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'Das eine erniedrigt sich, um dadurch zu gewinnen. Das andere ist niedrig, und dadurch gewinnt es.'
Joran von Utwald war zu seiner Zeit ein gefürchteter Stratege auf den glatten Parketts der Hofschranzen. Denn er verstand es wie kein zweiter, zwischen den klebrigen Fäden aus Macht und Intrige zu wandeln, ohne dabei seinen Codex zu korrumpieren. Er war einzigartig. So wie Mael Duin von Tannenstein.
Es war eine der besten Zeiten für den Bund und es war eine der schlechtesten Zeiten für den Bund. Es war eine Zeit, in der die Groteske nur einen Wimpernschlag entfernt vom Epos lag. Wohl verborgen vor den Augen von König und Baron begann auf dieser winzigen Insel fern vom Festland ein gärendes Geschwür aus Hinterlist und Intrige zu wuchern. Wort und Ehre waren zu dürren Feigenblättern verkommen, mit denen die willigen Jünger der Dekadenz hämisch grinsend ihr den Vieren spottendes Tun zu verhüllen suchten. Wie Puppenspieler waren sie, die Bürger und Freie wie willenlose Marionetten zu führen suchten, um Macht und Einfluss zu mehren. Und schliesslich geriet auch der Bund in die giftschwangeren Klauen jener Puppenspieler, die nur allzu gern zum eigenen Wohle die klebrigen Fäden aus Macht und Intrige spinnen.
Ich habe mich viele Dunkeltiefs später noch oft gefragt, warum der Bund in jener Zeit nicht zerbrochen ist. Aber vielleicht ist es gerade der grausame Sturm, der uns lehrt, beisammen zu stehen, um Stärke in der Gemeinschaft zu finden. Denn während Ritter, Banner, Richter immer eifersüchtiger ihre giftträufelnden Stacheln gen Bund stocherten, wuchsen wir zu einer Gemeinschaft zusammen, deren Bande stärker waren als Blut oder Schwur. Denn die Bande, die uns einten, waren gewoben aus Ehre und Vertrauen, aus Wahrheit und Glaube. Geeint im Dienst an Krone und Kirche. Eifersüchtig gehasst von den falschen Trägern der Insignien der Macht. Verlacht, verspottet, durch Intrigen bedrängt. Doch wo wir im Netz der Puppenspieler einmal fielen, da standen wir zweimal wieder auf. Und wir standen jedes mal erstarkt wieder auf, denn wir waren niemals alleine.
Vielleicht war dies der Grund, warum zu jener Zeit immer mehr Suchende den Weg zu uns nach Falkensee fanden. Die Gründe, warum sie ihr altes Leben hinter sich gelassen hatten, mochten so mannigfaltig gewesen sein wie die Sterne am dunklen Mantel der Nacht. Doch der Grund, warum sie zu uns kamen, war stets der selbe: die Suche nach Glaube, Ehre, Gemeinschaft. Die Suche nach den alten Werten. Die Suche nach dem Codex.
Natürlich hassten uns die Puppenspieler dafür. Und als sie erkannten, dass wir unsere Werte im Dienst an Krone und Kirche niemals korrumpieren würden, da warfen sie ihre Netze der Intrige gegen uns aus.
Es begann mit dem Wall. Voller Stolz hatten wir einst aus den Händen der Ritterschaft höchstselbst die Aufgabe empfangen, die Torburg am Grenzwall zu besetzen, um den freien Städten Siebenwinds fürderhin Schutz und Schild zu sein. Viele tapfere Gefährten des Bundes fielen zu jener Zeit unter den Klauen des Ödlandes, um den Westen zu schützen. Dank gewährte man uns nie, aber dafür waren wir auch nicht angetreten. Erst als die Kunde unseres Tuns am Wall sich mehrte und immer mehr tapfere Streiter an unsere Seite traten, erst da richtete sich das eifersüchtige Auge der Puppenspieler wieder auf uns. Und von da an vergingen kaum zwei Siebentage, ehe einer dieser Ritter - Hagen Robaar hiess er sich - vor unseren Augen unsere Taten höhnte, indem er den Wall mit einem Handstreich aus unseren Händen nahm, um sie in die Hände eines Feldmeisters des Banners zu legen. Robaar's Tat war nicht mehr als ein eifersüchtiger Zug auf dem Königsbrett der Puppenspieler. Aber für uns war es die bittere Lehre, dass Wort und Tat nichts mehr gelten, wenn eine ganze Welt in den Maschen aus List und Intrige versinkt. So folgten wir gehorsam doch verbittert der Order Robaar's und räumten die Torburg für das Banner. Ich sah hernach kaum einen vom Bannner je dort die Wacht halten, aber dies kümmerte keinen. Robaar's Winkelzug hatte uns an den Rand des Königsbretts manövriert. Allein dies war den Puppenspielern genug. Wie falsch sie doch lagen.
