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Zwei Körper lagen im Schatten der Nacht vor dem Tempel. Schwiegen vor sich hin. Leisen Schrittes trat ein dunkel gekleideter Mann auf sie zu.
Betrachtete die Blutlachen, fühlte den Puls.
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"Nun..."
Sie stellte die Harfe beiseite, auf den weissen Marmorboden, und blickte nach links, sah ihn an, der neben ihr auf der Bank saß.
Ihre Füße baumelten barfuß und leicht über das Meer, welches unter der Brücke seine Wellen schlug.
"Ich stamme aus einer Gauklergemeinschaft. Wir waren anders als diese, hier auf Siebenwind... ja, fast schon ein Stamm waren wir. Eine Familie, damals, in Falandrien."
Sie unterbrach ihre Erzählung durch ein leichtes Seufzen, ihr Blick wandte sich zum Meer und sie fuhr fort.
"Wir waren gut fünfzehn an der Zahl. Unsere Älteste genoss höchstens Ansehen und Vertrauen in unseren Reihen. Cyrille - die Alte..."
Kurz schnellte ihr Blick auf die Harfe am Boden, ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
"Einen Harfenspieler hatten wir nicht, nein.. dafür kannte man sich bestens mit dem Tambourin aus. Drei unserer Männer beherrschten die Laute wunderbar, ich liebe dieses Instrument. Einer von uns ward ein Feuerspucker, grossartig wie er mit diesem Element umging, spielte und tanzte mit ihm, zog die Menschen so in seinen Bann. Neben zahlreichen Tänzerinnen und Jongleuren waren natürlich auch einige Diebe unter uns.. ja, das fahrende Volk.. fürchterlich.."
Sie schmunzelte.
"Der Rest von uns hütete die Ziegen, vielfältig mussten wir sein, wie hätten wir sonst unser Überleben sichern sollen?
Doch trotz dieser ärmlichen Verhältnisse wussten die Zigeuner wahrlich zu leben.
Ich erinnere mich noch gut, an die vielen Abende, an denen wir, ohne ersichtlichen Grund, feierten... das Leben priesen. Wir saßen in meist zerschließener, schon aufgetragener Kleidung auf dem trockenen Boden der Tundren und Wälder, je nachdem wo wir uns befanden, um ein Lagerfeuer herum. Schmutzig die Füße und Hände, meist rauh vom Arbeiten. Die Haare zerzaust und wild, doch wen störte es..
Über dem Lagerfeuer hing ein grosser Kessel, wenn nicht gerade eine Ziege geschlachtet worden war, gab es Eintopf, widerlichen Eintopf... Ich denke nicht, dass ich so etwas noch einmal anrühren würde.. Doch als Zigeuner fragt man nicht nach Luxus, man schätzt die Dinge die man hat, und Hungern musste bei uns wahrlich niemand. Ich erinnere mich noch gut an dieses Bild, Cyrille in einem schwarzen, weiten Leinenkleid, vorne zum Schnüren und mit Spitzen versehen, das weisse lange Haar mit einem verbleichten purpurnen Tuch verhüllt, dessen lange zerfranste Enden ihr bis an die Hüften reichten. Um den Hals trug sie eine kupferne, schwere Kette, eines der Erbstücke, besetzt mit einigen türkisfarbenen Steinen. Ihre alte, faltige Haut war tief gebräunt, ihre Augen kaum mehr als zwei Schlitze. Oft erzählte sie uns Geschichten, ob wahr oder nicht, wusste niemand... schauderliche Geschichten oftmals, über das Volke der Myten... Die Myten... sie könnten einem die Seele rauben, hieß es... "
Sie schüttelte sich.
„Weiß wie Schnee ihre Haut... hieß es...„
Sie presste nachdenklich die Lippen aufeinander.
„Doch wie weiß war Schnee? Wir wussten es nicht...
Das Leben eines Zigeuners ward ein sonniges...
Wir verweilten nie länger als 3 Monate am gleichen Ort, folgte Morsan uns doch mit seiner Kälte auf dichtem Fuße.
Doch ich verliere den Faden, verliere mich in Gedanken.
Das Lagerfeuer.. ja.. gruselig solche Geschichten in seinem Schein.
