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Mürrisch kaute Sebian auf dem Stück Brot herum. Es hatte Ärger gegeben – und was für welchen. Elayra war darauf in einen Kochstreik getreten und da er es schaffte sogar Wasser anbrennen zu lassen, bestand sein ganzes Mittagsmahl aus einer trocknen Scheibe Brot. Cabol schien unterdessen erstaunlich gute Laune zu haben, doch wollte er den Grund dafür nicht Preis geben.
In diesem Moment betrat Pelos die Stube. Als er den Geweihten erblickte hielt er inne und neigte höflich sein Haupt.
„Der Mutter zum Gruße, euer Gnaden!“
„Dem Allwissenden zum Gruße, mein Sohn. Wir haben dich schon vermisst.“
Die Wangen des jungen Mannes färbten sich leicht rot und er sah ertappt zu Sebian.
„Ich war... ähm...“
„Schon gut, Pelos. Deine persönlichen Angelegenheiten gehen mich nichts an. Ich würde nur begrüßen, wenn du dich das nächste Mal abmeldest, damit wir uns keine Sorgen um dich zu machen brauchen.“
Der dürre Mann nickte eifrig.
„Und nun geh ihn die Küche. Ich denke Elayra wird noch etwas zu Essen für dich haben, wenn sie schon keines für mich hat.“
Damit war Pelos auch schon verschwunden. Sebian sah ihm kurz nach, dann drückte er sich aus seinem Stuhl hoch. Es war höchste Zeit dem Verwalter gegenüberzutreten und ihn zur Rede zu stellen. Bevor er das Haus verlies, nahm er seinen Hut und setzte ihn sich auf.
Er kam jedoch nicht weit. Schon kurz nachdem er das Dorf verlassen hatte, begann es zu regnen. Große, schwere Regentropfen durchnässten alles, was nicht irgendwo Unterschlupf finden konnte. So hatte der Geweihte auch schnell eine Weide auserkoren ihm Schutz zu bieten. Nun stand er unter den weit ausladenden Zweigen des alten Baumes und spähte hinaus in das Unwetter, dass noch an Stärke zuzunehmen schien. Es war in diesem Augenblick, als er des Umrisses einer Person gewahr wurde, die aus Richtung des Schlosses kam. Sie hatte einen schweren grauen Umhang um sich gezogen und eilte leicht vorgebeugt voran. Sebian fragte sich, wer das wohl sein mochte. Sein Instinkt bewegte ihn dazu sich noch etwas mehr in den Schatten der Weide zu drücken und tatsächlich: Gleich darauf sah sich die Gestalt hektisch um. Offenbar hatte sie den Schutzsuchenden nicht gesehen, denn schon eilte sie weiter. Der Geweihte hatte sie aber erkannt.
„Was die Bedienstete des Grafen wohl bei diesem Wetter vor die Türe treibt?“, fragte er sich. Scheinbar hatte in dieser Gegend jeder irgendein Geheimnis. Doch das sollte ihn jetzt nicht weiter aufhalten, schließlich war er kurz davor einen Mordfall aufzuklären. Wie als wären auch die Götter dieser Meinung, wurde der Regen kurz darauf immer schwächer und erstarb schließlich ganz. Die Luft roch nun rein und gewaschen, was das Herz des Geweihten beflügelte und ihn fröhlich pfeifend weitergehen lies.
Erst als er das Herrenhaus erreicht hatte, wurde er wieder etwas ernster. Er musste zweimal an die Türe pochen, bis schließlich geöffnet wurde. Der Bote Gejalf hieß ihn willkommen und bat ihn einzutreten.
„Ich komme um mit Veremal zu sprechen. Ist er zugegen?“
„Ja, euer Gnaden. Folgt mir doch bitte.“
Nickend tat der Geweihte wie ihm geheißen.
