bin ich zum Schluss gekommen, dass es sich tatsächlich um eine gigantische Falle handeln muss: Es erklärt, warum ich seit der Nähe zu den Säulen weder Fisch noch Vogel erblicken konnte. Sie wurden wohl wie mein Kompass verwirrt und schließlich von einem der Algennetze erwischt, um am Meeresboden.. irgendwie zu diesen geflügelten Delphinen mit Entenschnäbeln zu werden. Wer würde soetwas tun, wer hätte Freude daran oder auch nur einen Nutzen? Zweifellos ist der oder das Wesen, das hinter all dem steckt, mächtig. Ich muss auf der Hut bleiben. Am Ende ist's noch ein Wasserdämon, Xan steh' mir bei.

Meine einzige Gelegenheit, das hier in einem Stück zu überleben, ist, mich so leise und unauffällig wie irgendmöglich durch diese Gewässer zu schleichen. Wenn ich nicht als Beute empfunden werde, so werde ich mit etwas Glück von den Algennetzen verschont.

- Tintin.


Er klemmte das Buch wieder zwischen die Kisten mit Proviant an Deck und zog den Schal aus kratziger Wolle höher. Die Kälte war plötzlich hereingebrochen, hatte den nahenden Hauch Morsans mit sich gebracht. Als er heute morgen erwacht war, hatte Raureif das Schiff glasiert wie Zuckerguss und jeden Schritt zu einer Rutschpartie gemacht, bis Felas' wärmende Strahlen eingeschritten waren. Die Kälte nagte gar an der See: Nebelschwaden waberten über der Oberfläche der ruhigen See. Nun stand er dort, dick eingemummelt in Ölkleidung und Felle, gegen Kälte und Nässe. Mit den klammen Fingerspitzen löschte er die letzte Lichtquelle an Bord, seine treue Laterne. Die Hände legte er auf das kühle Holz des Steuerrads und hob' den Kopf leicht, zu den Segeln und weiter jenseits zum Horizont blickend.

"Ventus, sanfter Wind in meinen Segeln,
Steh' einem verlorenen Reisenden bei, der weit ab bekannter Pfade
sucht, dem Drang der Neugier nachzukommen -
der so in deinem Sinne handelt, und dich an seiner Seite weiß.
Ich bitte dich, hilf' mir, diese und so viele andere drohenden Gefahren
zu überwinden, auf dass ich vermag, irgendwann den fernen Strand zu erreichen."


Als die Worte über die vor Kälte farblosen Lippen des Blonden kamen, sah er ein, dass Angst ihn erfüllte. Er wollte nicht so fern von daheim sterben, hungernd, frierend und allein. Er wollte nicht, dass diese Reise umsonst gewesen sein würde - wollte nicht, dass fremde Mächte ihm verwehrten, worauf er hingebungsvoll hinausgearbeitet hatte. Er klammerte das Steuerrad fester und schloß die Augen, um das Zittern zurückzuhalten, das in ein Schluchzen umzuschwanken drohte.

Mit bebenden Schultern stand er dort, nicht sehend, dass die nahen Nebelschwaden bei jedem Aufwallen durch den schwachen Wind näher am Schiff zum Liegen kamen, bis man auf dem Deck keinen Schritt weit mehr schauen konnte: Man sah die eigene Hand vor Augen nicht mehr. Die beständig im Wind umherschwankenden, flatternden und klimpernden Teile der Takelage verstummten, als Raureif sich ausbreitete und sie hielt, oder ihr Lärm schlicht vom watteähnlichen Nebel erstickt wurde.


- - -

Etwas später...

Zitat:
Logbuch des Kapitäns
Nachtrag!


Habe mich beim Überlegen dabei ertappt, wie ich eine Schildkröte vor mich hinkritzelte. Mag es sein, dass sich eine eben solche unter der Wasseroberfläche versteckt, überwuchert von Algen, die wie ein Pelz ihren Panzer schmücken? Kann es sein, dass es gar nicht beabsichtigt, diese Vielzahl an Fischen zu töten - dass sie sich schlicht beim Auftauchen dieser Kreatur in den verworrenen Algen verhedderten? So würden die fliegenden Fische und das Blubbern ihr Auftauchen ankündigen. An sich ein schlüssiger Gedanke. Werde versuchen, ob ich mit meinem Fernrohr einen besseren Blick drauf bekommen kann, was unter der Wasseroberfläche lauern mag. Eventuell erwische ich mit dem Bootshaken auch ein paar der größeren Fische, um davon zu zehren. Vorsichtig, natürlich.