Doch auch ließ Cyrille uns ihre unzähligen Weisheiten erfahren, prägte uns so, für unser ganzes Leben, und einige ihrer Verse sind mir heute noch nicht vergessen. Doch ging sie niemals verschwenderisch mit ihren Worten um, so saßen wir oft um das Feuer herum, und die Frauen tanzten im Kreis, schlugen dazu das Tambourin in rythmischen Takten, schwangen die mit Bändern und Glöckchen geschmückten Hüften. Ausschweifende Armbewegungen, derer metallener Schmuck rasselnde, gleichmäßige Geräusche von sich gab. Rabenschwarze Haare hatten sie alle, ausnahmslos, zerzaust, gelockt, und unzähmbar, wie auch ihr Gemüt selbst. Dunkle Augen, sowie auch die Haut. Grosse, creolenförmige breite Kupferringe schmückten Ohren und Füße, grob gestufte, weit ausfallende Röcke und zu schnürende kurze Hemden ihre Körper. „
Sie befeuchtete die Lippen, wirkte seltsam ernst, als sie weiter sprach.
„Unsere Reisen waren abenteuerlich. Mit mehreren Holzwagons zogen wir gen Vitama, gen Astrael. Die Zeit war gegen uns, sowie auch die meisten Menschen denen wir begegneten. Das fahrende Volk wird nicht geschätzt, warum sollte es auch. Diebe und Streuner wurden wir genannt. Doch die Zigeuner störte dies wenig, mit unseren klappernden Wägen, den vier Maultieren die wir besaßen und unserer Ziegenherde rasteten wir, wo es uns beliebte, zogen von dannen, wenn man uns nicht wollte. Ein einfaches Leben... ein sonniges Leben...„
Sie schüttelte stirnrunzelnd den Kopf
Nach einer kurzen Schweigepause sprach sie leise und bedacht weiter.
„Doch.... ich, ich war nicht ihresgleichen... war es noch nie... nie verheimlichten sie mir dies, und ja, man merkte es mir an. Die Talente der Gaukler blieben mir verwehrt. Nicht einmal mit den Ziegen konnte ich umgehen. So hatte ich oft das Gefühl, ihnen eine Last zu sein, ja, ich wurde stiller... nachdenklicher.. ich war nachdenklicher. Das sonnige Leben der Zigeuner.. es kam mir so leer vor.. so öde.. und ... sinnlos...
Es gab immer öfters Reibereien zwischen ihnen und mir, sie verstanden mich nicht, in ihrer Fröhlichkeit. Und dies, in einer Gemeinschaft, in der Probleme und Streitereien, welche Harmonie und Zusammenhalt schädigen könnten sofort geklärt wurden, sei es auf noch so grobe Weise. Ja, Ehre und Manieren waren nichts, Treue und Loyalität hielten uns zusammen...
Doch war diese meine Treue, ihre Liebe noch so gross, wie hätten sie diese schreckliche Leere, die sich in mir ausbreitete verstehen können, wenn ich selbst sie nicht einmal in Worte zu fassen vermochte? „
Sie senkte ihr Haupt, starrte auf ihre nackten Füße.
„Doch Cyrille, sie wusste es„
Sie nickte bestätigend.
„Ja, sie war weise, ich blickte zu ihr auf, bewunderte und missverstand sie auf eine seltsame Art. Oft war ich bei ihr, öfters als die anderen, und sie war es, die mich das Kartenlegen lehrte.
Eine der wenigen Künste, derer ich mich annehmen konnte, ich denke ich habe es nicht verlernt.
Wir waren ein seltsames Gespann, verstanden und verstritten uns gleichermaßen. Luft und Wasser prallten aufeinander, verursachten Sturm, tosende Wellen, Gischt... beruhigten sich und harmonierten wieder.
Sie hatte die Gabe, Dinge in ferner Zukunft zu sehen, so verstand sie mich, verwirrte mich.„
Leidenschaft funkelte in ihren Augen auf, für einen kurzen Moment, dann seufzte sie leise und fuhr fort.
„Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass sie wusste, dass es einmal soweit kommen würde, und dass es besser war – für uns alle.
So kam es eines Tages, als die Spannungen zwischen den Gauklern und mir unerträglich wurden, und die Gemeinschaft fast daran zu zerbrechen drohte, dass ich wieder einmal Reissaus suchte, Abstand von dieser sonnigen Welt. Barfuss war ich fort geschlichen... ja.. ich erinnere mich noch genau, an das grelle Licht der Sonne, welches mir auf die Schultern brannte...„
Ihre Augen blickten ins Leere.
