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Die Kriegern konnte schmerzhaft ihren eigenen Herzschlag spüren, immer wieder pochend in den Wunden, wo die Elfenpfeile Schwachstellen in dem Plattenpanzer gefunden hatten. Es war nicht das erste Mal, dass sie Elfen gegenübergestanden hatte. Der Zweikampf mit der Kriegerin aus den Auen hatte sie gelehrt, wie schnell sie zuschlagen konnten. Ohne den schweren Panzer hätte sie sich geschlagen geben müssen, schon allzu bald. So hatte sie gewonnen. Derselbe Panzer, der sie damals gerettet hatte – in dem Duell um ihr eigenes Leben – war ihr nun zum Verhängnis geworden. Die Pfeile hatten Schwachstellen des Panzers durchschlagen und allein konnte sie die schweren Plattenteile nicht abnehmen, um die Wunden zu versorgen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die beiden anderen zurück waren. Sie ließen einander niemals im Stich.
Die Kriegerin zählte ihre Herzschläge mit. Sie durfte nicht bewusstlos werden. Der Schweiß trocknete auf ihrer Stirn. Der Schmerz war zu einem dumpfen Pochen herabgesunken, solange sie sich nicht bewegte. Sie würde laufen können, zumindest ein Stück weit. Bald würde der Reiter die junge Anwärterin gefunden haben. Sie war noch vor dem kurzen Kampf im Wald verschwunden. Die Kriegerin selbst musste nur durchhalten. Das anhaltende Wispern der Blätter im Wind mischte sich mit dem Rauschen des Blutes in ihren Ohren. War das das Sonnenlicht, das im Laub auf dem Waldboden tanzende Muster malte? Sie blinzelte mehrmals um klarere Sicht zu bekommen – vergeblich. Der Wald schien sich zu drehen, um sie herum anzuwachsen. Zornig über ihre eigene Schwäche ballte sie die Fäuste und das Metall ihrer Rüstung klirrte leise. Die Worte des Gebetes, das sie in den vergangenen Mondläufen so oft gesprochen hatte, kamen wie selbstverständlich über ihre Lippen. Es half. Der Wald hörte auf, sich um sie her zu drehen. Sie spürte den mittlerweile fast vertrauten Halt in den Worten, in ihrem Herzen.
Viel zu spät hörte sie den Elfen nahe kommen. Viel zu spät nahm sie die mattgraue Klinge wahr, von hinten gegen ihren Hals gelegt. Viel zu spät begriff sie, dass der Elf, der mit ihr zusammen zu Boden gegangen war, sich allzu schnell erholt hatte als hätte der Wald selbst ihn geheilt. Sie konnte nicht mehr reagieren. Es blieb nichts, als stillzuhalten. Tot konnte sie ihrem Herrn nicht dienen, ihre Aufgaben nicht erfüllen, ihren Brüdern und Schwestern nicht beistehen. Sie hielt still. Seltsamerweise blieb sie ruhig. Als hätte das Gebet ihren Geist gestärkt, spürte sie keine Furcht. Ihr Herr wusste, was geschah. Sie war nicht allein. Er war die Wahrheit, die sie nach der bitteren Lüge und dem grausamen Verrat gesucht hatte. Es gab keinen Grund für Zweifel und keinen für Furcht.