„Auf dem Weg hier her kam mir Me... wie hieß sie noch gleich?“
„Medelia?“
„Ja, genau, Medelia. Nun sie kam mir auf dem Weg hier her entgegen. Wisst ihr, was sie bei diesem Wetter vor die Türe scheuchte?“
Gejalf zuckte leicht mit den Schultern.
„Nein, tut mir leid, euer Gnaden. Seit dem Tod des Grafen ist hier einiges Durcheinander. Jeder kommt und geht wann er will. Die letzte Nacht war sie sogar gar nicht hier.“
Sebian nickte leicht, dann hatten sie das Zimmer des Verwalters erreicht.
„Hier ist es, euer Gnaden. Benötigt ihr noch etwas?“
„Nein, danke Gejalf. Ich denke ich komme allein zurecht.“
Der Bote nickte und wandte sich ab. Kurz sah ihm der Geweihte nach, dann klopfte er.
„Herein!“, ertönte es dumpf aus dem Zimmer.
Sebian öffnete die Türe und trat ein. Der Raum war eher spartanisch eingerichtet und verfügte nur über ein Fenster. Die linke Wand wurde von einem Regal dominiert, in dem sich Dutzende von Pergamente stapelten, die rechte von einer großen Karte, die das Lehen zeigte. Hinten, am Fenster, stand ein einfaches Bett und davor ein großer Schreibtisch mit einem vielarmigen Kandelaber.
„Oh, euer Gnaden, Astrael zum Gruße. Wie komme ich zu der Ehre?“
„Dem Allwissenden zum Gruße, Verwalter. Darf ich mich setzen?“
„Natürlich, natürlich.“
Veremal erhob sich hastig und schritt um den Schreibtisch herum um einen Stuhl für den Geweihten zurecht zu schieben, dann setzte er sich selbst wieder.
„Wie geht es euch, mein Sohn?“
„Es ist viel Arbeit, nachdem mein Herr, möge er in Morsans Hallen ruhen, von uns gegangen ist. Ich habe einige Briefe zu schreiben, um die entfernten Verwandten des Grafen über sein Ableben in Kenntnis zu setzen.“
Sebian betrachtete kurz die Tischfläche vor sich, die erstaunlich aufgeräumt wirkte.
„Ihr seid ein ordentlicher Mensch, wie mir scheint.“
„Euer Gnaden?“
„Na euer Tisch.“
„Mein Tisch?“
„Er ist aufgeräumt, trotz all’ der vielen Arbeit, die ihr habt.“
„Ach das, nun ja...“, der Geweihte sah dem Mann an, wie er nach Worte suchte, dieser entschloss sich aber wohl zur Flucht nach vorn.
„Ihr seid doch sicher nicht hier her gekommen um mein Zimmer zu begutachten, oder, euer Gnaden?“
„Nein, natürlich nicht, verzeiht. Eigentlich komme ich zu euch, um euch die Beichte abzunehmen.“
Täuschte er sich, oder wurde Veremal tatsächlich etwas blasser?
„Die Beichte? Ich fürchte ich verstehe nicht recht...“
„Ihr habt gesündigt, mein Sohn.“
„G...gesündigt?“
„Ja, aber lasst mich euch zunächst eine Geschichte erzählen.“
Der Verwalter saß nur da und sah ihn aus großen Augen an. Er war tatsächlich blasser geworden.