~ ...ein kleines Mädchen sitzt auf dem trockenen, staubigen Boden der Tundra... Ihr Blick schweift umher, verharrt auf einer Krähe.. mustert sie... sie sitzt regungslos auf einem verdorrten, alten Baum... starrt sie an. Das Mädchen legt den Kopf schief, kneift die Augen zusammen...
Plötzlich das laute Ruckeln eines Pferdegespanns, einige Meter von ihr entfernt kommt es zum Stehen. Sie betrachtet den Wagen und die zwei Pferde genauer, doch scheint es ihr unmöglich, den Kutscher zu erkennen... Eine geheimnisvolle Aura scheint ihn zu umgeben.. und obwohl er ihre Neugierde weckt, bleibt sie still sitzen, wartet mit Herzklopen ab was sich ereignen wird...
Der Mann steigt nun ab und kommt auf sie zugelaufen, langsamen Schrittes... Sie betrachtet ihn genauer.. langes, schwarzes, seidenglattes Haar, dunkel gekleidet in einen schwarzen Mantel gehüllt..
Schliesslich steht er vor ihr, sie blinzelt hoch... Er bückt sich hinunter und starrt sie mit einer seltsamen Verwandtheit in den Augen an... und sie starrt ihn an. Langsam hebt er seine Hand, Faszination in ihrem Gesicht, rührt sich nicht...
„Blaue Augen, .. äußerst ungewöhnlich für eine Zigeunerin...„
„Ich bin keine Zigeunerin„ schiesst es aus ihr heraus, und bevor sie sich ihrer Worte überhaupt bewusst werden kann, erklingt seine sanfte, dunkle Stimme wieder in ihrem Ohr...
„Nein, das bist du nicht...„
Er lächelt. Sie mustert ihn genauer.. er ist vielleicht 15, 20 Jahre älter, ein markantes Gesicht und... ...blaue Augen...
Plötzlich scheint ihr alles so klar, so logisch..
„Siehst du die hier?„ , fragt er, und bricht somit das magische Eis des Schweigens.
Er macht seine Hand zu einer Faust, wendet sie, und als er sie öffnet, sieht sie zwei leblose Schmetterlinge in seiner Handfläche liegen. Als sie langsam mit den Finger ausstreckt und mit seiner Kuppe über den gläsernen Körper eines von ihnen fährt, über kommt sie ein eigenartiges, jedoch nicht unbekanntes Gefühl, stärker als jemals zuvor, es faszinierte und verwirrte sie gleichermaßen, wie ein Sprung, in klares Wasser.. kaltes Wasser... eintauchen, sich durchströmen lassen, von seiner Reinheit... mit einem Ruck lässt es sie los. Was sie dann erblickt, lässt ihr Herz höher schlagen, erfüllt es mit Freude... Der vorher reglose Schmetterling zuckt mit den Flügeln, wie ein Verschlafener mit den Augen blinzelt, und erwacht aus seinem Todesschlaf, schlägt mit den Flügeln und flattert in der Luft.
Der Mann lächelt nun... es ist ein zufriedenes Lächeln, und als er den anderen Schmetterling berührt, tut dieser es dem anderen gleich, und erwacht zu neuem Leben. Zusammen umringen sie sich nun in der Luft, vor ihnen, und flattern schließlich auf und davon.
Fragend und doch wissend schaut sie den Fremden, der kein Fremder ist, an.
Dieser steht auf, nimmt ihre Hand und hilft ihr auf die Beine.
„Willst du dich verabschieden?„
Sie zögert kurz...
„...nein„
Und so begleitet sie ihn zum Pferdegespann...
Ein Krächzen in der Luft... das kleine Mädchen blickt hoch, sieht auf, zu der Krähe, die hoch über ihren Köpfen kreist, blickt auf, und versteht... ~
Noch immer blickte sie starr, ohne jede Mimik ins Leere. Eine Träne blitzte in ihren Augen auf. Schnell wurde sie weggeblinzelt.
„Von jenem Tage an, galt mein Glaube Astrael. Die Zigeuner huldigten Vitama, wie sollten sie auch anders... Doch er... er sah was nicht stimmte mit mir unter ihnen, die sie Liebe und Leben priesen, schickte mir diesen jenen Bruder, mich vor dem zu erretten, was mich erwartet hätte. Wie dankbar ich bin hierfür... obwohl...„
Sie brach ab. Ihre Stirn legte sich in Falten, bevor sie weiter sprach.