Schmerz schoss erneut durch ihren Körper, als der Elf sie niederdrückte. Sie spürte, wie einer der Pfeile, die sie nicht hatte herausziehen können brach, als sich ihr Panzer verschob. Die Spitze grub sich schmerzhaft in ihr Fleisch. Sie schrie nicht. Der Schmerz schien ihr seltsam fern, während das Gebet in ihrem Kopf nachhallte. Aus einem Impuls herauf blickte sie auf. Vor ihren Augen tanzten rote Schlieren wie gezogen durch das Blut unter ihrem Panzer. Der Elf hockte auf ihrer Brust – war es ein Elf? Er wirkte wie ein Tier, Haut verschwamm mit Fell, gelbe Augen wie die eines Wolfes stachen aus dem Gesicht aus Fell hervor. Ein Knurren drang aus der Kehle des Elfen, des Tieres. Das Geräusch ließ Talisha sich anspannen. Sie kannte das Knurren von Wölfen, erinnerte sich nur allzu gut daran. Wölfe waren es gewesen, die sie fortgelockt hatten, ihre Pflicht zu erfüllen. Ihre Pflicht den Schwächeren gegenüber, ihre Pflicht den Göttern gegenüber, ihre Pflicht... – die Klinge lag auf der bloßen Haut ihrer Kehle, kurz oberhalb des Metallkragens. Es war alles Lüge gewesen, alles Verrat. Nur eine Wahrheit war geblieben, eine Gewissheit ohne jede Täuschung, jeden Zweifel. Eingebrannt in ihre Erinnerung und in ihr Herz. Sie fürchtete sich nicht, immer noch nicht. Ihre eigenen Gedanken kamen ihr bizarr vor, als wären es nicht ihre, als läge eine andere verwundet auf dem Waldboden, die scharfe Klinge an der Kehle. Ihr Herr sah und wusste.
Sie hatte nicht bemerkt, dass der Reiter zurückgekehrt war. Die Worte, die die Kreatur auf ihrer Brust mit ihm wechselte, hörte sie kaum, verstand gar nichts. Worte des Gebetes klangen immer noch in ihren Ohren. Sie merkte, wie sie selbst die Worte nachsprach, hörte aber nicht, was sie sagte. Sprach sie wirklich? Ihre Kehle war trocken, die Klinge hatte ihren Druck verstärkt, warmes, salziges Blut rann daran hinab, über das glänzende Metall. Das lederne Band um ihren Hals schnürte ihr die Luft ab, als sie sich zu regen versuchte. Es musste sich zwischen Panzer und Kragen gehakt haben. Das Amulett hing daran, Zeichen der Wahrheit, die sie gefunden hatte und Hohn den Lügen, an die sie viel zu lange geglaubt hatte. Sie hob die Hand, um es zu lösen, das Metall zu spüren, das nach dem Brand und der Glut nie ganz abgekühlt war. Sie hatte es immer auf der Haut getragen und sie ahnte, dass es ihr die Kraft geben konnte, die sie brauchte. Noch immer hockte die Kreatur auf ihrer Brust wie ein Parasit. Nur noch ein wenig weiter und sie würde den Parasiten von sich schütteln können. Ihre Fingerspitzen berührten fast schon das Metall.
Der Schmerz schoss ihren Arm hinauf, als er niedergedrückt wurde. „Herr, hilf deiner untertänigen Dienerin...“. Der Satzfetzen hallte in ihrem Kopf nach, Teil des Gebetes.
„Schenk mir die Kraft, um dir zu dienen...“. Sie spürte die Nähe des schwarzen Reiters auf seinem Pferd, die Nähe des Bruders im Glauben, das unerschütterliche Wissen um die Wahrheit. Es fühlte sich an, als brenne das Amulett auf ihrer Haut. „Mein Leben in deinen Händen, meine Seele in deinen Hallen, mein Streben allein nach deinem Willen...“.
Plötzlich durchzuckte sie ein scharfer Schmerz. Blut floss warm und klebrig über ihre Haut. War das ihr Blut? Verzweifelt versuchte sie, zu atmen, noch einmal Luft zu holen.
Der Wald, der Schmerz unter dem Panzer, das Gewicht des Elfen, der Reiter, alles schien auf einmal unendlich weit weg. Das Gebet war unterbrochen, grausam beendet. Alles verschwamm, verzerrte sich, wie sich einst die Zeichen auf dem Amulett verzerrt hatten, zerschmolzen im Feuer. Die Lungen der Kriegerin brannten und trotzdem war ihr kalt, entsetzlich kalt. Ihre Aufgabe war noch nicht beendet, das Ziel nicht erreicht, sollte sie dennoch schon gehen? Es war, als hieße das Feuer sie erneut willkommen, als lüde es sie ein, heim zu den ihren. Immer noch verspürte sie keine Angst. Eine einzige, salzige Träne rann die Wange der Kriegerin hinab. Mehr Tränen hatte sie nicht mehr übrig, nicht einmal für ihren Tod.
„Und selbst im Tode bin ich dein.“
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