Nachdem man uns des Dienstes am Wall enthoben hatte, besannen wir uns wieder stärker auf Gemeinschaft und Glaube. In jener Zeit begannen wir, engere Bande zur heiligen Viergöttlichen Kirche zu weben, denn auch jene schien im Possenspiel des Lebens von den intriganten Puppenspielern an den Rand des Königsbretts gedrängt worden zu sein. Und so wurde aus der scheinbaren Niederlage gegen Robaar schliesslich ein Sieg. Den Wall hatte man uns wohl genommen, doch in der Gemeinschaft des Bundes und in der Nähe zur heiligen viergöttlichen Kirche fanden wir Stärke und Zuversicht. Wir erstarkten wieder. Und wieder fiel der eifersüchtige Blick der Puppenspieler auf uns.
Wieder war es Sire Steiner höchstselbst gewesen, der die Gefährten des Bundes einst in den Dienst der Ritterschaft gestellt hatte. Verpflichtet nur der Krone, dem Glauben und der Ritterschaft. Ehre und Pflicht zugleich war uns dies Wort Steiner's stets gewesen. Und eben so erfüllten wir es auch. Bis die Puppenspieler der Meinung waren, wir würden schon wieder zu sehr erstarken. Denn nachdem man den Wall und den Schutz des Westens von uns genommen hatte und wir in der Nähe der heiligen Viergöttlichen Kirche wieder erstarkt waren, begannen Suchende abermals den Weg zu uns zu finden. Abermals war der Bund nach dem Schlag Robaar's wieder am erstarken. Und abermals erweckte dies den Unmut der Puppenspieler. Und so war das Wort Steiner's in einem Augenblick vergessen. Gebrochen war des Ritter's Wort, dass wir nur Krone und Rittern verpflichtet wären. Statt dessen unterstellte man uns dem Banner, wo eifersüchtige Strategen unser Erstarken mit verstohlener Missgunst schon längst beobachtet hatten. Natürlich tat man uns dies nicht kund. Denn Offenheit ist nicht des Puppenspieler's Art. Wir erfuhren es statt dessen auf jenen Wegen, die den Jongleuren der Intrige zu eigen sind: wir erfuhren es durch Zufall und aus dritter Hand. Und als wir darob zu einem jener Ritter sprachen - Fedral Lavid hiess er sich - da gestand dieser uns deutlich ungehalten ein, dass es wahr sei: Steiner hatte sein Wort gebrochen. Wir waren degradiert worden zu Laffen des Banners. Im Dienst an Krone und Kirche verdiente Kämpen wie Mael Duin zu Tannenstein waren plötzlich dazu verurteilt, den Befehlen eines jeden Frischlings von Bannerrekrut folgen zu müssen. Die Puppenspieler hatten zum zweiten Schlag ausgeholt. Und dieser zweite Zug auf dem Königsbrett der Intrige hatte uns härter getroffen als der erste.
Seltsam, dass es offenbar im Wesen der Menschen liegt, umso mehr zu erstarken, je härter sie geschlagen werden. Ist dies der Viere kostbarstes Geschenk an uns, um während der Zeit, die man uns auf Taren's Antlitz wandeln lässt, bestehen zu können? Selbst heute noch, nach all den Dunkeltiefs, danke ich den Vieren für diesen Nackenschlag der Ritterschaft und des Banners. Denn was uns demütigen und zerbrechen lassen sollte, liess uns erstarken. Und es liess Hoffnung erwachen.
Aber dies ist eine andere Geschichte ...
Zuletzt geändert von Alia di Chiara: 20.08.05, 13:13, insgesamt 1-mal geändert.
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