„Danach.. die Lehrzeit beim Meister, was kann ich über sie sagen?„
Ihre Augen blickten ernst und nachdenklich übers Meer hinaus, nur mit Mühe schien sie folgende Worte über die Lippen zu bringen.
„Hart war sie, und lehrreich. Aber wundervoll.„
Glasig schienen ihre Augen.
„Wundervoll...„, wiederholte sie kaum hörbar.
„Zuerst...„, sie fasste sich wieder, „musste er mir meine schrecklichen Umgangsformen austreiben. Damit hatte er ein ganz schönes Stück Arbeit.„
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Ja.. aber dafür trug sie gute Früchte, nicht? Seine Arbeit... Obwohl man mir die Zigeunerin auch nie austreiben können wird. Warum sollte man es auch, so ich es nicht will.„
Sie sprach trocken, wendete ihren Blick nicht von den sanften Wellen des Meeres ab.
„Wir reisten durch die Ländereien. Fast wie früher.. Doch wir waren zu zweit. Einen alten klappernden Holzwagen mit Pferdegespann. Es fehlte nie an etwas, und ich fragte nicht nach Geld, fragte nicht nach Luxus.
Ich liebte unsere Reisen... und ja.. ich liebte ihn.
Bewundernswert, seine Art, sein Handeln. Der Blick in seinen Augen. Doch nur wie ein Bruder immer.. wie ein Bruder nur... „
Sachte schüttelte sie den Kopf, immer wieder, als wollte sie eine Erinnerung abschütteln.
Tief atmete sie durch, bevor sie nach einer kurzen Pause fort fuhr.
„Nun, anfangs verrichtete ich viel körperliche Arbeit. Den Haushalt... solche Dinge eben, sofern sie mir möglich waren. Doch diese Zeit verging rasch. Er lehrte mich Dinge, die ich bei meinen Gauklern nie erlernen hätte können. Lesen, schreiben, dies waren nur die elementarsten Dinge. Er weckte meine Neugierde für Alchemie, obgleich er sie nicht stillen konnte, und gab mir die Ruhe zur Meditation. Auch habe ich ihm zu verdanken, wer ich heute bin. Ich mag vielleicht nicht das glücklichste Mädchen Tares sein, doch durch die Fähigkeit zu akzeptieren und zu verstehen, verstehen zu wollen.. bin ich zufrieden... habe meinen Frieden mit dem Schicksal gemacht.„
Ihr Kopf sinkt leicht zur Seite, ein kurzes Schweigen..
„Nie werde ich vergessen, wie er mir die erste Formel verriet, mich meine astralen Kräfte gezielt lenken ließ, dies war auch der Tag, an dem ich das erste Male... Schnee sah.„
Ein Tropfen landete auf ihrer Nase. Ein prüfender Blick gen Himmel. Bei einem Lächeln öffnete sie den Mund leicht, schloss die Augen und legte ihren Kopf in den Nacken. Der Regen prasselte ihr ins Gesicht. Sie erinnerte sich...
~ Ein junges Mädchen hüpft tänzelnd auf der Weide... ihre nackten Füße berühren den kalten, erfrorenen Boden nur mit den Zehenspitzen... Ihr Blick gen Himmel gerichtet, fasziniert und verwirrt zugleich, dreht sie sich.. mit ausgestreckten Armen.. Ein weißes Flöckchen auf ihrem Gesicht, und noch eins.. so eisig kalt, so wunderschön...
„Lydia!„ Er lacht bei ihrem Anblick... er lacht... ja... ~
Es hallte nach, hallte in ihrem Kopf nach... wie sie sein Lachen vermisste...
Ein sehnsüchtiges Seufzen ertönte, als sie ihren Kopf nach langem Schweigen wieder aufrichtete.
Blickt kurz prüfend auf ihren Nebenan. Der Regen rann ihr die Wange herunter. War es Regen?
„Nie kam es für mich in Frage, einen anderen Zweig zu wählen, als der des Grauen.„
Sie schlug die Beine übereinander und wandte sich nach links.
„Es gibt nur Grautöne auf Tare. Manch einer mag dunkler sein, ein anderer so hell, dass man ihn fast als weiß deuten könnte. Doch es gibt nichts Reines, mag es Gut oder Böse sein, in einem Wesen... Wir sind Grautöne...„
Sie sprach leise und bedacht.
Ohne jede Mimik wandte sie ihren Blick wieder ab. Der Regen hatte aufgehört.
„Er lehrte mich, die Magie nicht nur mit dem Verstand zu erfassen. Denn sie kommt auch von hier..."
