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 Betreff des Beitrags: Bettelweib
BeitragVerfasst: 31.03.05, 19:12 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 31.03.05, 18:52
Beiträge: 6
Prolog.

Kaltes Klimpern von Metall auf Stein füllt die laue Vitamaluft. Der leise Klang verstärkt sich, schwillt an, wird zu einem ohrenbetäubenden, schrillen Kreischen, dass ihre Ohren zu zerfetzen droht. Dann herrscht wieder Stille. Mit einem verwirrten Blinzeln vertreibt sie die nebligen Schleier, die sich vor ihre Augen gelegt haben, und die bedrohliche Finsternis weicht zurück in die Winkel des unterbewussten Grauens. Später. Sie weiß, die Finsternis würde sie wieder umfangen - spätestens, wenn sie sich in der Unterkunft des Ordo Vitamae zur Nachtruhe betten würde.

Der Anblick von golden schimmernden Münzen vor ihren Füßen drängt sich in ihr Bewußtsein. Fahrig reibt sie sich mit der knochigen Hand übers Gesicht, über die tief geränderten Augen. Versucht, die bleierne Müdigkeit abzuschütteln, die sie so unendlich quält. Nur mit Mühe gelingt es ihr, die Augen anzuheben. Der edle Spender hat ihr bereits den Rücken zugekehrt und seinen Weg über den Marktplatz fortgesetzt.

Dennoch, die Rolle muss gewahrt bleiben. "Danke.. edler... Herr...". Ein heiseres Flüstern, obwohl der junge Bursche schon im Gedränge verschwunden ist. Die dürren Finger legen sich auf ihre schmerzende Kehle. Selbst für laute Worte ist sie mittlerweile zu schwach. Jede Nacht zehrt an ihren Kräften. Einen Weg... ja, sie muss einen Weg finden.
Ein Mittel. Irgendetwas, sonst würde bald auch der letzte Rest des Schauspiels hinfällig sein. Dann wäre sie ganz die, die sie zu sein vorgab.

Doch noch hat sie die Kraft, die Ironie in ihrer paradoxen Parodie ihres eigenen, zukünftigen Selbst zu sehen. Immerhin, die Parodie war ein lohnendes Spiel. Ein billiges Possenspiel, wie die aufgesagten Verse von Schulmädchen. Gedankenlose Güte, beantwortet mit geheuchelter, dankbarer Demut. Die achtlos hingeworfenen Münzen kümmern das Publikum so wenig wie das Schicksal der Akteurin, solang nur die Rolle gewahrt bleibt, das Schauspiel andauert. Wenige, die hinter die Kulissen schauen. Fröstelnd zieht sie die dürren Schultern hoch.

Was erwarteten sie auch hinter den Kulissen? Dort war nichts. Nur der schwarze Abgrund, den sie selber nicht verstand.


Zuletzt geändert von Locarno: 31.03.05, 19:14, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 3.05.05, 12:09 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 31.03.05, 18:52
Beiträge: 6
Die Finger zitterten, als sie die Flasche entkorkte. Nicht pur. "Nur einen Schluck, in einem Glas Saft." Saft? Sie hatte keinen Saft. Ob es in der Taverne...? Nein, sicher nicht.

Das schwache Licht des Vitamalin fiel durch das trübe Fenster, ließ ihren Schatten an der Wand tanzen. Das Glas funkelte verheißungsvoll, als sie die Flasche ins Licht hob.

Verlockung. Sie strich über das bauchige, kühle Glas. Schlaf. Ruhe. Vergessen. Auch der Saft war vergessen. Sie setzte die Flasche an, ein Tropfen benetzte ihre Lippen. Gierig leckte sie ihn ab. Sie dürstete. Schloß die Augen. Die Lippen öffneten sich über den Flaschenhals. Süßlich rann die Flüssigkeit die Kehle hinab. Nur einen Schluck.

Plötzlich drang Schwärze auf sie ein. Sie schlug die Augen auf, und die scharfe Silhouette des Fenstergitters begann zu verschwimmen. Nebel sank von der Decke herab, verschluckte Bett, Stuhl, Hocker - eben noch in schwaches Vitamalinlicht getaucht, nun von wabernder, grauer Masser verhüllt. Sie drehte sich - oder war es der Raum? Gleichgültig. Das Zittern der Hände ließ nach, die Anspannung löste sich. Noch einen Schluck, einen kleinen.

Die Dunkelheit verlor ihre Bedrohung. Sie spürte, wie eine sanfte, warme Hand sich auf ihre Schultern legte. "Schlafe, Kind. Vergesse." Flüsternde Stimmen spukten durch ihren Kopf. Es war gut. Keine gehetzten Gedanken mehr. Keine gähnende Leere, keine unheilvolle Finsternis mehr.
Taumelnd sank sie auf der harten Bettstatt nieder. Tröstende, weiche Dunkelheit umfing sie. Die leere Flasche kullerte unter den Tisch.

Nur einen Schluck.


Zuletzt geändert von Locarno: 3.05.05, 12:10, insgesamt 1-mal geändert.

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