|
Es prasselte Regen vom Himmel, als ob das große Wasser, dass die Insel umgab, nun vom Himmel fiele. Er klatschte auf die Blätter des Waldes, die sich, von der schweren Bürde überwältigt, nach unten beugten. Der unaufhaltsame Strom des Wassers hatte schon nach einer Minute den Trampelpfad in eine matschige Angelegenheit verwandelt, die nun eher einem kleinen, dreckigen Bach ähnelte, als einem Weg.
Jeder einzelne Schritt wurde mit einem lauten ‚Platsch’ betont, auch wenn Balkazar dies gar nicht vernahm, denn die Lautstärke des trommelnden Regens um ihn herum war so hoch, dass er nicht mal einen Riesen hätte trampeln hören. Laut fluchend bahnte er sich den Weg durch die herabhängenden Zweige, die ihn jedes mal mit einem neuen Schwall Wasser eindeckten, doch bemerkte er dies kaum noch, denn er war schon längst von dem dauernden Regen bis auf die Haut durchnässt. „Goblinwetter“ fluchte er lauthals, doch ging dies in einem gewaltigen, grollenden Donner unter. Balkazar zuckte bei dem lauten Geräusch zusammen, knurrte vor sich her und schlug mit dem gepanzerten Arm einige Zweige beiseite.
Ein Blitz zuckte, sodass er für kurze Zeit die Umgebung sehen konnte, vorausgesetzt, es hätte dort etwas zu sehen gegeben, außer fallenden Regentropfen und Bäumen, die sich im Wind beugten.
Bei Bellum, warum hatte er nicht sein Pony mitgenommen ... oder noch besser, warum musste er überhaupt durch den widerlichen Wald marschieren ? Für das Unwetter konnte er ja nichts, es war so plötzlich hereingebrochen, dass er keine Zeit mehr gefunden hatte, sich einen Unterschlupf zu suchen. Und nun war es zu spät, er war bereits nass bis auf seine Zwergenknochen und wollte nur noch nach Hause, in sein Bett.
Sein Bart war vollkommen durchtränkt und ein stetiges Rinnsal tropfe von seiner Spitze auf sein, ehemalig weißes, Hemd. Jetzt klebten einige Blätter darauf, Schmutz und Matsch hatten viele Flecken hinterlassen, als er vorhin auf dem elenden Weg ausgerutscht war. Seine Glieder fühlten sich, trotz der verhältnismäßig warmen Temperatur, ausgekühlt an. Seine Augenlieder waren so schwer, als hätte man dort jeweils zwei Bronzebarren angehängt. Doch er stapfte unermüdlich weiter, während der Weg, der sich zu einem kleinen Matschbach verwandelt hatte, durch seine ledernen Stiefel drang, sodass sie sich mit Wasser vollsogen und es ihm noch weiter erschwerten, die Beine voreinander zusetzen.
Er hatte es längst aufgegeben, das Wasser aus seinem Gesicht zu wischen, denn es kam in wenigen Sekunden ja sofort nach. Während er weiterstapfte, mit aller Gewalt sich dazu zwingend, nicht an das eklige Gefühl zu denken, dass ihn umgab, während all das Wasser an ihm klebte, ging er den Gedanken nach, die ihn aufheiterten. Er dachte daran, wie er die Haustüre aufschloss, seine Kleider abwarf, sich kurz abtrocknete und den Ofen anschürte. Danach würde er sich in sein Bett neben dem Ofen legen und erschöpft in einen tiefen Schlaf sinken, wobei es sich wundervoll anfühlen würde, trocken und im Warmen zu sein.