Sachte und behutsam erhob sie ihre Hand und legte sie sanft über ihre linke Brust.
„Die Magie durchfloss mich, sie war so rein... so vollendet. Was wäre ich nur ohne Magie?„
Offen ließ sie diese Frage stehen, als wolle sie nicht über eine Antwort nachdenken.
„Doch..„ Zögernd durchschneidet sie die Stille.
„Als ich in etwa zwanzig war, wohl noch etwas jünger... da merkte ich, was er schon vor mir bemerkt hatte, was er versuchte zu verschweigen, zu verdrängen...„
Sie atmete tief durch.
„Der Meister hatte seinem Lehrling alles beigebracht, was er ihm hatte beibringen können.
Wir beide wussten, was dies bedeutete. Abschied nehmen. Von einem Meister.. von einem Freund, einem Bruder...„
Eine kurze Pause.
„Eine Prüfung an einer Akademie sollte dies besiegeln... unsere Trennung besiegeln..
So machten wir uns auf die Reise, auf den Weg zu einer Akademie..
Die Nacht vor der Prüfung...„
Sie senkte den Kopf. Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht, verdeckten es.
~ Es ist dunkel... Ein alter, klappernder Holzwagen steht einsam auf einer Lichtung im Wald. Zwei Pferde grasen unangebunden daneben. Leise Stimmen sind zu hören, sie albern herum, lachen.. Dann wird der Tonfall der jungen Frau ernst. Das kleine Lagerfeuervor ihr, erhellt flackernd ihr Antlitz. Sie blickt hinüber, zu dem Mann der im Schneidersitz neben ihr auf dem Boden sitzt. Er blickt sie ebenfalls an, spricht nun mit eindringlicher Stimme...
„Natürlich glaube ich an dich... du schaffst das...„ Sanft legt er seine Hand auf ihren Oberschenkel. Eine freundschaftliche Berührung, dieser Gedanke schießt ihr durch den Kopf. Ein Kribbeln durchfuhr sie. Er sieht ihr tief in die Augen, erstarrt, bei ihrem Anblick. Sie erwiedert seinen Blick, verloren, fasziniert... Langsam gleiten seine Finger von ihrem Oberschenkel, will sie erheben um... Sie sehen sich an. Das Kribbeln wird stärker.
Was waren sie..? Das, was sie geglaubt hatten zu sein?
Zögernd berührt er mit zwei Fingern ihre Wangenknochen. Ihr Blick senkte sich.
Das, was sie vorgaben zu sein?
Als er über ihr Gesicht streicht, schließt sie ihre Augen. Ihre Hand wandert auf die Seine. Sie zittert leicht. Der Geruch von Natur und verbranntem Holz liegt in der Luft.
Er erhebt seine andere Hand, legt sie sachte auf ihren Hals. So warm... so zart....
Sie sieht ihn an.. Sehnsucht in ihrem Blick...
Er umfasst ihr Gesicht, zieht es heran, führt es langsam zu dem Seinen, ganz nahe. Sie lässt ihn gewähren, ihre Hand, welche noch immer auf der Seinen ruht, gleitet langsam seinen Arm herab, über den weichen, feinen Stoff seines weißen Hemdes, auf seinen Oberarm...
Was waren sie? Ihre Gedanken frei... Die Vernunft fern.. fern von ihren Gefühlen...
Sie spürt seinen leichten, ruhigen Atem, seine Finger auf ihrem Hals, in ihren Haaren...
Schweigend betrachten sie einander, der Moment ewig während.
Seine schmalen Lippen nähern sich den Ihren... öffnen sich leicht...
So sanft, so unschuldig... wie konnte es Sünde sein?
Das Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus, durchfuhr sie.
Ihrer beider Augen schließen sich, den Moment ewig whärend.... sich nacheinander verzehrend.. diese Berührung, dieser Kuss.. Die Lippen schließen sich wieder, lassen voneinander ab...
Ein leises Seufzend entkommt ihnen, bevor sie sich abermals nähern, übereinander herfallen...
Ihrer beider Vernunft ging im Rausch der Gefühle unter...
Sie läßt sich nach hinten sinken, sein Verlangen folgt ihr, führt seine Hände entlang ihrer Hüfte, hinauf...
Gedanken... betäubt durch eine andere Art der Magie.
...gleitet unter den Stoff ihres Oberteils, streicht über ihre gebräunte, weiche Haut, liebkost sie im zwielichtigen Schein des Lagerfeuers....