- Tintin.


Er klappte das Buch hastig wieder zu, bevor der allgegenwärtige Nebel die Seiten allzusehr in Mitleidenschaft zog. Mit dem Bootshaken in der Hand beugte er sich über Bord und hielt Ausschau nach toten Fischen, die die Strömung herantragen mag. "Auf den Tisch kommt heut ein Fisch, ein netter Fisch. So zart und frisch..", murmelte er leise vor sich hin und fuhr mit dem Haken durch das nahe Wasser.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 3.12.11, 18:19 
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Sorgen


Schweißgebadet schreckte er zusammen. Es war verschwunden - gänzlich fort. Wusste er doch immer wo seine Anvertrauten waren, wusste er doch immer wo jeder Vogel seines Schwarms hinflog - einfach erloschen wie eine Kerze.

Er riss die Augen auf. Ein wenig schmerzte ihn der Nacken und seine Arme fühlten sich auf einmal so schwer. Hatte er die Zeit so sehr verdrängt? Wieviele Zyklen hatte er hier mit ausgebreiteten Armen und dem Kopf im Nacken liegend verbracht?

Die schwarze Nacht umgab ihn. Der Mondschein erhellte eine kleine Klippe am westlichsten Ufer Malthust-Brandensteins. Mittig der Klippe stand ein kleiner Mann mit weißem seidenen Haar. Seine saphirblauen Augen glommen leicht in der Nacht, wie die Spiegelung von Licht in den Augen einer Eule. Der Felsen war völlig glatt, wie eine polierte Glasfläche, kein einziger Halm war auf der Ebene zu sehen.

Der Tanz hatte sie alle zusammengerufen. Er erblickte jeden der Wesen die seinem Ruf - dem Tanz - folgten. Er fühlte sich völlig ausgebrannt, soviele Kräfte hatte er seit der Erschaffung des Instruments nicht mehr gebunden. Sein Blick glitt um sich - in völliger Kreislänge schwebten elf Brüder des Windes um ihn herum. War seine Kraft als Erzpriester doch größer als vermutet? War er im Stande seine Suche fortzusetzen?

Elf helle Blitze durchschmetterten das Himmelszelt. Elf helle Lichter gingen auf die Wesen der Winde hernieder - stärkten sie - und ließen sie zu gleich hochfahren. Er hatte alle seine Kräfte gebündelt - doch wozu? Soviel Aufhebens nur wegen dem Jungen? Er war sein Schüler. Er war sein Freund.

Elf Lichter schoßen kreisförmig in alle Richtungen - wie Sternenschnuppen erspähte man am Himmelszelt die elf Wesen davonjagen. Nur ein einziges Ziel hatten sie auf ihrer Reise. Ihn zu finden und ihn so nötig zu stärken.

Völlig erschöpft sackte er in sich zusammen. Sein gesamter Körper bebte - ein letztes Gebet wisperte er gen Himmeldach voller Sorge, ehe Vencurius kraftlos das Bewusstsein verlor.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 4.12.11, 01:38 
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Die Erschütterung


Es begab sich das eben zu jenen Stunden ein in rote Roben gekleideter Mann in der Taverne der Dwarschim zu Kesseklamm saß und dort über alte Schriftrollen gebeugt einen Krug zwergischen Bieres genoß. Als die erste der Erschütterungen das Elementare Gewebe durchzuckten, blickte der Schwarzhaarige verwundert in Richtung des Ausganges, als dann schließlich noch die Blitze bei den Klippen nahe Brandenstein zu erkennen waren, packte der junge Diener Ignis erschrocken die Schriften ein, er griff nach seinem schwarzen mit Ignisrunen übersähten Stab und erhob sich.

Auf dem Weg zu seinem Gaul wurden noch die Handschuhe angelegt, während er sich auf den Sattel schwang und auch während des Rittes in Richtung Malthust gingen ihm nur wenige Gedanken durch den Kopf...