„Es war einmal ein Mann. Er liebte den Glanz des Goldes und so war er immer auf der Suche nach noch mehr dieses kostbaren Materials. Eines Tages stieß er auf eine Gruppe gleichgesinnter und er entdeckte eine Möglichkeit an sehr viel Geld zu kommen – wenngleich auch mit hohem Risiko: Glücksspiel. Doch Vitama war ihm nicht hold und er verlor ein ums andere Mal. Schließlich hatte sich ein riesiger Schuldenberg angehäuft. Nun, der Mann war nicht dumm und zufällig arbeitete er als Verwalter bei einem reichen älteren Herren. Da dache er sich: Warum sollte ich nicht sein Geld nehmen und damit meine Schulden bezahlen? Allerdings hatte er nicht mit seinem Herren gerechnet, der hinter das Geheimnis kam. Der verzweifelte Verwalter entschloss sich zu einem gewagten Schritt: Wenn er seinen Herren umbringen würde, dann würde dieser nicht nur das Geheimnis mit ins Grab nehmen, sondern der Verwalter könnte auch all’ seine Schulden unbemerkt begleichen. Gesagt, getan. Eines Abends sah er wie sein Herr die Bibliothek betrat. Da zog der Verwalter seinen Dolch – den er seit dem er seinen Plan gefasst hatte immer mit sich trug – und schlich hinter ihm her, um ihn zu erstechen. Das Unternehmen gelang. Doch wie sollte er das ganze vertuschen? Also öffnete er die Fenster und tat so als wäre jemand eingebrochen.“
Während Sebian die Geschichte erzählte beobachtete er seinen Gegenüber sehr genau, der immer blasser wurde.
„Nun, was sagt ihr zu der Geschichte, mein Sohn?“
„Ich...“, der Verwalter schluckte schwer. Plötzlich sprang er auf und hastete an dem überraschten Geweihten vorbei zur Türe hinaus.
„Halt Veremal, bleibt stehen!“
Sebian erhob sich so schnell er konnte und wollte dem Fliehenden nachrennen, als er ein dumpfes Poltern und darauf einen gedämpften Schrei hörte. Als der Geweihte vor die Tür trat erkannte er auch den Grund. Offenbar war der Verwalter geradewegs in Gejalf gerannt. Da dessen Masse aber ungleich größer war, wurde er einfach zurück auf den Boden geschleudert. Der Bote wollte dem Liegenden gerade aufhelfen.
„Gejalf, haltet ihn fest!“
Verständnislos sah der muskulöse Mann zu ihm. Veremal rappelte sich hastig auf und versuchte weiterzulaufen, aber da wurde er auch schon am Arm gepackt und festgehalten. Winselnd und ängstlich sah der Verwalter zu Sebian.
„Euer Gnaden, bitte...! Ja... ich habe von dem Geld des Grafen hier und da etwas abgezweigt. Ich brauchte es um meine Schulden zu bezahlen, wo ich das Spielen doch so sehr liebe. Aber glaubt mir, euer Gnaden, ich habe den Grafen nicht umgebracht!“
„Das ist Sache des Richters dies rauszufinden.“
Damit nickte der Geweihte Gejalf zu, der Veremal mit sich zog.
Es dauerte fast wieder einen ganzen Zyklus, bis endlich die Wachmannschaft aus der Garnison eingetroffen war. Sie würden den vermeintlichen Mörder mit sich nehmen, um ihn in der nächsten größeren Stadt einem Richter zu übergeben. Der Leutnant bedankte sich bei Sebian.
„Habt vielen Dank, euer Gnaden, ich schätze ich stehe jetzt in eurer Schuld.“
„Keine Ursache, Leutnant.“
„Kann ich euch sonst noch irgendwie helfen?“
„Nein, sorgt nur dafür das Veremal eine ordentliche Verhandlung bekommt, so wie es sich Astrael wünschen würde.“
„Schön, dass dieser Mord aufgeklärt wurde. Möge Bellum mit euch sein.“
„Und mit euch, Leutnant.“
Der Offizier nickte nochmals und kehrte dann zu seinen Soldaten zurück, die den Verwalter zwischen sich genommen hatten. Nachdenklich sah Sebian ihm nach. Er war sich inzwischen nicht mehr so sicher, ob er den Richtigen überführt hatte.
_________________ Benion - vita et amor - Pater Brown Verschnitt, Häretiker und Lord der Vitamith - Geburtshelfer: 8 mal - Ehejahre-Rekordhalter Querdenker aus Leidenschaft.
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