Das Holz knackt ~
Die Nacht ward hereingebrochen, verdunkelte ihre Gestalt, verbarg die Tränen, die über ihr Gesicht strömten. Ein leises Wimmern war zu vernehmen, sie schniefte, wischte sich mit zittriger Hand über die Wangen, wischte sie weg, die reinigenden Tränen in ihrem Gesicht...
„Am Morgen vor der Prüfung sprach er kein Wort mit mir...„ Ihre Stimme schien noch mehr als ihre Hände zu zittern.
„Wir sahen uns nicht an, er ward nicht länger mein Meister... ich ward nicht länger sein Lehrling... Unser Abschied, so voller Schande... Schande über uns...„
Sie schüttelte hastig den Kopf, abermals schossen Tränen aus ihren Augen.
„Ich bestand die Prüfung ohne Schwierigkeiten...„ Leise und etwas ruhiger sprach sie weiter.
„Als ich die kalten Hallen der Akademie verließ, war er fort.„
Trocken ihre Stimme, verborgen ihr Blick.
Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Erschrocken wendete sie sich, und blickte in das schwammige Antlitz eines stämmigen Mannes, schlicht gekleidet, wohl ein Bauer. Sein Gesicht war verschmutzt, sein dunkles Haar unter einer Mütze versteckt. Dem kurzen Bart zu urteilen, hatte er sich länger nicht mehr rasiert. Freundlich lächelte er sie an, zog dann eine besorgte Miene, als er ihre Tränen sah. Schnell wendete sie ihr Gesicht ab und wischte mit dem Handrücken über ihre Augen, schüttelte abweisend den Kopf als er sie fragte, ob es ihr gut ginge. Mit einem mürrischen „Weibsleut, tz... „ ging er wieder von dannen . Zögernd sah sie ihm nach, wie er bauerntrampelig davon stiefelte. Prüfend sah sie sich um, ein wenig verstört, wie ein scheues Tier, bevor sie mit gedämpfter Stimme weiter sprach.
„Nun... wieder.. . abermals fühlte ich diese Leere in mir... Diese unbeschreibliche Leere.. Ward ich von Astrael vom Regen in die Traufe geschickt?„ fragend ihre rotgeweinten Augen.. doch keine Antwort erwartend...
„Spielt er mit mir?„ Sie blickte verzweifelt gen Himmel, konnte erneute Tränen kaum zurück halten.
„Jener Tag ward ein düsterer für mich... Ich wusste nicht was zu tun, und wohin...„
Als wolle sie ihre Worte bekräftigen, schüttelte sie sachte den Kopf.
„Es dämmerte langsam.. und ich stand alleine, in der Wildnis, vor den kalten Mauern... Die Wagenspuren im Boden betrachtend... Ich hatte diese Vertrautheit nicht verlieren wollen... zu diesem Menschen der mir so wichtig war... Doch als ich die Rillen der hölzernen Räder, die in die Ferne verschwanden, sah.. wurde mir klar, dass ich diese jene Vertrautheit, meinen Meister.. bereits am Abend zuvor verloren hatte. Meine Gedanken wurden durch ein Krächzen unterbrochen.. ein hoffnungsspendendes Krächzen..„ Ihr Blick schweifte zu ihrem Nebenan.
„Der Aufschrei einer Krähe.„ Eine kurze Pause, eindringlicher als jedes gesprochene Wort hätte sein können. Der nächtliche Wind fuhrt ihr durchs Haar, spielte mit seinen Strähnen und wehte sie ihr übers Gesicht. Nach einer Weile versuchte sie, diese mit der Hand zu bändigen, doch vergebens, so wante sie ihr Antlitz wieder dem Meere zu.
„Ich blickte ins Dunkel... – Dort ein Flattern, ich folgte dem Geräusch. Es führte mich auf einen schmalen Pfad. Durch die Nacht sah ich nichts, ich stolperte über Steine, Geäst, lief in Spinnenweben und stieß mich an Bäumen an. Doch ich spürte nichts. Was hätte ich spüren können, was schmerzhafter als der Verlust meines geliebten Meisters war?