Wieder blitzte es, diesmal wurde es viermal hintereinander hell. Balkazar wischte beim ersten Mal einige Zweige samt ihren Blättern beiseite, während er beim zweiten Mal das Wasser aus den Augen rieb. Der dritte Blitz in Folge zuckte genau dann über den Himmel, als er aufschaute und glaubte, einen Schemen vor sich gesehen zu haben. Er hielt inne, wobei es gleichzeitig ein viertes Mal blitzte. Diesmal sah er es ganz deutlich, ein steinernes Gebäude in mittlerer Größe, umgeben von einem, etwas schiefem, Eisenzaun, der scharfe Klingen oben aufsitzen hatte. Er erkannte sofort, was das war, was vor ihm lag.
Es war der Friedhof, derselbe, an dem sein toter Freund Gimilkhad Engrin vor langer Zeit beobachtet hatte, wie die unheiligen Zauberer eine Armee heraufbeschworen, die sie später gegen Finsterwangen ziehen lassen sollten. Es war derselbe Friedhof, in dessen Nähe er sich mit einigen Brüdern, vor langer Zeit, einer Gruppe wandelnder Knochen hatte stellen müssen. Sofort gingen ihm die Berichte der Krieger durch den Kopf, die erzählten, dass dort oftmals unheilige Wesen umherwandelten.
Balkazar schluckte hart, es hätte ihm gerade noch den Bart verlängert, wenn er jetzt, bei diesem Goblinwetter, in diesem, nach Orkmist stinkenden Wald, mitten in der Nacht und bei Sturm und Donner auch noch auf eine Gruppe verruchter Kreaturen treffen würde. Balkazar griff an den Stiel, direkt unter dem Eisenkopf seines schweren Kriegshammers und zog ihn aus der Gürtelschlaufe heraus. Er packte ihn fest mit beiden Fäusten und behielt den Friedhof mit einem leisen Grollen aus seiner Kehle und mit festem, finstrem Blick im Auge. Er versuchte, so gut es ging, im Gebüsch zu bleiben. Doch die Sträucher und Äste war an manchen Stellen sehr dicht, sodass er sie umgehen musste. Er schritt langsam weiter in den Wald hinein, um das Eingangstor zu umgehen, doch wusste er, dass er, wenn er nicht vom Friedhof in die richtige Richtung marschierte, sich im Wald hoffnungslos verlaufen würde. So stapfte er wieder näher an das Gitter heran, den Regen hatte er längst vergessen. Mit wild pochendem Herzen betrachtete er das Gittertor, dass offen stand. Überall lagen zersplitterte Knochen, zersprungene Schädel und alte Rüststücke oder gar Waffen herum.
Jemand war bereits hier gewesen und hatte den Friedhof von den dunklen Wesen befreit. Balkazar atmete erleichtert auf, doch war er immer noch bedacht, seinen Bart zu schützen. Er wusste nicht, ob auch alle Wesen zerschunden waren, oder ob noch eines lauerte, um seine gebannten Kumpane zu rächen. Sein Blick schweifte nochmals über die Knochen und fixierte dann ein Skelette, dass wohl einen kräftigen Schlag auf die Brust bekommen hatte. Es sah aus, als wäre es niemals aus dem Grabe gekrochen, sondern als wäre der Mensch einfach an dieser Stelle langsam verrottet, bis nur noch das Skelett übrig war. Das einzige Seltsame waren die zerschlagenen Rippen ....
„Auch nur ein Wesen des unheiligen Einen, ein Wesen, dass mutwillig Dwarschim töten würde ... geschieht dir recht, nun zerschlagen am Boden zu liegen, wenn du dem dämlichen, feigen Namenlosen dienen willst“ murmelte er vor sich her. Kopfschüttelnd wandte er sich dann ab, kurz darüber grübelnd, wie man seine Seele freiwillig dem Schwarzen opfern konnte und stapfte dann weiter, direkt in die nasse, vom Bäumen umrundete Nacht hinein, ohne auch nur zu ahnen, welch Überreste der Qual und Pein, der seelischen Dornenkrone er gesehen hatte ... gänzlich unwissend, was sich wahrlich in dem Skelett einst verborgen hatte.
|