"Eine solche Erschütterung - das konnte nur ein Mann gewesen sein. Hat er es nun vollbracht? Hat er die Kontrolle über seine Mächte verloren und sie ausversehen entfesselt? Nein, das durfte nicht sein!"

...und weiter trieb er seinen alten Gaul an. Er musste so schnell wie möglich nachsehen woher sie stammten. Als der sich in den dreißigern Befindliche Mensch am Haus der Ecclessia angekommen war, durchsuchte er es, doch man fand nichts, niemanden. Nur schlafende Novizen und Priester. Schließlich hob er seine Hände - schloss die Augen und besinnte sich der Uueigensten Kraft seines Körpers, der Elementaren Energie.

Er suchte nach größeren Ansammlungen von Energien und fand am Rande seines Bewusstseins ein schwaches erschöpftes Wesen. Sich von seinen Gefühlen leiten lassend folgte er dieser Spur und fand den auf der Klippe liegenden Erzpriester.

Langsam näherte sich der rot Berobte und musterte die Umgebung als er schließlich bei Vencurius ankam kniete man sich nieder und berührte seine Stirn mit der Hand... ein schwacher Schimmer ging von der Hand aus. Nach dem folgenden kleinen Gespräch bringt er den noch immer geschwächten Vencurius zurück in die Priorei, als der Alte erneut auf einem Kissen in der Nähe des Kamins einschläft wird er mit einem Rotthirschfellumhang zugedeckt und der rot berobte begibt sich wieder in Richtung Kesselklamm....

_________________
"Guter Rat, ist die Wurzel allen übels."
(Quelle: sprichwortrekombinator.de)


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Flug der Ente.
BeitragVerfasst: 9.12.11, 00:18 
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Gemütlich


Anfangs noch zögerlich schlug er die Augen auf und blickte zur niedrigen Decke über sich. Die Pelze, die ihn während des ausgiebigen Schlafs gewärmt hatten, wickelte er feste um sich, als er sich halb aus der Hängematte fallen ließ. Das Gesicht wusch er kurz mit dem schalen Wasser in der nahen Schüssel, das viel zu lang nicht mehr gewechselt worden war - dafür war das potentielle Trinkwasser viel zu wertvoll. Ein Blick in das polierte Stück Eisenblech, das ihm als Spiegel diente: Der "Seebären-Bart" hatte wieder ein wenig zugelegt. Langsam war nicht mehr viel zu sehen vom jungen Antlitz, das von jeder Seite her überwuchert wurde. Nach der kurzen Katzenwäsche schob er die Luke auf, um einen Blick hinauszuwerfen.

Morgendlicher Nebel bedeckte das Deck und waberte über die nahe See. Eigentlich hätte es genau so gut gleich schneien können, denn so kalt war es locker. Er kuschelte sich etwas mehr in seine dicke Hülle aus eingefetteten Fellen und verließ die stickige Wärme der Kajüte vollends. Umständlich bückte er sich und begann, mit dem Mopp und einem Eimer Seewasser klarschiff zu machen. In gleichmäßigen, inzwischen geübten Schwüngen schrubbte er fort, was sich des Nachts angesammelt hatte. Hartnäckiger widmete er sich ein paar merkwürdigen Gewächsen in den vielen Fugen, Ecken und Kanten des kleinen Boots. Hastig ging er dabei zu Werke, zwischendrin immer mal wieder Blicke hinaus in die trübe Suppe aus Nebel und See werfend. Schließlich ließ er es ganz sein und warf den Mopp zur Seite. Zitternd stapfte er auf eines der Vorratsfässer zu und zog den losen Deckel ab. Leer. Das Nächste - leer. Das Dritte und Letzte - fündig geworden. Vormals war hier Pökelfleisch in rauen Mengen gewesen, doch nun blieb zumindest das Pökelsalz über, aus dem verschiedene blasse Kanten ragten, nach denen er langte. Er bekam eine zu fassen und zog das Stück Fisch hervor. Mit dem Handrücken befreite er es grob vom Salz und gönnte sich einen kleinen Bissen, die tägliche Ration, von dem zähen, rohen, generell fürchterlich abstoßenden Stück. Immerhin füllte es den Magen.

Ein letzter Blick umher, dann ging es flink zurück in die Kajüte. Alles in allem ein ganz normaler Tag, wie die letzten zwei Wochenläufe auch.


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