Der Weg schien unendlich, doch irgendwann erblickte ich eine kleine Hafenstadt.. In die Nacht gehüllt lag sie vor mir, einige Lichter in den steinernen Häusern brannten, ein grosses Schiff ankerte im Hafen. Das Meer war ruhig, roch salzig, in der kühlen, windigen Nacht. Langsamen Schrittes betrat ich die gepflasterten Gassen, blickte mich suchend um. Doch die Stadt schien wie ausgestorben, kaum ein Geräusch war zu vernehmen... doch da, lautes Lachen, das Klirren von Gläsern... Ich trat näher. Ich erblickte eine Taverne, nicht besonders schmuck, aber aus reiner Neugier trat ich ein. Rauchschwaden, stickige Luft kam mir entgegen, als ich die schweren Holztüren aufstieß. Es roch ungewohnt nach Alkohol, nach Schweiß und Pfeifen. Bauern, Abenteurer, Gauner, allesamt Rüpel, und versammelt um jene simple, sehr mitgenommene Holztische. Manche spielten Karten, andere soffen Met oder durchsichtiges, ungeheuerlich stinkendes Gesöff, einige rissen dreckige Witze, andere lachten über sie. Alles in allem ähnelte dies einem Sauhaufen, grunzend und niveaulos. Für eine Sekunde spielte ich mit dem Gedanken Kehrt zu machen und dieses Saufgelage hinter mir zu lassen, doch da wurde ich schon unsanft am Arm gepackt und an den nächsten Tisch gezogen. Der widerwärtige Mann legte seinen behaarten Arm um mich, schob mir einen Krug Met hin, mit den Worten „Hier Weib, ich lad dich ein!„ Ich war doch ziemlich überrumpelt, und blieb etwas schockiert neben dem unrasierten Rüpel sitzen und wartete ab. Die Zeit verstrich, wenn auch langsam und unangenehm...„
Ein mildes Lächeln auf ihrem Gesicht. Kurz schloss sie die, noch immer rot geränderten, Augen, blinzelte.
„Es fühlt sich nicht jeder wohl, in den verschwitzten Armen eines stinkenden, ruppigen Bärtigen, der zudem noch eine Waffe am Gürtel trägt, und das inmitten von Qualm, der in den Augen brennt, und die Luft so dick macht, dass man sie kaum einatmen kann.
Die Gespräche verfielen immer mehr in eine Art Lallen, ich hörte schon längst nicht mehr zu, ich war müde, erschöpft, und vor allen Dingen niedergeschlagen, ja... Meine Gedanken kreisten nur um ihn... Sie sollten es fortwhärend..„
Sie lehnte sich vor, um, die Ellenbogen auf ihr Knien stützend, den Kopf in ihren Handflächen ruhen zu lassen.
„Nunja, so kam es, dass nach wenigen Stunden das halbe Saufgelage friedlich vor sich hin schnarchte, und das in einer Lautstärke...„
Sie hob die Brauen an und verrollte die Augen.
„Doch endlich konnte ich den Versuch wagen, mich aus der unangenehmen Umarmung zu lösen. Den einen Arm des Mannes hob ich sachte, nicht ohne Anstrengung, über meinen Kopf hinweg. Auf dem anderen, welcher angewinkelt auf dem Tische lag, ruhte sein Kopf. Unweigerlich brachte mich dieser Anblick zum schmunzeln, doch dann fiel mein Blick auf das kleine Pergament in seiner Hand. Kurz blickte ich mich um und entnahm es ihm schnell. Unter dem Tisch gehalten rollte ich es hastig auf, entzifferte neugierig die Schrift. Ich hielt eine Fahrkarte für eine Überfahrt mit dem Schiffe in der Hand... eine ferne Insel... ein neues Glück? Oder die Flucht nach vorne... Eilig krumpelte ich es zusammen und verließ hetzte aus der Taverne. Draussen ward es schon wieder hell geworden, ein dichter, feuchter Nebel lag in der kalten Luft. Die Strassen waren nass und ungemütlich ihr Anblick. Ich blickte Richtung Hafen, versuchte durch den dichten Nebel etwas zu erspähen, doch erkannte ich nur schemenhaft die Umrisse des Schiffes, welches ich schon in der Nacht im Hafen anliegen sah. Eine Überfahrt... schoss es mir durch den Kopf, immer wieder.. der Name der Insel... Mit einem kurzen, prüfenden Blick auf das Pergament in meiner zittrigen Hand, beschloss ich zu Handeln, und nicht zu Überlegen, mich leiten zu lassen.. tragen zu lassen, von des Schicksals Winde und Wellen... tragen zu lassen, in ein anderes Land, eine ferne Zukunft.. „
Ihr Blick verharrt kurz auf dem Meer.
