|
Ich kann mich noch genau an diesen Tag erinnern, fand er doch in jener Zeit statt, in der ich erwachte, in der ich zu blühen anfing, in der all die Qual und Mühsal ein Ende zu haben schien. Ich zählte damals gerade vierzehn Morsan und lebte erst seit kurzem in der königlichen Residenz- und Hauptstadt Galadons.
Mein Meister weckte mich früh, nach einer kurzen Mahlzeit brachen wir dann auf - die Bibliothek zu Draconis war unser Ziel.
Draconis war damals noch neu für mich - zwar war ich in Venturia aufgewachsen, ein Stadtkind also, doch Draconis war ungleich grösser, gewaltiger, verwirrender und prächtiger als die See- und Hauptstadt Ossians. Allzu weit war jener Hort des festgehaltenen Wissens nicht entfernt, doch gönnte sich mein Meister zu gerne den Luxus einer bezahlen Kutschfahrt. Lang dauerte es nicht, dann waren wir auch schon vor dem gewaltigen Bau - eine schier endlose, breite Treppe, flankiert von Statuen, die den grossen Philosophen und Literaten gewidmet waren, zog sich hinauf zu dem Bau aus Sandstein, getragen von marmornen Säulen und wahrhaftig gekrönt von einer Kuppel aus Sandstein und gebrannten Ziegeln.
Staunend sah ich hinauf, ging Schritt um Schritt meinem Meister nach, der mit einem Lächeln die ihm vertrauten Stufen hinaufschreitete. Das bronzene Portal, belegt mit astraelgefälligen Abbildungen, die die Künste und Wissenschaften portraitierten, war weit geöffnet. Ein kurzes Nicken zu dem Angestellten, der hier am Eingang sass und jeden der Ein- und Ausgehenden mit seinen Blicken unauffällig und unaufdringlich musterte, darauf achtend, dass keiner ein Buch hinausnahm oder mit einer Waffe diesen Ort betrat.
Die Eingangshalle zog sich in einem weiten Bogen um das Innere der Bibliothek, Schilder, auf denen stand, wo man was finden könne, waren aufgehangen, dazu Bilder an den Wänden, Büsten auf Sockeln, die die einzelnen Könige des Reiches Galadons darstellten. Ehrfürchtig nahm ich jedes einzelne Detail in mir auf - das feine, detailreiche Mosaik am Boden, das verschiedene Szenarien aus der Geschichte Falandriens darstellte, die bemalten Decken, auf denen man die Laryseij und Horwah der Viere erkennen konnte, dazu Allegorien, die die Jahreszeiten und sogar die Monde darstellten.
Es war die Stimme meines Meisters, befehlend und doch noch sanft im Klang, die mich aus dem Staunen riss.
"Du wirst noch oft genug hierher kommen und dir die Bilder in Ruhe ansehen können, Maeve," sprach er eher leise zu mir, während wir durch die Halle gingen, die Schritte widerhallend, bis zu einer Tür aus schwerem Eichenholz, in die feinsten Intarsien, die unterschiedliche Pflanzenarten darstellten, eingelegt war. Er öffnete sie, hielt sie mir auf, während ich den nächsten Raum, dieses Mal mit einem weichem, dunkelblauen Teppich auslegt, betrat.
Meine Augen weiteten sich wohl unwillkürlich und ich atmete tief und ehrfürchtig die trockene Luft dieses Raumes ein - er erstreckte sich viele Schritt weit in die Höhe, endete erst weit oben unter der Kuppel, die das Gebäude krönte und hohe, bunte Glasscheiben liessen den warmen, güldenen Schein Felas hineinströmen. Ringsum standen gewaltige Regale, kein einzelner Finger war an den Wänden mehr frei. Schmale Wendeltreppen führten hinauf zu den einzelnen Regalstockwerken, an den Regalen selber lehnten an vielen Stellen Leitern, die an Eisenschienen befestigt waren, so dass man sie verschieben und an jedes Buch herankommen konnte.
Eine geradezu sakrale Atmosphäre, herrührend wohl durch die bunten Scheiben, die gewaltige Kuppel, aber auch durch die Stille, die lediglich von leisem Hüsteln, den weichen Schritten auf dem Teppich und dem geradezu flüsterndem, stetem Rauschen von Blättern unterbrochen wurde.
Der Ort meiner Träume!
Hätte ich als Kind gewusst, dass es so einen Ort geben würde, ich hätte wohl alles dafür gegeben, um diesen nur einmal sehen zu dürfen.
Mir schien, dass jegliches Wissen hier in diesen Büchern, Folianten, Kartenwerken und Papierrollen gespeichert war. Jegliche Frage, so glaubte ich, könnte hier beantwortet werden. Wer alle Bücher dieses Raumes gelesen hat, so dachte ich in meiner damaligen, jugendlichen Naivität, würde alles wissen!
Nur mühselig riss ich mich von dem Anblick los, nun nach meinem Mentor Ausschau haltend. Jener sprach mit einem Elfen, welcher gewandet war in einfacher, bürgerlicher Kleidung, über den Hemdsärmeln Schoner gezogen, die wohl verhindern sollten, dass Tinte sein Hemd besudeln würde. Der Elf sah nur kurz zu mir, nickte dann, während mein Meister noch leise zu ihm sprach, dann löste er sich wieder von ihm, kam auf mich zu und raunte mir leise zu: "Ich sprach mit dem Leiter dieser Bibliothek - du hast ab sofort, wie auch ich bisher, freien Zugriff auf jegliches Werk, was diese Bibliothek beherbergt."
Ein hintergründiges, flüchtiges Lächeln trat auf seine Lippen, ohne dass ich damals ahnen konnte, was es bedeuten mochte.
Mein Glück konnte ich jedenfalls kaum mehr fassen.
Zuletzt geändert von MaeveLywell: 20.09.05, 20:39, insgesamt 1-mal geändert.
|