„Das Schiff würde bald ablegen, so eilte ich zum Hafen, geschäftiges Treiben am Steg und an Bord. Mit gemischten Gefühlen stieg ich den fast morschen Aufstieg empor. Zögernd die Schritte, unsicher durch den Nebel blickend... trat auf eine unbekannte Welt zu, verloren und einsam... Ich schluckte bei dem Gedanken, mir wurde schwindelig.
Über mir ein Krächzen.. und meine Schritte wurden fester... wurden sicherer...„
Sie wendete sich nach links. Das Licht der Strassenlaternen schien langsam zu erlischen, und mit ihm das Dunkel der Nacht. Nach kurzem Abwarten hielt sie schmunzelnd ihren Zeigefinger hin. Die kleine, pechschwarze Krähe hüpfte hinauf und blickte sie aus dunklen Knopfaugen abwartend an. Ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
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Nichts war von diesem Lächeln übrig geblieben, in dem bleichen, nun Ausdruckslosen Gesicht.
"Totenwache!" rief der Diener Morsans über seine Schulter.
Zwei Leichen wurden in den Morsans Schrein getragen. Beide grausam verstümmelt und zugerichtet.
Keiner hatte es gesehen, keiner wusste davon.
Man balsamierte sie ein. Den Mann, dessen Haut verbrannt war, dessen Augen hervorquollen. Die Frau, welche über und über mit Blut bespritzt war, klaffende Wunden an Hals und Schulter. Die Augen geschlossen, friedlich wirkend, fast wie schlafend.
Langsam ritzte der Diener Morsans die Rune der Demut in ihre glatte Stirn.
Sie hatte vor dem Tempel gestanden. Voller Wut, voller Schmerz.
Einen Stein hatte sie auf den Schrein Astraels geworfen, leise geflucht und geweint.
Ja, in der Vergangenheit wurden Fehler gemacht, und sie hatte sich von ihnen niederschlagen lassen.
Sie war schwach und verletzlich, ausser zwei Male, zwei in ihrem ganzen Leben. Das eine Mal, als sie hinaus zog, ohne zu zögern, sich dessen ungewiss was kommen würde.
Aber was danach gekommen war, war vielleicht schmerzvoller als das, was sie erwartet hätte, wenn sie bei ihrer Familie geblieben wäre. Astrael, den sie so sehr liebte, hatte ihr eine Herausforderung gestellt, die sie bewältigen musste. Er schien sich nicht daran zu kümmern, dass sie zu schwach für diese war, daran zu zerbrechen drohte. Vielleicht hatte er sie vergessen.
Jetzt war sie sich sicher, sie bedeutete ihm nichts, war nur sein Spielball, wenn sie es zuliess. Doch wie hätte sie es nicht zulassen können, in ihrem Glauben, in ihrer Liebe zu ihm... Sie hatte geglaubt, lange Zeit geglaubt, sie würde irren, hatte gewartet, so lange... dass er ihr den Weg zeigte, bestätigen würde, dass sie mit ihrem Glauben das richtige tat. Sie hatte an ihm festgehalten, und sie würde ihn auch jetzt nicht, trotz des Hasses in ihr, nicht von ihm loslassen.
Herausgefordert hatte sie ihn, sie hatte ihre Zweifel besiegen wollen.
Auf seine Richtung hatte sie gewartet, insgeheim. Doch was sich ereignet hatte, machte sie wütend, es war nicht das, was sie erwartet hatte.
Hätte er sie in Ruhe gelassen, hätte sie vermutlich ihren Frieden mit ihm geschlossen. Hätte er sie an jenem Tage sterben lassen, sie wäre ihm dankbar gewesen. Doch nun, wo sie wieder am Ende war, am Boden zerstört und verängstigt, wurde ihr immer klarer, dass er nur gespielt hatte. Und dass er weiter spielen würde. Sie konnte sich nicht von ihm abwenden, hegte sie doch Hass und Liebe gleichermaßen für ihren Gott.
So war der Stein am Marmor des Tempels abgeprallt.
Ihr Blick starr nach vorne gerichtet, bis sie den Mann auf der Treppe bemerkt hatte... Sie hatte noch eine Rechnung offen gehabt.
Nun war sie beglichen.
Erlöst lag sie neben ihrem Peiniger und Retter, wahrlich frei.
Die Rune der Demut zierte ihre Stirn, in Hassliebe war sie zugrunde gegangen.
DEMUT IN EWIGKEIT
... auf der Stirn der verzweifelten Ketzerin...
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